Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Iphigenie in Aulis / Occident Exrpess Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Iphigenie in Aulis / Occident Express und dazwischen Krieg

Sebastian Pass, Anja Herden © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ob in mythischer Vorzeit oder heute, die Tragödie bleibt im Grunde die gleiche

Gelangweilt plantschen die Krieger im seichten Wasser vor der Insel Aulis. Kein Lüftchen regt sich. Dabei wäre Wind so wichtig, um endlich aufbrechen zu können, um es den Trojanern zu zeigen, was sich die Griechen unter einer richtigen Rache vorstellen. Hat doch dieser Paris die schönste Frau des Landes verführt und geraubt. Diese Schmach kann nicht ungesühnt bleiben. Der gehörnte Ehemann Menelaos, König von Sparta, hat seinen Bruder Agamemnon zum Heerführer ernannt und eine gewaltige Streitmacht auf die Beine gestellt. Allein, der greise Seher Kalchas hat als Preis für günstigen Wind die Forderung der Götter genannt, nichts geringeres als das Opfer von Iphigenie, der Tochter von Agamemnon. Euripides hat einst daraus „Iphigenie auf Aulis“ verfasst, eine Tragödie, die unter anderem erklären will, was Menschen zu geben bereit sind, um ungestört Krieg führen zu können. In der Bearbeitung von Soeren Voima werden aus den Helden jedoch recht durchschnittliche Menschen. Agamemnon (Rainer Galke) ist trotz breiter Brust und hohen Kothurnen eine schwächliche Heulsuse.

Iphigenie auf Aulis / Occident Express Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der nach Vergeltung dürstende Menelaos (Lukas Holzhausen) entpuppt sich als Zyniker, Odysseus (Sebastian Pass) ist ein, wie man in Wien sagt, odrahter Einidrahrer und aus dem göttlichen Achilleus (Jan Thümer) wird ein unzuverlässiger Schmähbruder. Die wirklich mutigen sind die beiden Frauen Klytemnestra (Anja Herden) und deren Tochter Iphigenie (Katharina Klar), die bereitwillig für die Ehre Griechenlands in den Tod geht.

Katharina Klar, Jan Thümer © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der zweite nicht unwesentliche Teil dieses Abends ist die Pause. Anna Badora, die Chefin des Volkstheaters, hat persönlich Regie geführt und meint dazu, dass in dieser Zeit, während ein Glas Sekt getrunken wird, der Krieg stattfindet, um den dritten Teil, den „Occident Express“ von Stefano Massini logisch darauf folgen zu lassen. Eine alte Frau (Henriette Thimig), sie spielt im ersten Akt den Alten, wird hier zu einer Reise gezwungen, die sie aus dem Irak über den Balkan bis nach Schweden führt.

Wäre es nicht die nette betagte Dame, die berührend hilflos immer wieder sagt, dass ihr Name Haifa ist, dass graue Haare hat und zur Sesshaftigkeit geboren ist, käme diese Botschaft wohl um einiges bedrohlicher über die Rampe. Die sogenannten Flüchtlingsströme sind noch gut in Erinnerung. Angesichts der Torturen, die sie alle auf sich genommen haben, um ins Gelobte Land wie Deutschland oder Österreich zu gelangen, die Entschlossenheit, sich Schleppern auszuliefern, um als Flüchtling die Party in Europa nicht zu versäumen, könnte einem unheimlich davor werden, was diese Leute sonst noch alles imstande sein könnten. Der Krieg, dem sie davon gelaufen sind, ist mit ihnen gekommen.

In den von ihnen angestrebten Paradiesen entstanden Kämpfe um den Bau von Stacheldrahtzäunen und Betonpollern, die errichtet wurden, um sich vor bisher ungekannten Aggressionen zu schützen. Aber auch dieses Stück gibt keine Antwort auf die Frage, warum diese Menschen ein Vermögen ausgegeben haben, um auf die beschwerlichste und gefährlichste Art zu reisen, immer mit dem Bewusstsein, wieder zurück geschickt zu werden, irgendwo zu ersticken oder zu ersaufen. Gibt es wirklich keinen anderen Weg, um sich in Sicherheit zu bringen? Ist das Leben in Berlin oder Wien wirklich um so vieles besser? Offenbar ja. Aber was können wir dafür? Die einzige Lehre, die unsereins aus dieser beeindruckend inszenierten Kombination von Gestern und Heute für sich mitnehmen kann, ist die Überzeugung, dass Krieg weder ein Opfer wie Iphigenie – sie wird ja von Artemis gerettet – noch die Selbstbeschuldigung einer an sich friedlichen Gesellschaft, die Kriege trotz allgegenwärtigen Terrors großteils nur im TV verfolgt, wert ist.

Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich, Nadine Quittner © www.lupispuma.com

Katharina Klar, Claudia Sabitzer  © www.lupispuma.com / Volkstheater

NATHAN DER WEISE Einsamer Denker im Dialog mit seiner Puppe

Günter Franzmeier, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Traum von Toleranz und Aufklärung, verbrannt zu Schutt und Asche

Gotthold Ephraim Lessing hat der Menschheit mit der Ringparabel bereits vor mehr als 200 Jahren die Leviten gelesen. Geholfen hat´s nichts. Der einzige Unterschied: Aus dem Krieg der drei einschlägig bekannten Religionen gegeneinander ist ein Kampf von einer gegen alle anderen geworden. Vor 30 Jahren noch hätt´ man es nicht geglaubt, dass es irgendwann wieder einen so eminenten Unterschied macht, wie jemand seinen Gott nennt. Hauptsache, in seinem Namen wird fröhlich drauf los gebombt und terrorisiert; ohne Rücksicht darauf, ob die Opfer überhaupt etwas geglaubt haben oder ob es ihnen nicht doch schnurz egal war, wohin sich der Täter beim Morgengebet vor dem Anschlag verneigt hat. Lessings Ideendrama NATHAN DER WEISE hat, trotz der etwas verschobenen Vorzeichen, also nichts an Aktualität verloren. „Das gute alte Lied muss halt immer wieder mit frischen Stimmen gesungen, die zentralen Fundamente einer zivilisierten Gesellschaft in jeder Generation zu neuer Selbstverständlichkeit gebracht werden“ schreibt dazu der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow.

Christoph Rothenbuchner, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu finden ist der Text im Programmheft des Volkstheaters zu Lessings NATHAN DER WEISE und er wurde von Regisseur Nikolaus Habjan in beeindruckender Weise beherzigt. Abgesehen davon, dass man trotz der originalen Sprache dem klassischen Drama kaum sein Alter anmerkt, hat der Puppenspieler zu einem genialen Trick gegriffen. Anstelle der nicht gerade sparsam eingesetzten Monologe gibt er Nathan eine Puppe als Alter Ego und macht daraus ungemein lebendige Dialoge.

Günter Franzmeier, Steffi Krautz, Gábor Biedermann  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Grund mehr über das Ganze nachzudenken ist auch die Interpretation des doch seltsam anmutenden Inhalts als Traum, den Nathan angesichts der Trümmer seines verbrannten Hauses durchlebt. Dazu kommt das nachvollziehbare Menscheln der handelnden Personen. Es wird verständlich, warum wer jeweils so handelt, wie er es tut – eine Labsal für das Publikum, das bei derlei Klassikern anderweitig nicht selten gegen das Einschlafen kämpfen muss.

Günter Franzmeier ist Nathan, der seiner Figur auch die Schwächen nicht erspart, die trotz Weisheit und Reichtum einen ganz normalen Vater aus ihm machen. Dass Recha nicht seine leibliche Tochter ist, will diese selbst am wenigsten wahrhaben. Katharina Klar ist ein bezaubernd trotziger Teenager, der sogar dem Sultan Saladin (Gábor Biedermann) eine Szene im wahrsten Sinn des Wortes hinlegt, wenn sie auf dem Boden liegt und zornig strampelt. Ein ähnliches Kaliber ist der junge Tempelherr, gespielt von Christoph Rothenbuchner. Er verwandelt sich glaubhaft vom Ekel zum schüchternen Verliebten und wieder zurück, bis er kraftlos zu Boden sinkt, als er erfährt, dass Recha seine Schwester ist. Claudia Sabitzer als Daja wird im Verlauf des Stückes mehr und mehr zur schlitzohrigen Händlerin von Geheimnissen.

Stefan Suske als Klosterbruder steht ihr darin in nichts nach. Fehlt nur noch Sittah, Schwester des Sultans, der Steffi Krautz die trockene Kraft verleiht, ihrem doch etwas zu laxen Bruder regierungsmäßig auf die Sprünge zu helfen. Ein Meisterwerk von Nikolaus Habjan ist der Patriarch von Jerusalem. Es handelt sich um eine von drei Personen geführte Puppe, die im grellen Licht eines Scheinwerfers alle Grauslichkeit eines in seiner Religion gefangenen Menschen verkörpert.

Stefan Suske, Steffi Krautz, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner  © lupispuma/Volkstheater

Stefanie Reinsperger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

KASIMIR UND KAROLINE Ein seltsam extremes „Liebes“Paar

Rainer Galke, Birgit Stöger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es geht immer besser, besser, besser... Es reicht!

