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Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

DIE REISE DER VERLORENEN Verdammt ein Jud´ zu sein

Die Reise dere Verlorenen Szenenfoto © Jan Frankl

Bedrückende Kreuzfahrt von Hamburg nach Havanna und retour

Welcher gute Geist immer Hitler geritten hat, aber der Führer erlaubte im Jahr 1939 an die eintausend Juden die Ausreise per Schiff. Die meisten waren kaum begütert und kratzten ihre letzten Reichmark zusammen, um eine Bordkarte zu ergattern. Die Shoa, die sie bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hatten, ließ ihnen keine andere Entscheidung. Kuba, hieß es, würde sie vorläufig aufnehmen und in der Folge könnten sie in die USA weiterreisen. Dass diese Reise keine Luxuskreuzfahrt werden würde, wie man es vom Schiff, der komfortablen St. Louis, eventuell erwarten hätte können, war jedem der Beteiligten klar; sowohl den Passagiere als auch der Besatzung. Einer der Stewards war Erznazi, Ortsgruppenleiter auf der schwimmenden Gemeinde, und konnte sich nicht damit abfinden, dreckige verhasste Juden bedienen zu müssen. An Land hätte er sie ins KZ stecken und vergasen können, auf hoher See musste er aber zähneknirschend befolgen, was ihm sein Kapitän auftrug, wenn auch nur unter Ausstoßung finsterer Drohungen gegenüber seinem seiner Ansicht allzu menschlichen Vorgesetzten.

Herbert Föttinger, Raphael von Bargen © Sepp Gallauer

Die Reisenden selbst hatten zum Teil schon bittere Erfahrungen mit dem Rassenwahn in Deutschland gemacht. Erst nach und nach konnte sich der Kapitän ihr Vertrauen erkämpfen, das aber sehr schnell wieder verloren war, als es hieß, dass Kuba mit seiner korrupten Regierung sein Wort brach, die USA sich abputzten und der Befehl zur Rückkehr nach Hamburg bekannt wurde. Die Flüchtlinge waren dem Meer und dem Goodwill einiger Länder wie Holland, Belgien oder Frankreich, die sich bereit erklärten, etliche von ihnen aufzunehmen, hilflos ausgesetzt und mussten unter deren auch nicht gerade freundlichen Bedingungen ihr Leben retten lassen, nur vorläufig, denn mit Ausbruch des Krieges standen sie wie die Verlierer des Gänsespiels wieder genau dort, wo sie ihre unglückselige Reise begonnen hatten.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben diese Irrfahrt der St. Louis in einem auf wahren Tatsachen beruhenden Roman „Voyage of the Damned“ aufgeschrieben. Daniel Kehlmann hat für die Josefstadt Dilogie „Auf der Flucht“ daraus das Stück „Die Reise der Verlorenen“ geschaffen. Die Besetzungsliste ist lang und voll von bekannten Namen; zweifellos eine Parade der Publikumslieblinge des Hauses, denen Direktor Herbert Föttinger als Kapitän Gustav Schröder souverän die Fahrtrichtung vorgibt.

Sein Widerpart ist Raphael von Bargen, der wohl seiner ständigen Rollen als Nazi überdrüssig sein dürfte. Aber er kann Ekel wie den Otto Schiendick so gut wie kein anderer verkörpern und wenn er erzählt, dass er den Kapitän eines anderen Schiffes bereits verhaften hätte lassen und penibel Buch führt, was es an Verstößen gegen seine Ideologie gibt, rennt einen als Zuschauer die Gänsehaut über den Rücken. Sandra Cervik ist die entscheidungsfreudige Babette Spanier, Gattin des Dr. Fritz Spanier (Ulrich Reinthaller), der später ohne Skrupel zum Lagerarzt aufsteigt und Jüdinnen sterilisieren lässt. Therese Lohner gibt eine reizend starrköpfige Tante Charlotte, die ihren Neffen Otto Bergmann (Matthias Franz Stein) kujoniert, und Roman Schmelzer den rührenden Pechvogel Aaron Pozner, der sogar vor einer Meuterei nicht zurückschrecken würde, wäre da nicht der Kapitän, der ihm derlei Unsinn auszureden versteht. Die Staatsführung von Kuba ist nicht weniger prominent besetzt. Michael Dangl lässt seinen Präsidenten Laredo Brú zwischen Geldgier und politischem Opportunismus sehr nachvollziehbar schwanken, gegen die Argumente von Remos (Martin Zauner), einem seiner Minister.

