Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Christine Schlegel: Das verlorene Paradies, 2019 (Detail) © Christine Schlegel Foto: Erich Hussmann,

BOSCH & SCHLEGEL Kunst wehrt sich gegen die Gespenster

Christine Schlegel: Der Falkner, 2019, (Detail) © Christine Schlegel Foto: Erich Hussmann, Wien

Das verlorene Paradies und andere Schrecknisse des jüngsten Gerichts

Es ist bereits die zwölfte Korrespondenz, die mit Hieronymus Bosch an seinem zwischenzeitlichen Standort im Theatermuseum geführt wird. Der „Briefverkehr“ besteht auch diesmal aus Gedanken- und Ideenübertragungen, die von seinem Weltgerichtstriptychon ausstrahlen und zeitgenössische Künstler zu einer Verbeugung vor dem Meister der düsteren Visionen und Ausgeburten wildester Phantasien anregen. Die 1950 in der DDR geborene Christine Schlegel hat ihm ein Gemälde mit dem ebenso wenig Hoffnung verheißenden Titel „Das verlorene Paradies“ gegenüber gesetzt. An der Nabelschnur eines stilisierten Mannes kuschelt sich eingebettet in einer Art behütender Gebärmutter eine nackte, sehr sinnliche Frau.

Christine Schlegel: Unschuldige Reinheit mit tödlichem Nackenbiss, 2019 © C. Schlegel/ E. Hussmann

Man weiß nicht, ob es sich um dieselbe weibliche Person handelt, die am unteren Rand des Bildes mit Herrenhut und rauchend gelassen das Weite sucht. Die raumlose Fläche des Geschehens blutrot, ebenso wie die der anderen fünf Gemälde, die mit direktem Bezug auf Hieronymus Bosch entstanden sind, nachdem ihr diese Ausstellung zugesprochen war. Ein Kind mit altem Gesicht nähert sich einem Vogel, der sich auf einem anderen Werk von Bosch befindet, während über ihm bedrohlich eine Drohne schwebt. In „Der Falkner“ hält eine androgyne Person in der Kleidung eines Burgfräuleins einen Falken, ein zweiter sitzt auf einem abgeschnittenen Fuß in der Nähe.

Ein solcher Teil des Beines findet sich auf der grauen Rückseite des Tritychons vor einem Bettler, der hinter dem heiligen Hippolyt kauert und damals wie heute das Mitleid der Vorübergehenden erregen wollte. Es hat sich also nicht allzu viel verändert seit dem Ende des 15. Jahrhunderts und den aktuellen Banden, die Kindern die Beine brechen und verrenken, um sie zum Betteln zuzurichten. Eine weitere Zeiten überspannende Parallele findet sich in „Abhörzentrale“. Den darauf sichtbaren Kopf mit einer Art Antennen hat bereits Bosch gemalt. Es bleibt der Eindruck, dass sich beide, er und sie mit ihrer Kunst gegen reale Gespenster gewehrt haben, die ihnen mit ihrer Neugier einfach zu nahe getreten sind.

Christine Schlegel: Das Kind spielt, 2019 © Christine Schlegel Foto: Erich Hussmann, Wien

Christine Schlegel hatte von 1973 bis 1978 an der Hochschule für bildende Künste in Dresden studiert. Aufgrund ihrer persönlichen Einstellung eignete sie sich aber nicht für das Staatskünstlertum der sozialistischen Republik und begann ihren eigenen Weg zu suchen. Es folgten Beschäftigungen mit Buchprojekten, Künstlerzeitschriften, Experimentalfilmen und Performances. Kontakte zu einer Avantgarde, mit der die Führung nur wenig Freude hatte, ließen in ihr den Entschluss reifen, über eine fingierte Heirat mit einem Niederländer nach Westberlin auszuwandern.

Nun stand ihr die Welt offen, die sie in Reisen in die USA, nach Schottland, Umbrien und Südamerika auskostete. Erst 2000 kehrte sie wieder nach Dresden zurück, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Neben anderen verschiedenen Medien ist es immer wieder die Malerei, mit der sie ihren Betrachtern Rätsel aufgibt, mit Anklängen an den Surrealismus, aber auch mit einer phantastischen Hintergründigkeit, die zu ihrer großen Freude ihre Werke nun bis 24. Mai 2020 nach Wien geführt hat.

Christine Schlegel: Das verlorene Paradies, 2019 © Christine Schlegel Foto: Erich Hussmann, Wien
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