Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Julian Valerio Rehrl (Nicolas) © Moritz Schell

DER SOHN Zu viel gutes Zureden kann tödlich sein

Marcus Bluhm (Pierre), Julian Valerio Rehrl (Nicolas), Susa Meyer (Anne) © Moritz Schell

Ein lehrreiches Kammerstück über die langen Leiden eines jungen Mannes

„Wir müssen reden!“ sagt stereotyp der Vater. Allein der Junge schweigt oder gibt nur unwillig kurze Äußerungen von sich. „Es wird alles gut!“ sagt stereotyp die Mutter. Allein der Junge schweigt. Wer selber Kinder groß gezogen hat, dem sind derlei autistische Anwandlungen des Nachwuchses nicht unbekannt. Wenn die Abkapselung von der Umwelt jedoch zu arg wird, wäre durchaus professionelle Hilfe geboten. Der mit vielen Preisen gekrönte Franzose Florian Zeller hat im Stück „Der Sohn“ die Sache insofern verschärft, dass der bockige Jüngling eine Scheidungsweise ist. Vater hat sich eine wesentlich Jüngere gefunden und mit ihr einen Bruder gezeugt. Mutter ist darob verständlicherweise nicht erbaut, stößt aber an ihre Grenzen, als der Sohn nicht nur den Dialog, sondern auch den Schulbesuch verweigert. Vielleicht kann es der Vater richten, der den Sprössling zu sich nimmt und damit in seine noch sehr frische Familie Unruhe bringt. Nachdem beide Elternteile keine Experten in Sachen Problem-Erziehung sind, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Julian Valerio Rehrlg (Nicolas) © Moritz Schell

Es wird auf den jungen Mann eingeredet wie auf ein krankes Ross, wie man in Österreichs Landschaften zu sagen pflegt, zeitweise sogar von Vaters Freundin, die als Scheidungsgrund und damit als eine der möglichen Ursachen der juvenilen Persönlichkeitsstörung herhalten muss. Nach dem Eingeständnis des Scheiterns und einem Suizidversuch wird endlich ein Arzt zu Rate gezogen, auf dessen Fachkompetenz die letzten Hoffnungen gesetzt werden.

Marcus Bluhm (Pierre), Swintha Gersthofer (Sofia), Julian Valerio Rehrl (Nicolas) © Moritz Schell

Es ist richtig, sich für einen jungen Menschen bei solchen Problemen genug Zeit zu nehmen. Regisseurin Stephanie Mohr hat jedoch übertrieben. Sie lässt die Eltern ihre an den Sohn gerichteten Anliegen wie ein Mantra immer und immer wieder herabbeten. Man beginnt mit Julian Valerio Rehrl mitzufühlen, dass sein Nicolas irgendwann seine Ohren dagegen verschließt. Die krampfhafte Embryohaltung und der irre abwesende Blick zeigen ohnehin deutlich an, was er von seinen Eltern hält.

Anne, seine Mutter (Susa Meyer), verzweifelt mehr und mehr an ihm, während sein Vater Pierre im Tonfall des Rechtsanwaltes, den Marcus Bluhm spielt, zwischen guten Tipps und Wutausbrüchen pendelt. Als unterschätzte Leidtragende und junge Mutter Sofia geht Swintha Gersthofer erfrischend natürlich mit der Malaise um. Die vorgeschlagene Therapie des besonnenen Arztes Oliver Huether wird nicht befolgt und dem Pfleger Alexander Strömer die entsprechende Intelligenz abgesprochen. So etwas kann einfach nicht gut gehen und soll wohl als abschreckendes Beispiel dienen, für Eltern, die mit dem pubertierenden Nachwuchs nicht zu Rande kommen, was bekanntlich in den besten Familien vorkommen soll.

Martin Niedermair, Sona MacDonald © Moritz Schell

ENGEL DER DÄMMERUNG Sona MacDonald ist Marlene Dietrich

Martin Niedermair, Sona MacDonald © Moritz Schell

Eine berührende Revue als Lebensbeichte einer großen Liebenden

Anfang September werden es 93 Jahre, dass Fräulein Marie Magdalene Dietrich ihren ersten Auftritt in den Kammerspielen absolvierte. Nun ist sie triumphal zurück gekehrt zu den Wurzeln ihrer Karriere als Schauspielerin, als sie noch niemand gekannt hat, die Kritik überhaupt keine Notiz von ihr genommen hat und erst bei der zweiten Produktion, einem Stück namens Broadway in der Neuen Freien Presse in einem Nebensatz zu lesen war: „Marlene Dietrich darf zusammen mit fünf anderen Girls viel Bein zeigen.“ Damals war sie allerdings schon die Marlene, zu der sie Regisseur Josef von Sternberg kurz vor seinen Dreharbeiten für den Film „Der blaue Engel“ als Kunstfigur geformt hatte. Allein das wäre Grund genug, sich diese berührende Revue anzuschauen, besser gesagt anzuhören, die Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die unvergessene Marlene Dietrich geschaffen haben. Dazu kommt die großartige Hauptdarstellerin. Sona MacDonald ist nicht nur der ideale Typ mit der passenden Stimme, sie lässt diesen „Engel der Dämmerung“ einfach wieder lebendig werden.