 

Janusz Kica hatte als Regisseur die nicht leichte Aufgabe, Menschenmassen auf der Bühne der Josefstadt zu organisieren, die aber von Walter Vogelweider mit einem äußerst sparsamen Bühnenbild in Form eines grob stilisierten Schiffs erleichtert wurde. Trotz der beträchtlichen Anzahl auftretender Personen kennt man sich als Zuschauer stets bestens aus.

Dass am Schluss die Statisten Schwimmwesten tragen, wie man sie von Zeitungsberichten heutiger Tage kennt, ist ein Gedankenanstoß, die Thematik in die Gegenwart zu übersetzen, auf die Gefahr hin, dass Migrationsbewegungen Richtung Europa mit der lebensrettenden Flucht von Juden aus dem Dritten Reich in einen Topf geworfen werden. Auch weniger schlechte Menschen fürchten sich vor Völkerwanderungen und fragen nicht unberechtigterweise, was dabei am Ende für uns alle herauskommen wird.

Die Reise der Verlorenen Szenenfoto © Sepp Gallauer

Der Gott des Gemetzels Ensemble © Moritz Schell

Bild oben für Video (© Theater in der Josefstadt) anklicken!

DER GOTT DES GEMETZELS herrscht uneingeschränkt

Der Gott des Gemetzels Ensemble © Moritz Schell

Das erstaunliche Konfliktpotential zweier Schneidezähne und eines Hamsters namens Knusperinchen

Die Auseinandersetzung zweier Buben ist über eine Balgerei hinaus zu einem Hieb mit einer Stange in das Gesicht des anderen ausgewachsen. Der so Getroffene trug dabei eine geschwollene Lippe und zwei beschädigte Vorderzähne davon. Die Eltern der beiden Raufer wollen das Ganze in einem kultivierten Gespräch klären und auf keinen Fall miteinander streiten. Wer die Menschen kennt wie die französische Theaterautorin Yasmina Reza, weiß natürlich besser, dass so was zu nur größeren Auseinandersetzungen führt. Es beginnt damit, dass die Mutter des „Opfers“ das andere Kind als mit einer Stange bewaffnet bezeichnet, was natürlich der Vater des „Täters“, ein Rechtsanwalt, so nicht stehen lassen will. Es sind Kleinigkeiten, die zu gegenseitigen Beschimpfungen, sogar bis zu Handgreiflichkeiten führen. Dass dabei ständig die Allianzen gewechselt werden, macht den Reiz dieses Stücks aus, das in der einzigen klar ausgesprochenen Wahrheit mündet: Es ist „Der Gott des Gemetzels“, der seit Anbeginn ein friedliches Zusammenleben unmöglich macht. Virtuos bedient er sich der Vielschichtigkeit unseres Denkens und Fühlens.

Judith Rosmair, Susa Meyer © Moritz Schell

Er schafft Missverständnisse, denen auch der aufgeklärteste Mitmensch hilflos ausgeliefert ist. Jeder gegen jeden ist die Devise, wenn es darum geht, die eigene Meinung durchzusetzen, ob seinerzeit mit der Keule, wie sie im 21. Jahrhundert auch von den Knaben verwendet wurde, die feine psychologische Klinge, die tiefere Wunden schneidet als jedes Messer, oder mit dem blutigen Aufreißen zahlloser nur oberflächlich vernarbter Wunden.

Torsten Fischer hat dieses dramatische Glanzstück eines Rückfalls in unsere tiefsten Urtriebe für das Theater in der Josefstadt inszeniert. Die Wohnung, in der man sich zur Aussprache trifft, ist topmodern gestylt, atmet zeitgenössischen Kunstgeist, den eine kolossale Skulptur eines archaischen Gottes ziert, und gehört dem Ehepaar Houillé (Bühne: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafilopoulos). Die Gäste Anette (Susa Meyer) und Alain Reille (Michael Dangl) erscheinen in dieser Umgebung mit besten Absichten. Sie wollen mit der für Menschenrechte und sonstigen großen Anliegen beschäftigten Véronique (Judith Rosmair) und deren Mann Michel (Marcus Bluhm) die leidige Sache aus der Welt wegbesprechen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt auch das Handy. In der Hand von Michel wird dieses zum Zerhacker jedes Gesprächs, bis es von der Hand seiner eigenen Frau in einem Schafferl mit Tulpen versenkt wird. Zu diesem Zeitpunkt hat man jedoch bereits so viel Rum getrunken, um zwischen Kotzen und vom Alkohol aufgeheizter Stimmung jede Möglichkeit einer Lösung verspielt ist. Dazu kommt an den Tag, dass Michel Knusperinchen, den Hamster seiner Tochter, brutal auf der Straße ausgesetzt hat und von den beiden Frauen dafür die ihm zustehende Schelte erhält. Véronique ist offenbar heimliche Alkoholikerin und Annette so weit anlassig, dass sie einem Partnertausch nicht abgeneigt wäre.

