Kultur und Weindas beschauliche MagazinAusstellungsansicht "PREMIERE!" © Leopold Museum, Wien / Foto: Leni Deinhardstein PREMIERE! Einblicke in die Sammlung der OeNB
Es ist ein Who´s Who heimischer Kunstschaffender der letzten 100 Jahre, mit dem die Österreichische Nationalbank nun an die Öffentlichkeit gegangen ist. Anlass war das 25-jährige Bestehen des Leopold Museums. 1994 hatte die OeNB mit einem beträchtlichen Finanzierungsanteil von rund einem Drittel den Ankauf der Sammlung von Rudolf Leopold und damit die Gründung der Leopold Museum-Privatstiftung ermöglicht. Die Ausstellung „Premiere!“ darf nun als Dankeschön an diesen generösen Akt angesehen werden. Seit den späten 1980er-Jahren wird in der OeNB gezielt österreichische Malerei und Skulptur von 1918 bis heute gesammelt. Die rund 2.300 Werke umfassen Positionen der Neuen Sachlichkeit, des Post-Expressionismus, aber auch die Reaktion auf den Horror des Zweiten Weltkriegs, die allein in der Abstraktion einen passenden Ausdruck gesehen hat, bis zur Gegenwart, die sich eine neue Freiheit im Umgang mit ungewöhnlichen Medien und Techniken geschaffen hat. Die Arbeiten wurden jedoch nicht in sicheren Lagern versteckt, sondern über die Ausstattung der Repräsentationsräume hinaus in das unmittelbare Arbeitsumfeld der in der OeNB Beschäftigten gebracht. Damit wurde deren Alltag ungemein bereichert, da über fachliche Besprechungen hinaus Diskussionen in Verbindung von Wirtschaft und Kultur angeregt werden.
Die Schau wurde von Hans-Peter Wipplinger (Direktor des Leopold Museums) und Chiara Galbusera (Kuratorin der Sammlung OeNB) chronologisch aufgebaut. Als Empfang und Einleitung in den Post-Expressionismus hängt das Bildnis des Alberto Cellari, ein von Robert Kloss gemaltes Porträt, das seinerzeit als „hypermodern“ bezeichnet wurde. Es hebt sich tatsächlich selbstbewusst nach vorne weisend von den nahezu zeitgleich entstandenen Stillleben eines Anton Faistauer oder der bieder romantischen „Gebirgslandschaft im Schnee“ von Felix Albrecht Harta ab, findet aber in den kantigen Formen eines Albin Egger Lienz oder den unverwechselbar leuchtenden Winterbildern des Tiroler Alfons Walde den entsprechend realistischen Gegenpol. In dunkelblauer Umgebung folgt die Neue Sachlichkeit, in der die aus Elend und Not bestehende Wirklichkeit dieser Jahre ihre präzise Darstellung erhalten hat. Vertreten sind Greta Freist, Franziska Zach, aber auch Albert Paris Gütersloh, Viktor Plank oder Karl Hauk. Das „Streichquartett“ von Max Oppenheimer ist die bis zum Fingersatz der Musiker nachvollziehbare Darstellung eines Konzerts und lässt dennoch bereits den Einfluss von kubistischer und futuristischer Formensprache erkennen. Düster und doch anziehend sind die Themen von Franz Sedlacek, der mit dem „Lied in der Dämmerung“ oder in der „Waldlandschaft mit Jäger“ das Bedrohliche hinter der sichtbaren Welt andeutet.
Ab 1945 war Realismus aus den genannten historischen Gründen passé. Maria Lassnig und Arnulf Rainer organisierten 1951 die Ausstellung „Junge unfigurative Malerei“ und hatten damit dem „Informel“ den Weg bereitet, freilich nicht ohne Widerstände. Vertreten sind neben deren Meisterwerken Arbeiten von Birgit Jürgenssen, Rudolf Polanszky oder Max Weiler. Nahezu aufdringliche Freundlichkeit vermittelt Wolfgang Hollegha mit „Blauer Mütze im Wind“, einem hellen Farbenrausch, der von „Große Büste“ eines Josef Mikl oder Markus Prachenskys „Berlin VIII-63“ konterkariert wird. Das nächste Kapitel ist „Generationen übergreifenden Dialogen“ gewidmet. Malereien von Martha Jungwirth, Herbert Brandl, Gunter Damisch oder Jürgen Messensee werden von Skulpturen der großen Bildhauer Österreichs ergänzt.
