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The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

THE 80s Als aus Kitsch und Spaß Kunst wurde

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

Was seit diesem Jahrzehnt alles seinen Niederschlag auf Galeriewänden gefunden hat – ein Überblick

Sie sind die Wiege der heutigen Kunst, ist Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder überzeugt. Namen wie Jeff Koons, Jenny Holzer, Jean-Michel Basquiat, Cindy Sherman oder Erwin Wurm sind auch für weniger kunstaffine Zeitgenossen ein Begriff. Man hat sich seinerzeit darüber vielleicht echauffiert, wenn Wandschmiereien andächtig als bedeutende Gemälde apostrophiert wurden oder ein Gurkerl als tiefsinnige Selbstdarstellung durchgegangen ist. Die Zeit hat sie alle gnädig aufgenommen und in den Jahrzehnten seit 1980 bis heute heilig gesprochen. Wir denken gerne daran zurück und haben selig vergessen, dass damals noch ein Eiserner Vorhang Europa durchtrennt hat, Ost und West mit Atombomben einander feindselig bedroht haben und von einem Tag auf den anderen plötzlich AIDS im Raum gestanden ist, sodass bei jeder neue Bekanntschaft vor dem ersten Verkehr die Blutproben abgeglichen werden mussten. Geblieben hingegen ist die Erinnerung an Blockbuster im Kino, an die ersten Versuche am Amiga-Computer und an eine Konjunktur, die zwar auf Schulden aufgebaut war, aber dennoch für allseitigen Wohlstand gesorgt hat.

Mike Kelley, Pansy Metal/Clovered Hoof, 1989

Mike Kelley, Pansy Metal/Clovered Hoof, 1989

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

Die Kunst hatte damals die Jahre des Protests nach dem Zweiten Weltkrieg hinter sich gelassen und wurde wieder freundlich zu einer Gesellschaft, die sich in kürzester Zeit gewaltig gewandelt hatte. Es war nun für den Künstler keine Schande mehr, wenn man sein Bild mit Wohlgefallen betrachten konnte, wenn man über verrückte Ideen schmunzelte und sich sogar in „Junge Wilde“ und „Heftige Malerei“ einzuschauen bereit war.

 

„The 80s. Die Kunst der 80er Jahre “, bis 13. Februar 2022 in der Albertina Modern, erweckt nostalgische Gefühle. Es geht um „Die Kunst der 80er Jahre“, die mit über 160 Arbeiten das vielseitige Schaffen dieses Jahrzehnts widerspiegelt. Viele der damaligen Protagonisten sind bis heute aktiv und können darauf verweisen, dass sie damit bereits die Kunst des 21. Jahrhunderts in die Wege geleitet haben. Neben Größen wie Keith Haring oder Richard Prince sind auch Österreicher vertreten. An der Bedeutung von Brigitte Kowanz, Herbert Brandl, Maria Lassnig und Franz West hat sich nichts geändert. Ihre Werke fügen sich nahtlos in den internationalen Kontext.

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

Kuratorin Angela Stief hat insofern Übersichtlichkeit geschaffen, als die Ausstellung thematisch in 13 Räume gegliedert ist. So ist in Raum 2 von der „Ästhetik der Waren“ die Rede, vom Aufschrei gegen einen übermächtigen Kunstmarkt. Waren, Firmenlogos und Attrappen käuflicher Massenprodukte werden zum Gegenstand ironischer Betrachtung. Der „Hunger nach Bildern“ erzählt über die Abkehr von kopflastigen Strömungen wie Minimalismus und Konzeptkunst. Es regieren grelle Farbigkeit und Spontaneität, die eine bis dahin bereits totgesagte Malerei wieder belebte. Raum 7 ist der Anarchie der Kunst gewidmet, die in Kollektiven gepflegt wird, die sich zu Netzwerken auswachsen, um „über ein sich bewahrendes, isolierendes Ich-Selbst des Einzelnen hinauszuführen“, was immer dieser Satz im Saaltext bedeutet. Es gibt den „Neo-Expressionismus“ in Raum 8 zu bestaunen und ein paar Schritte weiter „Bilder nach Bildern“. Es wäre keine bewegende Zeit gewesen, hätten nicht auch Frauen ihre Rechte eingefordert – und mittlerweile bekommen. In der Zwischenzeit gibt es im Nachwuchs fast nur mehr Künstlerinnen und kaum mehr Künstler. Jenny Holzer beispielsweise verwendete neben den „Inflammatory Essays“, also Textbeiträgen, LED-Leuchtbänder, Sitzbänke, Aufkleber und T-Shirts, um ihren Aufschrei, ihre „Kritik am Patriarchat“ genreübergreifend darzustellen.

