Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Mykhaylo Palinchak, Irpin, Ukraine 9.3.2022

Mykhaylo Palinchak, Irpin, Ukraine 9.3.2022

DIE SCHRECKEN DES KRIEGS. Keine Ausstellung, sondern ein Statement

Mykhaylo Palinchak, Kiew, Ukraine 1.3.2022

Mykhaylo Palinchak, Kiew, Ukraine 1.3.2022

Kommentare von Francisco de Goya und Mykhaylo Palinchak zu unvorstellbarer Grausamkeit

Es sind Bilder, die man besser nicht sehen will. Aber man muss hinschauen, die aufsteigende Übelkeit überwinden und die Verzweiflung über das Gesehene zu verarbeiten versuchen. Im Anschluss an das prophetische Werk von Hans Weigand wurden in der Basteihalle die erschütternden Radierungen „Los Desastres de la Guerra“ von Francisco de Goya rund 40 aktuellen Kriegsfotografien des ukrainischen Fotografen Mikhail Palinchak gegenübergestellt (bis 21. August 2022). Direktor Klaus Albrecht Schröder setzt damit in der Albertina, wie er es selbst formuliert, ein Statement. Es ist tatsächlich mehr als eine Ausstellung, so kunstvoll sie sein mag. Denn die Thematik erlaubt kein Genießen, trotz eines genialen Strichs des Spaniers, der in seinen Werken die Gräueltaten der Soldaten Napoleons in den Jahren 1810 bis 1814 anklagt, noch weniger die ergreifenden fotografischen Dokumente des unmittelbar betroffenen Fotokünstlers Palinchak.

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Lo mismo © ALBERTINA, Wien

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Lo mismo © ALBERTINA, Wien

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Sie wollen nicht, Albertina Wien

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Sie wollen nicht, Albertina Wien

Beide sind ein mehr als dringlicher Appell an die Menschheit, endlich zu begreifen, dass Feldherren alles andere als Helden, dass ihre Verehrung ein Hohn für deren Opfer und dass deren angebliche Großtaten nur unter verabscheuungswürdigsten Umständen gelungen sind. Sie haben den Humanismus von den Stiefeln ihrer Soldaten zertreten lassen und haben mit kaltem Auge zugesehen, wie er unter Strömen von Blut ersoffen ist. Sie sind Bestien, die ihren Platz in der Geschichte auch in deren Gesellschaft erhalten sollen, nicht wie bisher auf Denkmälern und in Schulbüchern. Kein Kind sollte mehr deren Lebensdaten erlernen und Siege aufzählen müssen, nicht von Alexander dem Großen, nicht von Gaius Julius Caesar und nicht von Wladimir Wladimirowitsch Putin, der eine der längsten Friedenszeiten in Europa mit seinen Bomben und Raketen zertrümmert hat.

Mykhaylo Palinchak War (Borodyanka, Ukraine), April 6, 2022 © Mykhaylo Palinchak

Mykhaylo Palinchak War (Borodyanka, Ukraine), April 6, 2022 © Mykhaylo Palinchak

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Massen von Toten, Albertina Wien

FRANCISCO DE GOYA Los Desastres de la Guerra: Massen von Toten, Albertina Wien

Der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici hat dazu einen Text veröffentlicht, der diese Gedanken literarisch mit eindringlicher Kraft formuliert:

 

Der Tyrann erklärt den Krieg nicht, den er entfesselt. Er verbietet das Wort und will es nicht hören, so braucht er vom Kriegsrecht nichts zu wissen. Unaussprechlich sollen die Schrecken sein, die er über Wehrlose bringt. Zugeständnisse schüren bloß seine Blutgier. Von den Städten, die er vorgeblich befreit, bleibt nichts. Selbst Familien des eigenen Volkes, die sich dem Feldzug entgegenstellen, werden ausgerottet.

Kinder und Alte werden niedergemacht. Säuglinge erblicken das Licht der Welt in Form einer Brandbombe. Der Tyrann leugnet den Massenmord und verleiht jener Brigade, die ihn verübte, Orden. Die Auslöschung einer Nation samt ihrer Geschichte ist das Mittel zum Ziel, Weltmacht zu sein.

Feind ist nicht nur die gegnerische Armee. Ins Visier gerät nicht allein, wer Ausrüstung liefert – ob Helme oder Panzer. Das Regime droht uns allen mit atomarer Vernichtung. Das ist die Tyrannei. Es genügt, ihr nichts mehr abzukaufen, um ihre Wut zu reizen.

