Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht © Leopold Museu, Wien/Foto: Lisa Rastl

ANTON KOLIG Kraftvolle Formen und leuchtende Farben

Kindergruppe beim Dominospiel, 1912, Muzeum Novojičínska Foto: Radek Pólach © Bildrecht, Wien 2017

Feinfühliger Berserker einer neuen Kunst

Jünglinge führen den Besucher des Leopold Museums in die Ausstellung „Anton Kolig“. Die Gemälde stammen aus nahezu allen Schaffensphasen des Künstlers. Aber auch in Aktzeichnungen ist er den Formen der jungen männlichen Körper nachgegangen, hat sie erforscht, deren Bewegungen studiert, ihr burschikoses Gehabe, aber auch deren Zärtlichkeit erfasst, die sein liebevoller Blick in deren Posen erkannt hat. Die Blätter, zu sehen im zweiten Untergeschoss des Hauses, sind mehr als Skizzen für die Gemälde, die den männlichen Körper in ungewöhnlich kraftvollen Farben unmittelbar auf den Betrachter zukommen lassen. „Sehnsucht“ nennt sich ein unvollendetes Werk aus 1921. Der kniende junge Mann streckt seine Arme nach vorne, seine Augen sind geschlossen und verleihen dem Gesicht Entrücktheit. Ein Mädchen, möglicherweise das Objekt seines Wollens, ist nur mit ein paar Strichen angedeutet und hockt in der rechten unteren Ecke des Bildes. Kolig befand sich damals in Kärnten. Er war nach dem Krieg, wo er in den letzten Jahren als Kriegsmaler in der Hauptsache Porträts von Generälen und Kameraden angefertigt hatte, wieder nach Nötsch, dem Heimatort seiner Frau Katharina, zurückgekehrt.

Anton Kolig, „Sehnsucht“ (unvollendet), 1921, Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2017

Es mag verwundern, dass ein Maler, der mit Egon Schiele Mitglied in der Neukunstgruppe gewirkt und für eine Ausstellung des Hagenbundes ein Plakat gestaltet hatte, sich in die Einsamkeit weit weg von Wien zurückzog. Einer der Gründe war gewiss die Bekanntschaft mit zwei Künstlern aus Nötsch: Sebastian Isepp und Franz Wiegele, der Bruder seiner Frau. Durch sie wurde dieser kleine Ort im Gailtal zu einem Kraftpunkt der Kunst, der heute noch unter dem Namen „Nötscher Kreis“ ein Begriff ist. Dass ihn ausgerechnet dort ein Bombardement am Ende des Zweiten Weltkrieges ereilen sollte, nimmt sich wie ein bitterer Treppenwitz der Kunstgeschichte aus. Er überlebte verschüttet den Angriff, die Kraft war ihm dadurch jedoch abhanden gekommen. Kolig (geb. 1886 in Neutitschen, heute Nový Jičín) arbeitete bis an sein Lebensende 1950 weiter, den Fokus auf religiöse Themen gerichtet, mit einer vollkommen neuen Formensprache, die kaum mehr die ursprüngliche Energie seines Striches erkennen lässt.

Anton Kolig, Männlicher Akt am Bauch liegend © Bildrecht, Wien 2017

1944, also ein Jahr vor dem Abwurf der ersten Atombombe, hatte Kolig visionär diese Katastrophe vorausgesehen. Auf dem Bild zeigt der Maler mit mahnendem Zeigefinger nach oben, wo ein schwarzer Adler Ganymed in den Himmel trägt. Das Schöne verlässt die Welt. Ein Jahr vorher war er als Professor in Stuttgart zwangspensioniert worden, weil ihm, den an sich unpolitischen Menschen, die Situation mehr und mehr unangenehm geworden war. Die Fresken, die er mit seinen Studenten 1929 in einem Saal des Landhauses in Klagenfurt geschaffen hatte, waren 1938 von den Nazis zerstört worden und 1937 das Gemälde „Flora“ aus der Ausstellung Deutsche Kunst in München auf persönliche Anweisung Adolf Hitlers entfernt worden. Wie ein Künstler, der ein Wandmosaik für das Salzburger Festspielhauses geschaffen und das Wiener Krematorium künstlerisch gestaltet hatte, diese vernichtenden Rückschläge ertragen konnte, ist nur zu erahnen.

Hilfestellung bei dieser Suche nach dem inneren Zustand des Malers könnte das Stillleben in memoriam Franz Wiegele aus 1946 bieten. Im Zentrum liegt ein Totenschädel mit aufgerissenem Mund, als wolle er die Verzweiflung über den Tod an sich, aber auch über das Ableben einer Reihe von Lieben bei dem verheerenden Bombenangriff laut anklagen.

Anton Kolig mit zwei Aktmodellen in seinem Atelier © Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Das Leopold Museum widmet Anton Kolig bis 8. Jänner 2018 eine Ausstellung mit rund 60 Gemälden und 50 Arbeiten auf Papier. Kurator ist Franz Smola, der sowohl auf eigene Bestände des Museums als auch auf die des Belvedere in Wien und dem Museum Moderner Kunst Kärnten in Klagenfurt zurückgreifen konnte. Die letzte derart unfangreiche Ausstellung wurde am 15. September 1948, also noch zu Lebzeiten von Anton Kolig, vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Körner persönlich eröffnet.

Es mussten fast sieben Jahrzehnte vergehen, bis man einen der bedeutendsten Künstler Österreichs wieder entsprechend würdigt. Stolz schreibt Direktor Hans Peter Wipplinger im Prolog des Kataloges: „Die Ausstellung im Leopold Museum kann für sich in Anspruch nehmen, nach langer Zeit wieder alle wichtigen Werke von Anton Kolig zu versammeln.

Gemeint sind damit etwa die beiden Fassungen des „Großen Knienden“ oder das großformatige Familienbild von 1928 und die beiden nicht vollendeten Gemälde „Die Malerfamilie“ und „Die Werkstatt des Malers“, die aus Privatbesitz beigesteuert wurden. Entstanden ist damit ein faszinierender Überblick über das Werk eines expressionistischen Malers, der wie kaum ein anderer die Kraft eines Berserkers mit ungemein zartem Gefühl, das seine Bilder ausstrahlen, verbinden konnte.

Anton Kolig, Stillleben, 1912, Wien Museum © Bildrecht, Wien 2017
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