Julian Schnabel, The Exile, 1980, Bischofberger Collection

Julian Schnabel, The Exile, 1980, Bischofberger Collection

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

The 80s. Die Kunst der 80er Jahre, Ausstellungsansicht

Wichtig war, dass es Spaß machte und die Menschen wieder zum Hinschauen verleitete, wenn nicht anders, dann mit Humor. Ein amüsantes Beispiel ist der Film von Peter Fischli & David Weiß. Titel: Der lauf der dinge (1987). Wie beim Domino wird von Plastikflaschen, leeren Dosen oder brennbaren Flüssigkeiten ein Schritt nach dem anderen ausgelöst, um Dinge zu bewegen, unter anderem auch durch ein aufgeblasenes Präservativ, das auf Schienen dahinsaust, um seinerseits wieder ein Rolle in Bewegung zu versetzen, die ihrerseits wieder Auslöser für die nächste Aktion ist usw. Es darf gelacht werden, ganz einfach gelacht, bei einer an sich so ernsten Sache wie Kunst.

Schiele und die Folgen, Ausstellungsansicht

Schiele und die Folgen, Ausstellungsansicht

SCHIELE UND DIE FOLGEN Selbstporträts post Expressionismus

Selbstbildnis in oranger Jacke,  Egon Schiele © Albertina

Selbstbildnis in oranger Jacke, Egon Schiele © Albertina

Wenn der Blick des Künstlers auf das eigene Ich zur Autobiographie wird

Die Albertina verfügt über eine beachtliche Zahl an Selbstporträts von Egon Schiele. Dem Besucher wird diese Fülle bereits im ersten Raum klar gemacht, der einigermaßen dicht mit dessen kleinformatigen Werken behängt ist. So besehen ist die Ausstellung „Schiele und die Folgen“ (10. September 2021 bis 23. Jänner 2022) eine Art nach außen gekehrte Nabelschau, die mit zwölf Künstlern in der Nachfolge dieses Pioniers des Expressionismus eindrucksvoll unterstrichen wird und 115 Selbstporträts Möglichkeit zum Zwiegespräch mit Malern des 20. Und 21. Jahrhunderts bietet. Ort dieser Demonstration einer schier unergründlichen Sammlung ist das Künstlerhaus, in dessen unteren Geschossen die Galerie „Albertina Modern“ untergebracht ist. Mit Texttafeln zu jedem Bild gibt Kuratorin Elisabeth Dutz Informationen, die Augen und Verständnis für so manches Rätsel in diesen Malereien öffnen.

Die Einführung besteht in einem Rückblick auf dieses Genre, das Albrecht Dürer für das Abendland erfunden hat, als er sich als Dreizehnjähriger gezeichnet hat. Ihm folgt Rembrandt, der im 17. Jahrhundert sich bereits über 100 Mal selbst dargestellt hat. Er hat darin ein Kostümspiel betrieben. Das Modell, also er selbst, war stets zur Hand. Keiner als der Künstler wusste besser, welche Pose und welcher Gemütszustand für die meist zu Studienzwecken geschaffenen Arbeiten gefragt waren.

