Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


DRAUSSEN SEIN Gemeinsame Wagnisse im Sommer 2020

 Marlene Hausegger, "Platz an der Sonne" (Skizze), 2020  © Marlene Hausegger

Kunst im Skulpturengarten öffentlich gemacht

Unter dem Motto „draußen sein“ steht im Sommer 2020 die Veranstaltungsreihe Gemeinsame Wagnisse. Diese führt vom 9. Juli bis 17. September 2020 an sechs Donnerstagabenden ins Freie. Im Skulpturengarten des Belvedere 21 finden kostenlose Performances, Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen, Präsentationen und Gespräche statt. Der Skulpturengarten schließt direkt an den Schweizergarten an und wird zu einem Ort der Gemeinschaft, an dem spontane Zusammenkünfte und niederschwelliger Austausch möglich sind.

 

Der Titel „draußen sein“ legt auch Bedeutungen im Sinne von „am Rande stehen“, „außerhalb sein“ nahe, die das Programm thematisch aufgreift. Österreichische und internationale Kulturschaffende präsentieren künstlerische und aktivistische Strategien, mit Herausforderungen der Gegenwart wie Kolonialgeschichte, Krieg und Umweltzerstörung umzugehen. Sie thematisieren ebenso das Bilden von Allianzen und das Feiern neuer Gemeinschaften, die sich dadurch ergeben können.

 

Terminübersicht:

Donnerstag, 9. Juli, 18 bis 21 Uhr GESCHICHTEN WIEDERERZÄHLEN Mit Marko Dinić, Ana Hoffner, Nina Kusturica, Barbi Marković, Nedad Memić und Fiston Mwanza Mujila, Patrick Dunst, Christian Pollheimer

 

Donnerstag, 23. Juli, 18 bis 21 Uhr ZU ZWEIT

 

Mit KLITCLIQUE, One Mother und Paula Irmschler Donnerstag, 6. August, 19 bis 23 Uhr HAINBURGER AU UND HAMBACHER WALD Mit Doris Holler-Bruckner, Fridays for Future, Annemarie Höfele und Lukas Reiter

 

Donnerstag, 20. August, 19 bis 22 Uhr NO SHELTER FROM THE STORM Mit Anca Benera, Arnold Estefan, Maja Fowkes, Reuben Fowkes und Matthew Barney

 

Donnerstag, 10. September, 18 bis 23 Uhr QUEERING BELVEDERE Mit Andreas Brunner, Eva Egermann, Viktor Neumann und Mara Mattuschka

 

Donnerstag, 17. September, 18 bis 23 Uhr KISS AND TELL Mit Thomas Hörl und Peter Kozek

 Mara Mattuschka, „Phaidros“, 2018  © Stadtkino Filmverleih
Nachtfalter  © Anita Fuchs

Alle Veranstaltungen sind kostenlos. In deutscher und englischer (am 20.8.2020) Sprache. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung unbedingt erforderlich.

Buchung unter: www.belvedere.at/programm

Herbert Brandl, "Apokalypse zur schönen Aussicht", 2020 Foto: Markus Wörgötter / Belvedere, Wien

HERBERT BRANDL die großen Formate der letzten 20 Jahre

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2001 Foto: Franz Schachinger, Wien

Schrecklich schöne Natur betrachtet in gewaltigen Pinselstrichen

Herbert Brandl ist sich sein Leben lang treu geblieben. Er hat stets auf die Kraft des Pinsels und der Farben gesetzt, unangefochten von den unzähligen Strömungen wie Konzept-, Performance- und Medienkunst. Die Konsequenz ließ ihn zu einen der bekanntesten und maßgeblichsten Künstler der Gegenwart werden. Seine Malweise wagt sich heutzutage niemand mehr anzugreifen oder herunterzumachen. Es ist einfach die Kraft des Ausdrucks, die seinen Werken innewohnt und sich durchgesetzt hat. Unter dem Titel „Herbert Brandl. Exposed to Painting“ (bis 24. Mai 2020) würdigt nun das Belvedere 21 sein Schaffen der vergangenen 20 Jahre. Sein Interesse gilt der Natur, egal ob es monumentale Gebirgsmassive und brausende Wasserfälle sind, verträumte Seen und Aulandschaften oder der ganz nahe Blick auf eine Blume. Sie sind eine Liebeserklärung an das Unbändige, das per se Existierende, dessen Erhabenheit auch in den Formaten ihren Ausdruck findet. Sie alle wären aufgrund ihrer Größe kaum mehr geeignet, in einem Wohnzimmer Platz zu finden.

Ausstellungsansicht "Herbert Brandl Fotos: Markus Wörgötter/Belvedere, Wien

Literarisch begleitet werden die Malereien Brandls von Texten des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Sie sind Teil dieser Ausstellung, indem sie die überwältigenden Emotionen der Bilder mit ebenso kraftvollen Worten vertiefen. Zwei Hyänen lesen aufmerksam „Alles, was zu seinem Dasein nicht mehr brauchte als Feuchtigkeit, Wärme und das graue Licht dieser Tage, gedieh und wucherte. Erlosch ein Feuer, kroch blühendes Unkraut aus der Asche. Brennholz schlug aus.

