Kultur und Wein

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Wohnorte der geflüchteten Mitglieder 1945

Wohnorte der geflüchteten Mitglieder 1945

FLUCHT DER PSYCHOANALYSE und ihr Weiterleben im Exil

Ausstellungsansicht Organisierte Flucht - Weiterleben im Exil © Oliver Ottenschläger

Ausstellungsansicht Organisierte Fluch...t © Oliver Ottenschläger

Auf einfachen Holzwänden wird über vertriebene Wissenschaft, lebensrettende Listen und persönliche Schicksale erzählt

Bereits am 13. März 1938, also einen Tag, nachdem deutsche Truppen, von einer jubelnden Bevölkerung empfangen, in Österreich einmarschiert waren, begannen intensive Vorbereitungen für eine nahezu unvergleichliche Fluchtaktion. Nachdem die meisten Mitglieder der WPV (Wiener Psychoanalytische Vereinigung) Juden und damit von der antisemitischen „reichsdeutschen“ Gesetzgebung betroffen waren, gab es kein Zögern mehr, das Land, nichts weniger als die Heimat, zu verlassen. Es war das eigene Leben, das bedroht war, aber auch die Wissenschaft, die Sigmund Freud in Wien begründet und die sich mittlerweile über die Welt verbreitet hatte. Freud selbst reiste mit seiner Familie am 4. Juni 1938 per Zug Richtung London ab, wo er jedoch bereits im September des selben Jahres verstarb. Seine Tochter Anna hatte ihm im Zuge der Vorstandssitzung vom 13. März den Entschluss der Mitglieder einer gemeinsamen Emigration mitgeteilt. Freud soll darauf laut Richard Sterba geantwortet haben: „Nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch den Kaiser Titus richtete Rabbi Jochanan ben Sakkai ein Gesuch an den Kaiser um die Erlaubnis, in Jabneh eine Schule für das Studium der Torah zu eröffnen. Wir werden das gleiche tun. Wir sind an Verfolgung gewöhnt, durch Geschichte, Tradition und einige von uns durch persönliches Erlebnis ….“ Der von Anna Freud eingebundene britische Psychoanalytiker Ernest Jones begann von London aus die systematisch angelegte Rettungsaktion zu organisieren. Schließlich galt es, Wohnungen zu finden, „Affidavits“ (eidesstattliche Erklärungen von Bürgen für die Geflüchteten) und Visa zu beschaffen, Spenden zu sammeln u.v.a.m.

Grete Bibring, Anna Freud und Helene Deutsch © Boston Psychoanalytic Society and Institute Archive

Grete Bibring, Anna Freud und Helene Deutsch, 15. IPV-Kongress, Paris, 1938 © Boston Psychoanalytic Society and Institute Archive

Einbürgerungsurkunde von Paul Federn (c) Sigmund Freud Privatstiftung

Einbürgerungsurkunde von Paul Federn © Sigmund Freud Privatstiftung

Dabei entstandene Listen tauchten um die Jahrtausendwende im Archiv der British Psychoanalytical Society eher zufällig wieder auf und stellen nun zentrale Objekte der Sonderausstellung im Sigm. Freud Museum dar. „Organisierte Flucht – Weiterleben im Exil. Wiener Psychoanalyse 1938 und danach“ (bis 30. April 2022) dokumentiert diese Unternehmung, mit der 38 in Wien lebende Mitglieder und 30 Kandidaten bis zum Frühjahr Wien verlassen konnten. Wie ging es dann aber weiter? Es waren Spezialisten, die nicht untätig herumsitzen wollten. Gab es in England überhaupt Bedarf an Psychoanalytikern der Wiener Richtung? Konnten Laienanalytiker (ohne medizinischen Abschluss) zugelassen werden? Usw. Die Gastfreundschaft der Briten hielt sich in Grenzen. Also zog ein guter Teil in die USA weiter, um dort ein neues Leben zu beginnen. Meldezettel aus Wien, Schiffsmanifeste von Ellis Island, Briefe der Betroffenen und Fotos geben einen Einblick in die Details dieser im Grund doch geglückten Flucht, die manchen der Emigranten zu bedeutenden Erfolgen in Übersee verholfen hat. Fotos von der Rückkehr eines Teils der Wissenschaftler und der Wiedereröffnung der WPV 1946 sind neben einem Gruppenbild des „First Stockbridge Congress in Child Analysis“ aus 1949, das etliche der zwölf Jahre davor aus Wien Ausgewanderten zeigt, der versöhnliche Abschluss, den Ernest Jones in einem berührenden Satz zusammengefasst hat: „Die alte und berühmte Wiener Gruppe wieder zu beleben ist eine edle Aufgabe und ich wünsche Ihnen den besten Erfolg.

Warteraum zur Ordination im SFM

SIGMUND FREUD MUSEUM wieder geöffnet!

