Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Palette pour Grégoire Müller Wien 2021 Foto: © Tilman Daiber

DANIEL SPOERRI Im Giardino eines kulinarischen Sammlers

Chambre No 13 Wien 2021 Foto: © Susanne Neumann

Das Fallenbild (Tableau piège) schreibt Kunstgeschichte

Es ist der Zufall, der die Kunst schafft, alles andere wäre nur ein Arrangement. Daniel Spoerri hat mit dieser Überzeugung eine neue Gattung des künstlerischen Ausdrucks geschaffen. Die Tischplatten, auf denen dreckiges Essgeschirr, Aschenbecher mit den Tschiks, Flaschen und Gläser so fixiert wurden, dass sie auch auf senkrechter Unterlage ihren Platz behalten, sind Zeugen von Gelagen, aber auch von einer Sammelleidenschaft, die in unscheinbarsten Objekten die Potenz des emotionalen Ansprechens aufspürt. Diese Begeisterung ist anhaltend, über Jahrzehnte eines Lebens, das am 27. März 1930 in Rumänien begonnen hat und den als Daniel Feinstein geborenen Kunstmenschen über etliche Stationen schließlich nach Österreich verschlagen hat. Spoerri, wie er seit seiner Flucht vor den Nazis in die Schweiz nach einem Onkel heißt, war Buchhändler, Obstverkäufer, klassischer Balletttänzer, Pantomime, Dichter und Regisseur. Eines konnte er nicht, wie er selbst zugibt, Zeichnen! Dennoch griff er aus den vielen Kulturtechniken auch die Bildnerische auf.

Daniel Spoerri, Ausstellungsansicht © Rita Newman

Er reüssierte mit seinen Tablaux piège (Fallenbildern) in der französischen Avantgarde der 1960er-Jahre, den Nouveaux Réalistes, und machte bedeutende Galerien auf sich aufmerksam. In diesen Tafeln sind die Gegenstände wie in einer Mausefalle gefangen und werden in ihrer Gesamtheit zu erzählender Literatur, zur Anekdote, um ein bestimmtes Lebensgefühl zu kommunizieren. Daneben betrieb Spoerri den Feilschmarkt, einen Ort des Tausches von Objekten als Träger einer Geschichte.

Restaurant de la City-Galerie Wien, 2021 Foto: Stefan Rötheli, Zürich

Seine Sammelleidenschaft wurde auch in dem 13 Monate (1966 und 1967) dauernden Aufenthalt auf der griechischen Insel Symi, einem Treffpunkt der Protagonisten des Fluxus, nicht unterbrochen, wenngleich die Griechen keinerlei Bereitschaft zeigten, ihr Essgerät Spoerris Kunst zu opfern. Bessere Gelegenheit dazu boten Ausstellungsprojekte in Le Restaurants de la Galerie und Restaurant de la City Galerie, in denen der Meister selbst kochte und Kunstkritiker als Kellner wirkten. Voll und ganz wurde er zum Wirten mit einem eigenen Restaurant in Düsseldorf. Neben ausgefallenen, oder wie er es nennt, exotisch kulinarischen Herausforderungen wie Polenta(?), Bienen aus der Dose (schmecken die noch nach Honig?) oder Kutteln (muss man wie das Beuschel mögen müssen) wurde Fleisch von überragender Qualität angeboten.

Spoerris Steaks waren berühmt. Nach gehabtem Mahl wurden Tische fixiert und auf Wunsch um 1.000 DM an die Gäste verkauft.

 

Freundschaften werden von Daniel Spoerri hochgehalten. So sind Werke von über 50 seinem Herzen nahestehenden Künstlern in seinem Garten in der Toskana, der Fondazione Il Giardino di Daniel Spoerri, ausgestellt. Für einen Besuch auf dem 16 ha großen Areal empfiehlt er, am Morgen zu kommen, in Restaurant zu Mittag zu speisen (ohne ein Fallenbild zu kreieren) und am Nachmittag die Wanderung voller Entdeckungen fortzusetzen. Seit 2007 lebt Daniel Spoerri in Wien, eher zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flohmarkt am Naschmarkt.

Wenngleich er Paris mit dessen „besseren“ Flohmärkten vermisst, ist er auch hier längst bei den Händlern bekannt. Es springen ihn auch hier manche Gegenstände einfach an, wie er sagt, und ermöglichen ihm neue Arbeiten, deren Anordnung wiederum von dem Zufallsprinzip, das sein gesamtes Werk durchzieht, beherrscht werden und einen immer neuen „Spoerri“ zeitigen.

