Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ursula Pfitzner mit Chor © www.fotohofer.at

Die Csárdásfürstin Ursula Pfitzner mit Chor © www.fotohofer.at

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN Große Operette am Ort ihrer Entstehung

Thomas Blondelle & Loes Cools © www.fotohofer.at

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Der schwungvolle Ausklang von Monarchie, Adel und Standesdünkel

Wenn der Royal Harry die Schauspielerin Meghan heiratet, dann geht diese Liaison zwar auch nicht völlig friktionsfrei ab. Die Probleme haben jedoch völlig andere Gründe als noch vor etwas mehr als 100 Jahren. Damals wäre allein die Verlobung zur Staatskrise geworden. Heute wird so eine Hochzeit mit allem Pomp gefeiert und die Queen lächelt – wenn auch etwas gequält – dazu. Der alte Kaiser hatte für morganatische Ehen nicht das geringste Verständnis, siehe Erzherzog Franz Ferdinand und Gräfin Chotek. Derlei Festklammern an hergebrachtem genealogischem Unsinn wurde fleißig bis in niedere Adelskreise praktiziert. Da sich selten ein gleichrangiger Partner fand, wurden Cousin und Cousine fröhlich verpaart und mehr und mehr degenerierte Kinder in die Welt gesetzt. Allein aufgrund ihrer Herkunft galten diese Kretins dennoch als regierungstauglich oder zum höheren Dienst in der Armee befähigt.

Matthias Störmer & Thomas Blondelle © www.fotohofer.at

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Ursula Pfitzner © www.fotohofer.at

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Für Menschen wie unsereins, die in einer Republik geboren und in einer Demokratie aufgewachsen sind, nimmt sich das Treiben einer solchen Gesellschaft wie ein böses Märchen aus, denn die letzten Monarchien, die das Jahr 1918 überlebt haben, sind zu Institutionen der Repräsentation verkümmert und füllen mit lachhaften Skandälchen bestenfalls die Seiten der Regenbogenpresse. Was immer zur Abschaffung des Adels geführt hat, es war ein glücklicher Moment für ein Europa, in dem trotz aller Schwächen der Wille des Volkes zählt und nicht die verschrobenen Ansichten eines wie immer Hochwohlgeboren.

 

Schon 1914, knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, hatten Künstler wie die Librettisten Leo Stein und Bela Jenbach den rund um sie praktizierten Unsinn erkannt. Im Verein mit dem Magier ohrgängiger Melodien Emmerich Kálmán haben sie eine Satire geschaffen, die bis in unsere Tage für glänzende Unterhaltung sorgt, nicht zuletzt augrund der überraschenden Pointe, die den ganzen Jammer eines Fürsten über die Liebe seines Sohnes zu einer Varieté Sängerin absurd erscheinen lässt. „Die Csárdásfürstin“ ist eine selten dichte Abfolge unsterblicher Hits und war damit von Beginn an ein Publikumserfolg. 1915 gab es die Uraufführung mit einer gewaltigen Zahl an Folgevorstellungen. Das Publikum hat damals bereits gelacht, wohl über die vielen Andeutungen auf ein Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, das zu dieser Zeit absehbar war.

Ursula Pfitzner & Thomas Blondelle & KS Kurt Schreibmayer mit Chor © www.fotohofer.at

Ursula Pfitzner & Thomas Blondelle & KS Kurt Schreibmayer mit Chor © www.fotohofer.at

Wir dürfen uns heute umso mehr amüsieren, da uns der ganze darin verrissene Nonsens Gott sei Dank nichts mehr angeht. Heuer, also 2021, wurde diese Operette in Bad Ischl ins Programm des Lehár Festivals genommen, genau wie vor 60 Jahren, als diese Festspiele gegründet wurden. Man spürt intensiv den Genius Loci, denn das Werk wurde in einer Villa, dem Rosenstöckl, wenige Meter vom Theaterhaus entfernt vollendet.

 

Nicht zu übersehen, besser, zu überhören ist die damals enge k. u. k. Verbindung zwischen Ungarn und Österreich. Kálmán selbst war Ungar und hatte Schwung und Temperament der dort gepflegten Musik im Blut. Es beginnt immer wieder mit schwermütigen Klängen, die sich nach und nach zum wirbelnden Csárdás furioso steigern. Wenn dann, wie in Bad Ischl, ein Laszló Gyükér am Pult des ausgezeichneten Franz Lehár-Orchesters steht, dann ist für magyarische Authentizität gesorgt. Ordentlich Drive ins Geschehen bringt auch der Conferencier Kurt Hexmann. Mit beinahe dämonischer Ausstrahlung lässt er keinen Zweifel aufkommen, dass das Happy End in einer Katastrophe mündet. In diesem Sinn beendet Regisseur und Intendant der Festspiele Thomas Enzinger die flotte Revue mit einem gespenstischen Ballett von Soldaten und ergänzt damit die Handlung um ein Element, das die einstigen Schöpfer noch nicht wissen konnten.

Kurt Hexmann & Ursula Pfitzner © www.fotohofer.at

Kurt Hexmann & Ursula Pfitzner © www.fotohofer.at

KS Josef Forstner & Uschi Plautz © www.fotohofer.at

KS Josef Forstner & Uschi Plautz © www.fotohofer.at

Der ruhende Pol und Deus ex machina in der verwickelten Liebesgeschichte ist Feri-Bacsi, dem KS Kurt Schreibmayer die unerschütterliche Eleganz eines Bonvivants verleiht. Er weiß um die wahre Herkunft von Fürstin Anthilte (Uschi Plautz) und versteht es, deren Gatten, Leopold Maria, Fürst von und zu Lippert-Weylersheim (KS Josef Forstner), seine Halsstarrigkeit auszutreiben. Will der alte Trottel doch partout eine eheliche Verbindung seines Sohnes Edwin (Thomas Blondelle alternierend mit David Sitka) mit der zwar reizenden, aber doch eng verwandten Stasi (Loes Cools) durchsetzen. Dabei passt dieses Mädchen viel besser zu Boni, dem Kumpan seines Sohnes, wie es der Operettenfreund gleich bemerkt, da beide wunderbare Buffos sind. Matthias Störmer lockert die Dramatik der Love Story mit erfrischender Komik auf. Er beherrscht perfekt den ungarischen Akzent, leidet sehenswert unter dem Schütteltrauma, das ihm Sohn und Vater Lippert-Weylersheim angedeihen lassen und holt sich Lacher, wenn er als willfähriger Gemahl von Sylva Varescu unter deren Pantoffel wandelt. Aber wer würde bei einer solchen Frau, der Ursula Pfitzner glaubhaft die Zerrissenheit zwischen Liebe und Vernunft einer umschwärmten Varieté Sängerin gibt, nicht schwach? An manchen Stellen, wie beispielsweise bei „Jai Mamám, Bruderherz, ich kauf mir die Welt“, lässt das Ensemble den Saal toben. Möglicherweise rührt der Druck der intensiv ausgespielten Emotionen, des dichten Klangerlebnisses, zu dem auch der bestens mitspielende Chor beiträgt, und der mitreißend turbulenten Stimmung von der doch sehr kräftig eingestellten Tonanlage her, was aber dem Erfolg dieser Produktion am Ort ihrer Entstehung durchaus keinerlei Abbruch tut.

Sujet Saison 2021

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