Außenansicht mit Robert Longo, untitled (Hellion) (c) Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Viel Platz für eine Begegnung mit der Psychoanalyse

Im Haus Nr. 19 in der Wiener Berggasse hat er also gelebt, bis der zu Lebzeiten bereits prominente, weltweit anerkannte und gleichermaßen umstrittene Seelenarzt Dr. Sigmund Freud sein Domizil nach London verlegen musste. Nazis, oder besser, Wiener, die keine Ahnung von seiner wissenschaftlichen Bedeutung hatten, dafür umso mehr Judenhass in sich trugen, hatten Freud vertrieben. Der alte und zudem schwer kranke Mann musste die Stadt wechseln, seine Umgebung sollte dabei aber so wenig wie möglich verändert werden. Er ließ großteils die Einrichtung übersiedeln und in seiner Londoner Wohnung möglichst gleich wieder aufbauen. Damit ist auch die berühmte Couch, das bequeme und mittlerweile allgemein bekannte Zentrum seines Behandlungszimmers ausgewandert. Geblieben sind leere Räume, die nach dem Ende des Wahnsinns und einer späten Einsicht der ehemaligen Landsleute als Gedenkstätte eingerichtet wurden. Von Einheimischen wurde kaum danach gesucht, aber Touristen erfragten sich immer wieder den Weg zu dieser Pilgerstätte der Psychoanalyse.

Spieletruhe von Sigmund Freud

Hier war der Blick auf das Unbewusste erstmals geöffnet worden, hier waren Werke wie „Die Traumdeutung“, „Totem und Tabu“ oder die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ verfasst worden. Wenn manches davon auch längst von neuem Wissen kritisch überholt ist, so ist Freud dennoch der meist zitierte Wissenschaftler. Es lässt sich einfach prächtig mit einem Ödipuskomplex oder dem noch berühmteren Freudschen Versprecher eine vorgetäuschte Fülle von Allgemeinwissen demonstrieren, ohne je eine Zeile seiner Bücher gelesen zu haben.

Granatmedaillon mit Fotos der Kinder Freuds (C) Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Es schien hoch an der Zeit, das Sigmund Freud Museum dem Umfang des dort entstandenen Wissens anzupassen. Beauftragt wurden mit der Neugestaltung die Architekten Hermann Czech, Walter Angonese und ARTEC Architekten. Hermann Czech erinnert sich, wie er vor dem Problem stand, dass es außer nackten Mauern kaum etwas gab, das man zeigen konnte. Unter dem Motto „Auch wenn nichts da ist, hier war es“ wurde der „Mangel an Objekten“ zum eigentlichen Ausstellungsinhalt gemacht.

Man hat es geschafft, mit Vitrinen, Büchern und ein paar Versatzstücken aus dem persönlichen Besitz von Sigmund Freud diesen in seinem Wiener Domizil wieder spürbar zu machen. Versehen mit einem Kopfhörer kann man sich an Audiostationen anschließen und zuhören oder selbst die Texte studieren, Fotos betrachten und sich an deren Entstehungsort Gedanken über die Psychoanalyse machen. Mit 550 m² wurde die Ausstellungsfläche nahezu verdoppelt. Dem Besucher stehen damit mit dem gesamten Mezzanin sämtliche Wohnräume der Familie Freud und die Ordinationen von Dr. Freud offen. Vom wieder eingerichteten Warteraum mit gemütlichen Sitzmöbeln darf man sich aufrufen lassen, um – und da wird die Phantasie sehr gefordert – auf der nicht vorhandenen Couch neben dem fehlenden Fauteuil Platz zu nehmen. Die Stelle, wo die beiden Möbelstücke einst gestanden sind, markiert ein grauer Fleck an der Wand mit den Löchern der Nägel, an denen der legendäre Teppich aufgehängt war. Nach Offenlegung der Seele durfte der Patient durch eine Tapetentür abtreten, ohne von den Wartenden gesehen zu werden.

Im Stockwerk darüber wäre Gelegenheit, sich im Lese- und Vortragssaal Europas größter „Bibliothek der Psychoanalyse“ mit einem der in der Ausstellung angesprochenen Bücher vertraut zu machen, nachdem man in der ersten Sonderausstellung “Die unendliche Analyse. Psychoanalytische Schulen nach Freud“ bewundert, wenn auch nicht ganz verstanden hat. Ehemalige Ordinationsräume im Hochparterre gehören der Kunst, die mit Werken von John Baldessari, Pier Paolo Calzolari, Susan Hiller, Ilya Kabakov und Franz West einen emotionalen Zugang zu Freud bieten wollen. Wieder im Erdgeschoss und dem Foyer mit Ticketkassa und Museumsshop angekommen, lässt man im Café bei einem Getränk und einem angeregten Gespräch das Erlebte sickern, um schließlich draußen mit einem Blick zurück auf den „Schauraum Berggasse 19“ die Installation „Hellion“ des US-amerikanischen Künstlers Robert Longo an der Außenfront zu entdecken. Man ist also gerüstet, um den erwarteten Gästeansturm von 110.000 Personen, wichtig: auch Hiesige, bewältigen zu können.

Ausstellugnsansicht Sigmnd Freud Museum
SFM Museum Logo 250

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