Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Gerhard Richter © Alistair Fuller

GERHARD RICHTER Landschaft, die verführt und irritiert

Gerhard Richter Venedig, 1986 © Gerhard Richter 2020

Bilder von Bildern über Kuckuckseier bis zu ungezügelt abstrakter Selbständigkeit

Fotos haben für Gerhard Richter (*1932 in Dresden) stets eine große Rolle gespielt. Sie waren Vorbilder für die gemalten Landschaften des deutschen Künstlers, aber gleichzeitig auch Material für seine Bilder. Es handelt sich also um Landschaften aus zweiter Hand. Zuerst die Auswahl des Motivs und der Blick durch das Objektiv der Kamera und erst dann setzt der Prozess der Malerei ein und damit die Verwandlung des Fotos in ein Gemälde, eine Zeichnung oder in eine Druckgrafik. Richter äußerte sich Mitte der 1960er-Jahre erstaunt und begeistert, dass „das Abmalen einer Postkarte ein Bild ergeben kann...“ und steht zu dieser Technik, die man abschätzig als koloriertes Kopieren diskreditieren könnte.

Gerhard Richter Seestück (See-See), 1970 © Gerhard Richter 2020

Er erfüllt damit die Sehnsucht des Menschen im 21. Jahrhundert nach einer ursprünglichen Natur, ohne zu verschweigen, dass es keine romantische Idylle mehr gibt. So verwehrt sich Richter strikt gegen einen Vergleich mit Caspar David Friedrich, den der tiefe Horizont einer seiner Serien nahegelegt hat. Es sind Kuckuckseier, wie sie Richter bezeichnet hat. Ganz im Gegensatz zu Friedrich geht es ihm nicht um eine „Erhebung des Geistes und (...) religiösen Aufschwung“. Vielmehr offenbart der kritische Blick in die Weite eines Sonnenuntergangs gar nicht stimmungsvolle Zeichen der modernen Zivilisation. Eine Brücke quert brutal ein weites Tal (Ruhrtalbrücke, 1969) oder ein Straßenschild und eine regennasse Asphaltstraße holen im Ölgemälde „Landschaft bei Hobbelreith“ den Betrachter in eine düstere Realität herab. Im „Seestück“ aus 1970 wird die Wasseroberfläche gleichzeitig als mit Wolken verhangener Himmel montiert oder in „Teyde-Landschaft“ der höchste Berg von Teneriffa mit den Nebelschwaden verschmolzen.

Gerhard Richter Ruhrtalbrücke, 1969 Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich © Gerhard Richter

In den abstrakten Landschaften wird, im Gegensatz zu den bewusst unscharfen Bearbeitungen von bereits abstrakt anmutenden Fotografien, auf die Darstellung des Gegenstands völlig verzichtet. Der Begriff „abstrakte Ölfarbe“ wird in Gemälden wie „Seestück (Grau), 1969“ begreiflich, wenn Richter verschiedenste Methoden wie Spachtel oder Rakel einsetzt und einfach nur mehr den Grundgedanken des Bildes erahnen lässt. In „Firenze, 2000“ sind es wiederum Fotos, die wild mit Ölfarbe übermalt wurden und damit die Schönheit der Renaissance-Architektur konterkarieren.

Gerhard Richter Ägyptische Landschaft, 1964/65 © Gerhard Richter 2020

Bis 14. Februar 2021 ist die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ im Kunstforum Wien zu sehen. Man ist ungemein stolz darauf, einen der bedeutendsten deutschen Künstler in einer derart umfangreichen Retrospektive präsentieren zu können; als bis dato umfassendste Schau in Österreich. Kurator ist Hubertus Butin, der Spezialist für Gerhard Richter schlechthin. Er hat aus dem enorm umfangreichen Œuvre des Künstlers ein sensationelles Konzentrat seines Schaffens extrahiert und damit eine Möglichkeit geschaffen, den Kontinent „Gerhard Richter“ einmal mehr staunend zu durchstreifen und neu zu entdecken.

