Kultur und Weindas beschauliche MagazinGustave Courbet, Panorama der Alpen, um 1876, Foto: Musée d’art et d’histoire, Ville de Gen.ve/Bettina Jacot-Descombes GUSTAVE COURBET Unterworfen nur dem Regime der Freiheit
1873 hatte Gustave Courbet (1819-1877) erwogen, sein Schaffen auch in Wien umfassend zu präsentieren. Der Erfolg, der ihn in seiner Heimat Frankreich begleitete, sollte über die Grenzen hinaus getragen werden, zuerst offenbar in die Hauptstadt der Donaumonarchie und in deren bedeutende Kunstszene. Es kam lediglich zur Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Erst 2026 wurde sein Wunsch nach einer ihm würdigen Retrospektive postum erfüllt. Im Leopold Museum werden seine Arbeiten bis 21. Juni 2026 als beeindruckendes Lebenswerk eines der bedeutendsten französischen Künstler gezeigt. 90 Gemälde und 20 Grafiken aus allen Schaffensphasen und zahlreiche Archivalien machen den Besuch zu einer faszinierenden Promenade durch ein Œuvre, das vom Selbstporträt über Landschaften bis zu skandalträchtigen Akten reicht. Courbet war weitgehend Autodidakt, angetrieben von einer guten Portion Eitelkeit, verbunden mit Ehrgeiz, Kampfgeist und der Lust an Provokation, was ihm nicht zuletzt seitens der Justiz Schwierigkeiten eingebracht hat. „Dieser Mann gehörte nie einer Schule, keiner Kirche, keiner Institution, keiner Akademie und insbesondere keinem Regime an, ausgenommen dem Regime der Freiheit.“ Mit diesen Worten hat Gustave Courbet das Gedenken der Menschen an ihn selbst formuliert.
Der genaue Blick auf seine Gemälde offenbart den radikalen Bruch mit der romantischen Malerei seiner Zeit. Nikolaus Manuel Güdel, Kunsthistoriker und Spezialist für Gustave Courbet betreffend Echtheit und Provenienz, wurde von Direktor Hans Peter Wipplinger als Kurator der Ausstellung gewonnen. Er sieht im Einsatz von unkonventionellen Werkzeugen wie Palettenmesser oder Textilien als Pinsel in Courbet einen Wegbereiter der modernen Malerei, die nicht illusionistisch täuschen, sondern die Materialität erfahrbar machen will. In diesem Sinn ist auch die Entscheidung für ein durchaus gewagtes Sujet der Ausstellung zu verstehen. Der Torso eines Frauenkörpers, wie er auf „Der Ursprung der Welt“ direkt und fordernd den Blick auf die Vulva zieht, entbehrt jeder Idealisierung. Gegenüber hängt „Le Sommeil“, „Die Schläferinnen“, zwei Frauen, die sich sichtlich von einem leidenschaftlichen Liebesakt erholen. Nur ein ausgesprochen von sich überzeugter Mann konnte sich so kraftvoll über herrschende Moralvorstellungen hinwegsetzen. 1854 brachte er diese Einstellung auf den Punkt. In „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ steht der Künstler mit erhobenem Haupt zwei Männern gegenüber, die ihn ehrfurchtsvoll begrüßen. Einer davon ist sein Freund und Mäzen Alfred Bruyas, der sich vor dem mit Pilgerstab und Hut selbstbewusst auftretenden Meister verneigt.
Courbet war auch begeisterter Jäger, der jedoch in den dabei erlegten Tieren mehr als die Beute sah. So flüchtet ein von Hunden getriebener Hirsch in ein dunkles Gewässer und zeigt dabei einen nahezu menschlichen Ausdruck der Verzweiflung. Über den ruhigen Blick auf Landschaften mit Burgen, Grotten und Quellen führt er uns unter anderem in die Gegend seines Geburtsortes Ornans in der Region Franche-Comté, aber auch an das Meer, das ihn mit seiner Weite und stürmischen Unbändigkeit gelockt hat. Seine eigene Person nutzte der Maler über das übliche Selbstporträt hinaus zur Verwandlung in eine Pfeife oder in eine am Angelhaken hängende Forelle, aber auch für das Studium von seelischen Ausnahmezuständen.
Statistik |









