Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Lebensnah © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht Lebensnah © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

LEBENSNAH Die Wirklichkeiten realistischer Malerei

 Wilhelm Trübner, Caesar am Rubicon, um 1878  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Wilhelm Trübner, Caesar am Rubicon, um 1878 © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ein vielschichtiger Blick auf das Dasein im Jahrhundert zwischen 1850 bis 1950

So selbstverständlich sich der Begriff „Realismus“ anmutet, so wenig Ahnung hat nicht selten auch ein mit der Kunst Vertrauter, was tatsächlich darunter zu verstehen ist. Geprägt hat ihn der Franzose Gustave Courbet, als er im Rahmen der Weltausstellung anno 1855 seine Werke unter dem Titel „Le Réalisme“ präsentierte. Besucher waren entsetzt, als sie mit Motiven konfrontiert waren, die bis dahin auf einer Leinwand undenkbar waren. Die Vorstellung von einer Ästhetik, die bis dahin unhinterfragt gegolten hatte, war zutiefst erschüttert worden. Hässliche Menschen, triste Häuser, Landschaften ohne romantischen Reiz, all das gab es zwar rundum, war aus der Betrachtung der Kunst jedoch ausgeklammert. Dennoch hatte diese Richtung bereits den Kontinent erfasst, so auch Österreich. Bei uns hatten bereits zwanzig Jahre vorher Maler wie Ferdinand Georg Waldmüller die Misere der Landbevölkerung durch persönliche Aufenthalten ebendort festgehalten. Seine Rezipienten hat er aber mit wunderhübschen Gemälden darüber hinweggetäuscht, wenn er ihnen die Pracht des Salzkammergutes augenscheinlich machte.

Die Not der dortigen Bewohner ließ er lediglich in der Staffage anklingen. Später wurden die Künstler deutlicher, kantiger in ihren Aussagen und Anliegen. Sie wagten sich an Darstellungen von Fabrikarbeitern vor rauchenden Schloten, bis dahin unbeachteten Knechten und Mägden oder Kindern, die ihre Tage mit harter Arbeit zubringen mussten. Damit soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass Realismus nur auf das Sichtbarmachen sozialer Missstände ausgerichtet ist. Er drückt sich auch in Porträts, in der Darstellung von Lebenshaltungen oder scheinbar banaler Tätigkeiten wie Lesen oder Sitzen im Museum (August Eduard Wenzel, Im Museum, 1939) aus. Es geht ganz einfach um die vielen Schichten der Wirklichkeit, die damit zu erahnen sind, wenn man nur lang genug die Bilder betrachtet und sich seine eigene Geschichte dazu erzählt.

 Emanuel Baschny, Lesender Mann, 1905 © Belvedere, Wien

Emanuel Baschny, Lesender Mann, 1905 © Belvedere, Wien

 Anton Filkuka, Holzsammelnde Kinder, 1925  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
 Erich Miller-Hauenfels, Hof zwischen Großstadthäusern, 1934  Belvedere, Wien

o.: Erich Miller-Hauenfels, Hof zwischen Großstadthäusern, 1934 Belvedere, Wien

li.: Anton Filkuka, Holzsammelnde Kinder, 1925 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

„Lebensnah. Realistische Malerei von 1850 bis 1950“ (bis 1. November 2022) ist demnach auch der Titel der Ausstellung im Oberen Belvedere. Die Kuratoren Kerstin Jesse und Franz Smola durften dafür in den reichen Sammlungen des Hauses zugreifen und haben 85 Werke ausgewählt. Darunter befinden sich Meisterwerke wie das für Gustav Klimt durchaus ungewöhnliche „Bildnis Mathilde Trau“ aus 1893, Emil Jakob Schindlers in diffusen Dämpfen nur erahnbare „Sägemühle im Morgennebel“ oder die humorige „Wettfahrt betrunkener slowakischer Bauern“ von Julius von Blaas d. Ä. Aufgebaut ist die Schau in mehrere Themenkomplexe. Sie beginnt mit „Gesichter der Gesellschaft“ und dem Zwerg einer Elena Luksch-Makowsky, führt im jeweils nächsten Raum zu „Das Echte Leben“, „Die Welt erfassen“ und „Der Blick nach innen“, um mit „Rückzug und Reflexion“ mit Friedrich Frotzel einen alten Bücherschrank (1929) für uns zu öffnen. Auf der anderen Seite geht es weiter mit „Arbeitswelten“, in denen ein Gasarbeiter mutig eine Zigarette raucht (1948 von Oskar Lautischar), zu „Die unsichtbare Arbeit“ und den Stillleben, die als „Die Dinge des Lebens“ zusammengefasst sind. Abschließend sind unter dem Motto „Wie für die große Leinwand“ Gemälde nahe dem Cinemascope in aller malerischen Üppigkeit zu erleben. Versehen mit diesem begrifflichen Grundgerüst wird Realismus in seiner Vielschichtigkeit durchaus begreifbar und die Promenade entlang dieser Bilder und Skulpturen zu einem neuen Verständnis zumindest einer unserer vielen Wirklichkeiten.

