Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


5 Männer Ensemble © Rolf Bock

5 MÄNNER nehmen es bitter ernst mit der Liebe

Marcus Strahl, Rudi Larsen © Rolf Bock

Man hat´s heutzutage nicht leicht als Mann im geschlechtsfähigen Alter

Warum treffen einander vier Freunde? Normalerweise geht´s gemeinsam ins Fußballstadion, auf einen Bikertrip oder schlicht zu einer Sauftour. Nicht so, wenn Manuel geladen hat. Er ist Regisseur und will von den anderen drei Herrn Anregungen für den Text im Programmheft von „Faust“, den er zu inszenieren gedenkt. Der erste, der erscheint, ist sein Lehrer Friedrich, mit dem eine leidenschaftliche Auseinandersetzung um den Tod in vielen großen Theaterstücken losbricht. Das erste Glas Whisky wird getrunken, um mit jedem neu erscheinenden Gast ebenso wie die zur Rede stehenden Probleme vervielfältigt zu werden. Aber schon mit Martin, einem treu seine Frau liebenden Ehemann, kommt das Weib ins Spiel. Er will Kinder, sie nicht. Robert, dem der Frust aus allen Poren tritt, ist diesbezüglich der Kontrapunkt. Er hat drei Sprösslinge und eine Gattin, die er in einer emotionalen Aufwallung geohrfeigt hat, weil sie ihm ebenfalls handgreiflich vorgehalten hat, sich zu wenig um seine Familie zu kümmern. Dass ihm der Ausrutscher mittlerweile mehr als leid tut, verbessert seine Situation kaum.

Marcus Strahl © Rolf Bock

Wieder ist es Whisky, der die Zungen löst und die Probleme an den Tag bringt. Als Fünfter komplettiert Suleiman das Quintett, der zwar nur das Essen bringen sollte, aber mit seinem orientalischen Ansatz im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht eine für die anderen eher fremde Einstellung mitbringt und zum weiteren Gedankenaustausch bleibt; allerdings nur Tee trinkend. Es wird hitzig debattiert und um Lösungen gerungen, wie man als Mann mit seiner oder den Frauen umgehen sollte, ohne selbst vor die Hunde zu gehen.

5 Männer Ensemble © Rolf Bock

Gabriel Barylli hat das Männerthema Nr. 1, eben die Frauen, in amüsanter Weise im Stück „5 Männer“ in einer absolut gegenwärtigen Problematik aufgearbeitet und damit eine Menge Stoff zum ernsthaften Nachdenken geliefert. Ort der Uraufführung war die Freie Bühne Wieden, die sich damit nicht zum ersten Mal als fruchtbarer Boden für dramatische Neuschöpfungen präsentiert hat. Das Ensemble wird angeführt vom Gastgeber und notierenden „Moderator“ Manuel (Marcus Strahl).

Er ist selbst ein Opfer der weiblichen Freiheit, die sich seine Frau in Form eines Regieassistenten genommen hat, bringt aber durch gezielte Fragen immer wieder Ruhe in das Geschehen. Rudi Larsen als sein Mentor Friedrich ist insofern abgeklärt, dass er auch mit dem kleinen Schotten im Glas durchaus erquickliche Gespräche führen kann, aber mit seinen Einwürfen stets für neue Ansichten sorgt. Martin, der sein ewiges Leben in der Fortpflanzung sieht, hat mit Markus Schramm den durchaus glaubwürdigen Darsteller gefunden, dem man es auf der Stelle abnimmt, dass er auch nach vielen Jahren Ehe und der zu seinen Wünschen vollkommen konträr eingestellten Partnerin in diese wie am ersten Tag verliebt ist. Robert (Leopold Dallinger) breitet hemmungslos seinen Jammer vor den anderen aus. Mit der Art und Weise, die ihnen allen Suleiman (Markus Tavakoli) anbietet, wäre er unter Umständen ganz gut bedient. Der Muslim, so scheint´s, hat es leicht.

Seine Ehe hat Allah gesegnet, so seine simple Philosophie, in der es für Frauen wohl noch lange keine Freiheit geben wird. Ort der Handlung ist das Wohnzimmer von Manuel, das Martin Gesslbauer eingerichtet hat. Der Zuschauer wird in ein orientalisches Gemach geführt, in eine Art Harem für Männer, in dem die Diskutanten entspannt und an ihre Whiskygläser klammernd sich durchaus unterhaltsam und pointiert zu einer Antwort auf ihre grundlegenden Lebensfragen in punkto Weiblichkeit durchringen.

