Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


MACHT Ausstellungsansicht

MACHT kann zum Missbrauch verleiten – ein Statement

MACHT Ausstellungsansicht

Installationen und Bilder von Bernd Reiter als Kunst-Stoff zum Nachdenken

Kirchenbänke türmen sich zu der Kuppel, unter der sie einst gestanden sind. An ihren aufgerichteten Sitzflächen reihen sich Bildschirme aneinander. Abwechselnd sind darauf Vertreter hoher Geistlichkeit und Texte zu sehen. Man kann dieser Flut prächtiger Messgewänder und den Vorwürfen entgehen, indem man auf den darunter aufgestellten Bänken Platz nimmt und von dort aus die großformatigen Fotos an den Wänden in sich aufnimmt. Bei genauem Hinsehen wird man auch darin das Holz der ehemaligen Bestuhlung eines mittlerweile profanierten Gotteshauses entdecken. Der deutsche Künstler Bernd Reiter (*1948 in Köln) konnte diese Kirche in Köln für sich erwerben und verwendete deren Sitzgelegenheiten als Material einer künstlerischen Anklage. Unter dem Titel „MACHT“ wird Missbrauch thematisiert, der sich wie ein roter Faden, besser wie ein dickes Seil in Kardinalspurpur von diesem Teil der Ausstellung im Kunstforum Wien (bis 13. September 2020) zu einer beeindruckenden Abrechung zieht, die mit weltlichen Gelüsten, die Welt mit Gewalt zu beherrschen, aufräumt.

Bernd Reiter, ein in Köln geborener Künstler

Um das brutale Gerangel der Supermächte USA und Russland, um die Vorherrschaft auf unserem Planeten, das unter dem Begriff Kalter Krieg firmiert und nach wie vor aktuell ist, sichtbar zu machen, ließ Reiter nicht weniger als eine ausrangierte MIG auf einen amerikanischen Straßenkreuzer krachen und ein zweites Exemplar dieser Oldtimer-Limousine triumphierend über den Rumpf des Flugzeuges ragen. Der Künstler bedauert, dass diese Installation aufgrund ihrer Ausmaße nicht nach Wien transferiert werden konnte, aber er hat sie in seinem Atelier fotografiert, Schrottteile und Scherben des dabei zersplitterten Glases mitgebracht, zur besseren Anschaulichkeit aufgeschüttet und die Monitore mit schwer verdaulichen Videos aus Krisengebieten wie dem im Krieg versunkenen Syrien, die üblicherweise im Inneren des Jets zu sehen sind, an der Wand eines der Ausstellungsräume aufgereiht.

 

Bernd Reiter ist sich der Wirkung seiner Arbeiten  bewusst: „Meine Kunst ist intensiv. Sie ist Sein. Ich kann meine Gedanken aufgrund meines Talents >verstofflichen<, in Materialien umsetzen. Und damit ein Ergebnis erzielen, das etwas ausdrückt, ein Gefühl transzendiert, eine Vision erlebbar macht.” Es mag nicht jedem schmecken, was ihm dort serviert wird.

Schonungslos wird die „Dunkelkammer Kirche“ ausgeleuchtet, was ihr die größte Krise seit den 1990er-Jahren beschert hat. Geistliche Würdenträger sind mittlerweile zurückgetreten, weil ihnen mutig gewordene Opfer gravierende sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben, als sie als Ministranten oder Internatszöglinge diesen Priestern ausgeliefert waren. Manche von ihnen werden namentlich genannt und im Bild gezeigt. „(Schein-)heilig“ ist die vom Künstler gewählte passende Bezeichnung, die von jedem Bretterl, das in die Fotos geschickt eingebaut wurde, „lautstark“ verkündet wird. In den Räumen 7 und 8 betritt man ausgewählte Teile der „Ironie des Schicksals“ aus dem Jahr 2016, bei der auf einem großen Bildschirm in Filmsequenzen die Entwicklung und der Entstehungsprozess zu verfolgen ist. Man kann sich einen originalen Bernd Reiter auch mit nachhause nehmen. Mappen mit signierten Fotos und eben dem Holzeintrag sind zu moderaten Preisen erhältlich, um das Nachdenken mit einem Bild an einer der vier eigenen Wände immer wieder auffrischen zu können.

