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Kairos Ausstellungsansicht © leisure_Roland Rudolph

KAIROS Nie gemalte Bilder, Fotos von Unsichtbarem

Wolfgang Beltracchi bei der Führeung zu seinen Werken im BA Kunstforum © ZOTT Artspace

Der richtige Moment mit Wolfgang Beltracchi und Mauro Fioresi

Der Maler Wolfgang Beltracchi darf auf eine bewegte Vergangenheit blicken und lächelnd behaupten, dass die von ihm gefälschten Alten Meister nie aufgeflogen sind. Er hat für die Fälscherei gebüßt, um seine Kreativität und sein Können eigenen Werken zuzuwenden, zumindest was die Inhalte seiner Bilder betrifft. Ganz kann er das Imitieren, das Kopieren der Handschriften bedeutender Künstler nicht lassen. Jedenfalls kann ihm nun aber keiner mehr einen Strick daraus drehen, wenn er sich durch fast 2000 Jahre Kunstgeschichte malt, von einem anonymen Fresko Anfang des 2. Jahrhunderts bis zu Max Beckmann und dazwischen vorbei an großen Namen wie Vermeer, Goya, van Gogh oder Caravaggio. Auf den ersten Blick erinnern die Malereien tatsächlich an das Vorbild, bald aber erkennt man, nicht vor dem Original zu stehen, weil vieles einfach nicht stimmt.

Gemälde von Wolfgang Beltracchi © leisure_Christian Jobst

Es beginnt beim Strich und endet bei der zeichnerischen Ausführung: was wohl beabsichtigt ist. Es soll jeder Verdacht einer versuchten Fälschung von vornherein ausgeräumt sein. Man braucht also kein Experte zu sein, um zu erkennen, dass der vom Goldhintergrund streng herausblickende „Dionysios Areopagites“ nicht aus dem 9. Jahrhundert stammt, sondern lediglich in der passenden Technik 2018 gefertigt wurde. Im selben Jahr, also 2018, entstand „Crux“, das mit gutem Willen Sandro Botticelli zugeschrieben werden könnte. Es handelt sich durchwegs um Situationen, die gemalt werden hätten können, weil sie zu ihrer Zeit die Welt bewegt haben. Das ist der Witz an dem Ganzen. So kam es auch zu einer Darstellung von Martin Luther mit der heiligen Anna, die deutlich die Handschrift von Lucas Cranach zeigt und dennoch in der Komposition und der Ausführung sowohl von Figuren und Landschaft eher unbeholfen anmutet und so nie die Werkstatt des Renaissancemalers verlassen hätte dürfen.

Fotografie von Mauro Fioresi © leisure_Christan Jobst

Neben diesen „nie gemalten Bildern“ begab sich der 2016 verstorbene Fotograf Mauro Fiorese auf die Suche nach nie Gesehenem, besser gesagt, nach den „Treasure Rooms“ von Museen, die dem Besucher üblicherweise verborgen bleiben. Wieder geht es um das Schaffen der Vorfahren, wie Fiorese die Maler bezeichnet hat, deren Werke in Menge in Depots gehortet werden und nur selten das Licht einer Ausstellung erblicken. Entstanden sind dabei Aufnahmen in bestechender fotografischer Qualität, die zwar nichts anderes als ordentliche Reihen von Regalen und Schubfächern zeigen.

Mit dem darin versteckten Inhalt regen sie aber zu spannenden Spekulationen an. Was mag nicht alles im Archiv des Museo di Castelvecchio in Verona lagern oder tief unter der Erde in der Artothek des Bundes im Belvedere 21 in Wien?! Hie und da lehnen dazwischen ein paar Bilder, die noch nicht im schützenden Dunkel verschwunden sind und geben eine kleine Ahnung von dem in den klinisch sauberen Kammern gehorteten Schätzen.

 

Beltracchis Gemälde und Fioreses Fotografien wurden von der Münchner Kunstplattform ZOTT Artspace im Projekt „Kairos“ zusammengefasst. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bezeichnet den „günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung“ und wurde seinerzeit als Gottheit verehrt. Der Kunstförderer Christian Zott will mit diesem richtigen Moment ein Erlebnis schaffen.

Bis 21. September 2019, also nur sehr kurze Zeit, gibt es im Bank Austria Kunstforum Wien die Gelegenheit, an einem Selbstporträt von Gustav Klimt samt Skizze und „Charon“ im Hintergrund oder einem Seestück von William Turner mit der Abfahrt der HMS Beagle von Devonport sein Urteil über Kunst, die man gesehen haben oder doch besser in Schatzkammern den Blicken entziehen sollte, in einem spannenden Rundgang durch eine beinahe romantisch gestaltete Ausstellung zu bilden.

Ausstellungsimpression © ZOTT Artspace
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