Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


ES BEGINNT IMMER HEUTE wie die „unmögliche“ Liebe

Barbara Edinger (Jennifer Cross), Alfons Noventa (Stefan Sander) © Rolf Bock

Es zählen nur die beiden Menschen und sonst nichts

Beatrice Ferolli ist bekannt als Autorin beliebter TV-Serien. Sie weiß, was ihre Zuseher bewegt, kennt ihre Träume und liefert diese mit ihren Drehbüchern üblicherweise frei Haus. Für eines ihrer jüngsten Werke bleibt einem nichts anderes übrig, als ins Theater zu gehen. Es ist eine allerdings durchaus angenehme Verpflichtung. Die Freie Bühne Wieden hatte die Ehre, am 6. Dezember 2019 das Stück „Es beginnt immer heute“ erfolgreich zur Uraufführung zu bringen. Dahinter verbirgt sich eine Liebesgeschichte, wie sie ungewöhnlicher nicht sein kann. Ein in die Jahre gekommener Drehbuchautor, er ist 71, hat sich zum Schreiben in die tiefste, besser gesagt, höchste Einsamkeit der Berge zurück gezogen, und zwar auf Dauer, denn seine Verbindung zur Außenwelt läuft lediglich über das Internet und über ein Funkgerät, mit dem er sich mit einem Italiener jenseits der Grenze verständigt. Die einzige Zufahrtsstraße ist deutlich mit „Sackgasse“ gekennzeichnet, was wiederum unerwünschte Besucher fernhalten soll. Ausgerechnet dorthin verirrt sich ein blutjunges Mädchen, gerade einmal Ende 17.

Barbara Edinger (Jennifer Cross) © Rolf Bock

Sie bricht ein in seine Einsamkeit, weil sie vor einem Gewitter Schutz sucht. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie für mindestens sechs Monate bei diesem Retrotypen verharren muss, da die Straße weggeschwemmt wurde. Die beiden kommen ins Gespräch und eine Kluft tut sich zwischen ihnen auf. Abgesehen vom beträchtlichen Altersunterschied trennen sie die Vorstellungen von einem erfolgreichen Dasein. Er hat das seine schon zum guten Teil hinter sich, kann von der Arbeit an bekannten Filmen erzählen und glaubt zu wissen, worauf es im Leben ankommt. Sie ist auf dem Sprung zu einer Karriere als It-Girl und ist gerade ihrem Manager mit Wut im Bauch davongelaufen. Es braucht eine Weile, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Dennoch passiert das Erstaunliche. Sie verlieben sich...

 

Sam Madwar hat Regie geführt und dem ungleichen Paar eine kuschelige Bühne für ihr Zueinanderfinden geschaffen; eine Berghütte mit allem Komfort, in der es sich die sechs Monate, die sich die beiden für ihre Zweisamkeit (vorläufig) ausgehandelt haben, bestens leben lässt.

Während draußen der Sturm wütet und Wildlife (ein Fuchs taucht überraschend auf) passiert, ist´s drin unter den Holzbalken kuschelig warm. Alfons Noventa spielt den Autor Stefan Sander, der seine Lebenserfahrung in liebenswerter Form dem jungen Ding angedeihen lässt. Er kann ihr das It-Girl ausreden und beginnt mit ihr eine Ausbildung zur Schauspielerin. Jennifer Cross ist talentiert, was auch auf ihre Darstellerin Barbara Edinger voll und ganz zutrifft. Vom Wort „liebenswert“ fällt die Silbe „wert“ weg und es bleibt die Liebe, der er jedoch aus Anstand und dem Bewusstsein der Unmöglichkeit hilflos gegenübersteht. In diesem Fall beweist sie, wie sehr sie darin dem Mann überlegen ist. Sie versteht es in ihrer quirligen Art, seine Hemmungen zu überwinden und den Altersunterschied vergessen zu machen. Es ist ein Vergnügen, den beiden zuzusehen, wie sie sich finden und beinahe wieder verlieren, während die Phantasie der handelnden Personen und die der Zuschauer auf Reisen geht und alle die Ziele anpeilt, in denen Beatrice Ferolli ihre zu Herzen gehenden Geschichten spielen lässt.

