Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Exhibit Studio, Un Paradiso Amaro, Ausstellungsansicht

Exhibit Studio, Un Paradiso Amaro, Ausstellungsansicht

HUNGRY FOR TIME Kräftig durcheinander gewirbelte Zeit

Hungry for Time, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Hungry for Time, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Die Gemäldegalerie der A...kademie der bildenden Künste ist wieder eröffnet

Eine Einladung zu epistemischem Ungehorsam, was immer das heißen mag, steht am Beginn einer neuen Ära in einem wunderschön renovierten Gebäude am Schillerplatz, eben der Akademie der bildenden Künste in Wien, der österreichischen Kaderschmiede von Malern, Bildhauern und allen anderen ähnlicher Richtung tätigen Kreativen. Das Raqs Collective, 1991 gegründet in Neu-Delhi, bestehend aus Monica Narula, Jeebesh Bagchi und Shuddhabrata Sengupta, wurde engagiert, die bis zur Sanierung des Hauses nahezu unverändert bestehende Schausammlung aus ihrer behaglichen, über ewig lange Zeit genossenen Ruhe zu reißen und die ehrwürdigen alten Werke mit zeitgemäßen Hervorbringungen der Kunst zu irritieren. Dafür wurde ein Hunger nach Veränderung konstatiert, nichts anderes will der Titel der Ausstellung „Hungry for Time“ aussagen, eben das Verlangen nach einer Zeit, die durch eine ordentliche Durchmischung verschiedenster Epochen letztlich zeitlos wie die Kunst selbst wird. Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Glyptothek wurden mit fröhlicher Respektlosigkeit durchforstet, passende Werke ausgewählt und mit zeitgenössischer Kunst, teils extra dafür geschaffener Arbeiten konfrontiert.

Hungry for Timme, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Hungry for Time, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Exhibit Galerie, Tickets of Time, Ausstellungsansicht

Exhibit Galerie, Tickets of Time, Guilherme Pires Mata, Bananen!

Es handelt sich um eine Inszenierung in zehn Szenen. So wird gleich in Szene I beispielsweise „Die Hexenweihe“ von David Teniers d. J. (um 1650) neun digitalen Drucken von Dayanita Singh gegenübergestellt. Es handelt sich dabei um „Time Measures, Sequences IV“, bei der es dem Betrachter anheim gestellt ist, deren Funktion als Uhren oder Zeittafeln zu entdecken. Egon Schiele ist in Szene III mit der „Studie zu einem Porträt des Malers Albert Paris Gütersloh (ohne Kopf)“ (1918) vertreten, an deren genialen Kreidestrichen Überlegungen angestellt werden können, warum das Haupt fehlt, ob die Zeichnung unvollendet ist oder und gerade mit diesem „Mangel“ eine spezielle Aussage gegtrofffen werden will. Der Blick landet in der Folge sanft auf „The Emperor´s New Machine“ (2009) von Lavanya Mani, die auf Baumwollstoff Naturfarbe und Maschinenstickerei aufgebracht hat und mit dem Gegenstand des Bildes an zarten, von Frauenhand gemilderten Surrealismus gemahnt. So geht es durch Jahrhunderte, immer mit dem Ausflug in die Gegenwart. Begleitet werden die Besucher von einem Booklet, das Anstöße und Hilfen zum Nachdenken auf diesen Bockssprüngen durch ein scheinbares Kontinuum wie die Zeit gibt.

Hungry for Time, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Hungry for Time, Gemäldegalerie, Ausstellungsansicht

Eher allein gelassen wird man in der Exhibit Galerie, die von Studierenden der Akademie im Dialog mit Raqs Media Collective bespielt wird. Wieder geht es um den Überbegriff von Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen usw. „Tickets of Ideas“ werden zu „Tickets of Times“, wenn sich heranreifende Künstler auf ihre Weise mit den Beständen der Kunstsammlung des Hauses auseinandersetzen. Möglicherweise erklärt sich hier der Begriff „epistemischer Ungehorsam“, wenn es darum geht, eurozentristisches „westliches“ Denken kritisch zu hinterfragen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden nicht mehr als klar voneinander abgegrenzte Bereiche empfunden und öffnen damit den Blick auf durchaus spannende Zusammenhänge.

Hungry for Time, Hein Koh, Twin Lilies (2019)

Hungry for Time, Hein Koh, Twin Lilies (2019)

Hungry for Time, Ausstellungsansicht (Glyprtothek)

Hungry for Time, Ausstellungsansicht (Glyprtothek)

Im daran anschließenden Exhibit Studio empfängt eine Hexe die Eintretenden. Sie macht sich gerade fein für die Walpurgisnacht, für den Tanz mit dem Teufel. Sie ist eines der bekanntesten Werke von Teresa Feodorowna Ries, einer in Wien tätigen Bildhauerin russisch-jüdischer Herkunft, die sich mit der Kraft ihrer Skulpturen in diesem an sich natürlicherweise von Männern beherrschten Genre durchsetzen konnte. Diese beinahe vergessene Künstlerin baut die Brücke zu „Un Paradiso Amaro“, dem bitteren Paradies, für das junge Kunstschaffende diesen unbefriedigenden Zustand erforschende Arbeiten unter Valerie Habsburg als Verantwortliche, Initiatorin und Kuratorin geschaffen und als programmatische Äußerungen zur Wiedereröffnung ihrer A...kademie, wegen der derzeit gepflogenen Sprache besser als „Academy“ zu bezeichnen, ausgestellt haben.

Akademie Logo 350

Statistik