Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Himbeerpflücker, Ensemble © Moritz Schell

Der Himbeerpflücker, Ensemble © Moritz Schell

DER HIMBEERPFLÜCKER Aufruhr Zum weißen (Unschulds-)Lamm

Der Himbeerpflücker, Ensemble © Moritz Schell

Der Himbeerpflücker, Ensemble © Moritz Schell

Eine Komödie als lachende Grimasse der Wirklichkeit

Mitte der 1960er-Jahre wurde „Der Himbeerpflücker“ geschrieben. Sein Autor, Fritz Hochwälder, war ein Betroffener. Als Jude und Sozialist war ihm, im Gegensatz zu seinen Verwandten, nach dem Anschluss 1938 die Flucht in die Schweiz geglückt. Er konnte von außen beobachten, was sich im Dritten Reich getan hat. Mehr als 20 Jahre später hat er die Verdrängung seiner ehemaligen Landsleute mit diesem bitterbösen Drama durchbrochen. Kurz der Inhalt: Jeder der von Hochwälder vorgeführten Honoratioren einschließlich des Hausknechts hat Dreck am Stecken. Ihnen hängen Verbrechen nach, die auch mehr als 20 Jahre nach Ende der Schreckensherrschaft nicht verjährt sind. Dazu kommt kistenweise Zahngold, das ein gewisser Ernst Meiche im Rückzug in Bad Brauning hinterlegt und dem Bürgermeister zu sagenhaften Reichtum verholfen hat. Wie ein Donnerschlag hallt es durch die liebliche Ortschaft, dass der als Himbeerpflücker bekannte Obernazi nun höchstpersönlich erschienen ist. Allerdings kennt ihn niemand persönlich, abgesehen vom Hausknecht. Hochwälder hat sich in der daraus folgenden Verwechslungskomödie von Gogols Revisor inspirieren lassen, allerdings mit einem ernüchternden Schluss: Es triumphiert das Böse. Es bleibt alles beim Alten – und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Claudius von Stolzmann, Susanna Wiegand © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann, Susanna Wiegand © Moritz Schell

Ulrich Reinthaller, Claudius von Stolzmann, Martina Stilp © Moritz Schell

Ulrich Reinthaller, Claudius von Stolzmann, Martina Stilp © M. Schell

Stephanie Mohr hat in ihrer Inszenierung für die Kammerspiele ein Wirtshaus raffiniert wie einen Fuchsbau angelegt. Nur schade, dass sich wichtige Verhandlungen an der tiefliegenden Rampe abspielen und damit dort sitzende Schauspieler hinter den Köpfen der davor Sitzenden verschwinden. Im Übrigen behält aber der schwarze Humor der Wahrheit die Oberhand. Drei sehr unterschiedliche Frauen weben durch das sonst männlich dominierte Ensemble. Susanna Wiegand ist die dicke herzenswarme Burgerl, Paula Nocker muckt als Sieglinde mit rotem Haar gegen ihren Vater auf und zuletzt gibt es noch die versoffene Gangsterbraut Grappina (Martina Stilp).

Um sie herum schmieden mit herrlich subtiler Komik die Herren Doktor Schnopf (André Pohl), Schuldirektor Huett (Markus Kofler), Baumeister Ybbsgruber (Alexander Strömer) und Fabrikdirektor Stadlmeier (Johannes Seilern) Pläne, wie man dank des überraschenden Besuchs zu Geld und Gold kommen könnte. Sie vertrauen blind dem etwas dodeligen Zagl (Claudius von Stolzmann), der neben Bier und Schnaps auch seine Überzeugung serviert, dem Himbeerpflücker einst in die Augen geschaut zu haben. Postenkommandant Ziereis (Paul Matić) und der windige Rechtanwalt Suppinger (Dominic Oley) sind keine ernsthaften Gegner. Aber sie rechnen nicht mit ihrem Ortschef. Bürgermeister Konrad Steisshäuptl (Günter Franzmeier) ist, wie es sein sprechender Name sagt, ein gerissener Arsch, der zwar auch dem Irrtum unterliegt, dass der Kleinkriminelle Alexander Kerz (Ulrich Reinthaller) der verehrte und gefürchtette Massenmörder Meiche sei, aber seinen Mitbewerbern genügend belastendes Material vorlegen kann, um sie zum Schweigen und Nachgeben zu bringen.