Alfons Noventa (Stefan Sadner), Barbara Edinger (Jennifer Cross) © Rolf Bock

Frost/Nixon Ensemble © Rolf Bock

FROST / NIXON High Noon zwischen Interview und Politik

Anna Sophie Krenn, Boris Popovic, Klaus Haberl © Rolf Bock

Wie bringt man sogar einen US-Präsidenten zu Geständnis und Entschuldigung?

Von Watergate bis Ibizagate, Politiker haben das Talent sich selbst zu demolieren. Die Urmutter aller Gates hat einen der bis dahin erfolgreichsten Präsidenten der USA zu Fall gebracht. Eine Heerschar von Journalisten war an der Aufdeckung beteiligt, Richard Nixon kriminelle Mitarbeit an Machenschaften zum Nachteil des politischen Gegners nachzuweisen. Ihre Recherche führte dazu, dass Nixon einem Amtsenthebungsverfahren zuvorkam und sein Amt niederlegte. Der wahre Nachweis und das Geständnis sind aber nur einem gelungen. Der englische Talkmaster David Frost konnte ihn im Zuge eines Interviews so weit in die Enge treiben, dass der mit dem bezeichnenden Beinamen belegte „Tricky Dick“ hilflos ablegte, wie man in Wien dazu so schön sagt, und sich für den Machtmissbrauch entschuldigte. Der britische Drehbuchautor Peter Morgan hat diesen Prozess, diesen „Trial by Television“ in FROST / NIXON dramatisch aufgearbeitet. Es treten dort, abgesehen von einer erfundenen Dame, durchwegs Personen auf, die tatsächlich in diese Begebenheit involviert waren.

Johannes Terne als Richard Nixon © Rolf Bock

Es beginnt bei der Konkretisierung des Vorhabens mit ernüchternden Einblicken in Korruption und in all die finanziellen Umtriebe, die ein solches Interview überhaupt erst ermöglichen. Schließlich sitzt der Zuschauer im Fernsehstudio und wird Zeuge der Befragung, die nicht nur die Wahrheit, sondern auch entsprechende Einschaltquoten und damit wohl gefüllte Werbepausen für die TV-Anstalten bringen soll.

Oliver Hebeler, Johannes Terne © Rolf Bock

In Österreich erstmals aufgeführt wurde dieses Stück am 22. Oktober 2019 in der Freien Bühne Wieden. Übersetzt hat den englischen Text Michael Raab, inszeniert hat Gerhard Dorfer, bekannt als Darsteller soignierter Herren. Mit einem engagierten Team (Bühne: Martin Gesslbauer, Film: Dominik Spritzendorfer, Projektionen: Anke Zisak, Kostüme: Babsi Langbein und Licht und Ton: Stefanie Gutmann) wurde die an sich sperrige Materie als kurzweilig anschaulicher Theaterabend umgesetzt.

Verziert mit einer einzigen Frau (Anna Sophie Krenn als Caroline Cushing) ist eine reine Männerpartie am Werk, die sich jedoch in ihrem Einsatz, sowohl was die Enthüllung als auch die Vertuschung betrifft, sehen lassen kann. Der liberale Intellektuelle Jim Reston (Oliver Leidenfrost) wird zum Moderator, der das Publikum bezüglich der Vorgänge auf dem Laufenden hält. John Birt (Klaus Haberl) ist umsichtiger Politikexperte der BBC und Bob Zelnick (Andreas Roder) Reporter in Washington, den amerikanischen Hausbrauch kennend. Ihnen gegenüber stehen ein windiger Geldscheffler namens Swifty Lazar (Oliver Hebeler), seines Zeichens umtriebiger Hollywood-Agent mit Hygienefimmel, und Jack Brennan (Alfons Noventa), der aufrechte Stabschef Nixons.

