Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der zerbrochene Krug, Ensemble © Bettina Frenzel

Der zerbrochene Krug, Ensemble © Bettina Frenzel

DER ZERBROCHENE KRUG In Scherben bei den G´scherten

Petra Strasser (Magdalena Rull), Lisa-Carolin Nemec (Eva) © Bettina Frenzel

Petra Strasser (Magdalena Rull), Lisa-Carolin Nemec (Eva) © Bettina Frenzel

H. C. Artmann hat Heinrich von Kleist übersetzt und die norddeutsche Komödie ins Steinfeld verlegt

Auf die Frage seitens des k.k. Gerichtsrats, ob Richter Adam einen Dorfbewohner mit Klumpfuß kenne, empört sich dieser: „Ned dass ich wüsst! Ein Hatscherter müsst mir ja die Jahre hindurch aufgfallen sein...“ Als Hort des Rechts weit draußen vor der Kaiserstadt muss ein Amtsorgan die Sprache der Menschen reden, über die er zu urteilen hat. Zumindest ist er davon überzeugt, wohl wissend, dass sich die Schlinge um seinen Hals mehr und mehr zuzieht. Dieser Gerichtsrat ist ja wirklich im ungünstigsten Moment erschienen, um Revision zu halten. Man kennt die Geschichte und hat bestimmt schon oft darüber gelacht, wenn sich der nächtens malträtierte Justiziar aus dem Bett erhebt, mit zerhautem Schädel und blutendem Schienbein. Seine Erklärungen dafür sind wenig schlüssig. Sogar Schreiber Lichtl, gerade kein großes Licht am Himmel der Justiz, durchschaut die Schmähs seines Vorgesetzten.

Bernie Feit (Lichtl), Peter Faerber (Dorfrichter Adam) © Bettina Frenzel

Bernie Feit (Lichtl), Peter Faerber (Dorfrichter Adam) © Bettina Frenzel

Eric Lingens (Walter), Ronald Seboth (Dimpfl) © Bettina Frenzel

Eric Lingens (Walter), Ronald Seboth (Dimpfl) © Bettina Frenzel

Bevor noch die Geschädigte in persona Magdalena Rull ihr Anliegen wegen eines zerbrochenen Kruges, einem ihr teuren Erbstück, vortragen kann, ist bereits das Verhängnis in Gestalt von Walter von Waltersberg eingetroffen und stört empfindlich die recht rustikale Verhandlung. Unerhörte Dinge wie Sachlichkeit und ordentliche Einvernahmen werden von diesem eingefordert. Dass der Albtraum von Dorfrichter Adam in Erfüllung geht und er sich selbst verurteilen müsste, ist keine Überraschung, aber insgeheim hofft nicht nur Herr Walter, sondern das ganze Auditorium auf das Eintreffen dieser Prophezeiung.

 

Ort dieser seltsamen Gerichtsszene ist das SCALARAMA, ein Keller unter der SCALA, der sich allein schon mit seinen düsteren Gewölben und finsteren Ecken für ein solches Lustspiel ideal anbietet. Kleists Text hat kein Geringerer als H. C. Artmann der Gegend südlich von Wien angepasst und damit ein kompaktes, flott-kurzes Lustspiel mit Verwendung des Dialekts dieser G´scherten geschaffen. Marcus Ganser und Bruno Max haben mit einigen wenigen Requisiten wie dem Bett, Wartebänken, einem Richtertisch und einem zur Fallsucht neigenden Bild des Kaisers eine ländliche Gerichtsstube gezaubert. Darin hat Babett Arens die teils deftigen Auseinandersetzungen zwischen den Landleuten hinreißend hineininszeniert. Hautnah am Geschehen sitzt das Publikum, immer wieder in Gefahr, in die Handgreiflichkeiten zwischen den Parteien zu geraten.

Anna Sagaischek (Gretl) Lotte Loebenstein (Frau Theresia) © Bettina Frenzel

Anna Sagaischek (Gretl) Lotte Loebenstein (Frau Theresia) © Bettina Frenzel

Johannes Sautner (Ruprecht), Lisa-Carolin Nemec (Eva) © Bettina Frenzel

Johannes Sautner (Ruprecht), Lisa-Carolin Nemec (Eva) © Bettina Frenzel

Es gäbe in dieser Ortschaft wohl keine Gerechtigkeit ohne den unbestechlichen Gerichtsrat, den Eric Lingens mit entsprechender Strenge und gebotener Steifheit tatsächlich zum Gottseibeiuns für korrupte Beamte macht. Bernie Feit ist der listige Schreiber Lichtl, der in aller Seelenruhe auf seine Beförderung wartet und diese mit gezielten Einwürfen vorantreibt. Er bleibt unbeeindruckt, wenn der vierschrötige Bauer Vitus Dimpfl (Ronald Seboth) und Sohn Ruprecht (Johannes Sautner) die verzweifelt um Schadenersatz keifende Klägerin Magdalena Rull (Petra Strasser) eine alte Hex´ und deren bakschierliches, aber schweigsames Töchterl Eva (Lisa-Carolin Nemec) eine Hur´ heißen. Anna Sagaischek als Magd Gretl nimmt hingegen einen Arschtritt ihres Chefs ausnehmend gelassen hin und lässt den Zuschauern das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn sie zum Wein einen Korb mit allerlei wurschtigen Köstlichkeiten aus der Registratur heraus aufträgt. Wie ein fußmaroder Deus ex machina humpelt Frau Theresia zuletzt auf die Szene. Lotte Loebenstein weiß den Gehstock als bedrohliche Waffe einzusetzen und entlarvt den Teufel selbst, als der sich Dorfrichter Adam herausstellt. Ein beeindruckender Peter Faerber waltet in erbärmlichem Zustand seines Amtes und setzt noch im letzten Moment lautstark und bestimmend auf seine Autorität, wenn allen anderen längst klar ist, wer der Missetäter war.

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