Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Sujetfoto © Jan Frankl

DER EINSAME WEG sowohl in das Alter als auch in den Tod

Der einsame Weg Szenenfoto © Astrid Knie

Ein Stück Bedenkzeit, begleitet von Schnitzlers poetisch düsteren Gedanken

„Ich habe dich lieb“, sagt Alma Hasun als rührend junge Johanna zum wesentlich älteren Stephan von Sala (Bernhard Schir). Sie meint es wirklich ernst, nicht nur, weil sie weiß, dass dieser Mann, der sie mit seinen Versen fasziniert, am äußersten Rand seines Lebens steht. Es ist das Charakteristikum dieses Schauspiels von Arthur Schnitzler, dass die einen ihres Todes gewiss sind und auch verlässlich sterben, während die anderen damit fertig werden müssen, dass sie von diesen Menschen verlassen werden. Es geht aber ebenso wesentlich um Geburt, also um den Anfang unseres Daseins. Felix, ein noch jugendlicher Offizier (Alexander Absenger), hatte nie den geringsten Zweifel, dass Professor Wegrat (Marcus Bluhm) sein Vater ist. Als aber der Maler Julian Fichter auftaucht, gespielt von Ulrich Reinthaller, kristallisiert sich nach und nach die Wahrheit heraus. Er hat im Zuge eines Verhältnisses mit Gabriele (Therese Lohner) vor deren Hochzeit mit Wegrat Felix gezeugt. Gleichzeitig hatte er eine Liaison mit der Schauspielerin Irene Herms, großartig besetzt mit Maria Köstlinger.

Bernhard Schir, Alma Hasun © Astrid Knie

Dieser nur vordergründig leichtlebigen Dame glaubt man aufs Wort, dass sie selber allzu gern Kinder gehabt hätte. Sie macht dazu Julian Vorwürfe, freut sich aber mit ihm, dass wenigstens er einen Sohn hat, der allerdings von seinem wahren Erzeuger nichts wissen will und für dessen Freiheitsliebe nachvollziehbarer Weise nicht das geringste Verständnis hat. Wenn Irene nach einem Besuch bei Sala in dessen Dornbacher Villa Felix in ihrem Wagen in die Stadt mitnimmt und stolz sagt, dass die Leute glauben werden, eine Mutter sei mit ihrem Sohn unterwegs, dann wird ihre Sehnsucht, das eigene Leben in Nachkommen weiterzugeben, schmerzlich klar. Die undankbarste Rolle hat Peter Scholz übernommen. Er ist Doktor Franz Reumann, der wie das Schicksal persönlich die kurz bemessene Lebensdauer von Gabriele und Sala kennt, aber vom Freitod Johannas, die er selber gern geheiratet hätte, grausam überrumpelt wird.

 

Schnitzler hat mit diesem Stück keinen angenehmen Theaterabend geschaffen, sehr wohl aber einen poetischen, mit vielen leisen Tönen, mit denen die einzelnen Tragödien abgehandelt werden. Mateja Koležnik führt Regie, wie man sie für eine derartige Düsternis erwarten darf. Grau in Grau ist die Devise, die von Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp im Bühnenbild konsequent umgesetzt wurde. Türen verschieben sich gegeneinander, um stets nur kleine Durchgänge zu schaffen.

Der Hintergrund wie eine elegante Wohnung oder die Villa am Land malt sich aus dem Text Schnitzlers. Es braucht nicht mehr als große Schauspieler, die damit kunstvoll arbeiten und den Zuschauer sogar diese Tristesse genießen zu lassen. Er spürt die Verzweiflung, wenn der Professor und Kunstbeamte Wegrat und der Maler Fichtner den einsamen Weg in das Alter antreten, während das Leben um sie herum erlischt oder mit Felix in einer archäologischen Expedition ohne absehbares Ende verschwindet.

