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Papyrusmueum Ausstellungsansicht

Papyrusmueum Ausstellungsansicht

HALBMOND ÜBER DEM NIL Papyri als Dokumente einer Eroberung

Halbmond über dem Nil, Blick in eine Vitrine

Halbmond über dem Nil, Blick in eine Vitrine

Vom Kaiser zum Kalifen oder vom Imperium Romanum zum arabischen Weltreich

Die Parallelen sind frappierend. Ägypten war dank des verlässlich über seine Ufer tretenden Nils ein fruchtbares Land, eine Kornkammer für die damals bekannte Welt, die Begehrlichkeiten erweckte, ähnlich der Ukraine, die heute diese Rolle übernommen hatte und nun von einem mächtigen Aggressor zerbombt wird. Anno 30 v. Chr. hatte Gaius Octavianus, der spätere Kaiser Augustus, den grünen Streifen samt seiner bereits Jahrtausende alten Hochkultur dem Imperium Romanum einverleibt. Reiche Ernten erlaubten die Ernährung dieses riesigen Reiches – 700 Jahre lang. Nach einem Zwischenspiel der Sassaniden (dem zweiten persischen Großreich) im 7. Jahrhundert zertrümmerten arabische Armeen die Pax Romana in Nordafrika, die von byzantischen Kaisern auch den Ägyptern zugute gekommen war. Der Islam begann seinen Siegeszug um die halbe Welt der Spätantike. Mit ihm kamen auch die arabische Sprache und Schrift, die sich zum gebräuchlichen Griechisch und Koptisch gesellten. Geschrieben wurde wie eh und je auf Papyrus, einem relativ leicht erhältlichen Material, das seit den Pharaonen in der Gegend gewonnen wurde.

Leichter, arabischer Kavallerist im gestreckten Galopp, mit Lanze und Rundschild – © ÖNB

Leichter, arabischer Kavallerist im gestreckten Galopp, mit Lanze und Rundschild © Österreichische Nationalbibliothek

Brief des Qurra ibn Šarīk, Statthalter von Ägypten, an einen Distriktvorsteher – © ÖNB

Brief des Qurra ibn Šarīk, Statthalter von Ägypten, an einen Distriktvorsteher © Österreichische Nationalbibliothek

Es war die Liebe zur Forschung, die den Habsburger Erzherzog Rainer dazu veranlasste, einen der bedeutendsten historischen Schätze zu erwerben: Papyri aus dem antiken und mittelalterlichen Ägypten. Dank dieser fragilen Dokumente wissen wir heute über so vieles Bescheid, was ohne diese Notizen unwiederbringlich verloren gegangen wäre. Es ist nicht zuletzt der Alltag, der sich aus den zu uns überkommenen Fetzchen herauslesen lässt. So konnte auch Univ.-Prof. Dr. Bernhard Palme, Direktor der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, eine der entscheidendsten Perioden im Verlauf unserer Geschichte mit 110 bis zu 1.300 Jahre alten Zeugnisse anschaulich, teils sogar recht lebendig machen. Die Besucher sind allerdings auf die jeweiligen Informationstafeln bei den einzelnen Objekten angewiesen. Die Entzifferung der Schriften ist den Wissenschaftlern vorbehalten, die sich mit einer späten Art von griechischen Buchstaben, persischen Zeichen und – sensationeller Weise mit dem weltweit ältesten, datierten Papyrus mit arabischem Text auseinanderzusetzen verstehen.

Baumaterialien für die neue arabische Hauptstadt Ägyptens al-Fusṭāṭ © ÖNB

Baumaterialien für die neue arabische Hauptstadt Ägyptens al-Fusṭāṭ © Österreichische Nationalbibliothek

Ich habe gehört, dass Du betrübt bist wegen des Menschen, der bei Dir ist: Siehe, es handelt sich um Menas, den Alexandriner. Ich habe ihn zu Dir geschickt. Wenn Du willst, stelle ihn für die Brote ab. Ordne es ihm einfach an, damit er Dir dient in der Art, wie Du es willst.“ Diese amtliche Anweisung in Griechisch lässt tief in dem Alltag blicken, in dem offenbar schon damals Arbeitskräfte von der Obrigkeit vermittelt wurden. Auf einem Streifen Papyrus ist die Sorge eines arabischen Ehemanns zu entnehmen, der von seiner allein daheim sitzenden Frau nach frommen Bitten an Gott für ihre Gesundheit Geld geschickt haben will. Es gibt aber auch eine Scheidungsurkunde und aus dem 11. Jh. n. Chr. die Entlastung einer Ehefrau von Ansprüchen ihres Mannes. Wenn man kurzen Bannsprüchen glauben darf, trieben Magie und Aberglauben auch in Ägypten die tollsten Blüten. Der Kampf gegen Dämonen war gang und gäbe. Amulette waren bei Muslimen wie bei Christen und Juden beliebt. Wie und ob überhaupt ein düsterer Liebeszauber gewirkt hat, davon verrät auch ein aus dem 9. Jh. n. Chr. erhaltenes Fragment nichts. Man kann es ja ausprobieren: Ein nicht näher benannter Gegenstand wird mit Hahnenblut vergraben, dazu der amouröse Wunsch auf unbearbeitetes Glasmaterial geschrieben, bis die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael helfend eingreifen. Von wissenschaftlicher Seite ist dabei jedoch zu erfahren: Da das Rezept sehr komplex ist, dürfte das Rezeptbuch am ehesten Eigentum eines professionellen „Magiers“ gewesen sein, zu dem die Leute in der Hoffnung gingen, dass er ihre Wünsche durch Magie erfülle. Trotz allem Schmunzeln lässt der Titel dieser Ausstellung doch die Gegenwart unangenehm mitschwingen: Halbmond über dem Nil. Wie aus dem byzantinischen das arabische Ägypten wurde. (bis 7. Mai 2023).

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