Marcus Strahl, Markus Schramm, Leopold Dallinger © Rolf Bock

Reinhard Hauser als Jelmer Verhooff © Rolf Bock

DUELL High Noon mit Museumsdirektor und Konzeptkünstlerin

Eva Christina Binder als Emma Duiker © Rolf Bock

Dramatische Einführung in das Verständnis von moderner Kunst

Was ist an einem Gemälde von Mark Rothko so faszinierend, dass es an die 30 Millionen Euro wert ist? Der Großteil der Menschen wird dazu nur den Kopf schütteln und sich darüber wundern, dass es jemanden gibt, den aus zwei Farbflächen auf gelbem Hintergrund die Seele der Welt entgegenlächelt. Vielen muss wohl zuerst gesagt werden, wer dieser Mark Rothko (als Marcus Rothkowitz 1903 geb., gest. 1970 durch Selbstmord in New York) überhaupt gewesen ist. Er war einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der auf seine Weise die Kunst erneuert hat. Sein Credo: Weg vom Gegenstand und hin zu abstrakter Farbe, die eine intensive Betrachter-Bild-Beziehung aufbauen sollte. Die Preise für seine Werke schnellten bald in stratosphärische Höhen und ein Museum, das einen originalen Rothko sein eigen nennt, darf sich wahrhaft glücklich schätzen. Untitled No 18 befindet sich, oder sollte sich zumindest im Hollands Museum befinden. Dessen Direktor Jelmer Verhooff wird durch einen Anruf seines Restaurators Olde Husink auf dessen Absenz aufmerksam gemacht.

Reinhard Hauser und Eva Christina Binder © Rolf Bock

Er weiß sofort, wer es entwendet hat. Emma Duiker, eine Künstlerin, die mit Einverständnis der Meister oder deren Erben exakte Kopien anfertigt. Für die letzte Ausstellung seines Museums vor einer Renovierungszeit trägt sie eine Kopie des angesprochenen Gemäldes bei. Den echten Rothko lässt sie im Zuge eines konzeptuellen Kunstprojekts völlig ungesichert durch Europa reisen, immer nahe am meist ahnungslosen Betrachter, wie es dessen Schöpfer gewollt hat. Auf schrägen Wegen schafft es Verhooff, in den Besitzer des Werkes zu kommen; dabei passiert allerdings ein Unglück, das jedem Kunstfreund die Haare zu Berge stehen lässt. Er schlägt mit der Faust ein Loch in die nicht sonderlich widerstandsfähige Leinwand...

Reinhard Hauser und Eva Christina Binder © Rolf Bock

Joost Zwagerman hat diese Geschichte unter dem Titel „Duell“ in eine Novelle verpackt, die nun von der in St. Pölten geborenen Autorin Renate Kienzl dramatisiert wurde. Seine Uraufführung erlebte dieser Kunstkrimi am 26. Februar 2019 unter ihrer Regie in der Freien Bühne Wieden. Emma Duiker ist Eva Christina Binder, die sich mit Reinhard Hauser als Jelmer Verhooff „duelliert“. Sie, eine attraktive 30-Jährige, versucht, ihm das Anliegen einer Konzeptkünstlerin nachvollziehbar zu machen.

Emma erklärt dem Museumsdirektor, warum sie den originalen Rothko auf Tournee geschickt hat. Der gute Kerl hat natürlich Angst um seine weitere Existenz. Wer hat schon 30 Millionen bei der Hand, wenn das Bild abhanden kommt. Es fallen in den teils als Monologen, teils auch als Dialogen geführten Gesprächen Fachausdrücke und Namen zeitgenössischer Maler, was für den weniger kunstaffinen Zuschauer durchaus in Nebensätzen auch erklärt wird.

So wird dieses Stück, das vor allem nach der Pause mit witzigen Projektionen an Tempo gewinnt, zu einer unterhaltsamen Lehrstunde in Moderner Kunst. Mark Rothko gegenüber steht dabei ein ganz Großer der Musik, Johann Sebastian Bach, dessen Chaconne von Gregor Reinberg Gedankenpausen schafft. Gleichzeitig ist sie der Beweis, dass bedeutende Kunst zeitlos ist. Die in d-Moll klagenden Töne der Solo-Violine können durchaus das Verständnis eines Malers der jüngsten Vergangenheit öffnen.

