Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Michaela Ehrenstein (Josephine), Felix Kurmayer (Beethoven) © OFFICE@PHILIPPHUTTER.COM

BEETHOVEN IN LOVE War sie die Unsterbliche Geliebte?

Felix Kurmayer (Beethoven), Wilhelm Prainsack (Karl) © OFFICE@PHILIPPHUTTER.COM

Auch ein Genie darf unter Herz-Schmerz leiden

Es ist und bleibt nur eine Vermutung, dass der mit „Blejstift“ am 6. u. 7. Juli 1812 geschriebene, aber nicht adressierte und nie zur Post gegebene Brief an „meine Unsterbliche Geliebte“ Josephine Stackelberg geb. Brunswick verwitwete Deym gerichtet war. Die Autorin Susanne Falk ist jedenfalls davon überzeugt. Nach ausgiebigen Recherchen hatte sich für sie der zwingend erscheinende Schluss ergeben, dass Ludwig van Beethoven bei einem Aufenthalt in Prag am 3. Juli dieses Jahres nur Josephine getroffen haben konnte. Sie gebar neun Monate später (am 8. April 1813) ihr siebtes Kind, das auf Theresia Cornelia getauft und „Minona“ genannt wurde. Dreht man den Beinamen um, liest man „Anonim“. Bedenkt man dazu die Tatsache, dass die Frau während dieser Zeit mit ihrem ungeliebten Gatten Baron Christoph von Stackelberg kaum Geschlechtsverkehr hatte, liegt es auch für die ernsthafte Beethovenforschung nahe, dass der Vater niemand anderer als der Komponist sein konnte. Warum aber musste es zu derartigen amourösen, letztlich fatalen Verwicklungen kommen?

Eva Christina Binder (Marie), Michaela Ehrenstein (Josphine) © OFFICE@PHILIPPHUTTER.COM

Eine der Antworten liegt im heutzutage unbegreiflichen Standesdünkel der adeligen Gesellschaft. Josephine war als Witwe Deym bereits mit glühenden Liebesbriefen aus der Hand Beethovens bedacht worden, von denen immerhin noch 14 Stück erhalten sind. Da er aber ein Bürgerlicher und darüber hinaus frei schaffender Musicus war, kam er für die adelige Familie derer von Brunsvik als Gatte Josephines nicht in Frage. Man akzeptierte dann doch eher die Heirat mit einem Herrn, der zwar Protestant, aber zumindest Baron war. Dass diese Paarung alles andere als glücklich verlief, ist ebenfalls überliefert.

Eva Christina Binder (Marie), Wilhelm Prainsack (Karl) © OFFICE@PHILIPPHUTTER.COM

Auf diese Vorgeschichte aufbauend lässt Susanne Falk im Gasthof „Zum Schwarzen Ross“ in Prag ihr Theaterstück einsetzen. Nicht ganz glücklich gewählt ist der Titel „Die unsterbliche Geliebte – Beethoven in Love“. Es gibt bereits „Shakespeare in Love“. Warum muss sich ein zum Theaterdichter kongenialer Komponist diesem hintanstellen? Der Deutsch sprechende Ludwig van Beethoven ist ein Titan der Musik, der sich wahrlich besser zutreffende Worte auf dem Theaterzettel verdient hätte.

Die Handlung dieser „tragischen Liebeskomödie“ (© Susanne Falk) ist schnell erzählt. As Fidelio verkleidet trifft sich Josephine inkognito mit Beethoven in dessen Herberge. Die wenigen glücklichen Tage sind aber bald vorüber, da ihr Gatte erscheint und sie mit unschlagbaren Argumenten zwingt, die Liaison aufzugeben. Dazwischen spielt sich eine Menge an zähen Verhandlungen ab, vermischt mit süßem Herz-Schmerz und teils pathetisch vorgetragenen Emotionen. Dagegen werden die Informationen, warum in dieser Beziehung von Anfang an die Liebe gegenüber der Räson den Kürzeren gezogen hat, nur angedeutet.

 

Regisseur Gerald Szyszkowitz hat daraus dennoch ein berührendes Liebesdrama für die Freie Bühne Wieden als österreichische Erstaufführung geschaffen. Links stehen für Beethoven Kanapee und Klavier, rechts sieht man Josephines Boudoire in ihrer Prager Bleibe. Als Verbindungsläufer wirken Karl, der treue Diener Beethovens, und Marie, Josephines lebenskluge Kammerzofe. Wilhelm Prainsack und Eva Christina Binder sind ein erfrischend lebendiges Pärchen, das mit feinem Humor die hehre Tragik, in die ihre jeweilige Herrschaft verstrickt ist, aufzulockern versteht.

