Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Franz West Sitzskulptur, 2004 Albertina © Archiv Franz West

WONDERLAND Eine Menagerie hinter den Spiegeln

Marc Quinn The Selfish Gene, 2007 ALBERTINA, Wien © Marc Quinn Studio

Das Verrückte einer an Museumswände gefesselten Fantasie

Fiona Rae, eine in Hongkong geborene britische Künstlerin, eröffnet auf einem großformatigen Gemälde aus 2004 den Zugang ins „Wonderland“, in dem Alice ihre Abenteuer erlebt. In dieser Welt ist nichts mehr in unserem Sinn normal, besser gesagt, es handelt sich um eine verrückte Teegesellschaft, der sogar die Heldin des Romans von Lewis Carroll bald den Rücken kehrt. Auf dem Bild von Rae scheint hingegen alles in rosa Wonne zu schwimmen und wird erst bei genauem Hinsehen zum Reich einer unvorstellbaren Umgebung, in der jede Vernunft auf verlorenem Posten steht. Damit ist der Titel der Ausstellung, oder wie es Direktor Klaus Albrecht Schröder sieht, dieser Schausammlung zeitgenössischer Kunst zum Programm geworden. Dank diverser Umstände, die hier nicht näher ausgebreitet werden, ist die Albertina zu diesem gewaltigen Bestand an Kunst der Gegenwart gekommen.

Fiona Rae Wonderland, 2004 Albertina © Foto: Buchmann Galerie, Köln

Mit dem Künstlerhaus wurde ein adäquater Ort der Präsentation gefunden. Bis 19. September 2021 werden daraus über 100 Meisterwerke in sieben Kapiteln der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Liest man die Namen der Künstler, deren Werke zu erleben sind, ist zweifellos Großes zu erwarten. Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Katharina Grosse, Albert Oehlen, oder Muntean/Rosenblum decken luxuriös das immense Spektrum dieses Genres ab.

Erwin Wurm Fat car convertible, 2005 Albertina © Bildrecht, Wien, 2021

Jedes einzelne Werk ist die Schöpfung von absoluten Individualisten und damit nicht selten unverträglich gegenüber seinen Nachbarn. In einem Museum haben sie jedoch keine andere Wahl, als nebeneinander zu hängen, ob sie es nun wollen oder nicht. Der Tiergarten Schönbrunn kann auch keine allzu großen Rücksichten auf die Befindlichkeiten einzelner Bewohner nehmen. Eisbären müssen sich damit abfinden, dass im nächsten Käfig Robben oder Pinguine sicher vor deren Pranken fröhlich im Wasser plantschen.

Löwen haben die Ausdünstung von Tigern, Panthern und Flusspferden zu ertragen. Ähnlich wie in einer Menagerie streunt der Besucher in „Wonderland“ von Käfig zu Käfig und bewundert die wilden, an die Freiheit der Wildnis gewohnten Tiere, die ihnen der Dompteur, pardon, Kurator brav dressiert vorführt, durch brennende Ringe springen und artig Pfote geben lässt.

Die Raumtexte bieten genügend Information, um zu wissen, bei welcher Gattung man sich gerade befindet. Vom Vogelhaus „Pop oder die Brüchigkeit des Glücks“ geht es zum Brüllen der „Anarchie in der Kunst“ mit Franz West und Gelatin, weiter in das von Stille beherrschte Aquarium „An den Rändern der Stadt oder die Melancholie in der Kunst“ (u. a. Christian Brandl, Markus Schinwald) bis zu den getarnten Heuschrecken in den „Formen der Abstraktion“ (Hollegha, Prachensky oder Staudacher). Werke von Maria Lassnig und Georg Baselitz sind die Menschenaffen, die mit eindringlichem Blick den Besucher erfassen, um ihn auf die Ruinen der Geiervoliere „Deutschland und die Last der Vergangenheit“ mit Jörg Immendorff oder Anselm Kiefer vorzubereiten. Das Affenhaus „Gesicht und seine Maske“ mit spektakulärer Porträtfotografie von Gottfried Helnwein beendet diesen Besuch in einem Zoo mit einer an die Wände gefesselten Fantasie hinter den Spiegeln.

Georg Baselitz Hockender Hund, 1968 ALBERTINA Foto © Photoatelier Laut
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