Martin Niedermair, Sona MacDonald © Moritz Schell

Von Liebe getrieben flattert sie von Mann zu Mann, um am Ende einsam zu sterben. 1992 ist Marlene Dietrich in Paris, in der Stadt ihres Herzens, verschieden, in dem Jahr, in dem dieses Stück ansetzt. Eine alte Frau tritt dem Publikum gegenüber, in ihrer Verbitterung nur von einem Buckligen mit dem Zylinder eines Bestatters gestört. Ihm erzählt sie nun ihr Leben, immer wie selbstverständlich erwartend, das er (Martin Niedermair) in die Rollen ihrer Liebhaber und Freunde schlüpft, wie es eben einem Star wie ihr zusteht.

 

Die beiden Autoren dieser zu einer Show ausgebreiteten Lebensbeichte haben Regie geführt und das Bühnenbild gestaltet. Man spürt die gemeinsame Hand, wenn alles stimmig ist bis zum großen Spiegel, der den Theaterraum verdoppelt. Vier Musiker begleiten die Songs, die die unvergleichlich rauchige Stimme von Marlene Dietrich bis heute in den Ohren der Menschen bewahrt haben. „Sag mir, wo die Blumen sind“ ist eines der Lieder, das wie kaum ein anderes die Sinnlosigkeit des Kriegs auszudrücken vermag. „Ich weiß nicht, wem ich gehöre“ ist ein freimütiges Geständnis, in ihren Beziehungen stets gescheitert zu sein, ohne alle Schuldzuweisung. Waren Willi Forst, Erich Remarque, Jean Gabin oder Yul Brynner die schönen Gigolos, die sie umtanzt haben?

Eher doch nicht, denn sie hat jeden bis zum Ende ihrer Tage geliebt, war ihnen verfallen und hatte dennoch schon den nächsten im Bett. Sie selbst hat es als kompliziert bezeichnet, als Tochter eines deutschen Offiziers im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Amis zu stehen. Nicht weil sie Deutschland nicht mochte, sondern die Nazis hasste, hat sie mit dem unsterblichen „Lili Marleen“ die US-Boys an der Front aufgebaut. Kompromisslos hat sie ein Leben nach ihrer Fasson gelebt, um schließlich mit Überzeugung singen zu können: „Das Lied ist aus“.

Sona MacDonald © Moritz Schell

Mord im Orientexpress Ensemble © Astrid Knie

MORD IM ORIENTEXPRESS spannend wie Krimi lesen

Markus Kofler (Schaffner) © Astrid Knie

Die Geschichte von acht Mördern und deren ganz persönlicher Gerechtigkeit

Ein Kompliment gleich zu Beginn: Man denkt eigentlich nie an einen der vielen Filme, in denen Agatha Christies Roman „Mord im Orientexpress“ bereits auf die Leinwand gebracht wurde. Viel eher sind es die Bilder, die man sich beim ersten Lesen dieses Krimis im Kopf gemalt hat, die in den Kammerspielen wieder wachgerufen werden. Chapeau! also der Regie von Werner Sobotka, dem Bühnenbild von Walter Vogelweider, das die Herzen von Eisenbahnfans höher schlagen lässt, und den bis zum abgerissenen Uniformknopf stimmigen Kostümen von Elisabeth Gressel. Und natürlich dem Ensemble, das diesen Mord ausführt beziehungsweise aufklärt.

 

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Emotionen ehrlich spürbar werden lassen. Ganz auf den guten Ruf seines Zuges bedacht ist Johannes Seilern als Monsieur Bouc, umsichtiger Geschäftsführer der Gesellschaft Wagon-Lits, die zwischen Istanbul und Paris betuchte Fahrgäste mit allem nur möglichen Luxus auf dieser Fahrt durch den verschneiten Balkan verwöhnt.