MACHT Ausstellungsansicht

MACHT kann zum Missbrauch verleiten – ein Statement

MACHT Ausstellungsansicht

Installationen und Bilder von Bernd Reiter als Kunst-Stoff zum Nachdenken

Kirchenbänke türmen sich zu der Kuppel, unter der sie einst gestanden sind. An ihren aufgerichteten Sitzflächen reihen sich Bildschirme aneinander. Abwechselnd sind darauf Vertreter hoher Geistlichkeit und Texte zu sehen. Man kann dieser Flut prächtiger Messgewänder und den Vorwürfen entgehen, indem man auf den darunter aufgestellten Bänken Platz nimmt und von dort aus die großformatigen Fotos an den Wänden in sich aufnimmt. Bei genauem Hinsehen wird man auch darin das Holz der ehemaligen Bestuhlung eines mittlerweile profanierten Gotteshauses entdecken. Der deutsche Künstler Bernd Reiter (*1948 in Köln) konnte diese Kirche in Köln für sich erwerben und verwendete deren Sitzgelegenheiten als Material einer künstlerischen Anklage. Unter dem Titel „MACHT“ wird Missbrauch thematisiert, der sich wie ein roter Faden, besser wie ein dickes Seil in Kardinalspurpur von diesem Teil der Ausstellung im Kunstforum Wien (bis 13. September 2020) zu einer beeindruckenden Abrechung zieht, die mit weltlichen Gelüsten, die Welt mit Gewalt zu beherrschen, aufräumt.

Bernd Reiter, ein in Köln geborener Künstler

Um das brutale Gerangel der Supermächte USA und Russland, um die Vorherrschaft auf unserem Planeten, das unter dem Begriff Kalter Krieg firmiert und nach wie vor aktuell ist, sichtbar zu machen, ließ Reiter nicht weniger als eine ausrangierte MIG auf einen amerikanischen Straßenkreuzer krachen und ein zweites Exemplar dieser Oldtimer-Limousine triumphierend über den Rumpf des Flugzeuges ragen. Der Künstler bedauert, dass diese Installation aufgrund ihrer Ausmaße nicht nach Wien transferiert werden konnte, aber er hat sie in seinem Atelier fotografiert, Schrottteile und Scherben des dabei zersplitterten Glases mitgebracht, zur besseren Anschaulichkeit aufgeschüttet und die Monitore mit schwer verdaulichen Videos aus Krisengebieten wie dem im Krieg versunkenen Syrien, die üblicherweise im Inneren des Jets zu sehen sind, an der Wand eines der Ausstellungsräume aufgereiht.

 

Bernd Reiter ist sich der Wirkung seiner Arbeiten  bewusst: „Meine Kunst ist intensiv. Sie ist Sein. Ich kann meine Gedanken aufgrund meines Talents >verstofflichen<, in Materialien umsetzen. Und damit ein Ergebnis erzielen, das etwas ausdrückt, ein Gefühl transzendiert, eine Vision erlebbar macht.” Es mag nicht jedem schmecken, was ihm dort serviert wird.

Schonungslos wird die „Dunkelkammer Kirche“ ausgeleuchtet, was ihr die größte Krise seit den 1990er-Jahren beschert hat. Geistliche Würdenträger sind mittlerweile zurückgetreten, weil ihnen mutig gewordene Opfer gravierende sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben, als sie als Ministranten oder Internatszöglinge diesen Priestern ausgeliefert waren. Manche von ihnen werden namentlich genannt und im Bild gezeigt. „(Schein-)heilig“ ist die vom Künstler gewählte passende Bezeichnung, die von jedem Bretterl, das in die Fotos geschickt eingebaut wurde, „lautstark“ verkündet wird. In den Räumen 7 und 8 betritt man ausgewählte Teile der „Ironie des Schicksals“ aus dem Jahr 2016, bei der auf einem großen Bildschirm in Filmsequenzen die Entwicklung und der Entstehungsprozess zu verfolgen ist. Man kann sich einen originalen Bernd Reiter auch mit nachhause nehmen. Mappen mit signierten Fotos und eben dem Holzeintrag sind zu moderaten Preisen erhältlich, um das Nachdenken mit einem Bild an einer der vier eigenen Wände immer wieder auffrischen zu können.

(Schein-)heilig, Hauptwerk der Ausstellung
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