Gustave Courbet, Panorama der Alpen, um 1876, Foto: Musée d’art et d’histoire, Ville de Gen.ve/Bettina Jacot-Descombes GUSTAVE COURBET Unterworfen nur dem Regime der Freiheit
1873 hatte Gustave Courbet (1819-1877) erwogen, sein Schaffen auch in Wien umfassend zu präsentieren. Der Erfolg, der ihn in seiner Heimat Frankreich begleitete, sollte über die Grenzen hinaus getragen werden, zuerst offenbar in die Hauptstadt der Donaumonarchie und in deren bedeutende Kunstszene. Es kam lediglich zur Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Erst 2026 wurde sein Wunsch nach einer ihm würdigen Retrospektive postum erfüllt. Im Leopold Museum werden seine Arbeiten bis 21. Juni 2026 als beeindruckendes Lebenswerk eines der bedeutendsten französischen Künstler gezeigt. 90 Gemälde und 20 Grafiken aus allen Schaffensphasen und zahlreiche Archivalien machen den Besuch zu einer faszinierenden Promenade durch ein Œuvre, das vom Selbstporträt über Landschaften bis zu skandalträchtigen Akten reicht. Courbet war weitgehend Autodidakt, angetrieben von einer guten Portion Eitelkeit, verbunden mit Ehrgeiz, Kampfgeist und der Lust an Provokation, was ihm nicht zuletzt seitens der Justiz Schwierigkeiten eingebracht hat. „Dieser Mann gehörte nie einer Schule, keiner Kirche, keiner Institution, keiner Akademie und insbesondere keinem Regime an, ausgenommen dem Regime der Freiheit.“ Mit diesen Worten hat Gustave Courbet das Gedenken der Menschen an ihn selbst formuliert.
Der genaue Blick auf seine Gemälde offenbart den radikalen Bruch mit der romantischen Malerei seiner Zeit. Nikolaus Manuel Güdel, Kunsthistoriker und Spezialist für Gustave Courbet betreffend Echtheit und Provenienz, wurde von Direktor Hans Peter Wipplinger als Kurator der Ausstellung gewonnen. Er sieht im Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Palettenmesser oder Textilien als Pinsel in Courbet einen Wegbereiter der modernen Malerei, die nicht illusionistisch täuschen, sondern die Materialität erfahrbar machen will. In diesem Sinn ist auch die Entscheidung für ein durchaus gewagtes Sujet der Ausstellung zu verstehen. Der Torso eines Frauenkörpers, wie er auf „Der Ursprung der Welt“ direkt und fordernd den Blick auf die Vulva zieht, entbehrt jeder Idealisierung. Gegenüber hängt „Le Sommeil“, „Die Schläferinnen“, zwei Frauen, die sich sichtlich von einem leidenschaftlichen Liebesakt erholen. Nur ein ausgesprochen von sich überzeugter Mann konnte sich so kraftvoll über herrschende Moralvorstellungen hinwegsetzen. 1854 brachte er diese Einstellung auf den Punkt. In „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ steht der Künstler mit erhobenem Haupt zwei Männern gegenüber, die ihn ehrfurchtsvoll begrüßen. Einer davon ist sein Freund und Mäzen Alfred Bruyas, der sich vor dem mit Pilgerstab und Hut selbstbewusst auftretenden Meister verneigt.
Courbet war auch begeisterter Jäger, der jedoch in den dabei erlegten Tieren mehr als die Beute sah. So flüchtet ein von Hunden getriebener Hirsch in ein dunkles Gewässer und zeigt dabei einen nahezu menschlichen Ausdruck der Verzweiflung. Über den ruhigen Blick auf Landschaften mit Burgen, Grotten und Quellen führt er uns unter anderem in die Gegend seines Geburtsortes Ornans in der Region Franche-Comté, aber auch an das Meer, das ihn mit seiner Weite und stürmischen Unbändigkeit gelockt hat. Seine eigene Person nutzte der Maler über das übliche Selbstporträt hinaus zur Verwandlung in eine Pfeife oder in eine am Angelhaken hängende Forelle, aber auch für das Studium von seelischen Ausnahmezuständen.
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