Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Judith Scott Ohne Titel © Creative Growth Art Center Foto © César Decharme

FLYING HIGH Außerseiterinnen unter den Außenseitern

Flying High Ausstellungsansicht

Erstmals weltumspannende Art Brut ausschließlich mit weiblichen Positionen

Jean Dubuffet hat 1945 den Begriff „Art Brut“ als ursprüngliche, nicht akademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams definiert. Dazu zählten neben Laien und Kindern auch Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderung. Bald hat sich der Ausdruck auf die Kunst von Geisteskranken beschränkt und wird auch heute generell ohne weitere Differenzierung so gesehen. Die Ausstellung im Kunstforum Wien mit dem Titel „Flying High“ (bis 23. Juni 2019) gibt sich mit dieser Unschärfe nicht zufrieden. Sie blickt weit zurück in die Geschichte dieser Kunst, die mit dem Psychiater Walter Morgenthaler (Stiftung Psychiatrie-Museum Bern) und Hans Prinzhorn (Universitätsklinikum Heidelberg) und deren Sammlungen Anfang des 20. Jahrhunderts von Kunst aus Psychiatrien begonnen hat. Mit Sammlungen ist auch die weitere Schau strukturiert. Im Hauptraum folgen Werke aus der Sammlung Jean Dubuffet (Collection de l´Art Brut, Lausanne). Daran schließt sich eine repräsentative Auswahl aus der Sammlung L´Aracine (LaM, Lille Métropole, musée d´art moderne, d´art contemporain et d´art brut Villeneuve d´Ascq), die quer durch mit einer Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen ergänzt werden.

Misleidys Castillo Pedroso Ohne Titel © Misleidys Castillo Pedroso

Alle die gezeigten Arbeiten verbindet die Tatsache, dass sie ausschließlich von Frauen geschaffen wurden. War es vor einem Jahrhundert für eine Künstlerin noch schwierig, sich in einem von Männern beherrschten Umfeld durchzusetzen, hat sich für die Protagonistinnen der Art Brut bis heute kaum etwas gebessert. Sie haben bei ihrem Bestreben um Anerkennung mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihr Schaffen wird, abgesehen von wenigen Sammlern, nach wie vor eher als therapeutische Hervorbringung bewertet und erweckt auf dem Kunstmarkt, um den es schließlich geht, längst nicht das gleiche Interesse wie Arbeiten ihrer männlichen Kollegen.

Vielleicht ist noch nicht ausreichend erhoben, was die Kunst in den jeweiligen Schöpfungen ausmacht. Technisch sind die Frauen den Männern gleichwertig, wenn nicht weit voraus. Sie haben wie Madame Favre den Mut, einen Bleistift virtuos zu führen oder penibel wie Julia Krause-Harder Saurierskelette aus verschiedensten Materialien zu bauen. Mit Farben wagen sie ebenso mutig umzugehen wie Männer, was die mittlerweile zum Szenestar gewordene Aloïse Corbaz in ihren leuchtenden Gemälden beweist. Eine Antwort könnte der Umgang mit Erotik sein. Die Künstlerinnen der in Wien gezeigten Art Brut haben kaum ein Problem mit unbewältigter Sexualität, anders als beispielsweise ein Johann Hauser, dessen Œuvre von wilder Geilheit geprägt ist. Viele von den Frauen scheinen dieses Thema sogar bewusst vermeiden zu wollen, ebenso den Kampf der Geschlechter. Ihre Kunst scheint hinter aller gewollten vordergründigen Irritation des Betrachters doch eine Suche nach Harmonie zu sein, die sich wie ein roter Faden durch alle Höhenflüge des Kunstschaffens dieser ramponierten Frauenseelen zieht.

Barbara Demlczuk Ohne Titel Galerie Gugging (Detail)
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