Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ladykillers Ensemble © Jan Frankl

LADYKILLERS Reizende Neuauflage eines Schmunzel-Klassikers

André Pohl (Professor Marcus), Marianne Nentwich (Mrs. Margaret Wilberforce) © Erich Reismann

Die traurige Geschichte von fünf Gangstern, die blöder sind als die Polizei erlaubt

Selbstverständlich kann keiner von den vieren ein Musikinstrument spielen. Weil es dem Superhirn Prof. Marcus aber eingefallen ist, unter der Deckung eines Streichquartetts einen Geldtransport zu überfallen, werden die Burschen mit Violinen, Bratsche und Cello ausgerüstet. Das Playback besorgen ein Plattenspieler und eine Aufnahme des Ohrwurm-Menuetts von Luigi Boccherini. „Geprobt“ wird hinter verschlossener Tür im furnished Bedroom, der extra für diesen Coup bei Mrs. Margaret Wilberforce gemietet wurde. Deren windschiefes Haus liegt strategisch äußerst günstig. Der Bahnhof ist keine 200 Meter weit weg und die Sicht vom Fenster auf den späteren Tatort phänomenal. Die alte Dame ist von den Musikdarbietungen angetan und lädt sogar ihre Freundinnen zu einem Konzert ein. Wie man aber seit den Filmen und zahlreichen Produktionen auf Theaterbühnen weiß, stellt sich das geniale Konzept als zu kompliziert heraus. Spätestens dann, wenn es darum geht, die Alte zu beseitigen, versagen die Kleinkriminellen kläglich und bringen sich um Lohn und Leben.

Alexander Strobele (Mr. Thomson) Marianne Nentwich (Mrs. Margaret Wilberforce) © Erich Reismann

Nachdem Mrs. Wilberforce die örtliche Polizei bereits zuvor mit UFO-Sichtungen geplagt hat, will auch die nichts davon wissen und der Schatz bleibt einzig und allein der netten Witwe. Ob sie den stattlichen Haufen Geld mit ihrem geschwätzigen Vogel teilt, ob sie mit ihrer Damenrunde eine Kreuzfahrt macht oder was sie sonst damit anfängt, lässt William Rose, der Autor dieser Komödie, im Dunkeln.

Ladykillers Ensemble © Erich Reismann

Wenn „Ladykillers“ in den Kammerspielen angesagt ist, sind die Erwartungen entsprechend hoch – und werden mehr als erfüllt. Cesare Lievi schafft es in seiner Inszenierung, dem alten Stoff eine ganze Menge Neues zu entlocken. Gespielt wird auf einer Ebene. Lediglich die Deckenlampen lassen den Zuseher wissen, ob er sich im Wohnzimmer herunten oder im „Musikzimmer“ im ersten Stock befindet. Sie blinzeln bedenklich, wenn der fahrplanmäßige Güterzug unter dem Haus durchdonnert.

Ein mutiger Gag ist auch die Lifedarbietung, mit der gekonnt der täglich ab 23.05 Uhr bis Mitternacht die Ohren von Radio Ö1 nervende Zeitton verarscht wird. Nach einer bewegenden Erklärung des Professors, warum es sich bei dieser Kakophonie um Musik handelt, wird auf Teufel komm raus auf den Geigen geschruppt, ohne den bemitleidenswerten Instrumenten auch nur einen geraden Ton zu entlocken.

Ladykillers Ensemble © Erich Reismann

Das Ensemble ist nicht weniger ein Best of der komischen Könner der Josefstadt. Alexander Strobele gibt den überaus hilfsbereiten Polizisten Mr. Thomson, der seinem Schützling Mrs. Wilberforce regelmäßig den Regenschirm nachbringt, dafür ein Glas Portwein serviert bekommt und erforderlichenfalls für die als Geldbotin eingesetzte alte Dame sogar den Koffer mit der Beute ins Haus transportiert. Sein Job ist offenbar Freundlichkeit. Als Verdachtschöpfer ist er unbrauchbar.

Wenn ihm die Gang unter der Leitung des „Kapellmeisters“ Professor Marcus (André Pohl) gegenübersteht, kommt ihm nicht im Entferntesten die Idee, dass es sich bei diesen schrägen Herren um Verbrecher handeln könnte. Es gäbe dazu allerdings eine Menge guter Gründe, zum Beispiel Siegfried Walther. Sein Major Courtenay lässt jede militärische Erscheinung vermissen und ist dennoch ein nicht unsympathischer „Bratschist“, der es liebt, in Frauenkleidern zu tanzen. Der beim Überfall als Eisenbahner verkleidete Harry Robinson (Martin Zauner) ist die solide Umsetzung eines Ganoven, wie man ihm in den Hinterzimmern eines guten Kaffeehauses beim Stoß begegnen könnte. Eine elementare Naturerscheinung der besondern Art ist der bärenstarke One-Round, dem ein ausgestopfter Wojo van Brouwer in rührender Weise gottgeschenkte Dummheit angedeihen lässt.

