Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gerhard Dorfer, Klaus Haberl, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

KOPENHAGEN Über die dämonische Macht der Wissenschaft

Michaela Ehrenstein, Klaus Haberl, Gerhard Dorfer © Rolf Bock

Der unmessbar kleine Quantensprung von der Unbestimmtheitsrelation zur Atombombe

Wer versteht schon was von der Physik? Hand aufs Herz, aber den meisten von uns ist dieses Gemisch aus mathematischen Berechnungen und abgehobener Philosophie ein unverständliches Kauderwelsch, das im größten Geheimnis seine kürzeste Formel gefunden hat: E = mc², der Relativitätstheorie, die bisher nur ihr Erfinder, nämlich Albert Einstein wirklich durchschaute. Erstaunlicherweise materialisiert sich dieses theoretische Wissen in durchaus praktischen, lebensnahen Dingen wie unserem Handy, das genau betrachtet ein Wunderwerk der Wissenschaft ist und ohne Physik niemals erfunden werden hätte können. Nicht immer sind die Ergebnisse der Forschung jedoch so freundlich. Während des Zweiten Weltkrieges gab es einen Wettlauf um die Entwicklung der Atombombe. Ihre Väter waren wiederum keine anderen als Physiker; einige wenige Wissenschaftler, die das entsprechende Hirn besaßen, die Struktur des Atoms zu entschlüsseln und diese Erkenntnisse für das schrecklichste Verderben in der Geschichte der Menschheit dienstbar zu machen.

Michaela Ehrenstein als Margarethe © Rolf Bock

Zwei dieser Genies, die in die grausamen Tiefen dieser Materie vorgedrungen waren, sind heute noch jedem Gymnasiasten als große Forscher bekannt: der Deutsche Werner Heisenberg, Entdecker der Unbestimmtheitsrelation, und der Däne Nils Bohr. Der englische Autor Michael Frayn hat beide zu Protagonisten eines Theaterstücks gemacht, das mit einem einzigen Schauplatz, nämlich der Wohnung von Bohr, aber vielen Zeitsprüngen die Zuschauer zum Nachdenken und nicht zuletzt zum Gruseln anregt. Als Moderatorin fungiert darin die Gattin des Hausherrn Margarethe. Frayn versteht es, diese Materie auch dem Laien verständlich zu machen und Spannung zu erzeugen, wo es eigentlich nur um wissenschaftliche Diskussionen geht.

 

Michaela Ehrenstein, seit 10 Jahren Prinzipalin der Freien Bühne Wieden, sieht „Kopenhagen“ als eines der wichtigsten Stücke, die bis dato in ihrem Haus aufgeführt wurden. Sie hat selbst die Rolle der Margarethe übernommen und wird zur geistig ebenbürtigen Partnerin des Vaters der Quantenphysik Nils Bohr (Gerhard Dorfer). 1941 lässt Frayn den damals als Feind zu betrachtenden Walter Heisenberg (Klaus Haberl) seinen ehemaligen Professor und nunmehr als Halbjuden im besetzen Dänemark gefährlich lebenden Bohr besuchen. Die Gespräche dieses Trios erläutern die Geschehnisse dem Nichteingeweihten durchaus aufschlussreich, was nicht zuletzt ein Verdienst der drei Darsteller ist, die trotz der schwierigen Texte virtuos die an sich unverständliche Materie nachvollziehbar machen. Regie führt Reinhard Hauser, der gekonnt auf karge Ausstattung (drei gemütliche Sessel, drei Türrahmen, drei weiße Masken)  setzt und die Gewalt dem Wort überlässt.

Mit dem ersten Teil wäre das Stück, das von Michaela Ehrenstein bereits gekürzt worden war, ergreifend zu Ende gewesen. So aber wird alles noch einmal aufgegossen. Aber es schadet nicht, zwei Mal zu hören, dass Heisenberg die Bombe bereits erdacht hatte, aber einen Fehler eingebaut hat und dies erst zugegeben hat, als es keine Rolle mehr spielte, während Nils Bohr eingestehen muss, das Geheimnis längst erkannt und trotz des Wissens um seine Vernichtungskraft weitergegeben zu haben.

