Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Frau Müller muss weg, Ensemble © Sam Madwar

Frau Müller muss weg, Ensemble © Sam Madwar

FRAU MÜLLER MUSS WEG Ernst bis heiter, eben ein Schuldrama

Michaela Ehrenstein als Frau Sabine Müller © Sam Madwar

Michaela Ehrenstein als Frau Sabine Müller © Sam Madwar

Der wahre Leidtragende ist ein zerzauster Blumenstrauß...

Eigentlich ist es eine Frechheit! Da maßen sich die Eltern doch tatsächlich an, die Lehrerin ihrer Kinder wegen voraussichtlich schlechter Noten zu attackieren und sie aufzufordern, ihre Klasse abzugeben. Gut, es handelt sich um eine vierte Klasse Volksschule und der Schnitt im Zeugnis entscheidet über Gymnasium oder Neue Mittelschule, sprich Hauptschule, was verständlicherweise für extreme Nervosität sorgt. Wer will schon zugeben, dass sein genialer Spross zu einem Haufen von Deppen herabsteigen muss, abgesehen von den gesellschaftlichen Zusammensetzungen, die uns zweifelhafte Segnungen der letzten Jahrzehnte gebracht haben? In Deutschland dürfte es in dieser Stufe ähnliche Probleme geben, denn die beiden Autoren des Stücks „Frau Müller muss weg“ sind der in Heilbronn geborene Lutz Hübner und die aus Düsseldorf stammende Sarah Nemitz. Sie haben diese Auseinandersetzungen in einer Art aufgearbeitet, dass sie die Zuseher zum Diskutieren, ja, zum Streiten mitreißt; selbstverständlich erst nach dem Schlussapplaus, vorher wäre derlei Tumult durchaus störend.

Frau Müller muss weg, Ensemble © Sam Madwar

Frau Müller muss weg, Ensemble © Sam Madwar

Eva Christina Binder, Wilhelm Prainsack, Felicitas Lukas © Sam Madwar

Eva Christina Binder, Wilhelm Prainsack, Felicitas Lukas © Sam Madwar

In der Freien Bühne Wieden sind durchwegs Publikumslieblinge am Werk. Für jede Mutter und jeden Vater wurden die entsprechenden Darsteller gefunden, die von Regisseur Sam Madwar ausgerechnet in der hübschen Stadt Krems an der Donau zum Sturm auf die brave Lehrerin angesetzt wurden. Es gibt das Ehepaar Patrick (Wilhelm Prainsack) und Marina Jeskow (Felicitas Lukas), die umständehalber von Wien in die Provinz gezogen sind. Er hat als Ingenieur draußen Arbeit gefunden und sie leider noch nicht die Bäckerei, die vegane Topfengulatschen anbietet. Ihr Filius Lukas hat Probleme mit der Integration unter die G´scherten und nervt Frau Lehrerin mit Beschuss aus Papierkügelchen. Die leise Katja Grabowski (Katrin Fuchs) ist Museumspädagogin und erfreut sich des Musterknaben Fritz mit lauter Einsern, einziger Wehrmutstropfen: Er ist leicht autistisch.

Der Wilde unter den Vätern ist der hack´nstade Wolf Heider (Michael Duregger), der Differenzen mit Gebrüll zu bewältigen meint. Seine Janine ist hochintelligent und nie im Leben so blöd, wie es ihre Noten glauben machen wollen. Sprecherin des zornigen Elternrates ist Jessica Hofer, deren Tochter Laura lieber am Tablett als an den Schulheften hängt. Eva Christina Binder beweist eine breite Palette des Ausdrucks, wenn sie in subtiler Komik von der kühlen Businesslady über die vernunftbegabte Realistin zur hemmungslos sich anbiedernden Süßholzrasplerin mutiert. Sie hat vor allen anderen ihre Vorteile und die Schwächen der missratenen Bälger erkannt. Es tut sich was! Zu erleben sind sehr konkrete Handgreiflichkeiten, amüsante Ehekrisen und prickelnde außereheliche Annäherungen. Ob Frau Sabine Müller nun gehen muss oder schließlich der Kotau vor der Lehrerin erfolgt, bleibt an dieser Stelle offen. Nur so viel: Michaela Ehrenstein ist neben ihrem Einsatz als engagierte Pädagogin auch Prinzipalin des Theaters und Durchsetzung für sie kein Fremdwort.

