Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


OMA oder ALLES PALETTI Theater wie eine Packung Depressiva

Oma oder alles paletti Ensemble © Rolf Bock

Oma oder alles paletti Ensemble © Rolf Bock

Utopien sollen warnen, aber hoffungslos machen? Nein!

Elfriede Hammerl hat einen Blick in die Zukunft getan. Hinter dem allerliebst klingenden Titel „OMA oder ALLES PALETTI“ hat sie mehr als düstere Aussichten für die Menschheit versteckt. Einiges darin erinnert an den Science-Fiction-Film „Flucht ins 23. Jahrhundert“ von Michael Anderson, zumal dort Senizid, also das gezielte Ableben der „Alten“, Hauptthema ist. Es klingen auch andere Zukunftsromane an, wie „Schöne neue Welt“ oder „Uhrwerk Orange“, jedenfalls aber keine zuversichtlichen Perspektiven. Eine Wissenschaftlerin wird nach deren Emeritierung zu einer unnötigen Person. Sie verfügt, so weit man es den kargen Texten entnehmen kann, weder über eine Wohnung noch genug Finanzen zum Auskommen. Um überhaupt weiterleben zu dürfen, muss sie sich als Leihoma verdingen. Die andere Möglichkeit bestünde in der Einnahme von Depressiva, die den Selbstmord erleichtern. Bei der Stellensuche gerät sie an ein junges, kinderloses Paar. Als sich ein Beamter, der ebenfalls im Ruhestand wäre, so ihm dies erlaubt würde, zu ihnen gesellt, sieht das Quartett nur mehr die Flucht als Ausweg. Dabei geraten sie vom Regen in die Traufe. In einem von Robotern in Schuss gehaltenem Land lässt sich der alte Mann als Crashtest-Dummy verheizen, sie wird zur Gesellschaftsdame eines Superreichen und die beiden Jungen zu Objekten lustvollen Menschen-Quälens. Das Ende ist eine neuerliche Flucht mit höchst ungewissem Ausgang. Für Ideologien, historische Hintergründe oder eingehende Informationen zum Status quo ist kein Platz in diesem Stück. Es ist einfach so und nicht anders. Kaum glimmt ein Funken Hoffung auf, kommt auch schon der kalte Guss, der ihn ablöscht und eine Niedergeschlagenheit nicht nur der Protagonisten, sondern auch des Publikums (meist über 60jährige Damen und Herren) zur Folge hat.

Eva Christina BInder, Anita Kolbert © Rolf Bock

Eva Christina BInder, Anita Kolbert © Rolf Bock

Oma oder alles Paletti Ensemble © Rolf Bock

Oma oder alles paletti Ensemble © Rolf Bock

Michaela Ehrenstein, Prinzipalin der Freien Bühne Wieden, hat das Wagnis auf sich genommen, diese als bittere Satire verkappte Tragödie zu inszenieren, und das in einer Zeit, in der bereits das Aufdrehen der TV-Nachrichten eine Herausforderung für ein heiles Gemüt ist. Erfreulich ist das Ensemble, das ein Optimum aus abgehackter Szenerie und monotonen Dialogen herausholt. Alfons Noventa als zynischer Boss auf eigener Insel, John Fricke als biederer Beamter, dem der veraltete Ausdruck „alles paletti“ auskommt, oder Eva Christina Binder, die von der eiskalten Frau über die unbeholfene Dolmetscherin zum blonden Vamp mutiert, bieten den soliden Rahmen für das Trio der Hauptdarsteller. Das anfangs noch gut mit Arbeit versorgte Mädchen, das aber durch eine Zuckerkrankheit zur untragbaren Belastung des Gesellschaftsvertrags wird, erhält von Barbara Edinger all die Empathie, die einen mit ihr mitzittern lässt. Georg Müller-Angerer ist der anfangs sehr selbstbewusste Computerspezialist, der sich nichts sehnlicher als eine Oma wünscht und diese in Anita Kolbert findet. Als Intellektuelle ist sie freilich nicht die herzenswarme alte Frau, die sich Enkelkinder zum Kuchenbacken und Märchenerzählen wünschen. Sie zerbricht dennoch nicht an der paradoxen Situation und wird mehr und mehr zum Fels in der Brandung einer wenig erstrebenswerten Zukunft.