Gerhard Dorfer, Michaela Ehrenstein, Klaus Haberl © Rolf Bock

Michaela Ehrenstein, René Rumpold © Rolf Bock

AFFINITÄTEN von Romy Schneider und Helmut Berger

Michaela Ehrenstein, René Rumpold © Rolf Bock

Warum? Zwei genial an ihrem Leben gescheiterte Stars

Helmut Berger galt einst als schönster Mann der Welt. Die Frauen hatten davon wenig, außer sie spielten mit ihm in einem Film, in denen er ihr Liebhaber war. Seine Kunst bestand darin, Menschen zum träumen zu bringen und auf die faszinierenden Wanderungen durch eine unwirkliche Welt mitzunehmen. Er hat sich selbst überlebt. Wenn heutzutage von ihm die Rede ist, denkt man unwillkürlich an einen fetten, unappetitlichen Alten, der verwirrt im Suff von einer Blödheit zur nächsten taumelt. Romy Schneider hatte mit den Sissi-Filmen die Herzen des Publikums erobert. Zeitlebens kämpfte sie gegen dieses Etikett. Sie war nicht nur eine süße junge Kaiserin, sondern eine große Schauspielerin. Ihr Gesicht drückte vor allem im extremen Close-up feinste Nuancen ihrer Empfindungen aus, besser als jedes Wort, das sie in ihren Rollen zu sagen hatte. Nicht der geringste Zug verriet darin, dass sie mit ihrem Leben nicht mehr zurande kam. Der Tod ihres geliebten Sohnes, vielleicht des einzigen wirklich von ihr geliebten Menschen, nahm ihr vollends den Lebenswillen. Sie verstarb in der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1982 offiziell am „Broken-heart-syndrom“, also an gebrochenem Herzen.

Michaela Ehrestein © Rolf Bock

René Rumpold, Schauspieler und Stückeschreiber, hat beiden ein Denkmal gesetzt. Er lässt sie in der Garderobe bei den Drehabreiten zu Viscontis Film „Ludwig II.“ gemeinsam über ihr Leben nachdenken. Der Autor selbst spielt Helmut Berger, der damals ein Verhältnis mit dem Regisseur hatte. Berger war in diesem Streifen die perfekte Verkörperung des homosexuellen, aber seinen Träumen ausgelieferten bayerischen Königs, der wohl wie kein anderer seine Cousine Elisabeth besser verstand, als diese die Realität des Wiener Hofes möglichst zu vermeiden suchte. Beide, Sisi und Ludwig, lebten in ihrer eigenen Wirklichkeit, die jedoch frappant an die ihrer späteren Darsteller erinnert. Michaela Ehrenstein ist Romy Schneider, die nach schief gegangenen Beziehungen zu einigen Männern in Helmut Berger den eigentlichen wahren Herzensfreund gefunden hatte.

Rumpold verbindet in „AFFINITÄTEN“ geschickt Gefühle und Filmgeschichte in Dialogen, die er mit kurzen Soli auflockert, in denen die beiden ihr Innerstes in Telefonaten oder kurzen Monologen an die Oberfläche bringen. Dazu kommen Seitensprünge Rumpolds als Orson Wells, Alain Delon und Harry Meyen mit einem Vorgriff auf das Dschungelcamp. Er selbst nennt es eine Annäherung, die jedoch durchaus eine Wesensverwandtschaft dieser beiden Schauspieler mit den von ihnen dargestellten Traumgestalten durchklingen lässt.

René Rumpold © Rolf Bock

Dana Proetsch, Pierre Gold, Stephanie Gmachl © Rolf Bock

MARLOWES ROMEO UND JULIA AUF KRETA und eine Art Happy End

Michaela Ehrenstein, Rudi Larsen © Rolf Bock

Gerechtigkeit für Marlowe! Marlowe! Marlowe!

Gerald Szyszkowitz vertritt mit Vehemenz die Theorie, die besagt, dass die Dramen, die nach wie vor William Shakespeare zugeschrieben werden, von Christopher Marlowe stammen. Dazu hat er bereits etliche Bücher verfasst, in denen er zum Teil mit Hinweisen auf seine Forschungsergebnisse und zum anderen Teil mit romanhaften Geschichten seine Meinung untermauert. Seine jüngste diesbezügliche Erkenntnis baut auf einer Liebesgeschichte auf, die Marlowe auf der Insel Kreta selbst erlebt haben soll. Sie sei die Inspiration für Romeo und Julia gewesen. Da die kretische Julia, Tochter eines venezianischen Gouverneurs, nach gelungener Flucht bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben sei, muss auch die Julia im Drama sterben. So also, meint Gerald Szyszkowitz, sei die größte Liebestragödie abendländischer Dichtung entstanden. Man kann ihm glauben oder nicht, aber ein solcher Zugang könnte durchaus reizvoll sein. Erstens wirft er alles über den Haufen, was Generationen von Theatergehern bis jetzt als wenig ernsthaft diskutierte Tatsache angenommen haben.