Michael Duregger, Katrin Fuchs © Sam Madwar

Michael Duregger, Katrin Fuchs © Sam Madwar

Felicitas Lukas, Barbara Edinger, Sabine Muhar © Philipp Hutter

Felicitas Lukas, Barbara Edinger, Sabine Muhar © Philipp Hutter

MEINE MÜTTER, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Sabine Muhar, Barbara Edinger, Felicitas Lukas © Philipp Hutter

Sabine Muhar, Barbara Edinger, Felicitas Lukas © Philipp Hutter

Eine Adoption ist mehr als eine Frage von Emotionen.

Johanna ist 22 Jahre alt. Sie wurde unmittelbar nach der Geburt von der Mutter getrennt und von Vera und deren mittlerweile Exmann aufgezogen. Die junge Frau hat von ihren Adoptiveltern alle Liebe dieser Welt bekommen, vor allem auch das Gefühl enormer Sicherheit. Obwohl ihre Matura schon einige Jahre zurück liegt, ist das bequeme Hotel Mama mit gratis Vollpension noch immer aktuell. Ein Brief, der vom Jugendamt weitergeleitet wurde, kommt von Charlotte, der leiblichen Mutter, die um ein Treffen ersucht. Dem wird stattgegeben. Es kommt wie erwartet zu Reibungen, als die erfolgreiche Influencerin einer hausbackenen Versicherungsverkäuferin gegenübersteht und ein Gerangel um die Tochter ausgelöst wird. Johanna steht unschlüssig zwischen den Verlockungen einer flotten, lockeren Lebensweise und dem biederen, von sexuellen Hemmungen dominierten Dasein auf Seiten derjenigen, die sie großgezogen hat. Die deutsche Autorin Katrin Wiegand hat diesen Zwiespalt in „Meine Mütter“ aufgearbeitet und zu einer überraschenden, wenn auch etwas unwahrscheinlichen Pointe hingeschrieben.

Barbara Edinger, Felicitas Lukas © Philipp Hutter

Barbara Edinger, Felicitas Lukas © Philipp Hutter

Felicitas Lukas, Sabine Muhar, Barbara Edinger © Philipp Hutter

Felicitas Lukas, Sabine Muhar, Barbara Edinger © Philipp Hutter

Die Freie Bühne Wieden feiert mit diesem Theaterstück mittlerweile beachtliche Erfolge. Die Regie wurde von Prinzipalin Michaela Ehrenstein übernommen, der Stefanie Gutmann als die gute Seele des Hauses im Dunkel kurzer Unterbrechungen die Bühne für die nächste Szene arrangiert. Die bürgerliche Wohnung mit Küche und dagegen die trendige Bleibe mit Designsofa auf der anderen Seite hat Siegbert Zivny geschickt eingerichtet. Darin schmausen, trinken und diskutieren Sabine Muhar als Vera und Felicitas Lukas als Charlotte über Freuden und Ängste des Mutterseins und lassen dabei Johanna (Barbara Edinger) nur selten zu Wort kommen, obgleich sie die eigentliche Hauptperson dieses Dramas wäre. Ob sie sich aus dieser beidseitigen Klammer irgendwann befreien kann? In ihrer ganzen Breite und Tiefe verstehen kann diese Angelegenheit nur eine Frau, da sie ein Kind austragen kann. Männer kommen erst ins Spiel, wenn es um die Bindungen geht, die durch eine natürliche Elternschaft oder durch eine Adoption entstehen. In diesem Fall sind die Herren jedoch zum Dasein eines Zuschauers degradiert, der lediglich über eigene Erfahrungen als möglicher Vater reflektieren darf.