Da richtige Männer aber auch solche sein müssen, finden sich die beiden Herren über ihre Vergangenheit als Bandenchefs zu einer von John Wayne vorgelebten Freundschaft zusammen. Da weder Yasmina Reza noch Torsten Fischer humorlos sind, wird dieser Rückfall in einen Stammeskrieg der Neandertaler zu einem witzigen Abend, der trotz seines an sich gar nicht so lustigen Hintergrunds zu einem ausnehmend spaßigen Gemetzel ausartet, über das mit stoischer Miene die zuständige Gottheit wacht.

Michael Dangl, Marcus Bluhm © Moritz Schell

Ulli Fessl, Maria Köstlinger © Astrid Knie

MADAME BOVARY Beschaulicher Plüsch mit subtilem Witz

Madame Bovary Szenenfoto © Astrid Knie

Eine Frau als Relikt aus der Zeit der großen Leidenschaften

Gustave Flaubert hat mit Madame Bovary schmerzlich den Nerv seiner Zeit berührt. Er wurde sogar wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ angeklagt. Eine Frau, die mit Überzeugung fremdgeht, das gab´s Mitte des 19. Jahrhunderts doch gar nicht. Oder doch? Warum hat die Obrigkeit auf etwas, wonach heute kein Hahn, bestenfalls der Hahnrei krähen würde, so harsch reagiert? Ein außerehelicher Flirt ist etwas Ewiges und keineswegs nur ein Vorrecht der Männer. Schließlich braucht der dazu auch eine Frau. Der Unterschied zu heute ist die Einstellung dazu. Was mittlerweile durch ein schlichtes Scheidungsurteil im Einvernehmen geregelt wird, musste seinerzeit unter der Tuchent ausgehandelt werden. Das Ehrgefühl des Ernährers, der selbst kaum eine Hemmung vor Seitensprüngen hatte, durfte keinesfalls verletzt werden. Sein Weib hatte offiziell kein Verhältnis zu haben, und wenn sie es hatte, dann so diskret, dass niemand davon etwas bemerken wollte, nicht einmal der gehörnte Gatte. Flaubert hat mit

Emma Bovary die Seelenlandschaft einer solchen Frau schonungslos offengelegt.

Madame Bovary Szenenfoto © Astrid Knie

Sie ist mit einem Landarzt verheiratet, der sie abgöttisch liebt; was man von ihr nicht behaupten kann. Das Leben an seiner Seite langweilt sie, ödet sie regelrecht an. Also sucht sie Abwechslung, und findet sie in den Herren Rodolphe Boulanger und Léon Dupois. Verderblicherweise gesellt sich zum jeweiligen Überschwang der Leidenschaften eine Sehnsucht nach Paris und dem großen Leben, das ihr Charles Bovary nicht einmal ansatzweise bieten kann. Die Gier nach an sich erbärmlichem Luxus treibt sie in Schulden und in eine verzweifelte Situation, der sie sich nur durch Selbstmord entziehen kann.

Madame Bovary Ensemble © Astrid Knie

Für das Theater in der Josefstadt wurde der Roman von Anna Bergmann und Marcel Luxinger zu einem Theaterstück verdichtet. Bergmann hat selbst Regie geführt und versucht, den Zuschauer in die Zeit des originalen Geschehens zu versetzen. Die Texte, aus dem Französischen von Elisabeth Edl ins Deutsche übersetzt, strömen noch die Erhabenheit großer Gefühle, denen Emma Bovary unterworfen ist, in ihrem Pathos aus. Dagegen wurden jedoch sehr geschickt humoristische Punkte gesetzt.

