Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Acht FRauen Ensemble © Jan Frankl

ACHT FRAUEN und trotzdem ein herrlicher Abend

Silvia Meisterle (Louise) © Sepp Gallauer

Soviel Schändlichkeit im trauten Verband einer einzigen Familie?!

„Verraten Sie bitte nicht das Ende des Stückes...“ ersucht Robert Thomas in einem offenen Brief die Zuschauer. Dieser Wunsch ist bestimmt gut gemeint, aber sein Bühnenkrimi „Acht Frauen“ ist zu gut bekannt, um noch eine Überraschung zu bieten. Gemeint ist dabei natürlich nur die Handlung, die bei der Premiere am 8. November 2018 in den Kammerspielen als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Das Stück wird oft gespielt und war als Film ein vielgesehener Streifen. Spannender war da schon die Inszenierung. Was kann der einzige Mann, Regisseur Herbert Föttinger, diesen acht Damen noch Neues abgewinnen? Das Bühnenbild ist das geräumige Wohnzimmer einer eleganten Villa (Ece Anisoglu) und damit zwar ungemein stimmig, aber nicht sonderlich originell. Das Gleiche gilt für die Kostüme (Birgit Hutter), die sauber passend den einzelnen Charakteren angemessen sind. Für einen bitter kalten Wintertag in der Einsamkeit verschneiter Wildnis bewegen sich die Trägerinnen erstaunlich sicher mit High Heels ohne auszurutschen von draußen nach drinnen und umgekehrt.

Sandra Cervik (Augustine) © Sepp Gallauer

Dabei vergessen sie ganz darauf, die in solch luftig duftiger Fußbekleidung normalerweise frierenden Zehen warm zu reiben. Aber das sind Kleinigkeiten, die man gerne übersieht. Ein klangvoller Beitrag dazu ist zweifellos die Musik von Christian Frank. Er hat jeder Darstellerin ein Chanson maßgeschneidert und dazu gruselige Klänge kreiert, die im richtigen Moment für Gänsehaut sorgen sollen.

Acht Frauen Ensemble © Sepp Gallauer

Die Damencrew lässt nichts zu wünschen übrig. Bekanntlich könnte jede von ihnen die Mörderin von Marcel sein. Was tut sich der Mann auch acht Frauen an?! So ein Harem muss erst verwaltet werden. Gut, Mamy (Marianne Nentwich) scheidet schon aus Altersgründen als Bettgenossin ihres Schwiegersohnes aus. Ihre subtile Komik, mit der sie sich vom Rollstuhl aufgrund eines Weihnachtswunders zur flotten Geherin wandelt, ist große Schauspielkunst einer Grand Dame des Theaters.

Ihrer Heldin verzeiht man gern, dass diese ihre Lieben mit Geiz und Giftmischerei an den Rand des Abgrunds bringt. Susa Meyer ist als Gaby die souveräne Gattin des Mordopfers. Zum treu sein ist sie einfach zu attraktiv und überrascht mit sexuellen Anlagen, die man nie in dieser Dame vermutet hätte. Bei der Wandlung behilflich ist ihre Schwägerin Pierrette (Pauline Knof), eine Lebedame, die ein bisschen Bi mit der biederen Köchin Madame Chanel (Isabella Gregor) genießt.

Dass soviel Freizügigkeit die Jungen verderben könnte, ist aufgrund mehrerer Umstände zu vernachlässigen. Eine burschikose Anna Laimanee als pubertierende Catherine hat damit das geringste Problem und deren Schwester Susanne (Swintha Gersthofer) ist ohnehin von ihrem Ziehvater schwanger. Als wahre Sexbombe erweist sich Silvia Meisterle als Dienstmädchen Louise, die es in jeder Beziehung drauf hat, Männer wie Marcel narrisch zu machen. Reizwäsche unter dem braven schwarzen Kittel einer dienstbaren Angestellten ist zwar auch Klischee, aber anregend und hübsch. Sandra Cervik ist kaum wieder zu erkennen. Als alte Jungfer Augustine, Gabys Schwester, ist sie unübertroffen, wenn es darum geht, Lacher einzusammeln. Mit Nerd-Brille, altmodischer Kleidung und einer Frisur, für die jedem Figaro die Konzession entzogen werden müsste, lebt sie zwangsläufig ihre unerfüllten Leidenschaften im Kreise einer Familie, die eine derart trockene und dabei erfrischend witzige Kommentatorin allgemeiner Schändlichkeiten im Grunde gar nicht verdient hat.