Auch wenn wir weit vom Schuss sind, geht es um unser aller Freiheit. Ein Europa in Frieden jenseits seiner Willkür kann es für den Tyrannen nicht geben. Darum unterstützt er alle, die – ob in Brüssel, Berlin, Paris oder Wien – die Demokratie untergraben. Er erwartet Unterwerfung. Aber zu seiner Bestürzung eint er eben dadurch einen ganzen Kontinent, der nicht unter seiner Herrschaft leben will und Widerstand leistet.

Seine Macht gründet auf Angst und Terror. Sein Hass gilt seit jeher jener Kunst, die widerspiegelt, was den Opfern widerfährt. Der Tyrann weiß um ihre Kraft und fürchtet ihre Courage.

Da sind die Bilder von den Kämpfenden, von den Fliehenden, von den Ermordeten, von Verstümmelten, von Vergewaltigten, von Gefolterten. Sie schauen uns an. Wer Augen hat, der sehe.

Hans Weigand, Ausstellungsansicht

Hans Weigand, Ausstellungsansicht

HANS WEIGAND Maler und Musiker als Rider in the Storm

Hans Weigand, Welle aus dem 16. Jahrhundert Foto © Atelier Neumann, Wien

Welle aus dem 16. Jahrhundert, Foto © Atelier Neumann, Wien

Anarchistische Erinnerungen an Pop-Art, Science-Fiction, Psychedelic Pop und Rock

Jesus himself muss als Wellenreiter herhalten, wenn es dem Meister so gefällt. Dass dabei mit leerem Blick ein Gorilla zuschaut, wirft bereits Fragen auf. Deren Antworten sind in den Holzschnitten und Ölgemälden des in Tirol geborenen Hans Weigand jedoch gut versteckt. Schon in den frühen 1970er-Jahren, bevor er noch bei Oswald Oberhuber an der Universität für angewandte Kunst studiert hat, hatten ihn die damaligen Strömungen fasziniert. Kunst ist Anarchie wie Pop-Art. Science-Fiction oder Psychedelic Pop und Rock. Das Bewusstsein wurde auf jede mögliche Weise erweitert. Die Musik dazu haben Gruppen wie „The Doors“ oder „The Clash“ geliefert. Es war der fruchtbare Biotop der späten 1960er-Jahre, der diese Befreiung brachte. Reminiszenzen daran finden sich in den jüngsten Werken, einer Mischung aus zeitgenössischen Motiven und altmeisterlichen Anklängen. Man muss nur genau hinschauen, den Blick mutig auf einstürzende Hochhäuser richten, darf sich nicht vor den mächtigen Wogen fürchten, die über die Betrachter hereinzubrechen drohen, und muss sich auf das Surfbrett wagen, das für Risikobereitschaft geradeso wie für das Absaufen steht.

Drop City  © Hans Weigand, Foto © Atelier Neumann, Wien

o. u. r.: Drop City © Hans Weigand, Foto © Atelier Neumann, Wien

Drop City © Hans Weigand, Foto © Atelier Neumann, Wien

„Rider in the Storm“ (bis 21. August 2022) ist der Titel der Personale, die Klaus Alberecht Schröder persönlich mit viel Herzblut in der Basteihalle kuratiert hat. Im Mittelpunkt hängt das aus vier Tableaus bestehende „Drop City 1-4“ mit den Untertiteln „Dawn, Morning, Noon und Sunset“. Der oben bereits erwähnte Gorilla kommt in jeder Tageszeit vor und enthüllt sich hier als Rückgriff auf den „Planet der Affen“, einem Sci-Fi-Streifen aus 1968. Ihm scheint es nichts auszumachen, wenn eine barocke Kuppel umkippt und mit dieser „gefallenen Stadt“ untergeht. Nachdem die schaurige Vision einer düsteren Zukunft inzwischen grausame Wirklichkeit geworden ist, darf Hans Weigand mit bestem Gewissen als Prophet angesehen werden, als Bote eines „Clash of Time“, der mit klassisch geführtem Schnitzmesser im Holzschnitt diese Kollision von Vergangenheit und Gegenwart dem Besucher unter die Haut schneidet.

Albertina Logo 350

Statistik