(Schein-)heilig, Hauptwerk der Ausstellung

Reflections Ausstellungsansicht

REFLECTIONS James F. Gill und Kilian Saueressig zu Gast in Wien

Kilian Saueressig Lichtwandskulptur 2020

Bedingungsloser US-Realismus versus wechselndes Farbenspiel von Lichtwandskulpturen

Kilian Saueressig als Inspirationsquelle für Innenarchitekten? Diese Frage stellt sich spontan angesichts seiner Werke, die bis 16. August 2020 in einer Gastausstellung im Kunstforum Bank Austria die Besucher anstrahlen. Irritierende Frauengesichter und weiche weibliche Körperformen leuchten aus sich heraus, spielen mit wechselnden Farben und laden den Besucher ein, ihnen ganz nahe zu treten. Erst der Blick von der Seite offenbart die angedeutete Dreidimensionalität, mit der sich Nase, Mund oder Busen aus dem Bild erheben. Für den deutschen Künstler Kilian Saueressig, der in Österreich mit seinen, wie er sie nennt, Lichtwandskulpturen erstmals zu sehen ist, definiert darin seinen eigenen Kunstkosmos. Verarbeitet sind vier Ebenen, die „Globes“, die „Cycles“, die „Segments“ und die „Variations“. Er selbst vergleicht diese geheimnisvollen Bildinhalte mit dem Aufbau eines Atoms, um dessen Kern, den Globe, die drei anderen, oben erwähnten Elemente kreisen.

James F. Gill Michael 2007 bis 2009

Saueressig fügt noch hinzu, dass analog zu den Variationen die verschiedenen Energiezustände bzw. Anregungen des Atoms zu interpretieren sind. Er ist überzeugt, dass bei genauer Betrachtung die Zusammenhänge dieses Kunstuniversums deutlich werden. Für alle aber, die sich beim Bilderschauen nicht zu sehr den Kopf zerbrechen wollen, bieten diese mit Form, Farbe, Licht und Material spielenden Kompositionen einfach die Faszination eines bisher noch nicht erlebten Ausdrucks, den man einfach daheim haben möchte, im entsprechend großzügigen Ambiente, weil es ähnlich beschaulich wie ein Kaminfeuer wirkt, das man ebenfalls stundenlang beobachten kann, ohne sich daran satt zu sehen.

James F. Gill Thinking Colors and Close Up

Der Kunstverlag Edition Minerva präsentiert unter dem Titel „REFLECTIONS“ diesen deutschen Künstler im Kunstforum Wien (Kurator ist der Verleger Manfred Möller persönlich) gemeinsam mit dem US-Maler James Francis Gill (*1934 in Tahoka, Texas). Seine Gemälde strahlen ebenfalls, was aber den vom ihm verwendeten Farben und der genialen Beleuchtung zu verdanken ist. Obwohl sie bewusst abseits der Pop Art stehen, ließ es sich kaum ein Film- oder Popstar nehmen, in seiner besten Zeit von Gill porträtiert zu werden. So sind in Wien John Wayne, die Beatles, Michael Jackson oder Marilyn Monroe zu sehen.

Gesammelt wurde seine Kunst auch unter anderem von Dennis Hopper, Richard Chamberlain und Tony Curtis. James F. Gill verzichtet dabei vollkommen auf räumliche Tiefe und weicht nur in einigen wenigen Werken, den „Metamagen“ oder „Pop Surrealismen“ seines Spätwerks, vom strengen Realismus ab, der sein Œuvre bis heute bestimmt. So entstand für die Ausstellung in Wien in kürzester Zeit eine beeinruckende Serie von Bildern, die sich mit einem seiner Lieblingsthemen beschäftigen und gleichzeitig einen amerikanischen Traum ansprechen:

Gill ist offenbar fasziniert und inspiriert von der erotischen Sinnlichkeit einer Frau in einem Auto. Teils blicken die Damen sehr distanziert auf den Neugierigen, der ihnen gegenüber steht. Sie haben aber auch keine Hemmung, sich in höchster sinnlicher Erregung zu zeigen oder einfach einladend, doch auf dem Beifahrersitz neben ihr Platz zu nehmen. Ebenfalls bis 16. August 2020 sollte man diese Gelegenheit zu einer flotten Mitfahrt durch James Francis Gills Amerika benutzen.

Kilian Saueressig Detail einer seiner plastischen Lichtwandskulpturen
Bank Austria Kunstforum Wien Logo 600

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