Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eine Weihnachtsgeschichte vom Guten im bösen Mann

Martin Ploderer (Scrooge) © Martina Rathberger

Ein bisserl was vom Scrooge, dem alten Geizkragen, steckt doch in jedem von uns

Charles Dickens war offenbar ein Fan von Weihnachten. Wie sonst wäre ihm eine der schönsten Geschichten zu diesem Fest eingefallen!? Er erfindet einen mieselsüchtigen Alten namens Scrooge, für den Schenken und beschenkt werden nichts als Humbug ist. Seine Buchhaltung macht auch am Heiligabend keine Pause und, so denkt er, müssten es auch die anderen halten, zum Beispiel sein Kontorist Bob Cratchit. Kuschelige Wärme und genügend Licht sind verzichtbarer Luxus, Spenden ist für ihn eine Unart, der er verständnislos gegenüber steht, und mit den Lieben feiern ist das Höchstmaß an Verschwendung von Zeit und Geld. Dickens lässt bekanntlich den Geizhals durch eine harte Schule gehen und spart in diesem Punkt nicht im Geringsten. Geister werden dafür aufgeboten und Zeitreisen, die Scrooge in seine Jugend führen, anschließend in den Haushalt von Cratchit und dem des eigenen Neffen Fred, um ihn miterleben zu lassen, wie lieb man das geizige Scheusal eigentlich hat, und letztendlich in die Zukunft, die er selbst gestalten kann. Nur eine solche Rosskur schafft nachhaltige Besserung.

Peter Buchecker (Jacob Marley) © Martina Rathberger

Das Schöne an diesem Christmas Carol ist nicht nur das Happy End, freilich auch dieses, denn wer schaut nicht gern zu, wenn aus einem hartherzigen Zeitgenossen ein aufgeschlossener Mitmensch wird, viel mehr aber ist es die allgemeine Moral, die jeden von uns betrifft. Sind wir uns ehrlich, aber ganz so fremd ist dieser Scrooge keinem von uns. Man braucht nur genau hinzuschauen, um unterm Christbaum in Geschenkpapier verpackt Spuren all dieser im Grunde launig angeprangerten schlechten Eigenschaften zu finden. Was es jeweils ist, braucht ja keiner laut zu sagen, sollte sich aber selbst zumindest an die Brust schlagen, um wie Scrooge ein anderer, ein besserer zu werden.

Nala Helga Oppenhauer (Geist der gegenwärtigen Weihnacht) © Martina Rathberger

Raum ist in der kleinsten Hütte scheint das Motto von Veronica Buchecker zu sein, zumindest für diese Produktion im Studio II des Theater Center Forum, auf dessen Bühne eine respektabel große Besetzung Platz zu finden hatte. Die Prinzipalin von Il Vero Teatro schaffte es mit Charme und raffinierten Regieeinfällen gezählte 30 Rollen von 15 wandelbaren Darstellern bewältigen zu lassen. In einer Art Feuerwehreinsatz stellten Martin Gesslbauer und Anke Zisak noch am Premierentag die passende Bühne zur Verfügung.

Die mit derlei ad hoc Aktionen verbundene Nervosität des großteils jungen Ensembles (mit dabei: Michael Pockberger als Bob Cratchit, in vielen Gestalten Alexander Plasser, Vivianeva Platzer, Claudio Györgyfalvay, Peter Buchecker, Nicole Locker, Susanne Greiner, Fabian Köll, Nala Helga Oppenauer und Julia Manhardt nebst Stephan Paryla-Raky als Erzähler aus dem Off) hielt sich dennoch in Grenzen und es wurde daraus eine durch und durch berührende Weihnachtsgeschichte (aus dem Englischen übersetzt von Peter Buchecker), bei der alle ihr Bestes gaben, um den alten Profi Martin Ploderer vom krankhaften Geiz seines Ebenezer Scrooge zu heilen.

Solange sein Kommentar nur Humbug lautet, ist Ploderer tatsächlich ein abscheuliches Ekelpaket, dessen Herz aber spätestens dann weich wird, wenn der kleine mit Krücken dahin humpelnde Tim (Nina Batik) mit ins Gemüt gehender Stimme „Silent Night, Holy Night“ singt und damit die ideale Vorbereitung für alle Scrooges dieser Welt auf das eine, große Fest von Christi Geburt liefert, das bis 21. Dezember, also ganz knapp vor dem Ernstfall, außer Sonntag und Montag mitzuerleben ist.

Nina Batik (Tim) © Martina Rathberger

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