Siegfrie Walther (Hercule Poirot) © Astrid Knie

Ein Zwischenfall, wie ihn Agatha Christie erdacht hat, bringt den braven Mann natürlich in ärgste Komplikationen. In einem Anfall von weiser Voraussicht hat er seinem Freund Hercule Poirot sein eigenes Abteil im angeblich ausgebuchten Zug überlassen. Der berühmteste Privatdetektiv aller Zeiten dankt es ihm und „löst“ souverän und vor allem wunschgemäß den Fall. Ermordet aufgefunden wurde ein gewisser Samuel Ratchett, in Wirklichkeit Bruno Cassetti, der von Paul Matić mit derart beängstigender Aggressivität ausgestattet wird, dass man insgeheim froh ist, als er endlich erstochen wird. Quick lebendig taucht Matić kurz darauf wieder auf und versucht als Oberst Arbuthnot erstens die Ermittlungen zu behindern, zweitens mit seinem Herzblatt Mary Debenham (Alexandra Krismer) in den Hafen der Ehe einzulaufen, um sich zuvor mit ihr gemeinsam noch am Mörder von Daisy Armstrong, eben diesem Cassetti, zu rächen. Hinter dem biederen Sekretär des bösen Ratchett namens Hector MacQueen (Martin Niedermair) verbirgt sich ebenfalls einer der Betroffenen, ebenso wie in der versoffenen Mrs. Hubbard (Ulli Maier), die in Wirklichkeit eine gefeierte Schauspielerin und die Großmutter von Daisy ist. Dasselbe Motiv verbindet auch Prinzessin Dragomiroff, der Marianne Nentwich alten russischen Adel angedeihen lässt, mit der wunderschönen Gräfin Andrenyi (Michaela Klamminger). Sogar Greta Ohlsson (Therese Lohner) und der Schaffner Michel haben gute Gründe, den bösen Cassetti um die Ecke zu bringen.

Zuvor muss Markus Kofler jedoch noch als Kellner in einem türkischen Restaurant in herrlich komischer Blasiertheit ein Fettnäpfchen besteigen und den Belgier Poirot als Franzosen bezeichnen. Dazu kann Siegfried Walther noch lächeln. Wenn es aber darum geht, die eigentlichen Mörder ungeschoren davonkommen zu lassen, kommt sein Hercule Poirot ordentlich ins Grübeln. Berührend ist das Solo ganz zum Schluss, wenn er erklärt, warum er so und nicht wie im Gesetz vorgesehen gehandelt hat.

Mord im Orientexpress Ensemble © Astrid Knie

Der Vorname Ensemble © Herwig Prammer

DER VORNAME und andere Streitthemen unter guten Freunden

Der Vorname Ensemble © Herwig Prammer

Witzig-pointiertes Kramen in den verborgenen Ecken des Lebens

Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière sind Franzosen. Wenn beide auch erst 1971 geboren sind, so ist ihnen dennoch der Vorname Adolf der Inbegriff für das Böse schlechthin. Dass es sich bei Adolphe auch um den Helden eines nach ihm benannten französischen Romans handeln könnte, kommt bestenfalls einem Literaturexperten in den Sinn. Aber um genau einen solchen handelt es sich bei Pierre Garaud (Marcus Bluhm), der seine Lieben zu einem orientalischen Essen zu sich eingeladen hat. Zubereitet wird der Schmaus natürlich von seiner Gattin Elisabeth (Susa Meyer). Claude Gatignol (Oliver Rosskopf) ist der erste, der mit Posaune und im Frack erscheint, denn er kommt direkt von einem Konzert. Er ist durch eine Herzensfreundschaft mit Elisabeth verbunden. Sie, ihr Mann und Claude kennen einander schon seit der Kindheit, entsprechend vertraulich ist der Umgang miteinander. Nach ihm hat der Bruder der Hausfrau seinen großen Auftritt. Vincent Larchet (Michael Dangl) ist ein Spaßvogel, dessen Witze für einen ganzen Abend Grund zu Streitereien geben.

Susa Meyer (Elisabeth) © Herwig Prammer

Seine erste Enthüllung betrifft seinen noch ungeborenen Sohn, der ausgerechnet Adolphe heißen soll. Was in einer österreichischen Runde bestenfalls zu Kopfschütteln führen würde, ist in Paris die absolute Verletzung eines Tabus. Vincent treibt seine fiesen Scherze auch dann noch weiter, als Anna Caravati (Michaela Klamminger), die Mutter seines Kindes, zur Gesellschaft stößt. Durch dieses Treiben werden nach und nach Geheimnisse gelüftet, die absolut nicht so köstlich munden wie die wohlgeratene Rindfleisch-Tajine und der sorgfältig dekantierte Rotwein und zu sehenswert emotionalen Ausbrüchen aller Beteiligten führen.

Marcus Bluhm (Pierre Garaud), Michael Dangl (Vincent Larchet) © Herwig Prammer

Regisseur Folke Braband hat diese Komödie für die Kammerspiele in erfrischend französischer Leichtigkeit umgesetzt. Er lässt die Zuschauer quasi erste Reihe fußfrei über nicht wirklich ernsthafte Konflikte lachen. Dass es ernsthaft Spaß macht, dafür sorgen die Darsteller aus bestem Josefstadtstall. Man vergisst, dass man im Theater sitzt, so natürlich bewerfen sich die Diskutanten mit ihren Problemchen, über die man sich im eleganten Wohnzimmer der Familie Garaud (Bühnebild: Tom Presting) allzugerne amüsiert.

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