Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


NACHT.STÜCKE. Szenenfoto © Bettina Frenzel

NACHT.STÜCKE. Die seltsamen Leiden des E.T.A. Hoffmann.

NACHT.STÜCKE. Szenenfoto © Bettina Frenzel

Düstere Erzählungen von der Freiheit eines im Beamten gefangenen Künstlers

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann ist in unseren Landen dank Jacques Offenbach ein Begriff für das von seiner Alkoholsucht gemarterte Genie und dessen Geschichten aus der Welt abseits jeder Realität. Weniger bekannt ist, dass er Jurist war und als solcher viele Jahre als Beamter im preußischen Staatsdienst gestanden ist. Auch die von ihm komponierte Musik wird selten mehr gespielt und der Witz seiner bissigen Karikaturen von der Geschichte zum gezeichneten Kommentar degradiert. Die Spannung zwischen den vielen künstlerischen Begabungen und dem Zwang, mit einem Brotberuf den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, wurde von ihm offenbar mit Alkohol gelöst. Der tadellose Beamte vom Tag tauchte in der Nacht in düstere Phantasien ab, wurde vom Jekyll zum Hyde, der sich mit dem Schreiben und Komponieren von ungeliebten Fesseln befreite. Eigenartigerweise waren es die Napoleonischen Wirren, die ihn vom Staatsdienst enthoben und zum Theater brachten, allerdings mit wechselndem Erfolg. Als sich nach dem Sieg Preußens die Möglichkeit einer Anstellung am Kammergericht in Berlin bot, sagte er zu.

NACHT.STÜCKE. Szenenfoto © Bettina Frenzel

Als liberaler Kopf, der sich mit Willkür der Obrigkeit nicht abfinden konnte, geriet er in Schwierigkeiten, zumal er seine Gegner mit Parodien vor seiner beachtlichen Leserschaft der Lächerlichkeit preisgab. Indes befreite ihn nach längerer Krankheit der Tod vor disziplinarischen Maßnahmen, nachdem er bereits von höchster Stelle als „pflichtvergessener, höchst unzuverlässiger und selbst gefährlicher Staatsbeamter“ bezeichnet worden war.

NACHT.STÜCKE. Szenenfoto © Bettina Frenzel

Bruno Max hat das Leben von E.T.A. Hoffmann für den Bunker zu einem „extravaganten Stationentheater“ komprimiert. Vom entfesselten Püppchen als seiner Muse (die quirlige Führerin durch das Mödlinger Labyrinth ist Carina Thesak) wird Hoffmann (Marcus Ganser bei der Premiere) vom abgelegenen Städtchen Plock bis zu seinem Ableben begleitet. Daneben entspinnen sich weitere Handlungsstränge, die aus Erzählungen entnommen sind. Zusammengeführt werden sie am Schluss.

Mit ein paar einfachen Korrekturen setzt Hoffmanns Frau Mischa (Teresa Renner) ihren und den Namen ihres Mannes an die Stelle der Romanfiguren. Unter anderem hat auch das Alter Ego Hoffmanns in der Gestalt des Kapellmeisters Kreisler mit Bernie Feit einen großen Auftritt, wenn dieser sich pointiert über die Kunst des Danebensingens in Vierteltönen auslassen darf. Die zweite Person, in der sich Hoffmann immer wieder gesucht und gefunden hat, ist Nathanael (am 14. August war es Sebastian Blechinger).

Vom Sandmann, bei dem Prinzipal Bruno Max persönlich als grausamer Coppelius dem Kleinen die Augen ausstechen will, bis zur Zerstörung der Puppe Olympia (Linda Holly gespenstisch mechanisch) versucht dieser sympathische Träumer vergebens in der Unwirklichkeit Fuß zu fassen.

 

Das Ensemble für „NACHT.STÜCKE. Die seltsamen Leiden des E.T.A. Hoffmann.“ besteht aus 65 Mitwirkenden, die für jede Zuschauergruppe voll und ganz wieder in ihre jeweilige Rolle schlüpfen, tapfer den kühlen Temperaturen des unterirdischen Gewölbes trotzen und sich auch von den Geräuschen naher Schauplätze nicht aus dem Konzept bringen lassen. Marcus Ganser war für die alles andere als unkomplizierte Raumgestaltung in den Betonstollen zuständig, für die stimmigen Kostüme Alexandra Fitzinger sowie Gerda Fischer und Zoe Marvie für die eindrucksvollen Masken, denen der Zuschauer bei diesem Stück aufgrund der räumlichen Enge oft näher kommt als ihm lieb wäre.

NACHT.STÜCKE. Szenenfoto © Bettina Frenzel
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