Im Ring treten gegeneinander an: der Talkmaster David Frost, der von Boris Popovic neben erforderlicher Glätte und Härte auch glaubwürdige Unsicherheit für diesen Job mitbekommt, und Richard Nixon. Johannes Terne macht den Ex-Präsidenten zu seinem Alter Ego, mit der Gestik, dem überheblichen Lachen über die eigenen Witze und dem geschwungenen Victoryzeichen, mit dem er bis ganz am Schluss siegessicher auf die von ihm belogenen und betrogenen Amerikaner wirken will.

Anna Sophie Krenn, Johannes Terne, Boris Popovic © Rolf Bock

Liebe 360° Ensemble © Rolf Bock

LIEBE 360° Drei vielseitige Küsse als Beziehungstherapie

Markus Schramm, Resi Müller © Rolf Bock

Hetero, schwul, bi oder polyamor, Hauptsache, man liebt einander

Also, die Polyamorie ist ein Ausdruck, der sich möglicherweise noch nicht so recht herumgesprochen hat. Mit dem Stück „Liebe 360°“ von Stefan Vögel wird sich das alsbald ändern. An der Freien Bühne Wieden gab es am 24. September 2019 die erfolgreiche Welturaufführung dieser Komödie, die möglicherweise in manchen Beziehungen ein Erdbeben auslösen wird. So etwas spricht sich herum, auch in Theaterkreisen, deren Angehörige bekanntermaßen einen weniger komplizierten Zugang zu den mannigfaltigen sexuellen Einstellungen haben als das Gros der Menschen, die ihnen bei ihrem durchaus vorbildhaften Wirken auf der Bühne zuschauen. Gute Schauspieler können alles, vom Fußball schauenden und Bier trinkenden Hetero wie Daniel (Markus Schramm) über die von einer ausgekühlten Ehe frustrierte Hanne (Michaela Ehrenstein) bis zu ihrem Jugendfreund, dem erfolgreichen Therapeuten Adrian (Felix Kurmayer), der nunmehr bekennender Schwuler ist und angeblich wie ein Hund darunter leidet, dass ihn sein Freund Laurenz verlassen hat.

Felix Kurmayer, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

Es gibt da noch die hübsche und g´scheite Tochter Lisa (Resi Müller), die mit ihrem Freund ein Ampelspielchen treibt und nach Belieben von Rot auf Grün schaltet oder wie es ihre Mutter ausdrückt, die Farben flackern lässt. Das hat Vielseitigkeit und es wäre also kein Wunder, wenn sich auch andere Häuser um dieses Stück reißen würden, das jedem der Darsteller die wunderbare Gelegenheit gibt, die emotionale Orientierung seiner Figur subtil ins Wanken zu bringen.

 

Luzia Nistler hat in diesem scheinbaren Tohuwabohu der gegenseitigen Zuneigungen Regie geführt. Sie lässt ihr Ensemble nach vielen pointierten Gesprächen zur Erkenntnis gelangen, dass es zwischen hetero, schwul und bi noch mehr gibt, was das Zusammenleben spannend machen kann. Eines davon ist eben die Polyamorie, laut Wikipedia eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person mehrere Partner liebt und zu jedem eine Liebesbeziehung pflegt. In diesem Fall sind es drei Küsse, mit denen der offenbar polyamore Adrian in das Beziehungsleben seiner Freunde eingreift.

Der erste davon verbindet ihn mit Daniel, der sich bis dahin Zärtlichkeiten mit einem Mann nicht im Traum vorstellen wollte und darob sehenswert irritiert ist. Der zweite gehört Hanne, der in ihr Erinnerungen an Zeiten erweckt, als Adrian noch auf Frauen gepolt war. Der dritte heilt Lisa von ihrem Wankelmut. Denn von nun an gedenkt sie die Ampel für ihren Marius auf Grün zu stellen. Am Ende sind also alle glücklich und Paris, die Stadt der Liebe, wartet genau auf solche Besucher.

Felix Kurmayer, Markus Schramm © Rolf Bock
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