Markus Kofler, einer der großen Komiker, dessen gewaltiges Talent lediglich noch nicht ganz entdeckt ist, webt als messerscharfer Louis Harvey durch das Geschehen. Sie alle scheitern in ihrem Vorhaben, auf die krumme Tour reich zu werden, an Mrs. Wilberforce. An Marianne Nentwich kommt man bei dieser Rolle auch nicht vorbei. Wer sonst, als diese Grande Dame des Theaters, könnte so bescheiden und hilflos wirken wie sie und es dennoch faustdick hinter den Ohren zu haben.

Alexander Strobele (Polizist), Schatten von Mrs. Wilberforce © Erich Reismann

Acht FRauen Ensemble © Jan Frankl

ACHT FRAUEN und trotzdem ein herrlicher Abend

Silvia Meisterle (Louise) © Sepp Gallauer

Soviel Schändlichkeit im trauten Verband einer einzigen Familie?!

„Verraten Sie bitte nicht das Ende des Stückes...“ ersucht Robert Thomas in einem offenen Brief die Zuschauer. Dieser Wunsch ist bestimmt gut gemeint, aber sein Bühnenkrimi „Acht Frauen“ ist zu gut bekannt, um noch eine Überraschung zu bieten. Gemeint ist dabei natürlich nur die Handlung, die bei der Premiere am 8. November 2018 in den Kammerspielen als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Das Stück wird oft gespielt und war als Film ein vielgesehener Streifen. Spannender war da schon die Inszenierung. Was kann der einzige Mann, Regisseur Herbert Föttinger, diesen acht Damen noch Neues abgewinnen? Das Bühnenbild ist das geräumige Wohnzimmer einer eleganten Villa (Ece Anisoglu) und damit zwar ungemein stimmig, aber nicht sonderlich originell. Das Gleiche gilt für die Kostüme (Birgit Hutter), die sauber passend den einzelnen Charakteren angemessen sind. Für einen bitter kalten Wintertag in der Einsamkeit verschneiter Wildnis bewegen sich die Trägerinnen erstaunlich sicher mit High Heels ohne auszurutschen von draußen nach drinnen und umgekehrt.

Sandra Cervik (Augustine) © Sepp Gallauer

Dabei vergessen sie ganz darauf, die in solch luftig duftiger Fußbekleidung normalerweise frierenden Zehen warm zu reiben. Aber das sind Kleinigkeiten, die man gerne übersieht. Ein klangvoller Beitrag dazu ist zweifellos die Musik von Christian Frank. Er hat jeder Darstellerin ein Chanson maßgeschneidert und dazu gruselige Klänge kreiert, die im richtigen Moment für Gänsehaut sorgen sollen.

Acht Frauen Ensemble © Sepp Gallauer

Die Damencrew lässt nichts zu wünschen übrig. Bekanntlich könnte jede von ihnen die Mörderin von Marcel sein. Was tut sich der Mann auch acht Frauen an?! So ein Harem muss erst verwaltet werden. Gut, Mamy (Marianne Nentwich) scheidet schon aus Altersgründen als Bettgenossin ihres Schwiegersohnes aus. Ihre subtile Komik, mit der sie sich vom Rollstuhl aufgrund eines Weihnachtswunders zur flotten Geherin wandelt, ist große Schauspielkunst einer Grand Dame des Theaters.

Ihrer Heldin verzeiht man gern, dass diese ihre Lieben mit Geiz und Giftmischerei an den Rand des Abgrunds bringt. Susa Meyer ist als Gaby die souveräne Gattin des Mordopfers. Zum treu sein ist sie einfach zu attraktiv und überrascht mit sexuellen Anlagen, die man nie in dieser Dame vermutet hätte. Bei der Wandlung behilflich ist ihre Schwägerin Pierrette (Pauline Knof), eine Lebedame, die ein bisschen Bi mit der biederen Köchin Madame Chanel (Isabella Gregor) genießt.

Dass soviel Freizügigkeit die Jungen verderben könnte, ist aufgrund mehrerer Umstände zu vernachlässigen. Eine burschikose Anna Laimanee als pubertierende Catherine hat damit das geringste Problem und deren Schwester Susanne (Swintha Gersthofer) ist ohnehin von ihrem Ziehvater schwanger. Als wahre Sexbombe erweist sich Silvia Meisterle als Dienstmädchen Louise, die es in jeder Beziehung drauf hat, Männer wie Marcel narrisch zu machen. Reizwäsche unter dem braven schwarzen Kittel einer dienstbaren Angestellten ist zwar auch Klischee, aber anregend und hübsch. Sandra Cervik ist kaum wieder zu erkennen. Als alte Jungfer Augustine, Gabys Schwester, ist sie unübertroffen, wenn es darum geht, Lacher einzusammeln. Mit Nerd-Brille, altmodischer Kleidung und einer Frisur, für die jedem Figaro die Konzession entzogen werden müsste, lebt sie zwangsläufig ihre unerfüllten Leidenschaften im Kreise einer Familie, die eine derart trockene und dabei erfrischend witzige Kommentatorin allgemeiner Schändlichkeiten im Grunde gar nicht verdient hat.