Der einsame Weg Szenenfoto © Astrid Knie

Der Besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

DER BESUCH DER ALTEN DAME telegen aufbereitet

Der Besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

Tödliche Gerechtigkeit für die tanzende Gliederpuppe

Friedrich Dürrenmatt hat für die größten Schauspielerinnen in einem Alter jenseits der jungen Naiven mit der Claire Zachanassian eine Traumrolle geschrieben. Für das Theater in der Josefstadt kam dafür nur Andrea Jonasson infrage. Sie gibt dieser unermesslich reichen, sonst aber aus metallischen Bestandteilen bestehenden Frau die Dämonie eines weiblichen Mr. No, der die Welt gekauft hat und sie nun beherrscht. Nachdem kein James Bond auftaucht, sondern nur ihr Liebhaber, der sich alles andere als anständig benommen hat, als sie schwanger und mittellos war, wird eben der vernichtet. Claire will Gerechtigkeit, nicht Rache. Alfred Ill ist nicht zu beneiden. Michael König nimmt man den einstens wilden Burschen, in den das Mädchen Kläri verliebt war, auf der Stelle ab, aber auch seine Todesangst und die letztendliche Einwilligung, sich töten zu lassen. Claire will nämlich nichts anderes als Gegenleistung für eine versprochene Milliarde, die sie dem maroden Flecken namens Güllen (was recht nahe dem Wort Gülle für Jauche klingt) vermachen will, als den Tod von Alfred.

Andrea Jonasson, Michael König © Herwig Prammer

Dass die reflexartig ausgesprochenen Schwüre von Humanität bald der Gier auf das in Aussicht gestellte Vermögen Makulatur sind, ist vom ersten Moment an klar. Dürrenmatt lässt kein gutes Haar an den Honoratioren des Städtchens, wenn er bis in letzte Fältchen ihrer schwarzen Seelen blickt. Kredit ist plötzlich das Zauberwort, das Alfred Ill, den Betreiber des örtlichen Kaufhauses in Panik bringt. Er braucht nur eins und eins zusammen zu zählen um zu wissen, worauf sich die aus Schuldenmachen bestehende Konjunktur aufbaut, nämlich auf seinen Kopf.

Der besuch der alten Dame Ensemble © Herwig Prammer

Das 1956 uraufgeführte Stück „Der Besuch der alten Dame“ ist nach wie vor eines der meistgespielten Dramen auf deutschen und österreichischen Bühnen. Was soll ein Regisseur da noch Neues bringen? Stephan Müller hat gezeigt, dass es möglich ist. Er lässt den Zuschauer zum Fernseher werden, der einzelne Szenen auf TV-Schirmen verfolgt, in denen das zum Verständnis nötige Hintergrundwissen zweifelhaft unterhaltsam und doch in einer zeitgemäßen Art vermittelt wird.

Zwei in ihrer Art ungemein echt wirkende Moderatorinnen (Martina Stilp und Alexandra Krismer) mit dem Kameramann Michael Würmer sind immer dann zu Stelle, wenn die betroffenen Güllener das am wenigsten gebrauchen können. So fragt eine davon mitten in der besten Feierstimmung doch glatt den Bürgermeister (Siegfried Walther als genial niederträchtig grinsender Lokalpolitiker), warum seine Kommune derart wirtschaftlich abgesackt sei, dass es hier die meisten Arbeitslosen des ganzen Landes gäbe. Freilich weiß er eine nichtssagende Antwort, ebenso der Lehrer (André Pohl), der vor den Mikrophonen eine ergreifend inhaltslose Rede schwingt, von der sogar das TV-Team beeindruckt ist. Pfarrer (Johannes Seilern), Arzt (Alexander Strobele) und Polizist (Oliver Huether) sind längst auf Linie, wenn es darum geht, dem Gemeinwohl eine Milliarde zu verschaffen. Als Frau von Ill wächst Elfriede Schüsseleder von der grauen Maus, die Alfred seinerzeit wegen des Geldes geheiratet hat, im Vertrauen auf das pekuniär einträgliche Ableben ihres Mannes zum toll gekleideten Vamp heran. Mit der Distanz eines Stoikers steht Markus Kofler dem schlimmen Treiben gegenüber.