Es sind kleine Zeichen, dass man das Ganze ja nicht zu ernst nehmen sollte. Vor allem vor der Pause braucht man Gelassenheit, um die poetische Breite der Inszenierung auch genießen zu können. Aber wenn man schon einmal im Theater sitzt, dann hat man auch Zeit dabei zuzusehen, wenn innere Monologe, aufgeteilt auf fünf Emmas, aus dem Off ertönen, während die Darstellerinnen ohne jede Hast auf der Bühne nur pantomimisch agieren. Im zweiten Teil wird einigermaßen gerafft, um das teilweise schon unruhige Publikum bis zum traurigen Schluss bei der Stange zu halten.

Meo Wulf, Maria Köstlinger © Astrid Knie

Maria Köstlinger ist eine vielseitige Emma, die Klavier spielen und singen kann und nebenbei eine großartige Schauspielerin ist. Ihr zur Seite stehen als Alter Ego Bea Brocks, Therese Lohner, Silvia Meisterle und Ulli Fessl, die nach dem Ableben ihrer Emma in einem ergreifenden Epilog auf diese ungewöhnliche Frau deren Verhalten postum erklärt. Ihr Gatte Charles ist Roman Schmelzer, der gekonnt vor den Eskapaden seiner Angetrauten die Augen verschließt und bereit ist, ihr alles zu verzeihen.

Hätte er gewusst, dass sie mit dem Feschak Rodolphe (Christian Nickel), einer Art Libero, der zwischen Zuschauerraum und Bühne wandelt, wie wild in einem von der Decke herabgelassenen Bett durchaus erfüllenden Sex hat, man weiß nicht, wie er reagiert hätte. Wenn Emma jede Woche zu Klavierstunden nach Rouen fährt und sich dort mit Léon (Meo Wulf) zum Tête-à-Tête trifft, schöpft er zwar Verdacht, verfolgt diesen aber aus reinem Selbstschutz nicht weiter.

Siegfried Walther ist einmal der geborene Apotheker Monsieur Homais, andererseits die ideale Verkörperung des ungemein durchtriebenen Kreditgebers namens Lheureux. Suse Wächter führt die gespenstisch wirkende Puppe Berthe Bovary, dem weisen Kind von Emma und Charles, und schafft damit auch einige Lacher, die beweisen, dass das Publikum kapiert hat, dass es bei dieser Aufführung um mehr geht als eine historische Aufarbeitung im Umgang mit untreuen Frauen.

Siegfried Walther, Maria Köstlinger, Roman Schmelzer © Astrid Knie

In der Löwengrube Ensemble © Moritz Schell

IN DER LÖWENGRUBE Feierliche Wiedergutmachung in der Josefstadt

Florian Teichtmeister als Benedikt Höllrigl, Ensemble © Moritz Schell

Noch dürfen wir über die Köpenickiade von Arthur Kirsch lachen

Die historische Hauptfigur heißt Leo Reuss. Er war ein Schauspieler, dem seine jüdische Abstammung in den 1930er-Jahren in Deutschland mehr und mehr Probleme bei der Ausübung seines Berufes bereitete. Sein Wechsel nach Österreich brachte ihm kaum eine Verbesserung der Situation. Aber was sollte er als Mime deutscher Zunge anderes machen? Bei einem Landaufenthalt in Salzburg verfiel er auf eine ebenso seltsame wie abenteuerliche Idee. Er verkleidete sich als Bauer, erlernte den entsprechenden Dialekt, lieh sich einen Geburtsschein und zog als Naturtalent ohne Bühnenerfahrung und Schauspielunterricht wieder zum Theater zurück. Als Kaspar Altenberger sprach er bei den Salzburger Festspielen bei keinem Geringeren als Max Reinhardt vor. Unter dem Künstlernamen „Kaspar Brandhofer“ wurde er am 10. Oktober 1936 Ensemblemitglied der Josefstadt. Als Kuriosum feierte er Erfolge, so lange, bis er seine wahre Identität  selbst auffliegen ließ. Nach einer geringen Strafe wegen Urkundenfälschung übersiedelte er nach Amerika.

Florian Teichtmeister, Alexander Absenger © Moritz Schell

Aufgrund seines deutschen Akzents wurde in Filmen wie in einer schlechten Satire immer wieder mit Rollen bedacht, in denen er Nazis zu verkörpern hatte. Vieles in dieser Geschichte ist nur mündlich tradiert, aus Erinnerungen damaliger Bühnengrößen wie Helene Thimig oder Ernst Lothar, dem Reuss die Ereignisse persönlich bei einem Besuch in Hollywood geschildert haben soll.