Christina Jägersberger, Pierre Gold © Rolf Bock

Zweitens hätte man den historischen Hintergrund der Personen, die auf der Bühne in Padua und Verona die beiden jungen Leute ins tödliche Verderben treiben. Julia ist auch hier ein blutjunges Mädchen, der Romeo allerdings ein des Lebens erfahrener Mann, der natürlich überleben muss, sonst hätte er ja die anderen Stücke nicht mehr schreiben können. Wir könnten weder in „Was ihr wollt“ lachen, noch mit „König Lear“ über sein Unglück weinen.

Gerhard Rühmkorf, Felix Kurmayer © Rolf Bock

Szyszkowitz setzt sein Stück als Probe an. Damit darf auch die Bühne vollkommen bar jeder Dekoration bleiben. Der Regisseur (Herbert Eigner) gibt mutig zu, den alten Text, gemeint ist der originale, neu geschrieben zu haben, um die Menschen von heute zu erreichen. Was aus diesem gutgemeinten Versuch geworden ist, darüber muss jeder im Publikum persönlich sein Urteil abgeben. Als Hauptdarstellerin steht dem Chef eine wirklich reizende Schauspielerin zur Verfügung. Christina Jägersberger hat den Charme und das Aussehen, das sie für jede Bühne als Julia empfehlen würde. Was ihr als Liebhaber vorgesetzt wird, ist jedoch ein glatte Fehlbesetzung. Pierre Gold ist ein netter Bursch, den man schon in verschiedensten passenden Rollen bewundert hat. Als Romeo besteht seine schwerste Aufgabe darin, überzeugend diese Fehlbesetzung zu rechtfertigen. Warum es der Regisseur sich und ihm so schwer macht, wird nicht verraten. Überraschender Fakt ist aber, dass sich die quirlige Julia nicht nur in den schwerfälligen Giacomo Coderino, sondern auch in dessen Darsteller verliebt.

Aus Mercutio wird eine als Mann verkleidete Jüdin (Dana Proetsch) und Benvolio zum Schiffsjungen (Stephanie Gmachl). Der Grund dafür, so heißt es, wäre wachsender Antisemitismus in der Gesellschaft. Als Beweis wird ein Gemeinderat von Maria Enzersdorf angeführt, der gesagt hätte, dass der Reigen nicht aufgeführt werden solle, weil Arthur Schnitzer ein Jude gewesen sei. Eine derart trottelhafte Bemerkung eines offenbar verwirrten Alten, der sicher nie ins Theater geht, ist jedoch ein zweifelhaftes Argument. Wollte man keine Stücke von Juden mehr spielen, müsste man die Häuser allesamt zusperren. Auf der gegnerischen Seite stehen der Vater Governatore Cicogna (Gerhard Rühmkorf), Wilhelm Seledec als mieselsüchtiger Claudio Cicogna (Onkel) und Rudi Larsen als Tybalt Cicogna (Cousin von Julia). Larsen ist nicht zu beneiden. Ihm wurden alle sattsam bekannten Klischees gegen schwarze und dunkelhäutige Einwanderer übertragen, um diese möglichst zornig und rassistisch von sich zu geben. Michaela Ehrenstein ist die gute Amme Maria Anna Trifaldi, die noch vor ihrem Milchkind dessen späteren Ehemann vernascht.

Wirklich aus dem Herzen spricht einem der verhinderte Bräutigam Conte Paris Avogadro (Felix Kurmayer), wenn er sich beim Regisseur beschwert, warum das Ensemble durch ewig wiedergekäute Probleme davon abgehalten würde, die Leute zu unterhalten. Das scheint aber auch trotz aller hier geäußerter Bedenken gelungen zu sein. Autor Gerald Szyszkowitz war in der Pause damit ausgelastet, seine Bücher zu signieren, und durfte sich mit den tapferen Darstellern einen anständigen Applaus abholen.

