Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Lovis Corinth © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht Lovis Corinth © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

LOVIS CORINTH Berauschende Sinnlichkeit des Malens

Lovis Corinth, Die Waffen des Mars, 1910 © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lovis Corinth, Die Waffen des Mars, 1910 © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Die Faszination eines Künstlers jenseits aller Zuordnungen

„I Wanna Wake Up With You“ Dieser Song setzt unmittelbar im Kopf ein, wenn einen das Augenpaar auf dem Bild „Morgensonne“ einfängt. Es gehört Charlotte, der hübschen Gattin von Lovis Corinth. Es lacht und strahlt verliebt die Zuneigung des Malers wider. Die junge Frau, damals gerade 30, ist eben erwacht. Ihr gegenüber steht, anstelle des Betrachters, ihr Mann mit Staffelei und Farben und wirft in einem Arbeitsvorgang das Porträt auf die Leinwand. Man kan sich den leidenschaftlichen Gefühlen nicht entziehen, spürt die Wonnen der vergangenen Nacht und ist mit Boris Gardiner überzeugt: „I wanna be there when you open your eyes, I want you to be the first thing that I see.“ Der von diesem Moment faszinierte Maler ist damals, also 1910, bereits 52 Jahre alt. Charlotte war 1901 seine erste Schülerin in der von ihm in Berlin eröffneten Malschule. Sie wird bald seine Muse und, kein Wunder, wenn man den Porträts glauben darf, sein Lieblingsmodell. Zu dieser Zeit signierte er bereits mit Lovis Corinth, nicht mehr mit Louis, wie er von seinen Eltern getauft worden war. Lovis passt einfach besser zum so schön antikisch klingenden Namen Corinth.

 Lovis Corinth, Die Sängerin Frieda Halbe, 1905  © Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll

Lovis Corinth, Die Sängerin Frieda Halbe, 1905 © Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll

Lovis Corinth, Tanzender Derwisch, 1904 © Buchheim Museum der Phantasie Foto Nikolaus Steglich

Lovis Corinth, Tanzender Derwisch, 1904 Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, Foto: Nikolaus Steglich

Der Künstler hatte zu dieser Zeit bereits einen vielschichtigen Werdegang hinter sich, mit Studien in Königsberg, an der Akademie in München und in Antwerpen, immer bei bedeutenden Meistern, jedoch verschiedenster Richtungen. 1889 stellt er im Verein Berliner Künstler aus und wird zwei Jahre später Mitglied des Münchner Künstlervereins „Allotria“. Die Gemälde „Kreuzabnahme“ und „Salome“ machen Furore. Mit der Heirat wird aus dem Lebemann ein Familienmensch. Neben der spontanen Freude am Malvorgang übernimmt er Ämter im Kunstbetrieb wie im Vorstand der Berliner Secession. Die enervierenden Reibereien des Vereinslebens dürften jedoch seine Gesundheit angeschlagen haben. Corinth erleidet 1911 einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung. Nach der Rekonvaleszenz folgen Retrospektiven und eine Teilnahme bei der Biennale in Venedig. Lovis Corinth kann den Erfolg jedoch nicht allzu lange genießen. Er erkrankt während einer Reise nach Amsterdam und stirbt am 17. Juli 1925 in Zandvoort.

 Lovis Corinth, Die Logenbrüder, 1898/99  Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Lovis Corinth, Die Logenbrüder, 1898/99 Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Im ersten Stock des Oberen Belvederes ist nun bis 3. Oktober 2021 eine Fülle seiner Gemälde unter „LOVIS CORINTH. Das Leben, ein Fest“ zu erleben. Generaldirektorin Stella Rollig bezeichnet ihn sehr treffend als einen sanften Wilden abseits kunsthistorischer Hauptströmungen, oder um es mit dem Kurator Alexander Klee zu sagen: „Das Widersprüchliche und das Vitale kennzeichnen das Werk von Lovis Corinth. Es vereint Lebenslust und Morbidität, Delikatesse in der Farbgebung und Brutalität im Farbauftrag.“ Immer wieder bricht die Ekstase durch, wo akademische Akkuratesse erwartet würde und umgekehrt. Ein treffendes Beispiel sind dafür die Landschaftsbilder, die bei Erholungsaufenthalten am Walchensee in Südbayern entstanden sind. Corinth ist bereits alt genug, um sich um Perspektive oder Kleinigkeiten wie die entsprechende Idylle nicht mehr kümmern zu müssen. Das Haus hängt schief am Hang, der See rinnt aus, die Stimmung im Obstgarten ist zappenduster. Es sind Seelenspiegel, entstanden in einer Raserei des Pinsels. Wie groß ist da der Gegensatz zu den akkurat feinen Strichen der „Dame am Goldfischbassin“ (1911) oder dem väterlich liebevollen Blick auf „Wilhelmine mit Ball“ (1915).

