Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Über das Neue Ausstellungsansicht

ÜBER DAS NEUE in der überraschenden Vielfalt von Kunsträumen

Philipp Timischl, Untitled, 2013–2018

Hinausgehend über eine Leistungsschau der Jungen Szene in Wien

Das Alterslimit beträgt 35 Jahre. Es liegt also noch viel kreative Zeit vor den 18 Kunstschaffenden, die für die Ausstellung „ÜBER DAS NEUE Junge Szene in Wien“ im Belvedere 21 (bis 2. Juni 2019) ausgewählt wurden. Eingeladen waren unter anderen zwölf Wiener Projekträume, die frei von Vorgaben je eine Präsentation konzipierten. Sie haben nun im Museum ihr Umfeld gefunden, das ihnen üblicherweise in lockeren Treffen in bestimmten Lokalitäten, eben in den Kunsträumen als einer Art Galerie ohne Verkaufsfunktion, als Möglichkeit des Austauschs und der gegenseitigen Inspiration zur Verfügung stehen. Möglich ist dort alles, was heutzutage mit dem Begriff Kunst verbunden werden kann; von surrealistischen Anklängen über solide geschaffene Skulpturen und Gemälde bis zum Konzept, das sich in kreisförmig angeordneten Gegenständen verwirklicht. Vielseitigkeit ist also garantiert. Severin Dünser und Luisa Ziaja haben in der Auswahl diese bunte Palette an Richtungen und Ideen mutig berücksichtigt; wenngleich sie selbst zugeben, dass „unsere kuratorische Auswahl natürlich subjektiv und zwangsläufig unvollständig ist.“ Sie orteten überraschende Tendenzen, wie die gewachsene Rolle handwerklicher Fertigkeiten.

Marc-Alexandre Dumoulin  Funambule (Detail)

Eine neue Nostalgie“, so die Kuratoren, „sowie ein Rückzug ins Private, ins Innere, in spirituelle und fantastische Weltentwürfe lassen sich als Antwort auf den Verlust von Utopien und Zukunftsperspektiven verstehen.“ Die Namen der Künstler, zwölf Frauen und sechs Männer, sind noch kein Begriff, machen aber neugierig.

Birke Gorm move Detail

Der Besucher wird in eine Art Labyrinth hineingezogen. Hinter jeder Ecke, um die er in diesen offenen „Räumen“ biegt, taucht tatsächlich Neues auf, sehr oft Unerwartetes, jedenfalls aber etwas, das den Betrachter nicht unberührt lässt. Furchteinflößend große Ameisen krabbeln an mächtigen Krügen von Birke Gorm. Den Blick in eine düstere Traumlandschaft zieht Marc-Alexandre Dumoulin mit den als „Funambule“ betitelten Ölbildern. Lukas Posch spannt drei Katzen auf die Leinwand.

Er benennt sie geheimnisvoll mit X(#1), X(#2) und X(#3), während Edin Zenun in guter Tradition moderner Kunst auf Arbeiten ohne Titel setzt und Lucia Elena Průša sich mit dem kreisförmigen Anordnen von Damenslips, Scheren, Messern und Sesseln begnügt. Dazu hat sie aber eine Menge zu sagen. Die Stühle erzählen uns über „Acknowledge that silence won´t protect you“, die „Haushaltswaffen“ stehen für „Putting words in terms of ,us v. them´ serves no purpose“ und die Höschen „Make eye contact with the speaker“. Das Schöne daran: Man muss nicht alles verstehen, um es zu kapieren. In eigens für die Ausstellung eingerichteten Kunsträumen wird gearbeitet, beziehungsweise werden diese gleichzeitig in einem Intervall von drei Wochen bespielt. Bei all dem geht es um Kunst schaffende Wiener, die auf diese Weise vor den Vorhang geholt werden, heraus aus einem nicht selten auf eine kleine Clique beschränkten Kreis von Bewunderern.

Tapfer setzen sie sich dem Urteil der Öffentlichkeit aus, die auch in einem Haus wie dem Belvedere 21 vor böser Kritik nicht immer zurückscheut. Dazu allerdings sagt Severin Dünser: „Diese Ausstellung geht über das Format einer Wiener Leistungsschau hinaus. Sie bietet den Protagonisten nicht nur eine Plattform, sondern versucht exemplarisch die Anliegen und Haltungen einer neuen Generation in ein Verhältnis zu ihren Ausdrucksformen zu bringen und damit dem Neuen nachzuspüren.