Florian Teichtmeister, Pauline Knof, Alexander Absenger © Moritz Schell

Felix Mitterer war, so verriet Herbert Föttinger nach der Premiere im Rahmen einer Ehrung für den Autor von „In der Löwengrube“ dem Publikum, vom damaligen Direktor Otto Schenk auf diesen Stoff aufmerksam gemacht worden. Das daraus entstandene Stück wollte Schenk jedoch nicht aufführen, da es seiner Ansicht nach eine Schande für das Theater in der Josefstadt bedeutet hätte. Mitterer hatte die Handlung in die Nazizeit verlegt und Schauspieler zu SA-Mitgliedern gemacht.

Mit diesem Zeitsprung erhält das Ganze jedoch Spannung, da mit dem Verhalten des Helden, der nun Arthur Kirsch heißt, KZ oder Hinrichtung verbunden gewesen wären. Das Stück wurde trotz dieser Absage bereits unzählige Male inszeniert, am 15. März 2018 das erste Mal jedoch an der Josefstadt. Die Mitterer-Spezialistin Stephanie Mohr führte Regie und hat mit einem großartigen Ensemble diesem Theater alles andere als Schimpf bereitet. Vielmehr einen Triumph, denn mit einem Florian Teichtmeister in der Hauptrolle muss ein Publikum hingerissen sein. Als Kirsch in der Rolle des Shylock buhen ihn die Nazibuam aus bis der Vorhang fällt. Als uriger Tiroler Bergbauer namens Benedikt Höllrigl wird er zum Star, der sogar von Joseph Göbbels (wunderbar schmierig in seiner zynischen Liebe zur Kultur: Claudius von Stolzmann) als der bedeutendste deutsche Schauspieler seiner Zeit einen Orden um den Hals gehängt bekommt.

Teichtmeister schafft es tatsächlich, zwei Identitäten gleichzeitig zu verkörpern, den mit geschliffener Artikulation auftretenden Wiener Schauspieler und das mit einem tief in der Gurgel verankerten Lauten Tirolerisch sprechende Unikum. Ihm zur Seite stehen Pauline Knof als eine schöne, aber von Untreue geplagte Gattin Helene Schwaiger, Alexander Absenger als der forsch zum Nationalsozialismus bekehrte Strassky, André Pohl in der Rolle der armen Haut Polacek, der nur ein Mitläufer ist, aber aufgrund seines angeblich jüdischen Gesichts den Job verliert und sich im Grund zu Tode säuft, oder Tobias Reinthaller als der junge Jakschitz, ein Nazi, der noch grün hinter den Ohren ist und sich in die hübsche Halbjüdin Olga (Alma Hasun) verknallt hat. Zwei ausnehmend liebenswürdige Typen sind der wahrhaft geplagte Direktor Meisel (Peter Scholz) und Inspizient und wie Mädchen für alles, Herr Eder (Alexander Strobele), die dieser späten Wiedergutmachung sowohl an einem Schauspieler als auch an diesem grandiosen Stück eine wohltuende menschliche Note verleihen.

Claudius von Stolzmann, Florian Teichtmeister © Moritz Schell

Ulli Maier © Herbert Neubauer

FREMDENZIMMER gibt´s ja doch noch in unseren Tagen

Ulli Maier, Erwin Steinahuer, Tamim Fattal © Herbert Neubauer

Ein sehr milder Turrini zur Flüchtlingsproblematik

Kein Mensch weiß, wie Samir in diese Wohnung im 22. Bezirk gekommen ist. Er hätte es besser treffen können, nicht im Erdgeschoss mit Blick auf den Innenhof, und die Sonne sieht man nur, wenn man sich nach ihr rausstreckt. Aber dem jungen Mann scheint das egal zu sein. Er ist in Sicherheit. Nach einer abenteuerlichen Flucht hat er Wien erreicht und scheint noch einmal geflohen zu sein; in diesem Fall vor der Polizei, die ihn wohl in ein Flüchtlingslager verbracht hätte. Was wirklich passiert ist, kann er nicht erzählen. Er kann ja nicht Deutsch und die beiden Bewohner seiner neuen Bleibe nicht Englisch, seine Muttersprache schon gar nicht. Herta Zamanik und Gustl Knapp sind ein nicht mehr junges Paar, die so irgendwie nebeneinander herleben. Er spielt mit Plastikflugzeugen, sie trinkt recht gerne, singt Karaoke und verspielt ihr Geld bei Admiral, in der Hoffnung einmal soviel davon zu gewinnen, dass sie ihren seit Jahrzehnten verschollenen Sohn suchen lassen kann. Der sprachlose Flüchtling bleibt bei ihnen, nicht zuletzt deshalb, weil er den beiden Leutchen Gelegenheit gibt, an ihm ihre Problemchen abzuarbeiten.