Paula Nocker, André Pohl © Moritz Schell

Paula Nocker, André Pohl © Moritz Schell

Wenn für Kerz am Ende auch die Handschellen klicken, so scheint es doch, dass er einer der wenigen Menschen ist, denen in diesem ewig stinkenden Sumpf so etwas wie Moral zugesprochen werden kann.

Johanna Mahaffy als Lulu © Christian Wind

Johanna Mahaffy als Lulu © Christian Wind

LULU Die neue Gattung Männer fressender Tiere

Lulu, Ensemble © Christian Wind

Lulu, Ensemble © Christian Wind

Eine Überschreibung von Frank Wedekinds Tragödie schafft Ratlosigkeit geradeso wie Begeisterung.

Ein Mädchen erscheint kurz auf der Bühne, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Vielleicht hat sie vergessen, den Computer abzudrehen oder die Milch vom Herd zu nehmen. Jedenfalls ist die junge Frau sehr bequem gekleidet, mit lockerer Bluse und weiter Hose. Vermutlich handelt es sich bei dieser kühlen Dame um Lulu, an deren dramatischer Darstellung Frank Wedekind fast sein ganzes Leben gearbeitet hat, seine Kämpfe mit einer Zensurbehörde ausfocht und schließlich aus zwei Stücken eines machte, das lange nach seinem Tod, nämlich erst 1988(!) durchgehend zu sehen war. In der Zwischenzeit hatte der Name Lulu jedoch bereits einen Ruf wie Donnerhall, nicht zuletzt, weil Alban Berg den Stoff vertont und das Fragment einer zumindest vom Titel her populären Oper geschaffen hat, die postum 1937 erstmals aufgeführt wurde. Möglicherweise schreibt auch die Bearbeitung von Elmar Goerden Literaturgeschichte, da sie eine Hauptdarstellerin zeigt, die in keiner Weise dem faszinierenden, Männer fressenden Tier entspricht und den vielen weiblichen Facetten dieser Gestalt einen völlig neuen Frauentyp hinzufügt.

Johanna Mahaffy (Lulu), Susa Meyer (Gräfin von Geschwitz © Christian Wind

Johanna Mahaffy (Lulu), Susa Meyer (Gräfin von Geschwitz © Christian Wind

Joseph Lorenz, Martin Niedermair, Johanna Mahaffy © Christian Wind

Joseph Lorenz, Martin Niedermair, Johanna Mahaffy © Christian Wind

In Goerdens Regie sind es zwei Herren – pardon! – vorgerückten Alters (Joseph Lorenz, Michael König), Martin Niedermair als Vertreter der jungen Verehrer und Susa Meyer als die lesbische Martha Gräfin von Geschwitz, die sich um Leib und Liebe von Johanna Mahaffy als Lulu bemühen. Wedekind wird freundlicherweise immer wieder zitiert, da es sich um den Versuch einer Aufführung seines Stücks handelt – also um Theater im Theater. Den Löwenanteil machen jedoch lautstark ausgetragene Streitereien unter den Beteiligten aus. Wie es sich für eine zeitgemäß woke Inszenierung gehört, wird dabei Erotik ausgespart. Gut, Lulus zweiter Ehemann Eduard Schwarz ist Maler und hätte als Künstler eine Ahnung von Sinnlichkeit.

Er muss aber, als er an der diesbezüglich unwilligen Frau abprallt, mit deutlicher Gestik an sich selbst Hand anlegen, bevor er sich hinter der Bühne mit dem Rasiermesser entleibt. Die Gräfin wiederum zerbricht an der Ablehnung Lulus. Sie wird damit zu einer der wichtigsten Figuren, deren Wunsch nach stinknormaler Liebe angesichts der allseits offenherzigen Freundin im Grund zu einem absurden Anliegen wird. Souverän bleiben die beiden Senioren Dr. Franz Schön und Dr. Groß, denen Lulus sprunghaftes Verhalten nichts mehr anhaben kann, denn sie haben, so brüsten sie sich, bereits deren noch kindhaften Körper genossen. Die endgültige Erlösung läge in der Hand von Joseph Lorenz als Jack the Ripper, aber man will das Publikum nicht mit einer so grausamen Mordszene irritieren und belässt es bei verbaler Tötung. Immer wieder lockern derlei Gags und pointierte Sager den Abend auf und machen aus der Tragödie eine Art Komödie, die beim Schlussapplaus seitens der in stattlicher Zahl vertretenen jungen Zuschauer und selbstverständlich auch Zuschauerinnen Begeisterung und Bravorufe erntet.