 Lovis Corinth, Dame am Goldfischbassin, 1911  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lovis Corinth, Dame am Goldfischbassin, 1911 © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 Lovis Corinth, Walchensee, Blick auf Wetterstein, 1921  Saarlandmuseum © Tom Gundelwein

Lovis Corinth, Walchensee, Blick auf Wetterstein, 1921 Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Saarbrücken, Foto: Tom Gundelwein

Dazwischen stehen als Memento mori Stillleben aus dem Schlachthof, die manch zarte Seele zu erschüttern imstande sind. Der Mensch ist das Raubtier, das sich an Blut und den noch warmen Körpern der zerteilten Schweine labt. Vanitas beherrscht auch die Abbildungen von Männern. Der Künstler selbst war Mitglied der Freimaurer, im Gemälde „Logenbrüder“ nimmt er aber auf die steife Würde der Herren, die „In Treue fest“ zueinander stehen, keine Rücksicht. Corinth lässt aus aller Ernsthaftigkeit Komik lachen, wenn der Geehrte in der Mitte die Augen zum Himmel dreht und karikaturhafte Gesichter den Festakt verfolgen. Ähnlich verfährt der Maler mit sich selbst, wenn er sich in den Selbstporträts mit verschiedensten Verkleidungen zeigt, als wolle er andeuten, dass ein Lovis Corinth einer bestimmten Ansicht oder Kunstrichtung einfach nicht zuzuordnen ist.

Ausstellungsansicht DAME MIT FÄCHER Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

DAME MIT FÄCHER Der letzte Strich eines großen Malers

Gustav Klimts Arbeitsraum © ONB/Wien Foto: Moriz Nähr

Nach 100 Jahren erstmals vereint: Gustav Klimts letzte Werke

Eine junge Frau, mit kokettem Blick in eine Welt, die damals den Menschen alles andere als freundlich gesinnt war, hält einen chinesischen Fächer vor ihre wohl entblößte Brust. Hinter ihr auf der Leinwand wimmeln ganz nach ostasiatischer Mode Ziervögel und Blumen in hellen Farben. Am 10. Jänner 1918 sitzt Gustav Klimt noch an dieser Staffelei. Ihm gegenüber posiert eine uns unbekannte Dame, die sich von dem gerade erst 52 Jahre alten Meister dieses Genres porträtieren lässt. Was Klimts letzte Worte an sein Modell waren, ist ebenso unbekannt. Vielleicht haben sie gemeinsam das Atelier verlassen, er hat noch abgesperrt, ein paar Worte zum grausamen Kriegsgeschehen verloren, das in seiner Malerei einen lebensbejahenden Kontrapunkt erfahren sollte, und die Dame für den nächsten Tag wieder zur Sitzung bestellt. Dazu kam es aber nicht. Am 11. Jänner morgens erlitt Gustav Klimt einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Er verstarb am 6. Februar 1918. Einige Tage darauf durfte der Fotograph Moriz Nähr, ein Vertrauter Klimts, das Atelier betreten.

Foto: Erwin Böhler / Courtesy of the Michael Huey and Christian Witt-Dörring

Mit seiner Kamera schuf Nähr ein Zeitdokument für die Kunstgeschichte und den Beweis für die bis zuletzt ungebrochene Schaffenskraft des Malers. Auf dem Foto sind zwei Gemälde in Arbeit zu sehen, eben die „Dame mit Fächer“ und „Die Braut“, ein für Klimt typisch symbolhaft aufgeladenes Bild, das einen Mann umgeben von schemenhaften Frauen zeigt. An beiden Werken wären wohl noch Kleinigkeiten zu verbessern, zu perfektionieren gewesen, obwohl sie auf flüchtiges Hinschauen längst vollendet erscheinen.

Gustav Klimt, Dame mit Fächer, 1917-18 © Belvedere, Wien, Foto: Markus Guschelbauer

Diese Momentaufnahme sollte über 100 Jahre die einzige sein, auf denen die zwei Letzten Werke gemeinsam zu sehen sind. „Die Braut“ kam als Leihgabe der Gustav Klimt/Wien 1900 Privatstiftung ins Belvedere. Die „Dame mit Fächer“ hingegen wurde vom Industriellen Erwin Böhler angekauft, der sie anno 1920 als Leihgabe der Kunstschau in Wien zur Verfügung stellte. Bis 1960 verblieb sie im Besitz der Familie (auf einem Foto hängt sie über einem Sockel in einem der Räume). Zeitweilig befand sich dieses Gemälde im Besitz des Sammlers Rudolf Leopold, gelangte dabei zu einer Ausstellung in Tokyo, wurde aber aus nicht näher bekannten Gründen verkauft. Aufgetaucht ist es wieder 1992, wo es in Krakau öffentlich gezeigt wurde.

Kurator Markus Fellinger freut sich, dass er im Zuge der Vorbereitungen zur aktuellen Ausstellung erstmals einen Blick darauf werfen konnte. Ihm wurde die Ehre zuteil, neben einigen anderen Spätwerken („Amalie Zuckerkandl“, „Adam und Eva“ oder „Dame in Weiß“) von Gustav Klimt diese beiden letzten großen Arbeiten erstmals seit dem Tod des Künstlers wieder zusammenführen zu können. Unter dem Titel „DAME MIT FÄCHER Gustav Klimts letzte Werke“ sind sie nun bis 13. Februar 2022 im Oberen Belvedere zu sehen, mit erläuternden Wandtexten und selbstverständlich dem berührenden Foto von Moriz Nähr.

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