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

DIVEN sterben einsam, aber schön, dank Dany Sigel

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

Ergreifender Rückblick auf das Leben eines einst gefeierten Bühnenstars

Sie hat (fast) alle die großen Frauengestalten der Theaterliteratur gespielt, darf Mila Menardi von sich behaupten. Sie wurde für ihr Gretchen bewundert, für die Elisabeth mit Ovationen gefeiert und der Schmerz ihrer ihre Kassandra erschütterte das Publikum. Dass ausgerechnet Lady Macbeth in der Sammlung fehlt, taucht just dann wieder ätzend auf, als sie allein in ihrer Garderobe ihr Leben Revue passieren lässt. Warum sie noch im Theater verblieben ist, wird nicht verraten, aber es wird seine Gründe haben, denn sie weigert sich auch auf dringendes Ersuchen des Nachtwächters, dessen Stimme über den Inspizientenlautsprecher immer eindringlicher ertönt, „abzutreten“. Der deutsche Theatermann Dirk Audehm legt diesen knapp eineinhalb Stunden dauernden Monolog einer von ihm geschaffenen alternden Diva Mila Menardi in den Mund. Der vollständige Titel lautet: „Diven sterben einsam und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind.“ Er weiß, wovon er diese Frau sprechen lässt. Der Autor kommt schließlich selbst vom Theater und kennt all das wohl auch aus eigener Erfahrung;

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

das unvermeidliche Schwanken zwischen himmelhohem Erfolg und abgrundtiefer Depression. So lange der Applaus anhält, ist die Welt voll strahlender Lichter, wenn diese aber erloschen sind, geht es hinaus in eine Welt, die so wenig Verständnis für diejenigen hat, denen sie wunderschöne Stunden verdankt. Kommen dazu noch die Jahre, in denen Charakter mehr zählt als Aussehen, dann wird es für eine einst attraktive Frau immer schwerer, sich mit der Realität der Geburtsurkunde abzufinden. So sollte ihr auch nur eine der Hexen in Macbeth spielen, um in diesem Shakespeareklassiker überhaupt noch ein Engagement zu bekommen; sie hat das Angebot mit Grandezza abgelehnt und ist heute noch auf diese Absage stolz.

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter

Gleich zwei Regisseure (Günther Frank und Peter Fernbach) hatten bestimmt leichtes Spiel, dieses Stück auf der Freien Bühne Wieden zu verwirklichen. Mila Renardi wird von Dany Sigel verwirklicht, von einer Schauspielerin, an der die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein scheint, weil sie zu ihrem Alter steht. Wenn sie will, dann knistert die Erotik, zum Beispiel bei angeregten Gedanken an ihre beiden großen Lebenslieben, natürlich zwei Kollegen, von denen Mila ihre beiden heiß geliebten Kinder hat.

Sie kichert wie ein Teenager, wenn sie ihrer Gesundheit wegen Zitronensaft mit einem kräftigen Schuss Wodka mischt und davon angeregt über den Vergleich von Sex und Theater philosophiert, der aus Milas persönlicher Erfahrung klarerweise zugunsten der Bühne ausfällt. Diese bietet ein Leben lang den Rausch, während ein müder Geschlechtsverkehr in fünf Minuten vorüber ist.

Jede Überlegung wird zu einem Zitat aus einer ihrer Rollen, die den passenden Text bieten, um Dany Sigel vom Rezitieren ins nüchterne Räsonieren über die derzeitige Malaise kippen zu lassen. Geblieben ist ihr die Überzeugung, dass eine Frau ein Verhältnis haben sollte und wird bei diesem Schlager von Zara Leander von Walter Lochmann am Klavier begleitet, ebenso wie beim Auftrittslied, das Dirk Audhem für alle Mimen geschrieben hat: „Spielt auf ihr Narren. Spielt – als gäbe es kein Morgen...“

Diva Dany Sigel © Philipp Hutter
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