Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


DIE ZOOGESCHICHTE Zähes Ringen um Parkbank und (Ab-)Leben

René Rumpold (Peter), Johannes Terne (Jerry) © Il vero teatro

René Rumpold (Peter), Johannes Terne (Jerry) © Il vero teatro

Ein Abend, der an der Ausdruckskraft zweier Schauspieler hängt

Peter, ein biederer Verlagsangestellter, genießt die Sonntagnachmittage auf einer Bank im Central Park von New York. Er will nichts als im Sonnenschein sitzen und lesen. An diesem Tag ist ihm jedoch auch dieser doch bescheidene Luxus nicht gegönnt. Ein Rumtreiber namens Jerry erscheint und beginnt auf Peter einzureden und ignoriert geflissentlich die unausgesprochene Ablehnung einer Unterhaltung seitens von Peter. Er penetriert den anderen mit Fragen, der mit halbherzigen Antworten seine Ruhe wieder zu gewinnen sucht. Jerry steigert sich in seinem Mitteilungsbedürfnis jedoch gewaltig, erpresst Informationen zur Person von Peter und ergeht sich in eine detailreiche Schilderung seiner eigenen, fragwürdigen Umstände.

Er offenbart für einen Normalo wie Peter schockierende Episoden, angefangen vom schwulen farbigen Nachbarn, dessen einziges Interesse dem Zupfen der Augenbrauen dient, über die im Suff geile und massiv zudringliche Hausmeisterin bis zu deren feindseligen Hund, den Jerry zu vergiften versucht. Dass der von diesen Eröffnungen angewiderte Peter die Bank nicht einfach verlässt und das Weite sucht, hängt zum Teil an dessen Besitzanspruch auf diese Sitzgelegenheit, aber auch an raffiniert erweckter Neugier. Autor Edward Albee operiert mit dem Titel gebenden Cliffhanger, einer immer wieder hinausgezögerten und letztlich nie erfolgten Schilderung eines Vorfalls im Tiergarten, den Jerry eben Richtung Norden verlassen hat.

 

„Die Zoogeschichte“ (The Zoo Story, 1958) ist das erste Bühnenwerk dieses US-amerikanischen Schriftstellers. Es zeigt deutliche Anklänge an das zuvor aufgekommene absurde Theater. Anders als „Warten auf Godot“ hat es allerdings ein sehr dramatisches Ende. Das in diesem Fall äußerst mutige „Il vero teatro“ unter der Prinzipalin und Regisseurin Veronica Buchecker hat dieses Stück für das Theater Center Forum (zu erleben noch am 30. Juni und am 3. Juli 2021 um 19.30 Uhr im Forum I) produziert, wohl in der Hoffnung, das Publikum mit einer Rarität anzulocken.

Johannes Terne (Jerry), René Rumpold (Peter) © Il vero teatro

Johannes Terne (Jerry), René Rumpold (Peter) © Il vero teatro

Zum Glück haben beide Darsteller das Potential, streckenweise ermüdende Texte packend über die Rampe zu bringen. René Rumpold gibt seinem sauberen Peter in dieser höchst unangenehmen Konfrontation die ungemein glaubhafte Gestalt eines zaudernden Familienmenschen. Aber was ihm auf die Nerven geht, könnte auch bald den Zuschauer langweilen. Doch davor werden sowohl er als auch das Publikum bewahrt. Johannes Terne ist als Jerry eine wahre Heimsuchung. Virtuos pendelt er zwischen Sympathie und Ekelhaftigkeit. Wenn er den Hund die Fleischlaibchen verschlingen lässt, dann hat man die triefenden Lefzen und die roten Augen der schwarzen Bestie vor sich, aber man spürt genauso Mitleid, wenn er fast weinerlich von der Misere mit seinen Eltern erzählt. Seine und gleichzeitig die Botschaft des Stückes lässt sich somit in einem Zitat am treffendsten ausdrücken: „Ich bin verrückt, du Trottel!“

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