Swintha Gersthofer (Susanne) © Sepp Gallauer

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

JOSEF UND MARIA auf Herbergssuche aus der Einsamkeit

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

Ein das Herz erwärmender Turrini und ein großartiges „heiliges“ Paar

Gut, bis Weihnachten sind es noch ein paar Wochen, die Lichterketten sind noch verpackt und die Christbäume dürfen noch auf Waldviertler Erde gedeihen. Dennoch tut es gut, wenn man einen Vorgeschmack, besser gesagt, eine Warnung erhält vor der uns erwartenden Sentimentalität, die zu diesem Anlass wie der Generalbefehl eines Menschen hassenden Mr. No zur allgemeinen Pflichtübung wird. Es macht also Sinn, Peter Turrinis Weihnachtsmärchen für Erwachsene „Josef und Maria“ Mitte Oktober auf den Spielplan zu setzen. Erstens handelt es sich dabei um ein Juwel der österreichischen Theaterliteratur, zweitens um eine wertvolle Sammlung von Denkanstößen und drittens gibt dieses Stück zwei nicht mehr ganz so jungen Schauspielern Gelegenheit, ihr facettenreiches Können auszuspielen.

 

Was sich wie der Titel eines Hirtenspiels ausnimmt, ist eine Erinnerung an das Jahr 1991, als noch Pullover verschenkt wurden und es ob des Zusammenbruchs des Sozialismus tatsächlich verbitterte Kommunisten gab.

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

Josef ist einer von denen, die ihr Lebtag lang gegen den Kapitalismus gekämpft haben. Die Nazizeit hat er nur überlebt hat, weil er für verrückt erklärt worden war. Er ist Freidenker und hält überhaupt nichts von einem göttlichen Jesukindlein, das just am 24. Dezember auf die Welt gekommen sein soll. Trotz seines Alters, er ist knapp über siebzig, streift er als Nachtwächter mit Stablampe nach Ladenschluss durch ein Großkaufhaus, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, vor allem aber um nicht dem Alleinsein ausgeliefert zu sein, das zu diesem Datum angeblich besonders grausam ist. In einem Raum, in dem noch kurz zuvor über Lautsprecher die Stimme von Herbert Föttinger von Weihnachtszeit ist Wunderzeit geschwärmt hat, trifft er auf die Putzfrau Maria. Sie hat für den Weihnachtsabend im Kreise ihrer Lieben mit Geschenken vorgesorgt. Dass alles nur Selbstbetrug ist, kommt aber umgehend zutage, als sie über ein an die Hausanlage angeschlossenes Mikrophon, dessen Kabel unter einem Haufen Kunstschnee lose auf dem Boden liegt, ihre Familie anfleht, doch nicht auf sie zu vergessen.

 

Zwischen den beiden grundverschiedenen Personen beginnt sich nach einem langen aneinander Vorbeireden dennoch eine Art Harmonie als Ausweg aus ihrer Einsamkeit zu entwickeln. Es handelt sich dabei um das erste Stück von Peter Turrini (er war bei der Premiere in den Kammerspielen anwesend, wurde beim Schlussapplaus auch gebührend gefeiert und hatte sichtlich Freude an seinem Werk), das ein Happy End aufzuweisen hat, noch dazu eines mit soviel Herzenswärme, die man diesem Autor gar nicht zugetraut hätte. Die beiden Personen hat er nicht erfinden müssen, es gab sie tatsächlich. Maria war 1938 Tänzerin in einem Nachtklub in Tirana. Sie hat sich über die Jahrzehnte eine Menge der ehemaligen Reize bewahrt, wenn Josef auch erst energisch mit der Nase darauf gestoßen werden muss. In der Ausstattung von Florian Ettl mit fahrbaren Eisbären, riesigen knallroten Gummibällen und einem die Kauflust fördernden Schneegestöber arrangieren sich Maria Ulli Maier und Johannes Silberschneider als Josef Pribil ihr ganz persönliches Fest. Regisseur Alexander Kubelka weiß offenbar, was er an diesen beiden Schauspielern hat.

Es blitzt ohne jede Peinlichkeit Erotik auf, wenn Maria im Unterrock ihre neue Liebe Josef umgarnt, bis er in seinen Unterhosen Marke Liebestöter auf dem Einsbärenfell zu ihr unter die Decke kriecht. Die beiden verstehen es, jedwede Sentimentalität zu vertreiben und den Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn er hartnäckig Artikel aus der „Wahrheit“ vorliest, während sie mit einer Flasche Schnaps zwischenmenschliche Wärme in diesen doch ganz besonderen Heiligabend zu bringen versucht.

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer
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