Er ist der souveräne Butler von Claire, zum Glück nicht einer ihrer Ehemänner (in Personalunion Lukas Spisser, der für seine Wandelbarkeit vom Plantagenbesitzer über den Filmschauspieler bis zum Nobelpreisträger Lacher einheimst), die schneller als manches Hemd gewechselt werden. Wenn zwischen den vielen großartigen Videoeinspielungen (Sophie Lux) eine gespenstische Tänzerin auftaucht, halb Gliederpuppe, halb Skelett, ist schließlich jedem klar, wie es um die Zukunft von Alfred Ill steht.

Martina Stilp, Lukas Spisser, Andrea Janossaon © Herwig Prammer

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

DIE REISE DER VERLORENEN Verdammt ein Jud´ zu sein

Die Reise dere Verlorenen Szenenfoto © Jan Frankl

Bedrückende Kreuzfahrt von Hamburg nach Havanna und retour

Welcher gute Geist immer Hitler geritten hat, aber der Führer erlaubte im Jahr 1939 an die eintausend Juden die Ausreise per Schiff. Die meisten waren kaum begütert und kratzten ihre letzten Reichmark zusammen, um eine Bordkarte zu ergattern. Die Shoa, die sie bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hatten, ließ ihnen keine andere Entscheidung. Kuba, hieß es, würde sie vorläufig aufnehmen und in der Folge könnten sie in die USA weiterreisen. Dass diese Reise keine Luxuskreuzfahrt werden würde, wie man es vom Schiff, der komfortablen St. Louis, eventuell erwarten hätte können, war jedem der Beteiligten klar; sowohl den Passagiere als auch der Besatzung. Einer der Stewards war Erznazi, Ortsgruppenleiter auf der schwimmenden Gemeinde, und konnte sich nicht damit abfinden, dreckige verhasste Juden bedienen zu müssen. An Land hätte er sie ins KZ stecken und vergasen können, auf hoher See musste er aber zähneknirschend befolgen, was ihm sein Kapitän auftrug, wenn auch nur unter Ausstoßung finsterer Drohungen gegenüber seinem seiner Ansicht allzu menschlichen Vorgesetzten.

Herbert Föttinger, Raphael von Bargen © Sepp Gallauer

Die Reisenden selbst hatten zum Teil schon bittere Erfahrungen mit dem Rassenwahn in Deutschland gemacht. Erst nach und nach konnte sich der Kapitän ihr Vertrauen erkämpfen, das aber sehr schnell wieder verloren war, als es hieß, dass Kuba mit seiner korrupten Regierung sein Wort brach, die USA sich abputzten und der Befehl zur Rückkehr nach Hamburg bekannt wurde. Die Flüchtlinge waren dem Meer und dem Goodwill einiger Länder wie Holland, Belgien oder Frankreich, die sich bereit erklärten, etliche von ihnen aufzunehmen, hilflos ausgesetzt und mussten unter deren auch nicht gerade freundlichen Bedingungen ihr Leben retten lassen, nur vorläufig, denn mit Ausbruch des Krieges standen sie wie die Verlierer des Gänsespiels wieder genau dort, wo sie ihre unglückselige Reise begonnen hatten.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben diese Irrfahrt der St. Louis in einem auf wahren Tatsachen beruhenden Roman „Voyage of the Damned“ aufgeschrieben. Daniel Kehlmann hat für die Josefstadt Dilogie „Auf der Flucht“ daraus das Stück „Die Reise der Verlorenen“ geschaffen. Die Besetzungsliste ist lang und voll von bekannten Namen; zweifellos eine Parade der Publikumslieblinge des Hauses, denen Direktor Herbert Föttinger als Kapitän Gustav Schröder souverän die Fahrtrichtung vorgibt.