Erwin Steinhauer © Herbert Neubauer

Herta ist ja gleich begeistert vom neuen Mitbewohner. Er kann im Gästezimmer schlafen, das sie für ihren Sohn stets in Bereitschaft gehalten hat. Gustl, ein frühpensionierter Post-Oberoffizial, ist anfangs nicht sonderlich angetan von dieser Nähe zu einem Flüchtling. Er kennt diese Spezies nur aus dem Fernsehen und hat so seine Meinung über solche ungerufene Zuwanderer. Als ihm Samir aber die Fernbedienung für seine Cessna repariert und eine Flasche Bier ex austrinkt, schließt auch er den jungen Mann ins Herz. Der muss dableiben, wie ein zugelaufenes Hunderl, davon sind beide überzeugt, nachdem sie selbst auch wieder zueinander gefunden haben, und sie heben am Schluss einfach zu dritt in eine neue Freiheit ab.

Ulli Maier, Tamim Fattal © Herbert Neubauer

Man möchte es nicht glauben, aber der Autor dieses Stückes ist Peter Turrini. Ist es Altersmilde, was ihn dazu bewegt hat, oder ein Versuch, sich mit Herrn und Frau Österreicher wieder zu versöhnen? Von Erwin Steinhauer als Gustl werden die sattsam bekannten Ressentiments gegenüber Flüchtlingen in heiterer Selbstironie abgespielt. Ulli Maier lässt ihre Herta das Herz öffnen, mit all dem Jammer, den ihr ein unerfülltes Leben beschert hat. Herrlich, wie die beiden über den Kopf von Samir Nablisi (Tamim Fattal) hinweg reden.

Dabei sind sie stets der Meinung, dass ihr Schützling gerade das, was sie sagen, auch denken müsste. Da Herta als schwangeres Mädchen vom Klopeinersee nach Wien gekommen ist, dürfen auch Kärntner Lieder nicht fehlen, wie überhaupt kein Klischee, das nur irgendwie zu Österreich passt. Wenn zuletzt noch das goldene Wienerherz zu schlagen beginnt, wird die Geschichte sogar süßlich. Aber dem Premierenpublikum hat es gefallen, was ihnen da Turrini vorgesetzt hat.

Die Botschaft „Mir san ja do net gar so schlecht, wia ma uns immer hinstellen will, auch wenn ma alle Trotteln san“ kommt an. Einen guten Teil zur positiven Grundstimmung trägt die Inszenierung von Herbert Föttinger bei. Er hat das ganze auf der nackten Bühne und nicht in einer biederen Kleinwohnung angesiedelt. Die einzelnen Szenen werden durch Black, umrahmt von grellen Lichtbalken, getrennt und den Zuschauern sogar trotz der ernsten Problematik erlaubt, einige Male herzlich zu lachen.

