Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


DeBeer Hl. Sebastian © Kunsthistorisches Museum, Wien

ZEIG MIR DEINE WUNDE Kunst der Verletzlichkeit

Andres Serrano, Suicide by Rat Poison II, 1992 Foto: Galerie Nathalie Obadia

Die Darstellung von Leid und Schmerz vom Mittelalter bis Joseph Beuys

„Zeig mir deine Wunde!“ Dieses Begehr hat dem Apostel Thomas den Beinamen „der Ungläubige“ eingebracht. Freilich hat er, laut dem Evangelisten Johannes, im Angesicht des Auferstandenen nur „Mein Herr und mein Gott“ gestammelt, aber zuvor hatte er sehr wohl die Hand in die Seitenwunde Jesu legen wollen. Kein Wunder, dass er an den Erzählungen der anderen zweifelte. Wie kann ein Mensch, dem der römische Soldat nach dem Ableben die Lanze in den Leib getrieben hat und Blut und Wasser heraus flossen, plötzlich wieder unter den Lebenden weilen? Dennoch hat gerade diese Skepsis Joseph Beuys inspiriert. Ein fanatischer Gottsucher wie viele große Künstler muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Seine Antwort darauf ist eine Pipette, mit der Wunden versorgt werden können, auch die der eigenen Seele, die ebenso verletzlich ist wie die anderer Menschen, wenngleich er als Aktionskünstler seinerzeit auf die Befindlichkeiten seines Publikums wenig Rücksicht nahm. Radikaler war noch Günter Brus, der Verletzlichkeit an seinem eigenen Körper demonstrierte.

nbekannt, Kreuzigungsbild aus dem Erzbischˆflichen Palais Foto: Lena Deinhardstein

Er richtete die Folterwerkzeuge schonungslos gegen sich selbst, weil er den Schmerz verspüren wollte, den Generationen von Bildhauern und Malern vor ihm allzu gern auf den Leib Jesu übertragen haben. In der Darstellung des leidenden Erlösers am Kreuz war ihnen keine Grenze gesetzt, wenn es darum ging, die grausamen Auswirkungen von Sünden den Gläubigen vor Augen zu führen. Ein beliebtes Motiv waren auch die Märtyrer, wie der heilige Sebastian, dessen mit Pfeilen gespickter Körper zu höchster Ästhetik entwickelt wurde. Erstaunlich, wie groß die Rolle von Pein und Verletzung über die Jahrhunderte religiöser Kunst war. Man denke nur an die Schmerzensmutter, der von den Malern mit Wolllust sieben Schwerter ins Herz getrieben werden, und das alles in der frommen Absicht, die Menschen auf den rechten Weg eines gottgefälligen Lebens zu führen.

Günter Brus, Seöbstbemalung Foto: Ludwig Hoffenreich

Das Dommuseum führt in einer Ausstellung mit dem an eine Installation von Joseph Beuys angelehnten Titel „Zeig mir deine Wunde“ (bis 25. August 2019) die Verletzung in der ganzen Vielschichtigkeit dieses Begriffs in der christlichen Bildtradition dem Betrachter vor Augen. Der Bogen spannt sich vom Mittelalter mit einem von Umwelteinflüssen „verletzten“ Wasserspeier des Stephansdoms und einem Kopialbuch mit Brandspuren um 1391 über sakrale Werke bis in die Gegenwart. Kader Attila hat dafür 2013 den „Repaired Brocken Mirror #16“ beigetragen oder Léa Le Bricomte den 2018 entstandenen „Balle treversée par une balle“. Damit sich der Besucher nicht in diesem Lazarett verirrt, wurden Themenbereiche eingezogen. Es beginnt mit „Wunden des Körpers, Wunden der Seele“. Es folgt eine Betrachtung über „Politik der Verwundung“, gezeigt werden die „Instrumente der Verwundung“ bevor es zur „Hinwendung zur Wunde“ und die „Verwundung der Welt“ geht, um mit dem irritierenden Abschnitt „Wunde als Fest“ zu schließen.

Neben den Kunstwerken, die sich mit Verletzungen aller Art auseinandersetzen, sticht ein selbst verwundetes Bild hervor. Anfang des 19. Jahrhunderts hat ein unbekannter Künstler ein Kreuzigungsbild gemalt. Es hängt üblicherweise im Erzbischöflichen Palais und erzählt eine erschütternde Geschichte. 1938, nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich, predigte Kardinal Innitzer sinngemäß, dass niemand, auch nicht der Führer, größer sei als Gott.

Ein Trupp von zumeist jugendlichen Nationalsozialisten stürmte daraufhin das Palais und wollte den späteren Bischof Franz Jachym aus dem Fenster stürzen. Der Priester war jedoch von kräftiger Statur und konnte sich im letzten Moment am Fensterrahmen festhalten. In ihrer Wut wandte sich die Meute dem Gekreuzigten zu. Die Nazibuam droschen auf das Bild ein und schlugen im unteren Bereich Löcher, die als Mahnung vor solcher Verblendung auf dem Gemälde belassen wurden.

Kader Attia, chaos+repair=universe, 2016 Bildrecht, Wien, 2018
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