Swintha Gersthofer (Susanne) © Sepp Gallauer

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

JOSEF UND MARIA auf Herbergssuche aus der Einsamkeit

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

Ein das Herz erwärmender Turrini und ein großartiges „heiliges“ Paar

Gut, bis Weihnachten sind es noch ein paar Wochen, die Lichterketten sind noch verpackt und die Christbäume dürfen noch auf Waldviertler Erde gedeihen. Dennoch tut es gut, wenn man einen Vorgeschmack, besser gesagt, eine Warnung erhält vor der uns erwartenden Sentimentalität, die zu diesem Anlass wie der Generalbefehl eines Menschen hassenden Mr. No zur allgemeinen Pflichtübung wird. Es macht also Sinn, Peter Turrinis Weihnachtsmärchen für Erwachsene „Josef und Maria“ Mitte Oktober auf den Spielplan zu setzen. Erstens handelt es sich dabei um ein Juwel der österreichischen Theaterliteratur, zweitens um eine wertvolle Sammlung von Denkanstößen und drittens gibt dieses Stück zwei nicht mehr ganz so jungen Schauspielern Gelegenheit, ihr facettenreiches Können auszuspielen.

 

Was sich wie der Titel eines Hirtenspiels ausnimmt, ist eine Erinnerung an das Jahr 1991, als noch Pullover verschenkt wurden und es ob des Zusammenbruchs des Sozialismus tatsächlich verbitterte Kommunisten gab.

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

Josef ist einer von denen, die ihr Lebtag lang gegen den Kapitalismus gekämpft haben. Die Nazizeit hat er nur überlebt hat, weil er für verrückt erklärt worden war. Er ist Freidenker und hält überhaupt nichts von einem göttlichen Jesukindlein, das just am 24. Dezember auf die Welt gekommen sein soll. Trotz seines Alters, er ist knapp über siebzig, streift er als Nachtwächter mit Stablampe nach Ladenschluss durch ein Großkaufhaus, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, vor allem aber um nicht dem Alleinsein ausgeliefert zu sein, das zu diesem Datum angeblich besonders grausam ist. In einem Raum, in dem noch kurz zuvor über Lautsprecher die Stimme von Herbert Föttinger von Weihnachtszeit ist Wunderzeit geschwärmt hat, trifft er auf die Putzfrau Maria. Sie hat für den Weihnachtsabend im Kreise ihrer Lieben mit Geschenken vorgesorgt. Dass alles nur Selbstbetrug ist, kommt aber umgehend zutage, als sie über ein an die Hausanlage angeschlossenes Mikrophon, dessen Kabel unter einem Haufen Kunstschnee lose auf dem Boden liegt, ihre Familie anfleht, doch nicht auf sie zu vergessen.

 

Zwischen den beiden grundverschiedenen Personen beginnt sich nach einem langen aneinander Vorbeireden dennoch eine Art Harmonie als Ausweg aus ihrer Einsamkeit zu entwickeln. Es handelt sich dabei um das erste Stück von Peter Turrini (er war bei der Premiere in den Kammerspielen anwesend, wurde beim Schlussapplaus auch gebührend gefeiert und hatte sichtlich Freude an seinem Werk), das ein Happy End aufzuweisen hat, noch dazu eines mit soviel Herzenswärme, die man diesem Autor gar nicht zugetraut hätte. Die beiden Personen hat er nicht erfinden müssen, es gab sie tatsächlich. Maria war 1938 Tänzerin in einem Nachtklub in Tirana. Sie hat sich über die Jahrzehnte eine Menge der ehemaligen Reize bewahrt, wenn Josef auch erst energisch mit der Nase darauf gestoßen werden muss. In der Ausstattung von Florian Ettl mit fahrbaren Eisbären, riesigen knallroten Gummibällen und einem die Kauflust fördernden Schneegestöber arrangieren sich Maria Ulli Maier und Johannes Silberschneider als Josef Pribil ihr ganz persönliches Fest. Regisseur Alexander Kubelka weiß offenbar, was er an diesen beiden Schauspielern hat.

Es blitzt ohne jede Peinlichkeit Erotik auf, wenn Maria im Unterrock ihre neue Liebe Josef umgarnt, bis er in seinen Unterhosen Marke Liebestöter auf dem Einsbärenfell zu ihr unter die Decke kriecht. Die beiden verstehen es, jedwede Sentimentalität zu vertreiben und den Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn er hartnäckig Artikel aus der „Wahrheit“ vorliest, während sie mit einer Flasche Schnaps zwischenmenschliche Wärme in diesen doch ganz besonderen Heiligabend zu bringen versucht.