 

Für Egon Schiele ging das Thema „Ich selbst“ weit tiefer. Er zeichnet sich nackt, mit einem ausgemergelten Körper, rachitisch verkrümmt und mit verkrampften Extremitäten. Er scheute nicht davor zurück, sich beim Masturbieren zu beobachten, Grimassen zu schneiden oder sein Ideal materieller Armut in armseligen Gestalten zu verkünden, wenn er als Bettelmönch auftritt. Seine künstlerische Inszenierung unterscheidet sich gründlich vom äußeren Erscheinungsbild, mit dem er sich der Gesellschaft präsentierte, in der er als eleganter junger Mann mit harmlosen Spleen aufzutreten pflegte. Georg Baselitz hat den ausgerenkten Arm Schieles direkt in seine Arbeiten übernommen. „Alles, was du wahrnimmst, ist eine Reflexion deiner selbst“ lautet sein Credo für die gesamte Bandbreite seiner Motive, die er durch das Auf-den-Kopf-Stellen vom Inhalt befreien wollte, um „sich der Malerei an sich zuzuwenden.

Ohne Titel (Selbstporträt)  Eva Schlegel © Albertina

Ohne Titel (Selbstporträt), Eva Schlegel © Albertina

Camera Cannibale,  Maria Lassnig © Albertina

Camera Cannibale, Maria Lassnig © Albertina

Einer der radikalsten Vertreter des Wiener Aktionismus ist Günter Brus, der Posen, die von Schiele stammen könnten, über die Schmerzgrenze hinaus angewendet hat. Sein Körper wird zur Leinwand, die bemalt und bis zur Zerreißprobe verstümmelt wird. Der Gesichtsausdruck von Adriana Czernin hingegen ist immer ruhig und ausdruckslos. Ihr „Was mich wirklich fasziniert, ist der Sekundenbruchteil einer Bewegung“ meint, dass sie minutiös vor dem Spiegel die Posen ausprobiert, für Diapositive Modell steht und diese dann im Spannungsfeld des dreidimensionalen Körpers mit einem flachen, scherenschnittartigen Hintergrund umsetzt. Für Jim Dine ist es immer der selbe Blick in den Spiegel, ohne irgend welche Gefühle zu verraten. Valie Exports Fotos aus 1970 sind bekannt. Sie lenken den Blick ebenso auf Tabuzonen wie die Gemälde von Elke Krystufek, die darin Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit auslotet. Eva Schlegel, die Meisterin verschiedner Medien, überprüft die Sehgewohnheiten, wenn sie wie auf dem hier gezeigten Bild gewissermaßen riesenhaft aus dem Raum wächst.

Schiele und die Folgen, Ausstellungsansicht

Schiele und die Folgen, Ausstellungsansicht

„Body awareness“ ist ein Begriff, den Maria Lassnig geprägt hat, wenn sie die Aufarbeitung ihres „Körpergefühlsinns“ als Selbstporträts bezeichnet. Mit der Kamera erforscht Karin Mack die „Räume des Selbst“ und hinterfragt darin die traditionelle Rolle der Frau. In ihrer Fotokunst hingegen verschwindet Cindy Sherman, wenn sie auf ihren Bildern nicht mehr erkennbar ist, sondern zu einer stereotypen Frauenfigur wird. Ein Lächeln breitet sich über die Gesichter der Betrachter vor den Zeichnungen Erwin Wurms. Er wird zum Karikaturisten seiner selbst, der über sich selbst mit Bleistift, Buntstift, Kugelschreiber oder Aquarellfarben lachen kann. Ein ganzer Raum ist Arnulf Rainer gewidmet, in direkter Nachbarschaft zu Egon Schiele. Hinter kräftigen schwarzen Strichen verbirgt sich das Gesicht des Künstlers, angefangen von den Face Farces bis zu den Body Poses, in denen Fotovorlagen durch Zerkratzen, Überstricheln, Zuschütten und Fingermalerei bearbeitet und damit zum Ausdruck einer scheinbar vom Künstler getrennten Persönlichkeit werden.

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