Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht "Spuren und Masken der Flucht" © Raffael F. Lehner

KUNSTMEILE KREMS Neues Herbstprogramm auf ganzer Länge

Ausweitung der Vernunftzone, Olga Georgieva

Vom Helix Simulator über eine Kunstgeschichte der Flucht zu Adolf Frohner & Co.

Den Planeten verlassen kann man laut Roman Pfeffer in der Dominikanerkirche. LEAVE THE PLANET (bis 1. November 2020) nennt der sympathische junge Mann seine Installation, die in die Spitzbögen der gotischen Kirche eingepasst wurde. Vielleicht ist es die Nähe der Donau, die ihn zu zwei Wasserfahrzeugen als Hilfe zum Abheben aus der Erdenschwere greifen ließ. Ein Ruderboot mit angebrachtem Sessel ragt senkrecht in die Höhe und lädt ein, mit dieser „Rakete“ in die Fernen des Weltalls zu entfleuchen, allerdings nur in der Phantasie des Betrachters, der für den Flug den Treibstoff seiner eigenen Vorstellung mitbringen muss. Das die Apsis beherrschende Boot ist der kunstvoll zerschnittene Olympia-Achter der österreichischen Nationalmannschaft. Die 17,5 Meter wurden sorgfältig in 16 Segmente geteilt, die es dem Künstler ermöglichen, das ehemalige Sportgerät wie eine Helix (so heißt im antiken Griechischen die Spirale und wird in der Medizin für die wulstartige Verdickung der Ohrmuschel verwendet) wie eine hölzerne Schlange durch den Altarraum winden zu lassen.

Roman Pfeffer, Helix Simulator, Dominikanerkirche Krems

Die Botschaft hinter all dem ist gewaltig, aber schwer zu verstehen. Sehr salopp gesagt: Es geht dem Künstler um die Neuinterpretation oder auch Transformation von Alltagsobjekten, die als zentrale, immer wiederkehrende Elemente in seinem Werk zu finden sind.

Cesar, Compression Mobil, 1960 © MUMOK/Lisa Rastl

SPUREN UND MASKEN DER FLUCHT (bis 26. September 2021) vereint die Arbeiten von knapp 40 Künstlern in der Landesgalerie Niederösterreich. Laut Kurator Günther Oberhollenzer handelt es sich dabei um eine der wenigen musealen Kunstausstellungen der letzten Jahre, die sich mit Flucht und Migration beschäftigen. Die Medien überhäufen ihre Konsumenten tagtäglich mit einer unerträglichen Fülle an Berichten und mit zweifelhaften Emotionen aufgeladenen Momentaufnahmen. Was wirklich dahinter steckt, dass ein Mensch seine vertraute Umgebung verlässt, sich der skrupellosen Gier von Schleppern ausliefert und in eine mehr als ungewisse Zukunft aufbricht, könnten Künstler am besten ausdrücken. Die Schau beginnt mit Werken von Carl Zahraddnik, der Österreich mit dem Anschluss 1938 verlassen hat und damit zu einem unsteten Dasein in der Schweiz, in Dänemark oder beim Befreiungskampf in Italien verurteilt war. Ihm folgen Aufnahmen von Madame D´Ora, bürgerlich Dora Kallmus, ursprünglich einer bekannten Schönheits- und Modefotografin.

Sie hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Kamera in Flüchtlingscamps begeben und das Elend der Vertriebenen in ergreifenden Schwarzweißfotos verewigt. Zbyněk Sekal (1923 in Prag-1998 in Wien) ist mit seinen „schránky“, eigentlich Käfigen vertreten, die das von Flucht aus Haft und bei offenen Menschen Zuflucht Suchenden geprägte Leben des tschechischen Avantgardisten anschaulich machen. Flucht und Aufnahme waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beinahe österreichischer Alltag. Ungarn sind gekommen, Tschechen, die Polen und Jugoslawen, die den Repressionen ihres Regimes entkommen wollten. Sie alle haben künstlerische Spuren hinterlassen, bis zur Gegenwart, die nicht nur aus Gründen der Covid-Pandemie nicht ohne Masken auskommt. Um in den Asylprozess aufgenommen zu werden, helfen nicht selten das Aufgeben der bisherigen Identität und die Verleugnung der Herkunft. Aber die Betroffenen schaffen Kunst, aus der die Wahrheit, die Wirklichkeit zu ersehen ist wie in den abstrakten, in ihrer Düsternis beängstigenden Zeichnungen von Faek Rasul. Nach seiner Flucht aus dem Iran ist der Künstler in Wien zum Galeristen geworden und arbeitet mit den in Mischtechnik geschaffenen Bildern das ihn verfolgende Trauma von Flucht und den dafür erforderlichen Masken auf.

 

Um ANTWORTEN AUF DIE WIRKLICHKEIT (bis 5. April 2021) geht es auch im Forum Frohner. Der niederösterreichische Künstler stand in enger Beziehung zur französischen Richtung des Nouveau Réalisme. Seine Entwicklung zur Radikalität, die sich in der „Blutorgel“, in zerrissenen Matratzen oder in Gerümpel von einem Schrotthändler als Arbeitsmaterialien ausdrückte, fand ihre Entsprechung in der Gruppe von Gérard Deschamps, Christo oder Yves Klein.

Sie hatten eine neue, schockierende Sicht auf die von ihnen wahrgenommene Realität zum Wesen ihrer Kunst gemacht. An 13 Objekten wird nun Adolf Frohners Werk, beispielsweise mit der „Jakobsleiter“, einem hoch gekippten Tisch von Daniel Spoerri oder der „Compression Mobil“ von César gegenübergestellt und ein möglicherweise sperriges Stück Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts den Besuchern in Vitrinen mit gedruckter Information so gut wie möglich zugänglich gemacht.

Ausstellungsansicht "Antworten auf die Wirklichkeit" © Raffael F. Lehner
forum frohner Logo 360

Statistik