Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


AM 4. IM 4. UM 4 H macht Lust auf das Monatsprogramm

Béla Fischer, Michaela Ehrenstein © Freie Bühne Wieden

Béla Fischer, Michaela Ehrenstein © Freie Bühne Wieden

Ein neues Format mit Musik und unterhaltsamen Texten von Michaela Ehrenstein

„Ich weiß auf der Wieden ein – Theaterjuwel!“, das zwar nicht wie das in diesem Lied besungene Hotel in einem verschwiegenen Gässchen liegt, sondern auf der Wiedner Hauptstraße 60b für wunderbare Stunden sorgt. Prinzipalin Michaela Ehrenstein öffnet ihr kleines Theater passend auf diese wunderschöne Ziffer am 4. jeden Monats im 4. Bezirk um 4 Uhr nachmittags für ein persönliches Treffen mit Freunden, zu denen sich jeder zählen darf, der die mutigen Produktionen dieser Bühne schätzt. Zwischen launigen Anekdoten singt sie, begleitet vom Pianisten Béla Fischer, Chansons, passend zu den kommenden Premieren. Leicht zu merken: Am 4. im 4. um 4 Uhr!

Géza Terner, Leopold Dallinger, Markus Tavakoli © Robert Ritter

Géza Terner, Leopold Dallinger, Markus Tavakoli © Robert Ritter

CHAIM UND ADOLF Eine Schachpartie um die Vergangenheit

Géza Terner, Markus Tavakoli © Robert Ritter

Géza Terner, Markus Tavakoli © Robert Ritter

Unterhaltsam überraschende Züge zweier – scheinbar – zutiefst unterschiedlicher Spieler

In einem paradiesisch ruhigen Wintersportort irgendwo in Tirol verbringt der Israeli Chaim einen Schiurlaub. Mit Après Ski und Partys hat er nichts am Hut. Viel lieber vertreibt er sich seine Zeit abseits der Piste mit Schachspielen. Aber wo nimmt man dort nur einen Gegner her? Die Einheimischen setzen sich zum Schnapsen zusammen, mit Doppeldeutschen Karten, also mit Herz, Spaten, Eichel und Blatt, und kümmern sich weiters nicht um die Gäste und deren Bedürfniss nach Hirngymnastik am Schachbrett. Also muss der Wirt herhalten, der sich jedoch nach einigen Partien als unzureichendes Gegenüber erweist. Martin, so heißt der Gastronom, ist virtuos im Zapfen von Bier, aber mit Damengambit oder Rochade kann er sich nur wenig anfangen. Also wird ein entsprechender Gegner gesucht und findet sich in einem Großbauern aus dem Dorf. Immerhin war der einmal Bezirksmeister und könnte Chaim herausfordern, wenn er nur nicht Adolf hieße und damit im anderen schreckliche Erinnerungen an eine von beiden nicht erlebte Geschichte erwecken würde. Irgendwann lässt sich Martin breit schlagen und lädt Adolf ein. Es kommt zu einer Partie, die der Theaterautor Stefan Vögel als Eröffnung einer ganzen Reihe von gerissenen Zügen, abwartenden Strategien und zermürbenden Kommentaren in unterhaltsam spannender Form austragen lässt.

Markus Tavakoli, Leopold Dallinger © Robert Ritter

Markus Tavakoli, Leopold Dallinger © Robert Ritter

Géza Terner, Markus Tavakoli, Leopold Dallinger © Robert Ritter

Géza Terner, Markus Tavakoli, Leopold Dallinger © Robert Ritter

In der Freien Bühne Wieden gab es die österreichische Erstaufführung von „Chaim und Adolf“ unter der Regie von Reinhard Hauser. Géza Terner ist der Historiker Chaim und Markus Tavakoli ein uriger Tiroler Landwirt. Im Fenster hinter den Schachspielern türmen sich Schnee bedeckte Bergesgipfel (Bühne: Siegbert Zivny), beinahe so bedrohlich wie die allmählich sickernden Erkenntnisse auf Seiten von Adolf. Martin (Leopold Dallinger) erweist sich als unparteiischer Schiedsrichter und sorgt als Moderator für Entspannung, wenn die Wogen zwischen Chaim und Adolf allzu wild hochzugehen drohen. Chaim ist der Enkelsohn eines Großvaters, der in Dachau über Jahre gelitten hat. Adolfs Großvater hingegen hat mit Zwangsarbeitern, zu denen auch die nichtjüdische Großmutter von Chaim gezählt hat, ein Vermögen gemacht. Es ist die dritte Generation seit dem Holokaust, die an diesem Wirtshaustisch Zug um Zug zu einer gemeinsamen Wahrheit findet. Genaueres wird nicht verraten, nur so viel: Was unterscheidet einen Goi von einem Juden? Stefan Vögel gibt darauf eine Antwort – überraschend und versöhnlich – in einem Pflichtstück in unserer zerstrittenen Zeit.

Freie Bühne Wieden Logo 350

Statistik