Geiger Gregor Reinberg  © Rolf Bock

Gerhard Dorfer, Klaus Haberl, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

KOPENHAGEN Über die dämonische Macht der Wissenschaft

Michaela Ehrenstein, Klaus Haberl, Gerhard Dorfer © Rolf Bock

Der unmessbar kleine Quantensprung von der Unbestimmtheitsrelation zur Atombombe

Wer versteht schon was von der Physik? Hand aufs Herz, aber den meisten von uns ist dieses Gemisch aus mathematischen Berechnungen und abgehobener Philosophie ein unverständliches Kauderwelsch, das im größten Geheimnis seine kürzeste Formel gefunden hat: E = mc², der Relativitätstheorie, die bisher nur ihr Erfinder, nämlich Albert Einstein wirklich durchschaute. Erstaunlicherweise materialisiert sich dieses theoretische Wissen in durchaus praktischen, lebensnahen Dingen wie unserem Handy, das genau betrachtet ein Wunderwerk der Wissenschaft ist und ohne Physik niemals erfunden werden hätte können. Nicht immer sind die Ergebnisse der Forschung jedoch so freundlich. Während des Zweiten Weltkrieges gab es einen Wettlauf um die Entwicklung der Atombombe. Ihre Väter waren wiederum keine anderen als Physiker; einige wenige Wissenschaftler, die das entsprechende Hirn besaßen, die Struktur des Atoms zu entschlüsseln und diese Erkenntnisse für das schrecklichste Verderben in der Geschichte der Menschheit dienstbar zu machen.

Michaela Ehrenstein als Margarethe © Rolf Bock

Zwei dieser Genies, die in die grausamen Tiefen dieser Materie vorgedrungen waren, sind heute noch jedem Gymnasiasten als große Forscher bekannt: der Deutsche Werner Heisenberg, Entdecker der Unbestimmtheitsrelation, und der Däne Nils Bohr. Der englische Autor Michael Frayn hat beide zu Protagonisten eines Theaterstücks gemacht, das mit einem einzigen Schauplatz, nämlich der Wohnung von Bohr, aber vielen Zeitsprüngen die Zuschauer zum Nachdenken und nicht zuletzt zum Gruseln anregt. Als Moderatorin fungiert darin die Gattin des Hausherrn Margarethe. Frayn versteht es, diese Materie auch dem Laien verständlich zu machen und Spannung zu erzeugen, wo es eigentlich nur um wissenschaftliche Diskussionen geht.

 

Michaela Ehrenstein, seit 10 Jahren Prinzipalin der Freien Bühne Wieden, sieht „Kopenhagen“ als eines der wichtigsten Stücke, die bis dato in ihrem Haus aufgeführt wurden. Sie hat selbst die Rolle der Margarethe übernommen und wird zur geistig ebenbürtigen Partnerin des Vaters der Quantenphysik Nils Bohr (Gerhard Dorfer). 1941 lässt Frayn den damals als Feind zu betrachtenden Walter Heisenberg (Klaus Haberl) seinen ehemaligen Professor und nunmehr als Halbjuden im besetzen Dänemark gefährlich lebenden Bohr besuchen. Die Gespräche dieses Trios erläutern die Geschehnisse dem Nichteingeweihten durchaus aufschlussreich, was nicht zuletzt ein Verdienst der drei Darsteller ist, die trotz der schwierigen Texte virtuos die an sich unverständliche Materie nachvollziehbar machen. Regie führt Reinhard Hauser, der gekonnt auf karge Ausstattung (drei gemütliche Sessel, drei Türrahmen, drei weiße Masken)  setzt und die Gewalt dem Wort überlässt.

Mit dem ersten Teil wäre das Stück, das von Michaela Ehrenstein bereits gekürzt worden war, ergreifend zu Ende gewesen. So aber wird alles noch einmal aufgegossen. Aber es schadet nicht, zwei Mal zu hören, dass Heisenberg die Bombe bereits erdacht hatte, aber einen Fehler eingebaut hat und dies erst zugegeben hat, als es keine Rolle mehr spielte, während Nils Bohr eingestehen muss, das Geheimnis längst erkannt und trotz des Wissens um seine Vernichtungskraft weitergegeben zu haben.

Gerhard Dorfer, Michaela Ehrenstein, Klaus Haberl © Rolf Bock
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