Lucia Elena Průša Putting words in terms of ,us v. them´ serves no purpose

Kinderzimmer-Triptychon 1971

ATTERSEE Genialster Kindskopf und witzigster Schweinigler

Christian Ludwig Attersee, „Feuerstelle“, 2011 © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

An der FEUERSTELLE sitzen und mit dem Künstler schauen, lachen, hören und GrüVe trinken

Christian Ludwig Attersee hat die Malerei in Österreich ähnlich populär gemacht wie Peter Handke die Literatur oder Thomas Bernhard das Burgtheater. Man hat sich über sie an den Stammtischen das Maul zerrissen, sich über ihre Eskapaden auf die Schenkel geklopft und zumindest einige ihrer Werke gekannt, wenn oft auch nur vom Hörensagen. Attersee ist im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geblieben, und wenn es sich nur um das jüngste Plakat für den Damen-Weltcup 2018 am Semmering gehandelt hat, das aufgrund sexistischer Darstellung von den Veranstaltern zurück gewiesen wurde. Der Meister wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und kann nicht ganz verstehen, was an einem nackten Schihaserl anstößig sein sollte.

Hundebüstenhalter 1966

Schließlich hat er sein ganzes, fast sechzig Jahre dauerndes Schaffen mit derlei Inhalten erfolgreich provoziert. Dieser Auffassung waren auch die Politiker, allen voran NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die sich mit Attersee bei der Präsentation stolz ablichten ließen. Erst der ÖSV ließ das Plakat zurückziehen und verzichtete auf „sexistische“ Werbung. Tempora mutantur! Trotzdem, warum sollte Attersee jetzt einsehen müssen, dass Herrenwitze aus den 1960ern heutzutage nicht mehr lustig sind und das, was vor ein paar Jahrzehnten noch als Werk des berühmtesten Malers unseres Landes galt, dem Zeitgeist nicht mehr als ein aus allen Medien brüllendes #MeToo entlockt. Aber das ist eben Attersees Markenzeichen. Lass die Wogen ruhig hochgehen, irgendwann werden sie sich wieder glätten und die Empörung der Verehrung weichen.

Dinge 1967

In diesem Sinn wird auch die Ausstellung ATTERSEE FEUERSTELLE im Belvedere 21 (bis 18. August 2019) schwerlich einen Skandal hervorrufen. Es geht, wie es Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere ausdrückt, um „eine Rückkehr zu den Wurzeln des Künstlers und zugleich eine Zeitreise in die Gegenwart.“ Sie ortet im radikalen Frühwerk Sprengkraft und sieht Attersee als singulären Wegbereiter des souveränen Cross-over zwischen Kunst und Lebensgestaltung in allen Facetten. Dazu zählt auch die Musik, die ebenfalls seiner ganz persönlichen, die Hörnerven attackierende Interpretation unterworfen ist. Attersee: „Ich spiele gerne falsch Klavier, singe gerne falsche Töne, halte am liebsten keinen Rhythmus ein.

Dabei entsteht etwas Neues, eben Atterseemusik.“ Um einen Eindruck davon zu erhalten, hat man im Rahmen der Ausstellung Gelegenheit, den Stimmungsmacher Rampi Rampi in Vinylbox inklusive CD, 7“-Single und 2 Kunstdrucken zu erwerben.

 

Der Kosmos des Malers Attersee ist tatsächlich prallvoll mit überschießenden Ideen des Schrägen, die auf Befindlichkeiten zart besaiteter Seelchen keine Rücksicht nehmen. Meist ist es der Frauenkörper, der seine Phantasie zu witzigen Pointen angeregt hat. Mit „Hundebüstenhalter“ ist ein Gemälde aus 1966 tituliert, bei dem ein sehr erotischer Busen mit zwei bellenden Hundsköpfen bedeckt ist. Im selben Jahr wurden abgeschnittene Finger mit elegant rot lackierten Nägeln mit Schinken und Käse zu „Schinkenfingern“ gewickelt. Hundsordinär sind die Katzen auf dem „Kinderzimmer-Triptychon“ (1971) mit schaukelnden Brüsten und spritzenden Penissen.

Oder die Außerirdischen, denen der in Pressburg geborene und in Aschach und am Attersee zum Künstler und Meistersegler herangewachsene Christian Ludwig unter dem Motto „Komm mit nach Österreich“ einen Führer zu den schönsten Plätzen geschaffen hat, um sie dort ihre Geilheit abreagieren zu lassen. Dagegen sind die Etiketten des GrüVe, von denen 2018 bereits die 32. Auflage auf Flaschen mit Grünem Veltliner des Weinguts Jurtschitsch erschienen ist, ausgesprochen harmlos. Schließlich geht es bei deren Inhalt um den Treibstoff, der Attersee nach wie vor zu neuen Ideen anregt. Es bedeutet ihm, wie er selbst sagt, ungeheures Glücksgefühl, ein Bild aus seinem Kopf auf der Leinwand umzusetzen. Es hält ihn frisch und macht ihn, so Attersee, zu einem unserer jüngsten Maler.

Schinkenfinger 1966
Belvedere 21 Logo 250

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