Ulli Maier, Johannes Silberschneider © Herwig Prammer

Vier Stern Stunden Ensemble © Jan Frankl

VIER STERN STUNDEN für das Kulturerbe und seine frustrierten Erben

Martina Ebm, August Zirner © Rita Newman

Die Bloggerin und der alternde Dichter zwischen Burka und Lederhose

Wer es sich einmal antut und einem Autorengespräch zuhört, könnte leicht zur Überzeugung gelangen, dass er fürs Bücherlesen einfach zu dumm ist. Es ist nicht leicht, den gedanklichen Höhenflügen als erdenschwerer Konsument von welcher Lektüre auch immer zu folgen. Bis jetzt hat man Romane gelesen, sie als spannend empfunden oder als amüsant und muss nun erfahren, dass man überhaupt nichts verstanden hat. In einer solchen Depression könnte der Ausspruch des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel tröstlich sein: „Fünf Stunden über Literatur sprechen; da werde ich wohl nicht darum herumkommen, auch den Anschein von Bedeutung der Literatur zu erwecken. Ich entschuldige mich dafür im Voraus und schäme mich.“ Der Wiener Daniel Glattauer, längst erfolgreicher Roman- und Bühnenautor, dürfte ähnlich denken. Er hat die Distanz zwischen unverständlichem Hirnwichsen und dem Bedürfnis eines intellektuell nicht unbescheidenen, aber doch anspruchsvollen Publikums nach g´scheiter Unterhaltung mit einer Komödie überbrückt.

Dominic Oley, Martina Ebm © Rita Newman

Er lässt dazu einen in die Jahre gekommenen Erfolgsautor auf eine mit allem Wissen über seine Werke ausgestattete Interviewerin treffen. Seine Resignation muss sich mit den Ambitionen seines Gegenübers zwangläufig schlagen. Als prickelnde Beilage serviert Glattauer dazu die viel zu junge Freundin des Dichters, die zwischendurch als Burkaträgerin für Verwirrung sorgt, und einen strammen Hoteldirektor, der frustriert das Kulturerbe seiner Vorfahren bewahren muss. Wie sich diese vier Menschen, zwei junge und zwei, sagen wir höflich, reife am Ende arrangieren, ist die eigentliche Handlung dieses Sprechstücks.

 

Das Kultur- und Kurhotel Reichenshoffer hat gewiss schon bessere Tage gesehen. Der einstige Luxus seiner vier Sterne ist verblichen und die Einrichtung strahlt den Charme der 1960er-Jahre aus (Bühnenbild: Ece Anisoglu). Das Alter der Gäste (natürlich nur im Stück, nicht im Zuschauerraum der Kammerspiele) bewegt sich im oberen Bereich der Lebenserwartung, was den jungen Chef David-Christian Reichenshoffer (Dominic Oley) zwar im Geschäft hält, aber nicht gerade begeistert. Trotzdem veranstaltet er wacker die traditionellen „Stern Stunden“.

Für diesen Abend hat er den weitum bekannten Schriftsteller Frederic Trömerbusch (August Zirner) gewonnen. Ihm gegenüber sitzt mit einem Haufen kluger Fragen bewaffnet seine Bewunderin Mariella Brem (Susa Meyer), eine Kulturjournalistin. Es kommt zum Eklat, als sich Trömerbusch als unbefragbar erweist. Der eigentliche Grund für dessen Überheblichkeit ist jedoch Lisa (Martina Ebm), die irgendwann auch der Anziehung dieses Musensohnes erlegen ist, mittlerweile aber, wohl beeinflusst von der geriatrischen Atmosphäre dieses Hauses, die Gesellschaft Gleichaltriger sucht. Im Zuge der Aufarbeitung dieser Konflikte scheut Daniel Glattauer nicht vor langen Gesprächen zurück, die jedoch so weit pointiert sind, dass die Zuschauer fallweise schmunzeln können. In erster Linie ist es Satire, die den Sinn des Lebens beinahe so ernsthaft wie bei Monty Python reflektiert; und die Glattauer virtuos beherrscht. Dank der Top-Besetzung werden auch alle feinen Töne angeschlagen, durch die eine an sich ernste Auseinandersetzung zum wohlklingenden Capriccio wird (Regie: Michael Kreihsl).