Sein Widerpart ist Raphael von Bargen, der wohl seiner ständigen Rollen als Nazi überdrüssig sein dürfte. Aber er kann Ekel wie den Otto Schiendick so gut wie kein anderer verkörpern und wenn er erzählt, dass er den Kapitän eines anderen Schiffes bereits verhaften hätte lassen und penibel Buch führt, was es an Verstößen gegen seine Ideologie gibt, rennt einen als Zuschauer die Gänsehaut über den Rücken. Sandra Cervik ist die entscheidungsfreudige Babette Spanier, Gattin des Dr. Fritz Spanier (Ulrich Reinthaller), der später ohne Skrupel zum Lagerarzt aufsteigt und Jüdinnen sterilisieren lässt. Therese Lohner gibt eine reizend starrköpfige Tante Charlotte, die ihren Neffen Otto Bergmann (Matthias Franz Stein) kujoniert, und Roman Schmelzer den rührenden Pechvogel Aaron Pozner, der sogar vor einer Meuterei nicht zurückschrecken würde, wäre da nicht der Kapitän, der ihm derlei Unsinn auszureden versteht. Die Staatsführung von Kuba ist nicht weniger prominent besetzt. Michael Dangl lässt seinen Präsidenten Laredo Brú zwischen Geldgier und politischem Opportunismus sehr nachvollziehbar schwanken, gegen die Argumente von Remos (Martin Zauner), einem seiner Minister.

 

Janusz Kica hatte als Regisseur die nicht leichte Aufgabe, Menschenmassen auf der Bühne der Josefstadt zu organisieren, die aber von Walter Vogelweider mit einem äußerst sparsamen Bühnenbild in Form eines grob stilisierten Schiffs erleichtert wurde. Trotz der beträchtlichen Anzahl auftretender Personen kennt man sich als Zuschauer stets bestens aus.

Dass am Schluss die Statisten Schwimmwesten tragen, wie man sie von Zeitungsberichten heutiger Tage kennt, ist ein Gedankenanstoß, die Thematik in die Gegenwart zu übersetzen, auf die Gefahr hin, dass Migrationsbewegungen Richtung Europa mit der lebensrettenden Flucht von Juden aus dem Dritten Reich in einen Topf geworfen werden. Auch weniger schlechte Menschen fürchten sich vor Völkerwanderungen und fragen nicht unberechtigterweise, was dabei am Ende für uns alle herauskommen wird.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

Der Gott des Gemetzels Ensemble © Moritz Schell

Bild oben für Video (© Theater in der Josefstadt) anklicken!

DER GOTT DES GEMETZELS herrscht uneingeschränkt

Der Gott des Gemetzels Ensemble © Moritz Schell

Das erstaunliche Konfliktpotential zweier Schneidezähne und eines Hamsters namens Knusperinchen

Die Auseinandersetzung zweier Buben ist über eine Balgerei hinaus zu einem Hieb mit einer Stange in das Gesicht des anderen ausgewachsen. Der so Getroffene trug dabei eine geschwollene Lippe und zwei beschädigte Vorderzähne davon. Die Eltern der beiden Raufer wollen das Ganze in einem kultivierten Gespräch klären und auf keinen Fall miteinander streiten. Wer die Menschen kennt wie die französische Theaterautorin Yasmina Reza, weiß natürlich besser, dass so was zu nur größeren Auseinandersetzungen führt. Es beginnt damit, dass die Mutter des „Opfers“ das andere Kind als mit einer Stange bewaffnet bezeichnet, was natürlich der Vater des „Täters“, ein Rechtsanwalt, so nicht stehen lassen will. Es sind Kleinigkeiten, die zu gegenseitigen Beschimpfungen, sogar bis zu Handgreiflichkeiten führen. Dass dabei ständig die Allianzen gewechselt werden, macht den Reiz dieses Stücks aus, das in der einzigen klar ausgesprochenen Wahrheit mündet: Es ist „Der Gott des Gemetzels“, der seit Anbeginn ein friedliches Zusammenleben unmöglich macht. Virtuos bedient er sich der Vielschichtigkeit unseres Denkens und Fühlens.

