Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Bosch & Alraune Ausstellungsansicht

BOSCH & ALRAUNE Weich genähte Höllenqualen

Alraune, Was wäre passiert, wenn die Schlange Eva einfach verschlungen hätte? © Claudia Rohrauer

Nachdenken über das Jüngste Gericht mit gruseligem Textil

Nachdenken über das Jüngste Gericht mit gruseligem Textil Alraune, das ist einesteils die magische Wurzel, die Basis für den Hexentrank, die grausam schreit, wenn man sie aus dem Boden zu reißen versucht und die schon manchen Nachtmahr hervorgerufen hat, der noch am Tag danach den nächtlichen Schrecken nicht vergessen ließ. Alraune kann aber auch freundlich lächelnd mit feiner Nadel weiche Pölsterchen herstellen, die jedoch alles andere als freundlich sind. Aus ihnen fließt in langen Bändern Blut und das Messer, sei es noch so wenig zum Schneiden geeignet, dringt durch das Alles sehende Auge Gottes, bis der Teufel selbst am Telefon abhebt. Die deutsche Künstlerin, 1952 in Tübingen geboren, hat sich die Alraune als Künstlernamen angeeignet und ihr Schaffen einem faszinierenden Zwiespalt zwischen weichem Stoff und knallhartem Thema gewidmet. Sie wurde nun eingeladen, sich von Hieronymus Boschs Triptychon „Jüngstes Gericht“ für die Ausstellung „Bosch & Alraune: Textile Höllenqualen“ (bis 23. September 2018) inspirieren zu lassen.

Beten hilft nichts, Strafe muss sein

Es wurde daraus ein Treffen zweier schräger Phantasien, die in Grausamkeiten baden und dennoch anziehend sind. Was macht es doch für eine Lust, sich an den skurrilen Schöpfungen eines Hieronymus Bosch zu weiden, mit denen er alles dominierend die Verdammung in einer geheimnisvollen Landschaft, bevölkert mit Ausgeburten eines schier kranken Einfallsreichtums, über die Übeltäter hereinbrechen lässt. Die Werke von Alraune stehen ihm diesbezüglich nicht nach. Um den Fuß des Altars windet sich die paradiesische Schlange, die in diesem Fall Eva aufgefressen hat. Nur mehr die schöne Hand unserer aller Mutter schaut aus dem Maul dieses textilen Kunstwerks, das sich tatsächlich angenehm anfühlt wie die Erdbeeren, auf denen eine Ratte zufrieden ihr frugales Mahl verdaut. Auf dem Fleischwolf, in dem ein Mensch schon bis zum Hals verschwunden ist und fein faschiert auf der anderen Seite auftaucht, hat Alraune ein Zitat von Bosch platziert. Über den blutigen Vorgang wacht dort der Allmächtige, der mit Seelenruhe und himmlischer Erhabenheit von seinem Wolkensitz aus die Menschheit richtet. Angerichtet ist ein wahrhaft ungenießbares Menü.

An dessen letzten Gang sollten Besucher mit sensiblen Magennerven besser nicht die Nase hinhalten. Es handelt sich um Höllengesstank. Alraune ist überzeugt, dass „The Torture Never Stops“, was sie mit einer genähten Schallplatte ausdrückt, und lässt an einem Telefon einen „Notruf aus der Hölle“ ankommen.

 

Auf den ersten Blick scheint alles lustig anzuschauen. Aber bei genauerem Hinsehen bedarf es doch eines einigermaßen morbiden Humors, um trotzdem lachen zu können. Trotz allem ist dieser Gang durch das von Alraune geschaffene Weltgericht vergnüglich, ganz einfach, weil es einem bei diesen fein- und grobstofflichen Grausamkeiten, genäht von geschickter Frauenhand, wohlig gruselt. Gleichzeitig lassen sich auf dem höllischen Altarblatt von Bosch gerade damit neue „besinnliche“ Aspekte entdecken.