Marlowes Romeo und Julia auf Kreta Ensemble© Rolf Bock

Stefanie Gmachl, Gerhard Rühmkorf © Rolf Bock

REIGEN Hoheslied Schnitzlers auf die Promiskuität

Gerhard Dorfer, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

Betteln nach einer Liebe, von der niemand eine Ahnung hat

Zur unanständig schönen und dem Ohr noch lange nach der Vorstellung innehaftenden Melodie von Oscar Straus entwickeln sich zehn Dialoge, für die Arthur Schnitzler 1920 noch geprügelt wurde. Was die Menschen seinerzeit so aufgeregt haben mag, dass man bis heute von einem der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts spricht? Es geht im Grunde um nicht viel mehr als nach wortwitzigem Geplänkel möglichst bald miteinander im Bett zu landen. Die einzelnen Episoden sind kurz und genau betrachtet ganz alltäglich. Frauen und Männer, die noch halbwegs mit Libido ausgestattet sind, treffen einander und wollen Sex. So einfach ist die ewige Wahrheit unseres Fortbestandes. Wer nur ein bisschen ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass er sich selbst zumindest in einer der Szenen wiederfindet. „Reigen“ nannte Schnitzler das Stück und meint damit nichts anderes als das Liebeskarussell, auf dem wir uns alle mitdrehen, so uns nicht Impotenz oder Frigidität davon abhalten. Auf geht´s mit einer Hure, der warmherzigen Bordsteinschwalbe, die es dem Soldaten auch ohne Geld besorgen würde.

Dana Proetsch, Rudi Larsen © Rolf Bock

Nachdem es ordentlich rund gegangen ist, endet es auch mit ihr, wenn sie einem in die Jahre gekommenen Grafen über seine philosophischen Skrupel hinweghelfen möchte. Moral? Was soll diese Frage in einem solchem Zusammenhang!? Gesellschaftliche Schranken, eheliche Treue oder altersmäßige Unterschiede spielen keine Rolle, solange es ihr und ihm gefällt. Wie gut, dass das von Schnitzler über den „Reigen“ verhängte Aufführungsverbot 1982 abgelaufen ist und wir Nachgeborenen die Möglichkeit haben, einen sinnlichen Blick auf das Treiben in den Liebeslauben des Fin de Siècle mitzuerleben.

Wilhelm Seledec, Christina Jägersberger © Rolf Bock

Die Freie Bühne Wieden hat sich mutig über das ehemalige Skandalstück hergemacht. Regie führt Gerald Szyszkowitz, der mit fast leerer Bühne (sein Markenzeichen) und reduzierter Erotik jeder Schmuddeligkeit, die derlei Geschehen allzu oft immanent ist, vorbeugt. Die Besetzung sprengt beinahe das Fassungsvermögen des kleinen Theaters. Die gerade nicht auf der Bühne befindlichen Schauspieler werden jedoch zum „Umbau“ zwischen den Szenen als Bühnenarbeiter eingesetzt.

Also hat man das Vergnügen, auch die ganz am Anfang auftretenden Schauspieler wieder zu sehen, wenn sie eine Chaiselongue als einzige Ausstattung immer wieder so drehen, damit dahinter oder unter diversen Decken das Unaussprechliche ohne geile Aufdringlichkeit passieren kann.

 

Dana Proetsch wird als Dirne zur reizenden Moderatorin, die Szene für Szene Schnitzlers Regieanweisungen erzählt und dabei einen rührenden Striptease andeutet, bis sie in knielangen Unterhosen und Hemdchen neben dem im Anzug sehr würdig gewandeten Grafen (Gerhard Dorfer) nach einer durchsoffenen Nacht aufwacht. Dem Soldat gibt Rudi Larsen brutale Kälte, die einer Frage „Hast mich auch lieb?“ mit Unverständnis gegenübersteht. Seinem reschen Charme erliegt auch das Stubenmädchen (Elis Veit). Die aber tröstet sich kehr um die Hand mit dem in diesen Dingen noch unerfahrenen, aber sehr anlassigen jungen Herrn (Pierre Gold). Statt ihm eine Lehrstunde in Erotik zu geben, zeigt sich Christina Jägersberger in der Rolle der verheirateten Frau eher zickig, was sie aber nicht davon abhält, mit dem Adoleszenten einen Beischlaf zu versuchen.

Herrlich wie der sein mangelndes Stehvermögen mit G´schichterln zu begründen versucht und ständig von Liebe spricht, von der er ebenso wenig eine Ahnung hat wie der um seine ehelichen Pflichten herumschwafelnde Ehegreis (Wilhelm Seledec) oder das wahrlich süße Mädel (Stefanie Gmachl). Profis sind diesbezüglich Dichter (Gerhard Rühmkorf) und Schauspielerin (Michaela Ehrenstein), die beide die Schmähs des oder der anderen besten kennen und zum Begehr um so was wie Liebe nur milde lächeln.

Chrstina Jägersberger, Pierre Gold © Rolf Bock
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