Achtsam morden, Ensemble © Robert Peres

Achtsam morden, Ensemble © Robert Peres

ACHTSAM MORDEN ohne Stress und mit zufriedenem Lächeln

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl, Robert Kolar © Robert Peres

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl, Robert Kolar © Robert Peres

Rasante Komödie über einen Rechtsanwalt mit Killerinstinkt

Karsten Dusse ist Rechtsanwalt und gleichzeitig in Deutschland ein vielbeschäftigter Medienstar. Was an sich schwer vereinbar ist, trockenes Paragraphenreiten und kreativ intelligente Unterhaltung, haben sich in seiner Person zu einem ungemein ergiebigen Quell zusammengetan, aus dem für sein Publikum eine Fülle an juristisch gesichertem Spaß strömt. Es wäre gewiss übertrieben, wenn man den von ihm erfundenen Kollegen Björn Diemel als eine Art Alter Ego Dusses bezeichnete. Dass dieser arme Hund von Rechtsanwalt als Knecht der Kanzlei Dresen ausgerechnet die dreckigsten Fälle zugewiesen bekommt, mag dennoch auf eine im Unterbewusstsein des Autors tief vergrabene Frustration verweisen, denn in der Komödie „Achtsam morden“ werden alle diese subtilen Rachegedanken erfüllt, denen in einem realen Berufsleben Schranken aller Art gesetzt sein mögen. Sein Björn Diemel verfügt nicht nur über genügend kriminelle Intelligenz, um zwei Verbrechersyndikate zu zerbröseln, er hat auch das bürgerliche Herz eines liebenden Ehemannes und Vaters. Dass es dazu einen Anstoß von außen braucht, ist keine Schande. In seinem Fall ist es eine Psychotherapeutin, die ihn Achtsamkeit lehrt, die ihn einen neuen, entspannten Zugang zu dem vom Schicksal aufgezwungenen Leben finden lässt.

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl, Robert Kolar © Robert Peres

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl, Robert Kolar © Robert Peres

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl © Robert Peres

Eva-Christina Binder, Marcus Strahl © Robert Peres

Bernd Schmidt hat diese Idee von Karsten Dusse für die Bühne umgesetzt, als eine atemberaubende Abfolge einzelner Szenen, die organisch ineinander gehen, erfrischende Gags und kurze Ausstiege aus der Handlung erlauben, ohne die Spannung zu unterbrechen. Nachdem das Stück, so das Programmheft, in Deutschland bereits Kult ist, war es höchst an der Zeit, diesen mörderischen Spaß nach Wien zu bringen. Ort der begeistert aufgenommenen österreichischen Uraufführung war die dafür prädestinierte Freie Bühne Wieden. Nici Neiss schaffte es, mit erstaunlich geringem Aufwand große Wirkung zu erzielen. Der Regisseurin genügten Toneinspielungen und Projektionen (Stefanie Gutmann), dazu Kostüme, die mit wenigen Handgriffen stets neue Personen erschaffen, und ein Ensemble, das imstande ist, virtuos in eine Reihe von Rollen und Charakteren zu wechseln. Prinzipalin Michaela Ehrenstein ist die esoterisch durchs Geschehen schwebende Dr. Johanna Breitner (Therapeutin) und wird mittels Leopardenjacke zur Puffmutter Carla.

Eva-Christina Binder stellt als attraktive Ehefrau ihrem Gatten die Besorgung eines Platzes im Kindesgarten als Bedingung für weitere Zuneigung. Gleichzeitig hüpft sie als Tochter Emily übermütig auf einem Springball zu McDonald´s. Dass sie auch als Petra Engmann die Mordkommission leitet, als Kellnerin sowie als Nachrichtensprecherin bella figura macht, erstaunt weniger als ihre Wandlung in den listigen Kleinkriminellen Sascha. Anfangs ist sie die rechte Hand von Unterweltboss Dragan, der zu Dr. Dresen, zum Polizisten Möller, zum aggressiven Würstel der Galerie Toni und über einige weitere Stationen zum Big Boss Boris mutiert. Immer wieder ist es Robert Kolar, der mit gekonntem Jugoslang, Russenakzent und Stoasteirisch seine jeweilige Figur am achtsam agierenden RA Björn Diemel scheitern lässt. Marcus Strahl wandelt unangefochten durch Gewalt und Verbrechen und lässt in keinem Moment Zweifel daran aufkommen, dass er der ganzen Bande haushoch überlegen ist. Schließlich darf er wie Buddha zufrieden in sich hinein lächeln und seine Seelenkur den Zuschauern wärmstens empfehlen.

Michaela Ehrenstein © Robert Peres

Michaela Ehrenstein © Robert Peres

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