Judith Rosmair, Susa Meyer © Moritz Schell

Er schafft Missverständnisse, denen auch der aufgeklärteste Mitmensch hilflos ausgeliefert ist. Jeder gegen jeden ist die Devise, wenn es darum geht, die eigene Meinung durchzusetzen, ob seinerzeit mit der Keule, wie sie im 21. Jahrhundert auch von den Knaben verwendet wurde, die feine psychologische Klinge, die tiefere Wunden schneidet als jedes Messer, oder mit dem blutigen Aufreißen zahlloser nur oberflächlich vernarbter Wunden.

Torsten Fischer hat dieses dramatische Glanzstück eines Rückfalls in unsere tiefsten Urtriebe für das Theater in der Josefstadt inszeniert. Die Wohnung, in der man sich zur Aussprache trifft, ist topmodern gestylt, atmet zeitgenössischen Kunstgeist, den eine kolossale Skulptur eines archaischen Gottes ziert, und gehört dem Ehepaar Houillé (Bühne: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafilopoulos). Die Gäste Anette (Susa Meyer) und Alain Reille (Michael Dangl) erscheinen in dieser Umgebung mit besten Absichten. Sie wollen mit der für Menschenrechte und sonstigen großen Anliegen beschäftigten Véronique (Judith Rosmair) und deren Mann Michel (Marcus Bluhm) die leidige Sache aus der Welt wegbesprechen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt auch das Handy. In der Hand von Michel wird dieses zum Zerhacker jedes Gesprächs, bis es von der Hand seiner eigenen Frau in einem Schafferl mit Tulpen versenkt wird. Zu diesem Zeitpunkt hat man jedoch bereits so viel Rum getrunken, um zwischen Kotzen und vom Alkohol aufgeheizter Stimmung jede Möglichkeit einer Lösung verspielt ist. Dazu kommt an den Tag, dass Michel Knusperinchen, den Hamster seiner Tochter, brutal auf der Straße ausgesetzt hat und von den beiden Frauen dafür die ihm zustehende Schelte erhält. Véronique ist offenbar heimliche Alkoholikerin und Annette so weit anlassig, dass sie einem Partnertausch nicht abgeneigt wäre.

Da richtige Männer aber auch solche sein müssen, finden sich die beiden Herren über ihre Vergangenheit als Bandenchefs zu einer von John Wayne vorgelebten Freundschaft zusammen. Da weder Yasmina Reza noch Torsten Fischer humorlos sind, wird dieser Rückfall in einen Stammeskrieg der Neandertaler zu einem witzigen Abend, der trotz seines an sich gar nicht so lustigen Hintergrunds zu einem ausnehmend spaßigen Gemetzel ausartet, über das mit stoischer Miene die zuständige Gottheit wacht.

Michael Dangl, Marcus Bluhm © Moritz Schell

In der Löwengrube Ensemble © Moritz Schell

IN DER LÖWENGRUBE Feierliche Wiedergutmachung in der Josefstadt

Florian Teichtmeister als Benedikt Höllrigl, Ensemble © Moritz Schell

Noch dürfen wir über die Köpenickiade von Arthur Kirsch lachen

Die historische Hauptfigur heißt Leo Reuss. Er war ein Schauspieler, dem seine jüdische Abstammung in den 1930er-Jahren in Deutschland mehr und mehr Probleme bei der Ausübung seines Berufes bereitete. Sein Wechsel nach Österreich brachte ihm kaum eine Verbesserung der Situation. Aber was sollte er als Mime deutscher Zunge anderes machen? Bei einem Landaufenthalt in Salzburg verfiel er auf eine ebenso seltsame wie abenteuerliche Idee. Er verkleidete sich als Bauer, erlernte den entsprechenden Dialekt, lieh sich einen Geburtsschein und zog als Naturtalent ohne Bühnenerfahrung und Schauspielunterricht wieder zum Theater zurück. Als Kaspar Altenberger sprach er bei den Salzburger Festspielen bei keinem Geringeren als Max Reinhardt vor. Unter dem Künstlernamen „Kaspar Brandhofer“ wurde er am 10. Oktober 1936 Ensemblemitglied der Josefstadt. Als Kuriosum feierte er Erfolge, so lange, bis er seine wahre Identität  selbst auffliegen ließ. Nach einer geringen Strafe wegen Urkundenfälschung übersiedelte er nach Amerika.