Wenn Stackelberg auftaucht, ist eigentlich bereits das letzte Wort gesprochen. John Fricke ist ein eiskalter, seine Rechte einfordernder Ehemann. Gegen ihn haben weder Michaela Ehrenstein als schneidiger Fidelio und eine von ihrer Liebe zerrissene Josephine, noch der als Beethoven ungemein authentische Felix Kurmayer eine Chance. Was sich jeweils in deren Seelen abspielt, verdeutlicht Keiko Kuwahara am Klavier mit „Für Elise“, der „Mondscheinsonate“ oder mit op. 98 „An die ferne Geliebte“.

John FRicke (Stackelberg), Michaela Ehrenstein (Josephine) © OFFICE@PHILIPPHUTTER.COM

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

DIVEN sterben einsam, aber schön, dank Dany Sigel

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

Ergreifender Rückblick auf das Leben eines einst gefeierten Bühnenstars

Sie hat (fast) alle die großen Frauengestalten der Theaterliteratur gespielt, darf Mila Menardi von sich behaupten. Sie wurde für ihr Gretchen bewundert, für die Elisabeth mit Ovationen gefeiert und der Schmerz ihrer ihre Kassandra erschütterte das Publikum. Dass ausgerechnet Lady Macbeth in der Sammlung fehlt, taucht just dann wieder ätzend auf, als sie allein in ihrer Garderobe ihr Leben Revue passieren lässt. Warum sie noch im Theater verblieben ist, wird nicht verraten, aber es wird seine Gründe haben, denn sie weigert sich auch auf dringendes Ersuchen des Nachtwächters, dessen Stimme über den Inspizientenlautsprecher immer eindringlicher ertönt, „abzutreten“. Der deutsche Theatermann Dirk Audehm legt diesen knapp eineinhalb Stunden dauernden Monolog einer von ihm geschaffenen alternden Diva Mila Menardi in den Mund. Der vollständige Titel lautet: „Diven sterben einsam und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind.“ Er weiß, wovon er diese Frau sprechen lässt. Der Autor kommt schließlich selbst vom Theater und kennt all das wohl auch aus eigener Erfahrung;

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

das unvermeidliche Schwanken zwischen himmelhohem Erfolg und abgrundtiefer Depression. So lange der Applaus anhält, ist die Welt voll strahlender Lichter, wenn diese aber erloschen sind, geht es hinaus in eine Welt, die so wenig Verständnis für diejenigen hat, denen sie wunderschöne Stunden verdankt. Kommen dazu noch die Jahre, in denen Charakter mehr zählt als Aussehen, dann wird es für eine einst attraktive Frau immer schwerer, sich mit der Realität der Geburtsurkunde abzufinden. So sollte ihr auch nur eine der Hexen in Macbeth spielen, um in diesem Shakespeareklassiker überhaupt noch ein Engagement zu bekommen; sie hat das Angebot mit Grandezza abgelehnt und ist heute noch auf diese Absage stolz.

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

Gleich zwei Regisseure (Günther Frank und Peter Fernbach) hatten bestimmt leichtes Spiel, dieses Stück auf der Freien Bühne Wieden zu verwirklichen. Mila Renardi wird von Dany Sigel verwirklicht, von einer Schauspielerin, an der die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein scheint, weil sie zu ihrem Alter steht. Wenn sie will, dann knistert die Erotik, zum Beispiel bei angeregten Gedanken an ihre beiden großen Lebenslieben, natürlich zwei Kollegen, von denen Mila ihre beiden heiß geliebten Kinder hat.

Sie kichert wie ein Teenager, wenn sie ihrer Gesundheit wegen Zitronensaft mit einem kräftigen Schuss Wodka mischt und davon angeregt über den Vergleich von Sex und Theater philosophiert, der aus Milas persönlicher Erfahrung klarerweise zugunsten der Bühne ausfällt. Diese bietet ein Leben lang den Rausch, während ein müder Geschlechtsverkehr in fünf Minuten vorüber ist.

Jede Überlegung wird zu einem Zitat aus einer ihrer Rollen, die den passenden Text bieten, um Dany Sigel vom Rezitieren ins nüchterne Räsonieren über die derzeitige Malaise kippen zu lassen. Geblieben ist ihr die Überzeugung, dass eine Frau ein Verhältnis haben sollte und wird bei diesem Schlager von Zara Leander von Walter Lochmann am Klavier begleitet, ebenso wie beim Auftrittslied, das Dirk Audhem für alle Mimen geschrieben hat: „Spielt auf ihr Narren. Spielt – als gäbe es kein Morgen...“

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter
Freie Bühne Wieden Logo 350

Statistik