Alraune, Lust und Ekel, Früchte für Hieronymus, 2006 und 2017 © Alraune

Kopie des Titelblatts des Paradisus Vindobonensis

PARADISUS VINDOBONENSIS Bezaubernde Aquarelle exotischer Blumen

Der in der Akademie vorhandene "Paradisus"

Eine Exkursion in die verborgenen Gärten des Kupferstichkabinetts

Anton Hartinger (1806 – 1890) hieß der Meister, der seinerzeit für eine Prachtedition „Endlicher´s Paradisus Vindobonensis. Abbildungen seltner und schönblühender Pflanzen der Wiener und anderer Gärten und Museen“ die für die Lithographie vorbereitenden Aquarelle schuf. Vom Buch selbst ist in der Akademie für bildende Kunst nur mehr ein Exemplar erhalten, die Aquarelle selbst befinden sich noch in voller Zahl (96) im Bestand des Kupferstichkabinetts, wobei drei davon in den vorhandenen Band eingebunden sind. Aus den anderen im Depot lagernden Blätter wurde von René Schober, Kustode des Kupferstichkabinetts, eine Auswahl für eine bis 26. August 2018 laufende Sonderausstellung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Diese Arbeit schuf gleichzeitig die Gelegenheit, die Person des Künstlers Anton Hartinger ausführlich zu beleuchten.

Anton Hartinger (Wien 1806 – 1890 Wien): Ipomoea rubro-caerulea © Akad. d. b. K.

Er war der Sohn eines Zeichners von Entwürfen für gedruckte Stoffmuster. So erhielt der kleine Anton ersten Unterricht in der familieneigenen Werkstatt und lernte in der ebenfalls zum Betrieb gehörenden „baumwollene und seidene Zeug-Waaren-Druckerey“ die technischen Möglichkeiten dieser Tage zur Vervielfältigung kennen. Von dort kam Anton Hartinger zu einem Blumenmaler namens Johann Knapp in die Lehre, wo er auf Empfehlung seines damals vielbeschäftigten Lehrers in die Manufakturzeichenschule der Wiener Akademie aufgenommen wurde. Der junge Mann war ein erfolgreicher Student, der in der Klasse für Blumenmalerei 1825 den ersten Gundel´schen Preis und 1829 die goldene Medaille des Füger-Preises erhielt. Später wurde ihm per Ratsbeschluss die Stellung eines Correctors, heute einem Assistenten vergleichbar, verliehen.

So dürfte ihm auch der Auftrag zum „Paradisus Vindobonensis“ zugefallen sein, der schließlich seiner gnädigsten Majestät Kaiser Ferdinand gewidmet wurde, der ihm umgehend dafür die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verlieh.

 

1844 betrieb Hartinger bereits Werbung für dieses Kompendium, in dem deutlich an den Farben die anfangs handkolorierten Blätter von den später in verbesserter Litho-Technik farblich gedruckten floralen Darstellungen zu unterscheiden sind. Die Verbesserungen beruhten zum Teil auf eigenen Versuchen mit zwölf Steinen, die bereits farbintensive Ergebnisse ermöglichten. Als mit dem Ende des Biedermeier auch das Interesse an diesem Thema erlahmte und Hartinger 1851 in Pension geschickt wurde, machte er sich als Drucker selbständig und gründete die „artistisch lithografische Anstalt“ Anton Hartinger & Sohn.

Anton Hartinger (Wien 1806 – 1890 Wien): Stanhopea tigrina © Akad. d. b. Künste

Mit ihr konnte er gegenüber der Konkurrenz und den Kunden nicht zuletzt mit einer Medaille reüssieren, die ihm für den „Paradisus Vindobonensis“ auf der ersten Weltausstellung in London verliehen worden war.

Die einzelnen Aquarelle verbergen Botschaften, die von Hartinger mit feinem Strich an den unteren Bildrand vermerkt wurden. Es sind die Namen der Gärten und Glashäuser, in denen der Maler fündig wurde. So wuchsen die dargestellten Blumen beispielsweise im Garten von Erzherzog Karl in Schloss Weilburg, in der Blumenzucht des Weltreisenden und Naturforschers Karl von Hügel, im k. k. Hofgarten in Schönbrunn oder im Garten des Pflanzenzüchters und Botanikers Joseph Georg Beer. Hartinger beschränkte sich in seinen Bildern auf das Wesentlichste der jeweiligen Pflanze. Er verzichtete auf eine natürliche Umgebung und beschnitt die Pflanzen nach seinem persönlichen ästhetischen Empfinden. Ihm ging es, wie er selbst in einer Annonce für den „Paradisus“ geschrieben hat, darum, dass „diese flüchtigen Kinder der Zeit .... auf bleibende Weise in einem Werke vereinigt (werden).“

Anton Hartinger (Wien 1806 – 1890 Wien): Amaryllis (hybrida?) miniata © Akad. d. b. Künste
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