Susa Meyer, August Zirner © Rita Newman

Der Garderober Ensemble © Herwig Prammer

DER GARDEROBER König Lear und sein Gefolge im Bombenhagel

Martina Stilp, Michael König © Herwig Prammer

Man lacht über etwas, das in Wirklichkeit gar nicht lustig ist

Ronald Harwood (*1934) ist erfolgreicher britischer Drehbuchautor und Filmproduzent. Seine wahre Liebe ist aber die Theaterbühne, auf der er in jungen Jahren selbst gestanden ist und für die er eine ganze Reihe von Stücken geschrieben hat. Für die Komödie „Der Garderober“ hat er besonders viel Herzblut vergossen. Teils, weil er selbst in den 1950er-Jahren das Faktotum eines der letzten englischen „actor-manager“ war, teils auch, weil ihn die Sprache des englischen Dramas begeistert. Er macht keinen Hehl daraus, dass William Shakespeare sein großes Idol ist und lässt seinen Prinzipal samt Garderober in der Zeit des Zweiten Weltkriegs „King Lear“ spielen. Sirenen heulen, Bomben fallen, die meisten Menschen suchen Zuflucht in Lustschutzkellern, aber das theaterbegeisterte Publikum lässt sich nicht davon abhalten, seinen Star, den Sir, in der Hauptrolle zu sehen. Allein, dieser Sir ist alles andre als in Hochform. Unter Tags hat man ihn von der Straße aufgelesen und in ein Spital gebracht, um ihn dort von seinem Zusammenbruch zu kurieren.

Michael König, Martin Zauner © Herwig Prammer

Er aber hat sich von der Ärzteschaft losgerissen und kommt ins Theater. Seinetwegen musste noch nie eine Aufführung abgesagt werden. Sein Zustand wäre hoffnungslos, gäbe es nicht den Garderober, der ihn mit allen möglichen Tricks für den Auftritt fit macht. Da es bei Sir nicht an Eitelkeit und der Überzeugung, der beste Schauspieler seiner Zeit zu sein, fehlt, wird der Abend ein Erfolg...

Elfriede Schüsseleder, Martina Stilp, Martin Zauner © Herwig Prammer

In den Kammerspielen (Premiere am 26. April 2018) spielt Martin Zauner die Hauptrolle. Damit kein Irrtum aufkommt. Er ist nicht der Sir, der den Lear gibt, sondern der Garderober, der seine Not hat, den Prinzipal bühnengerecht anzukleiden und ihm die richtige Schminke anzusagen. Schließlich wird Lear gegeben und nicht Othello, nachdem sich Sir das Gesicht schwarz anmalt. Dazu braucht man schon einen Flachmann mit Brandy, der dem Garderober am Schluss den Vorwurf einbringt, besoffen zu sein.

Zauner lässt immer wieder seine stille Komik durch im Grunde todernste Situationen blitzen. Allein sein Kurzauftritt vor dem Vorhang, wenn er das Publikum vor den Bombenangriffen warnt, indem er sagt, dass diejenigen, die leben wollen, gehen können, macht diese Hilfskraft hinter der Bühne zum unersetzbaren Mitglied eines immer mehr schrumpfenden Ensembles auf irgend einer englischen Tourneebühne. Sein Schützling, eben der Sir, ist Michael König als Verkörperung des sympathischen Tyrannen dieser Truppe. Offenbar konnten in diesen harten Zeiten nur solche Typen, die keinen Widerspruch zuließen und sich über die Menschen in ihrer Umgebung einfach hinwegsetzten, den Theaterbetrieb einigermaßen am Laufen halten. Milady (Martina Stilp) ist die Frau von Sir, die wie ein Hund an der Ignoranz ihres Mannes leidet und dennoch stets tapfer als Cordelia stirbt, ebenso wie die altjüngferliche Madge, die Inspizientin (Elfriede Schüsseleder), die ihre Liebe zu Sir unter resolutem Kommandoton hinter der Bühne verbirgt. Zwei der weniger begabten Schauspieler, wie sie wohl jederzeit in einem Theater zu finden sind, werden von Alexander Strobele und Wojo van Brouwer exzellent charakterisiert. Strobele ist ein gewisser Geoffrey Thornton, der als Hofnarr einspringt und sich dem Sir gegenüber für größere Aufgaben empfiehlt.

Mr. Oxenby hingegen lehnt es sogar ab, ersatzweise die Windmaschine im großen Sturmmonolog zu drehen. Die junge Irene (Swintha Gersthofer) wäre zu allem bereit, auch zu einem Verhältnis mit dem greisen Sir, wäre da nicht der Garderober, der sie unsanft von seinem Herrn fernhält. Der Italiener Cesare Lievi lässt diese großartigen Schauspieler in seiner Regie als einen rührenden Haufen theaterbesessener Individuen aufspielen, dass das Publikum zugleich berührt und trotz des an sich gar nicht lustigen Hintergrundes auch unverschämt lacht.