Fremdenzimmer Szenenfoto © Herbert Neubauer

Elisabeth Rath (Maria Stuart), Sandra Cervik (Elisabeth) © Moritz Schell

MARIA STUART Schiller kurz, verständlich und beeindruckend

Sandra Cervik (Elisabeth) © Moritz Schell

Die roten Haare hat ausnahmsweise einmal die andere

Eine Heilige war auch Maria Stuart nicht, daran lässt sie selbst keinen Zweifel. Im gewaltigen Monolog in der Gefängniszelle gibt sie unumwunden zu, dass es ihr nicht unrecht war, dass man ihren Gemahl ermordete. Womit sie aber nicht rechnen konnte: Sie flieht nach England zu Elisabeth, um Schutz zu suchen, wird von dieser aber kurzerhand eingesperrt. Immerhin geht von ihr Gefahr aus, dass sie die beiden Kronen von Schottland und England auf ihrem Haupt vereinigen möchte. Das Problem, das sich ihrer Widersacherin stellt, liegt in der Beseitigung der Rivalin. Lässt Elisabeth Maria einfach hinrichten, dann geht sie als Mörderin einer Königin in die Geschichte ein. Auch die meisten ihrer Hofschranzen haben keine besonderen Ambitionen, die Drecksarbeit zu erledigen, abgesehen von Wilhelm Davison, dem Staatssekretär, der kurzen Prozess macht. Elisabeth hat das Todesurteil unterschrieben, also lässt er es vollstrecken. Zurück bleibt eine verunsicherte Königin von England. Sie weiß um ihren Mangel der Herkunft. Das hat ihr Maria Stuart deutlich gemacht und sie damit erniedrigt.

Sandra Cervik (Elisabeth), unter ihrem Rock Tonio Arango (Leicester) © Moritz Schell

Ihr ist auch bewusst, was sie von ihrem Volk zu halten hat, von ihren Untertanen, die wohl der anderen gerade so zugejubelt hätten wie sie es ihr tun, und wohl zufriedener gewesen wären, da die Frau Maria Stuart von sexueller Abstinenz nichts gehalten hat, im Gegensatz zu Elisabeth, die von ihrem Vater Heinrich VIII., wie sie sich selbst erinnert, in den finsteren Gewölben des Towers zum Amt des Regierens als jungfräuliche Königin erzogen wurde.

Elisabeth Rath (Maria Stuart) © Moritz Schell

Regisseur Günter Krämer hat in seiner Fassung der „Maria Stuart“ diese Aspekte in einer unvergleichlichen Deutlichkeit herausgearbeitet. Er hat Schillers Text schonungslos gerafft und die Akzente treffsicher auf die schmerzenden Punkte gesetzt. Das Fleisch auf das von ihm skelettierte Drama setzen die Darsteller. Sie wurden ebenfalls bis zur Übersichtlichkeit reduziert. Geblieben sind neben den beiden Frauen nur vier Männer, abgesehen von den Soldaten und Wachen in den Uniformen einer südamerikanischen Junta. Florian Carove bringt als Graf Aubespine, seines Zeichens französischer Gesandter, einen wohltuenden Schuss Komik ins tragische Geschehen. Roman Schmelzer trägt dunkle Brille mit Tellerkappe und schaut die meiste Zeit recht finster, um dem Staatsekretär Wilhelm Davison entsprechende Härte zu verleihen. Robert Dudley, Graf von Leicester, wird mit Tonio Arango ein sowohl in politischen wie emotionalen Dingen elastischer Mann, dem keine Frau vertrauen sollte. Der gute Mortimer, dem Raphael von Bargen Charakter gibt, ist da schon einer anderes Kaliber.

Aber auch er scheitert, wenn es darum geht, sich gegen das Ränkespiel einer mit allen Wassern gewaschenen Frau anzulegen.

 

Elisabeth Rath ist Maria Stuart, Königin von Schottland. Ihr wurden in dieser Inszenierung die roten Haare verpasst, die üblicherweise ihre Rivalin zieren. Sie ist die Frau, die das Träumen nicht verlernt hat und die es bedauert, dass man sie daraus wecken will. Die wahre Hauptfigur ist aber Elisabeth, die Königin von England. Sandra Cervik hat Mut zur Hässlichkeit, wenn sie sich vor einem Spiegel bis zur weißen Fratze mit verschmierten roten Lippen schminkt und so zum Monster auf dem Königsthron mutiert. Sie lässt ihrer Elisabeth keine Chance zur Erotik, auch dann nicht, wenn sie Leicester unter ihren goldenen Rock bugsiert oder mit ihm SM-Spielchen anzettelt

Aber sie muss sich öffnen, nicht zwischen ihren Schenkeln, sondern mit ihrer Seele, die ihr auch ein Friedrich Schiller zugestanden hat, trotz aller Sympathie für seine Titelheldin. Symbolhaft hängt zwischen den beiden Frauen ein erlegtes Wildschein (Bühne: Herbert Schäfer), das die Frage offen lässt, wer nun die Siegerin in diesem gnadenlosen Kampf zweier Frauen ist. Ist es Elisabeth oder doch die von ihr durch die Hinrichtung befreite Maria Stuart?

Sandra Cervik (Elisabeth), Tonio Arango (Leicester) © Moritz Schell
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Foto © Theater in der Josefstadt

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