Laut seinen Regieanweisungen lässt Ödön von Horváth „Kasimir und Karoline“ in München „in unserer Zeit“ spielen. Gemeint war damit die Wirtschaftskrise von 1929. Freilich gibt es auch heute Armut und Arbeitslosigkeit, zum Glück aber nicht in einer derart bitteren Form, wie sie damals breite Bevölkerungsschichten erfasst hatte. Bequem zurücklehnen sollte man sich deshalb trotzdem nicht – was bei der Inszenierung von Philipp Preuss auch keineswegs möglich ist. Er schont weder Publikum noch Schauspieler. Die Bühne ist ein Karussell aus Glitzerbändern, das die Beteiligten einfängt und wieder ausspuckt. Was sich drinnen abspielt, kann mit Projektionen auf und über dem Ringelspiel mitverfolgt werden. Gesichter werden in der Großaufnahme ebenso verzerrt wie die Emotionen, die sich an diesem Oktoberfest mit Urgewalt entladen und wie ein kalter Guss aus einem Mass Bier über den Zuschauer geschüttet werden. Horváths Motto für dieses Stück lautet „Und die Liebe höret nimmer auf“, die Lust darauf wird einem aber gründlich ausgetrieben.

Rainer Galke, Stefanie Reinsperger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass sich Kasimir und Karoline überhaupt gefunden haben, mutet in dieser Besetzung eigenartig an. Rainer Galke ist ein sensibler Mann, der zwar wie ein Hund darunter leidet, dass er am Vortag abgebaut wurde. Aber man hört von ihm kaum einen lauten Ton. Meiste Zeit hat er auf der Rampe zu sitzen, wo er das grelle Geschehen einfach über sich ergehen lassen muss. Ganz anders sie in Person von Stefanie Reinsperger.

Sie hüpft und rennt unmotiviert über die Bühne, girrt wie eine überdrehte Fünfzehnjährige beim rücksichtslosen Amüsement und brüllt hysterisch, wenn sie um die Restfetzen ihrer Beziehung zu Kasimir kämpft. Sie passt sich damit offenbar genau der Regie an, die jede Figur, jede Äußerung und jedes Gefühl bis zur Derbheit überzeichnet, außer der Musik, die ganz untypisch für dieses Bierhochamt auf blecherne Stimmungsmache und Schunkeln verzichtet.

Kasimir und Karoline Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher gibt seinem Merkl Franz eine Brutalität, die zum Fürchten ist, zu dem von ihm verkörperten Kleinkriminellen aber ausgezeichnet passt. Man hält den Atem an, wenn er seiner Erna (Birgit Stöger) auf die Hand steigt, weil sie darunter eine Erdnuss versteckt. Sie hingegen spricht langsam und ermüdend monoton, als hätte sie sich vor dem Rummelgehen ein paar Joints zum Mutmachen hineingezogen. Der Schürzinger Eugen ist da schon ein anderes Kaliber. Sebastian Klein macht auf freundlichen Aufreißer, der einem jedoch im Herzen leid tut, wenn er, der Antialkoholiker, in Gesellschaft seines unsympathischen Chefs und dessen Freund Speer einen Kirsch nach dem anderen kippen muss.

Ein der ganz bösen Figuren ist auch der Direktor, Herrscher über dieses Kabinett an Abnormitäten, dem Thomas Frank alle Schmierigkeit der Welt verleiht.

 

Die angestrebten sexuellen Abenteuer der beiden alten Herren Kommerzienrat Rauch (Michael Abendroth) und Landesgerichtsdirektor Speer (Lukas Holzhausen) gehen bekanntlich in die Hosen. Die beiden Festschönheiten Elli (Seyneb Saleh) und Maria (Nadine Quittner) können nicht verhindern, dass Speer zu Boden geht, und Karoline kann ihren Galan Rauch gerade noch vor dem Hinscheiden retten, ohne dafür im Geringsten bedankt zu werden. Nichts wird´s mit der Fahrt nach Altötting im Cabriolet. Aber auch ihre Beziehung zu Kasimir ist die Isar hinabgeschwommen, zumindest aber hat sie, worum sie die anderen, nicht nur Kasimir, beneiden werden, einen Job und damit eine Aussicht, mit dem neu gewonnen Schürzinger eine Zukunft anzufangen: „Es geht immer besser, besser, besser, besser...“ so lang, bis es aus dem Publikum tönt: „Es reicht!“

Rainer Galke, Birgit Stöger, Kaspar Locher © www.lupispuma.com / Volkstheater
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