Verstohlen und mit glasigen Wurzeln zuerst, dann mit grünen Fingerchen, betörenden Blüten und schließlich mit zähen, von bemooster Rinde gepanzerten Armen griff die Wildnis um sich“ (aus dem Roman „Die letzte Welt“). Sie leiten hin zum Hauptwerk dieser Ausstellung, zum Triptychon mit dem geheimnisvollen Titel „Apokalypse zur schönen Aussicht“, einem Rausch aus Farben und breiten Strichen als Verheißung einer farbenprächtigen Endzeit, in der die Natur unangefochten den Sieg davontragen wird.

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2003 Foto: Markus Wörgötter, Courtesy Galerie nächst St. Stephan

Kinderzimmer-Triptychon 1971

ATTERSEE Genialster Kindskopf und witzigster Schweinigler

Christian Ludwig Attersee, „Feuerstelle“, 2011 © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

An der FEUERSTELLE sitzen und mit dem Künstler schauen, lachen, hören und GrüVe trinken

Christian Ludwig Attersee hat die Malerei in Österreich ähnlich populär gemacht wie Peter Handke die Literatur oder Thomas Bernhard das Burgtheater. Man hat sich über sie an den Stammtischen das Maul zerrissen, sich über ihre Eskapaden auf die Schenkel geklopft und zumindest einige ihrer Werke gekannt, wenn oft auch nur vom Hörensagen. Attersee ist im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geblieben, und wenn es sich nur um das jüngste Plakat für den Damen-Weltcup 2018 am Semmering gehandelt hat, das aufgrund sexistischer Darstellung von den Veranstaltern zurück gewiesen wurde. Der Meister wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und kann nicht ganz verstehen, was an einem nackten Schihaserl anstößig sein sollte.

Hundebüstenhalter 1966

Schließlich hat er sein ganzes, fast sechzig Jahre dauerndes Schaffen mit derlei Inhalten erfolgreich provoziert. Dieser Auffassung waren auch die Politiker, allen voran NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die sich mit Attersee bei der Präsentation stolz ablichten ließen. Erst der ÖSV ließ das Plakat zurückziehen und verzichtete auf „sexistische“ Werbung. Tempora mutantur! Trotzdem, warum sollte Attersee jetzt einsehen müssen, dass Herrenwitze aus den 1960ern heutzutage nicht mehr lustig sind und das, was vor ein paar Jahrzehnten noch als Werk des berühmtesten Malers unseres Landes galt, dem Zeitgeist nicht mehr als ein aus allen Medien brüllendes #MeToo entlockt. Aber das ist eben Attersees Markenzeichen. Lass die Wogen ruhig hochgehen, irgendwann werden sie sich wieder glätten und die Empörung der Verehrung weichen.

Dinge 1967

In diesem Sinn wird auch die Ausstellung ATTERSEE FEUERSTELLE im Belvedere 21 (bis 18. August 2019) schwerlich einen Skandal hervorrufen. Es geht, wie es Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere ausdrückt, um „eine Rückkehr zu den Wurzeln des Künstlers und zugleich eine Zeitreise in die Gegenwart.“ Sie ortet im radikalen Frühwerk Sprengkraft und sieht Attersee als singulären Wegbereiter des souveränen Cross-over zwischen Kunst und Lebensgestaltung in allen Facetten. Dazu zählt auch die Musik, die ebenfalls seiner ganz persönlichen, die Hörnerven attackierende Interpretation unterworfen ist. Attersee: „Ich spiele gerne falsch Klavier, singe gerne falsche Töne, halte am liebsten keinen Rhythmus ein.

Dabei entsteht etwas Neues, eben Atterseemusik.“ Um einen Eindruck davon zu erhalten, hat man im Rahmen der Ausstellung Gelegenheit, den Stimmungsmacher Rampi Rampi in Vinylbox inklusive CD, 7“-Single und 2 Kunstdrucken zu erwerben.

 

Der Kosmos des Malers Attersee ist tatsächlich prallvoll mit überschießenden Ideen des Schrägen, die auf Befindlichkeiten zart besaiteter Seelchen keine Rücksicht nehmen. Meist ist es der Frauenkörper, der seine Phantasie zu witzigen Pointen angeregt hat. Mit „Hundebüstenhalter“ ist ein Gemälde aus 1966 tituliert, bei dem ein sehr erotischer Busen mit zwei bellenden Hundsköpfen bedeckt ist. Im selben Jahr wurden abgeschnittene Finger mit elegant rot lackierten Nägeln mit Schinken und Käse zu „Schinkenfingern“ gewickelt. Hundsordinär sind die Katzen auf dem „Kinderzimmer-Triptychon“ (1971) mit schaukelnden Brüsten und spritzenden Penissen.

Oder die Außerirdischen, denen der in Pressburg geborene und in Aschach und am Attersee zum Künstler und Meistersegler herangewachsene Christian Ludwig unter dem Motto „Komm mit nach Österreich“ einen Führer zu den schönsten Plätzen geschaffen hat, um sie dort ihre Geilheit abreagieren zu lassen. Dagegen sind die Etiketten des GrüVe, von denen 2018 bereits die 32. Auflage auf Flaschen mit Grünem Veltliner des Weinguts Jurtschitsch erschienen ist, ausgesprochen harmlos. Schließlich geht es bei deren Inhalt um den Treibstoff, der Attersee nach wie vor zu neuen Ideen anregt. Es bedeutet ihm, wie er selbst sagt, ungeheures Glücksgefühl, ein Bild aus seinem Kopf auf der Leinwand umzusetzen. Es hält ihn frisch und macht ihn, so Attersee, zu einem unserer jüngsten Maler.

Schinkenfinger 1966
Belvedere 21 Logo 250

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