Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Liebe 360° Ensemble © Rolf Bock

LIEBE 360° Drei vielseitige Küsse als Beziehungstherapie

Markus Schramm, Resi Müller © Rolf Bock

Hetero, schwul, bi oder polyamor, Hauptsache, man liebt einander

Also, die Polyamorie ist ein Ausdruck, der sich möglicherweise noch nicht so recht herumgesprochen hat. Mit dem Stück „Liebe 360°“ von Stefan Vögel wird sich das alsbald ändern. An der Freien Bühne Wieden gab es am 24. September 2019 die erfolgreiche Welturaufführung dieser Komödie, die möglicherweise in manchen Beziehungen ein Erdbeben auslösen wird. So etwas spricht sich herum, auch in Theaterkreisen, deren Angehörige bekanntermaßen einen weniger komplizierten Zugang zu den mannigfaltigen sexuellen Einstellungen haben als das Gros der Menschen, die ihnen bei ihrem durchaus vorbildhaften Wirken auf der Bühne zuschauen. Gute Schauspieler können alles, vom Fußball schauenden und Bier trinkenden Hetero wie Daniel (Markus Schramm) über die von einer ausgekühlten Ehe frustrierte Hanne (Michaela Ehrenstein) bis zu ihrem Jugendfreund, dem erfolgreichen Therapeuten Adrian (Felix Kurmayer), der nunmehr bekennender Schwuler ist und angeblich wie ein Hund darunter leidet, dass ihn sein Freund Laurenz verlassen hat.

Felix Kurmayer, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

Es gibt da noch die hübsche und g´scheite Tochter Lisa (Resi Müller), die mit ihrem Freund ein Ampelspielchen treibt und nach Belieben von Rot auf Grün schaltet oder wie es ihre Mutter ausdrückt, die Farben flackern lässt. Das hat Vielseitigkeit und es wäre also kein Wunder, wenn sich auch andere Häuser um dieses Stück reißen würden, das jedem der Darsteller die wunderbare Gelegenheit gibt, die emotionale Orientierung seiner Figur subtil ins Wanken zu bringen.

 

Luzia Nistler hat in diesem scheinbaren Tohuwabohu der gegenseitigen Zuneigungen Regie geführt. Sie lässt ihr Ensemble nach vielen pointierten Gesprächen zur Erkenntnis gelangen, dass es zwischen hetero, schwul und bi noch mehr gibt, was das Zusammenleben spannend machen kann. Eines davon ist eben die Polyamorie, laut Wikipedia eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu jedem eine Liebesbeziehung pflegt. In diesem Fall sind es drei Küsse, mit denen der offenbar polyamore Adrian in das Beziehungsleben seiner Freunde eingreift.

Der erste davon verbindet ihn mit Daniel, der sich bis dahin Zärtlichkeiten mit einem Mann nicht im Traum vorstellen wollte und darob sehenswert irritiert ist. Der zweite gehört Hanne, der in ihr Erinnerungen an Zeiten erweckt, als Adrian noch auf Frauen gepolt war. Der dritte heilt Lisa von ihrem Wankelmut. Denn von nun an gedenkt sie die Ampel für ihren Marius auf Grün zu stellen. Am Ende sind also alle glücklich und Paris, die Stadt der Liebe, wartet genau auf solche Besucher.

Felix Kurmayer, Markus Schramm © Rolf Bock
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