Ausstellungsansichten "FACE TO FACE © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansichten "FACE TO FACE. Marc Quinn meets Franz Xaver Messerschmidt" Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

FACE TO FACE Marc Quinn trifft F. X. Messerschmidt

Marc Quinn, Emotional Detox II © Marc Quinn Studio, F. X. Messerschmidt ©  Belvedere, Wien

Marc Quinn, Emotional Detox II © Marc Quinn Studio, F. X. Messerschmidt © Belvedere, Wien

Wenn sich die Dämonen der Seele auf dem Gesicht manifestieren

Franz Xaver Messerschmidt (1735 – 1783) war als Bildhauer seiner Zeit, dem späten Barock und frühen Klassizismus, weit voraus. Zelebritäten wie der Leibarzt Maria Theresias mussten vorsichtig sein, wenn sie sich von ihm eine Büste anfertigen ließen. Der Künstler blickte dem Porträtierten tiefer in die Seele als andere und holte von dort Wahrheiten in dessen Züge, die dem Dargestellten selbst unbekannt oder wohl verdrängt waren. Es entstanden Karikaturen, deren Modelle zumeist unbekannt geblieben sind. Messerschmidt selbst nannte sie nur „Köpfe“, denen er Eigenschaften wie „Ein wollüstig abgehärmter Geck“, „Der Verdrüßliche“ oder „Der Schaafkopf“ beifügte. Das Kuriose an allen den Grimassen ist die Tatsache, dass man beinahe in jeder von ihnen Bekanntes der eigenen Persönlichkeit entdeckt und darüber versonnen schmunzeln kann.

Ausstellungsansichten "FACE TO FACE © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsans. "FACE TO FACE © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "FACE TO FACE © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsans. "FACE TO FACE © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ein Herzenswunsch des 1964 in London geborenen Künstlers Marc Quinn bestand darin, seine Werke denen von Franz Xaver Messerschmidt gegenüber zu stellen. Unter dem Titel „FACE TO FACE“ (bis 3. Juli 2022) sind sie nun im Oberen Belvedere zu sehen. Nachdem Quinn mit der Figur „Alison Lapper Pregnant“, einer körperlich missgestalteten Schwangeren, oder einer Plastik seines Kopfes aus seinem eigenen gefrorenen Blut in England große Bekanntheit erlangt hatte, war er über eine persönliche Krise hinweg wieder zu neuer Kreativität mit dem eigenen Körper gelangt. Es hatte ihn gedrängt, die Dämonen der Alkoholabhängigkeit nach außen zu treiben, die Depressionen sichtbar zu machen, in plastische Formen umzusetzen. Er ließ sich mit Gipsfaschen den Oberkörper, Hände und Kopf einbinden, schuf damit sozusagen Totenmasken eines Lebendigen, und setzte diese in Bleiguss um. Er selbst nannte die Serie „Emotional Detox“ (emotionale Entgiftung), ganz entgegen dem hochgiftigen Material, aus dem Alchemisten einst Gold zu gewinnen glaubten.

 Marc Quinn, Fear of Fear, 1994  © Marc Quinn Studio

Marc Quinn, Fear of Fear, 1994 © Marc Quinn Studio

F. X. Messerschmidt, Zweiter Schnabelkopf © Belvedere, Wien

F. X. Messerschmidt, Zweiter Schnabelkopf © Belvedere, Wien

Damit entstand nun unter Kuratorin Stella Rollig ein Dialog von Antlitz zu Antlitz zwischen dem gemarterten Ausdruck in den Gesichtern und Torsi von Marc Quinn und den Köpfen von F. X. Messerschmidt. An einer Stelle scheint der „Zweite Schnabelkopf“ sich über eine Arbeit Quinns mit fein vorgestreckter Oberlippe lustig zu machen, um sich daneben einen „Erzbösewicht“ über „Emotional Detox IV“ gehörig aufregen zu lassen. Was sich „Ein Erhängter“ zu „The Oneironaut II“ denken mag, bleibt der eigenen Fantasie anheim gestellt, ebenso wie die gegenseitige Mitteilung eines „Ein schmerzhaft Verwundeten“ und des grausam malträtierten Überkörpers in „Fear to Fear“. Über Jahrhunderte hinweg vermitteln sie gemeinsam dem Betrachter eine zeitlose Gegenwart, in der bewegende Gefühle gern schamhaft verschwiegen oder unterdrückt werden und doch in jedem dieser Werke eindrucksvoll ihren Ausdruck finden.

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