Olivier Estoppey Dies Irae © Olivier Estoppey, Foto: Susanne Neumann

MACHT Ausstellungsansicht

MACHT kann zum Missbrauch verleiten – ein Statement

MACHT Ausstellungsansicht

Installationen und Bilder von Bernd Reiter als Kunst-Stoff zum Nachdenken

Kirchenbänke türmen sich zu der Kuppel, unter der sie einst gestanden sind. An ihren aufgerichteten Sitzflächen reihen sich Bildschirme aneinander. Abwechselnd sind darauf Vertreter hoher Geistlichkeit und Texte zu sehen. Man kann dieser Flut prächtiger Messgewänder und den Vorwürfen entgehen, indem man auf den darunter aufgestellten Bänken Platz nimmt und von dort aus die großformatigen Fotos an den Wänden in sich aufnimmt. Bei genauem Hinsehen wird man auch darin das Holz der ehemaligen Bestuhlung eines mittlerweile profanierten Gotteshauses entdecken. Der deutsche Künstler Bernd Reiter (*1948 in Köln) konnte diese Kirche in Köln für sich erwerben und verwendete deren Sitzgelegenheiten als Material einer künstlerischen Anklage. Unter dem Titel „MACHT“ wird Missbrauch thematisiert, der sich wie ein roter Faden, besser wie ein dickes Seil in Kardinalspurpur von diesem Teil der Ausstellung im Kunstforum Wien (bis 13. September 2020) zu einer beeindruckenden Abrechung zieht, die mit weltlichen Gelüsten, die Welt mit Gewalt zu beherrschen, aufräumt.

Bernd Reiter, ein in Köln geborener Künstler

Um das brutale Gerangel der Supermächte USA und Russland, um die Vorherrschaft auf unserem Planeten, das unter dem Begriff Kalter Krieg firmiert und nach wie vor aktuell ist, sichtbar zu machen, ließ Reiter nicht weniger als eine ausrangierte MIG auf einen amerikanischen Straßenkreuzer krachen und ein zweites Exemplar dieser Oldtimer-Limousine triumphierend über den Rumpf des Flugzeuges ragen. Der Künstler bedauert, dass diese Installation aufgrund ihrer Ausmaße nicht nach Wien transferiert werden konnte, aber er hat sie in seinem Atelier fotografiert, Schrottteile und Scherben des dabei zersplitterten Glases mitgebracht, zur besseren Anschaulichkeit aufgeschüttet und die Monitore mit schwer verdaulichen Videos aus Krisengebieten wie dem im Krieg versunkenen Syrien, die üblicherweise im Inneren des Jets zu sehen sind, an der Wand eines der Ausstellungsräume aufgereiht.

 

Bernd Reiter ist sich der Wirkung seiner Arbeiten  bewusst: „Meine Kunst ist intensiv. Sie ist Sein. Ich kann meine Gedanken aufgrund meines Talents >verstofflichen<, in Materialien umsetzen. Und damit ein Ergebnis erzielen, das etwas ausdrückt, ein Gefühl transzendiert, eine Vision erlebbar macht.” Es mag nicht jedem schmecken, was ihm dort serviert wird.

Schonungslos wird die „Dunkelkammer Kirche“ ausgeleuchtet, was ihr die größte Krise seit den 1990er-Jahren beschert hat. Geistliche Würdenträger sind mittlerweile zurückgetreten, weil ihnen mutig gewordene Opfer gravierende sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben, als sie als Ministranten oder Internatszöglinge diesen Priestern ausgeliefert waren. Manche von ihnen werden namentlich genannt und im Bild gezeigt. „(Schein-)heilig“ ist die vom Künstler gewählte passende Bezeichnung, die von jedem Bretterl, das in die Fotos geschickt eingebaut wurde, „lautstark“ verkündet wird. In den Räumen 7 und 8 betritt man ausgewählte Teile der „Ironie des Schicksals“ aus dem Jahr 2016, bei der auf einem großen Bildschirm in Filmsequenzen die Entwicklung und der Entstehungsprozess zu verfolgen ist. Man kann sich einen originalen Bernd Reiter auch mit nachhause nehmen. Mappen mit signierten Fotos und eben dem Holzeintrag sind zu moderaten Preisen erhältlich, um das Nachdenken mit einem Bild an einer der vier eigenen Wände immer wieder auffrischen zu können.

(Schein-)heilig, Hauptwerk der Ausstellung
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