Florian Teichtmeister, Alexander Absenger © Moritz Schell

Aufgrund seines deutschen Akzents wurde in Filmen wie in einer schlechten Satire immer wieder mit Rollen bedacht, in denen er Nazis zu verkörpern hatte. Vieles in dieser Geschichte ist nur mündlich tradiert, aus Erinnerungen damaliger Bühnengrößen wie Helene Thimig oder Ernst Lothar, dem Reuss die Ereignisse persönlich bei einem Besuch in Hollywood geschildert haben soll.

Florian Teichtmeister, Pauline Knof, Alexander Absenger © Moritz Schell

Felix Mitterer war, so verriet Herbert Föttinger nach der Premiere im Rahmen einer Ehrung für den Autor von „In der Löwengrube“ dem Publikum, vom damaligen Direktor Otto Schenk auf diesen Stoff aufmerksam gemacht worden. Das daraus entstandene Stück wollte Schenk jedoch nicht aufführen, da es seiner Ansicht nach eine Schande für das Theater in der Josefstadt bedeutet hätte. Mitterer hatte die Handlung in die Nazizeit verlegt und Schauspieler zu SA-Mitgliedern gemacht.

Mit diesem Zeitsprung erhält das Ganze jedoch Spannung, da mit dem Verhalten des Helden, der nun Arthur Kirsch heißt, KZ oder Hinrichtung verbunden gewesen wären. Das Stück wurde trotz dieser Absage bereits unzählige Male inszeniert, am 15. März 2018 das erste Mal jedoch an der Josefstadt. Die Mitterer-Spezialistin Stephanie Mohr führte Regie und hat mit einem großartigen Ensemble diesem Theater alles andere als Schimpf bereitet. Vielmehr einen Triumph, denn mit einem Florian Teichtmeister in der Hauptrolle muss ein Publikum hingerissen sein. Als Kirsch in der Rolle des Shylock buhen ihn die Nazibuam aus bis der Vorhang fällt. Als uriger Tiroler Bergbauer namens Benedikt Höllrigl wird er zum Star, der sogar von Joseph Göbbels (wunderbar schmierig in seiner zynischen Liebe zur Kultur: Claudius von Stolzmann) als der bedeutendste deutsche Schauspieler seiner Zeit einen Orden um den Hals gehängt bekommt.

Teichtmeister schafft es tatsächlich, zwei Identitäten gleichzeitig zu verkörpern, den mit geschliffener Artikulation auftretenden Wiener Schauspieler und das mit einem tief in der Gurgel verankerten Lauten Tirolerisch sprechende Unikum. Ihm zur Seite stehen Pauline Knof als eine schöne, aber von Untreue geplagte Gattin Helene Schwaiger, Alexander Absenger als der forsch zum Nationalsozialismus bekehrte Strassky, André Pohl in der Rolle der armen Haut Polacek, der nur ein Mitläufer ist, aber aufgrund seines angeblich jüdischen Gesichts den Job verliert und sich im Grund zu Tode säuft, oder Tobias Reinthaller als der junge Jakschitz, ein Nazi, der noch grün hinter den Ohren ist und sich in die hübsche Halbjüdin Olga (Alma Hasun) verknallt hat. Zwei ausnehmend liebenswürdige Typen sind der wahrhaft geplagte Direktor Meisel (Peter Scholz) und Inspizient und wie Mädchen für alles, Herr Eder (Alexander Strobele), die dieser späten Wiedergutmachung sowohl an einem Schauspieler als auch an diesem grandiosen Stück eine wohltuende menschliche Note verleihen.

Claudius von Stolzmann, Florian Teichtmeister © Moritz Schell
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Foto © Theater in der Josefstadt

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