Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Wann a klana Jud´ größer is´ als DER GROSSE DIKTATOR

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Mächtige Leute haben fürchterliche Angst vor dem Lachen

Charlie Chaplin war mit dem scheinbar schwachen Bürschchen, das am Ende die Stärksten aufs Kreuz legt, berühmt geworden. Zu seinen Filmen durfte von Herzen gelacht werden und die Zuschauer, die selten zu den Besitzenden und Mächtigen zählten, konnten sich mit ihm identifizieren. Ob sie die Botschaft, die er in seinem Film „The Great Dictator“ auf die Leinwand bringen wollte, wirklich verstanden haben, darf jedoch bezweifelt werden. 1940 waren die USA noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und einem Großteil der Amerikaner war es wohl ziemlich egal, warum da drüben in Good Old Europe die Völker einander bekriegten. Manch einem dürften die Flüchtlinge aufgefallen sein, vor allem die Juden, die sich vor den Nazis in Sicherheit gebracht hatten. In der Filmindustrie war man diesbezüglich aufmerksamer. So trug der aus einer jüdischen Familie stammende Produzent und Regisseur Alexander Korda an Chaplin die Idee heran, das berühmte Hitlerbärtchen für eine bittere Verwechslungskomödie zu nutzen. Ein Streifen mit Ewigkeitswert war damit geboren, der nach wie vor über Wahnsinn und Grausamkeit wegen der ihnen immanenten Dummheit schmunzeln lässt.

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann©

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Barbier), Tamim Fattal (Sturmtruppmann) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Barbier), Tamim Fattal (Sturmtruppmann) © Moritz Schell, Philine Hofmann

In Zeiten, in denen freie Länder von gierigen Autokraten überfallen werden und das Völkerrecht mit Füßen getreten wird, kann über derlei blutrünstige Bestien nicht genug gelacht werden. Freilich ist es nicht lustig, was da im Osten passiert, aber auch die Schwächsten haben die Möglichkeit, ihren Peiniger ob seiner hilflos anmutenden Verkrampftheit, stets nur Böses zu tun, einfach auszulachen. OK, wir tun uns in diesem Punkt leichter als beispielsweise jemand, dessen Haus zerbombt wurde. Aber irgendwo muss ein Anfang gemacht werden, und wenn es in den Kammerspielen passiert. Regisseur Dominic Oley hat Chaplins Film für die Bühne bearbeitet – und ist aufgrund eines Ausfalls einen Tag vor der Premiere für den erkrankten Darsteller des Kommandeurs Schultz eingesprungen. Bereits der Beginn ist ernsthaft witzig, mit einem Stummfilm als „Vorspann“, in dem Kostüme aus einem explosiven Koffer verteilt werden und sich ein Mann zum Ungarischen Tanz Nr. 4 rasieren lässt. Die Komik behält die Oberhand, auch als die ersten Schergen als Sturmtrupp im Ghetto auftauchen und einen kalten Schauer durch die Szenerie wehen lassen.

Sie werden von Alexander Pschill als Barbier mit dem markanten Oberlippenbart a la Charlie Chaplin sehenswert verarscht. Das hübsche Waisenmädchen Hannah (Daniela Golpashin) ist davon derart angetan, dass die den kleinen Helden spontan küsst. Die ruhigen Tage für Herrn Jaeckel (Siegfried Walther), Besitzer eines Weingutes in Osterlitsch, und seinem Mitbewohner (Ljubiša Lupo Grujčić) sind jedoch gezählt. Aus dem Radio krächzt die Stimme von Hynkel, der es sowohl auf die Juden als auch auf Osterlitsch abgesehen hat. Wieder ist es Alexander Pschill, der zwischen seinen Ratgebern Doktor Garbitsch (Martin Niedermair) und Feldmarschall Herring (Oliver Huether) den legendären Tanz mit der aufgeblasenen Weltkugel zelebriert. Unter adnerem als Maler und Schwiegersohn des stattlichen Benzino Napoloni hat Tamim Fattal Gelegenheit, Vielseitigkeit zu zeigen. Wie die Geschichte ausgeht, weiß man ja. Hynkel wird eingesperrt und der Barbier darf seine große Rede an die Menschen dieser Welt halten. Würden wir diese Worte irgendwann beherzigen, hätten wir alle noch viel mehr zu lachen.

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Julian Valerio Rehrl © Rita Newman

Julian Valerio Rehrl (Billy) © Rita Newman

DIE ZIEGE oder WER IST SYLVIA? als amüsante Form absurden Theaters

Sandra Cervik, Joseph Lorenz © Rita Newman

Sandra Cervik, Joseph Lorenz © Rita Newman

„Warum versteht das denn niemand?“ Weil es nicht dafür geschrieben wurde.

Ein Mann, erfolgreich in seinem Beruf, mit intakter Familie – abgesehen davon, dass der 17jährige Sohn schwul ist – und einem wahren Freund feiert seinen 60. Geburtstag. Er kann guten Gewissens behaupten, seine Frau in 32 Ehejahren nie betrogen zu haben und man sollte annehmen, dass er weiß, wovon erspricht, wenn er das Wort Liebe in den Mund nimmt. Dass mit dem Objekt der tiefen Zuneigung aber eine Ziege gemeint ist, sorgt verständlicherweise für gehörige Irritationen. Wie kann man nur!? Das ist doch Sodomie, vom Staat verboten, Tierquälerei und nicht zuletzt eine Beleidigung der Frau unbeschreiblichen Ausmaßes! Dass er mit diesem Problem, das er selbst gar nicht als solches ansieht, nicht allein ist, hat ihm eine Selbsthilfegruppe bewiesen, in der ein Bauer vom Ficken seiner Ferkel loskommen will, Frauen von ihren Hunden und einer sogar von einer Gans, die ihm bisher Befriedigung verschafft hat.

Michael Dangl, Joseph Lorenz © Rita Newman

Michael Dangl, Joseph Lorenz © Rita Newman

Joseph Lorenz, Sandra Cervik © Rita Newman

Joseph Lorenz, Sandra Cervik © Rita Newman

Wer an dieser Stelle über einen Sinn irgendwelcher Art zu grübeln beginnt, ist Edward Albee gehörig auf den Leim gegangen. In der Komödie, in der den Zuschauern bald das Lachen im Halse stecken bleibt, lässt der US-amerikanische Schriftsteller einfach vier Darsteller eine an sich absurde Situation aufarbeiten. „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ bietet keine Lösung, am wenigsten in moralischer Hinsicht. Wer dennoch eine Antwort erwartet, wird eher auf Godot treffen, der sich bei Samuel Beckett bekanntlich ebenfalls nicht einstellt. In den Kammerspielen der Josefstadt sind unter der Regie von Elmar Goerden Joseph Lorenz als ziegenverliebter Martin, Sandra Cervik als seine gestandene Gattin Steve und neben Michael Dangl, dem Freund Ross, der junge Julian Valerio Rehrl als Billy in Aktion. Die Wohnung, in der das Unsagbare ausgesprochen und breit getreten wird, haben Silvia Merlo und Ulf Stengl stilvoll eingerichtet, müssen aber zusehen, wie sie im Verlauf der Handlung gründlich verwüstet wird. Schließlich geht es, will man dem Untertitel glauben, um „Anmerkungen zu einer Bestimmung des Tragischen“, in denen nicht nur über absonderliche Formen sexueller Betätigung diskutiert wird, sondern auch die Erinnyen, also die Rachegöttinnen, in subtiler Weise zu ihrem vernichtenden Einsatz kommen.

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