Martin Zauner, Swintha Gersthofer © Herwig Prammer

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

ALL ABOUT EVE und das gnadenlose Treiben hinter der Bühne

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

Eine himmlisch böse Hymne auf das Theater

„Hüte dich vor Rehen!“ ist eine alte Weisheit, die der Bühnenstar Margo Channing jedoch nicht befolgt. Als ein scheues Mädchen namens Eve als ihre bedingungslose Bewunderin auftaucht, fällt sie auf deren Unterwürfigkeit herein und bringt sie am Schluss einfach nicht mehr los, solange, bis sie selbst beinahe unter die Räder kommt. Am Ende ist Eve selbst der Star, auf dessen Türschwelle aber bereits ein neues Rehlein in Gestalt von Phoebe wartet. Der britische Dramatiker Christopher Hampton hat für „All About Eve“ einfach nur zuschauen müssen, wie sich wohl tagtäglich in diesem Business die Krähen trotz gegenteilig lautender Metapher die Augen aushacken. Ein Theatermensch trägt bei jeder Vorstellung seine Haut zu Markte, in der allabendlichen Hoffnung, endlich den großen Erfolg einfahren zu können. Er spielt für das Publikum, nicht selten aber auch für den einen Kritiker, der hoffentlich im Dunkel des Zuschauerraumes sitzt und seine Premierenleistung in den nächsten Tagen zwischen positiv und hymnisch hervorhebt.

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

Dieser Schreiber, der entspannt zuschauen darf, wie die sich da oben die Seele aus dem Leib spielen, hat bei Hampton den Namen Addison DeWitt. As Kritiker der News York Times hat er natürlich Einfluss en masse und bildet sich nicht ganz zu Unrecht ein, dass er ein Stück oder einen Darsteller leben oder sterben lassen kann – und er beweist eindrucksvoll seine Behauptung, indem er Eve nach oben bringt, während die in die Jahre gekommene Margo eine mühsame Tournee anzutreten hat.

Sandra Cervik, Raphael von Bargen © Sepp Gallauer

Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt und damit auch der Kammerspiele, hat persönlich die Regie übernommen. Das Ergebnis ist eine gewohnt elegante und technisch perfekte Umsetzung dieser von Selbstkritik strotzenden Nabelschau von Theaterleuten. Zwischen den Szenen wird die Bühne zu einem Scherenschnitt, der von Mario Pecoraro mit Musik bemalt wird. Dazwischen fliegen die Fetzen, die allerdings sehr fein gewebt sind, nämlich aus den unzerreißbaren Fäden der Bösartigkeit.

Das alles ist natürlich ein Verdienst der Schauspieler, die dabei bis zu einem gewissen Grad sich selbst spielen. Beeindruckend ist der Psychokrieg, den Martina Ebm als Eve gegen Sandra Cervik als Margo Channing lostritt. Die beiden Frauen ziehen so überzeugend jedes Register an Schauspielkunst, um die andere in den Griff zu bekommen, dass man sich wundert, wie sie sich am Schluss mit einem Lächeln gemeinsam verbeugen können. Die Männer wie Bill, der junge Freund von Margo (Raphael von Bargen), oder der Dramatiker Lloyd Richards (Alexander Pschill) können dabei nur hilflos zuschauen und die Damen bestenfalls besänftigen. Eine geheimnisvolle Rolle spielt Martina Stilp. Ihre biedere Karen Richards ist an sich die Freundin von Margo, begeht an dieser aber einen unverzeihlichen Verrat, indem sie mit List einen viel beachteten Auftritt von Eve ermöglicht.

Eine, die von Anfang Eve durchschaut hat, ist Birdie, die Garderobenfrau von Margo, der Susa Meyer einen humorigen Touch Männlichkeit verleiht. Der wahre Maître de Plaisir ist Addison DeWitt. Joseph Lorenz gibt den souveränen Herrscher über das Theater, vor dem auch Stars knien müssen. Er darf die wohl beneidenswerteste Figur dieses Stücks spielen, zumindest aus der Sicht des Theaterkritikers, von denen die wenigsten darüber befinden können, wen und was sie in der nächsten Produktion auf der Bühne sehen wollen.

Martina Stilp, Sandra Cervik, Susa Meyer © Sepp Gallauer
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