Johanna Mahaffy, Michael König © Christian Wind

Johanna Mahaffy, Michael König © Christian Wind

Was ihr wollt, Ensemble © Moritz Schell

Was ihr wollt, Ensemble © Moritz Schell

WAS IHR WOLLT Wirklich Shakespeare im Londoner Nebel?

Martin NIedermair (Olivia) © Moritz Schell

Martin NIedermair (Olivia) © Moritz Schell

Eigenwillig, spannend, subtile Gags und emotionale Chansons – ein Klassiker, der keiner sein will.

Die Liebe, diese blöde Liebe schafft bis zum Schluss ein Durcheinander höchsten Grades. Verschärfend dazu hat William Shakespeare ein Zwillingspaar in die Handlung eingeführt und lässt die Sehnsucht so lange kreuzweise über die Gestade Illyriens strömen, bis sich die Verliebten in diesem Knäuel an sinnlichen Gefühlen selber nicht mehr zurecht finden. So besehen, kann es sich nur um eine Komödie handeln, in der bittersüßer Herzschmerz das beste Mittel ist, das Publikum zum Lachen zu bringen. Herzog Orsino schmachtet nach Gräfin Olivia, umsonst, diese wiederum verknallt sich in Cesario, der als Bursch verkleideten Viola, auch umsonst, der, also besser sie, hat sich an den Herzog verloren. Dieses von unerfüllter Brunst klebrige Dreieck zieht wiederum andere Glücksritter an, so den Bösling Malvolio, dem Sir Toby und Fabian gemeinsam mit der Haushälterin Maria einen bösen Streich spielen. Über all dem treibt der Narr seinen Schabernack, rührt mit seinen Bonmots fleißig in der trüben Suppe und hat seinen Spaß daran, wenn es rund um ihn herum drunter und drüber geht.

Claudius von Stolzmann, Martin Niedermair, Ensemble © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann, Martin Niedermair, Ensemble © Moritz Schell

Maria BCill, Martin NIedermair, Ensemble © Moritz Schell

Maria BCill, Martin NIedermair, Ensemble © Moritz Schell

Emmerich Steigberger setzt auf eine leere Bühne, wohl um Übersicht in hellgrauem Nebel zu schaffen. Gefordert ist die Fantasie. Dank der grandiosen Personenführung wird aus der anfänglichen Sprachverwirrung jedoch bald reiner Genuss am feinen Spiel des Ensembles und mit etwas Aufmerksamkeit erwirbt man sich sogar den Überblick über die einzelnen Figuren. Ein auffälliges Paar sind Stan Laurel & Oliver Hardy, pardon, der versoffene Sir Toby (Robert Joseph Bartl mit sonorem Bass) und der etwas unterbelichtete Sir Andrew (Matthias Franz Stein). Aus Antonio und Valentin versucht Markus Kofler zwei Gestalten zu formen, während Alexander Strömer neben Curios als Maria sehr resolut erscheint und mit Fabian (Ljubiša Lupo Grujčić) wunderbar zusammenarbeitet. Dominic Oley als Malvolio lässt den Komiker von der Leine, wenn er in gelben Unterhosen und mit einem unvergleichlich blöden Grinsen seiner Herrin gegenüber tritt.

Ganz in der Tradition von Shakespeares Zeit wird Olivia von einem Mann dargestellt. Martin Niedermair stöckelt gekonnt mit High Heels über die Bühne und trägt mit Würde die Reizwäsche, mit der er Cesario alias Viola in die Hängematte locken will. Auch der/die ist ein Mann, der aber eine Frau spielt, die sich nur als Mann verkleidet hat. Da es den Zwillingsbruder Sebastian gibt, kann sich Julian Valerio Rehrl zuletzt ungeniert outen. Seine Olivia heiratet den liebeskranken Orsino (Claudius von Stolzmann) und Sebastian beglückt die Gräfin. Bleibt noch der Narr, die Närrin. Maria Bill singt mit ihrer wunderbar rauchigen Stimme Chansons, begleitet von zwei Musikern (Aliosha Biz/Nikolai Tunkowitsch Geige, Krzysztof Dobrek Akkordeon), um dazwischen einen eher zahmen Clown zu geben. Ein Tipp zum Schluss: Die Texte dieser Lieder gibt es in deutscher Übersetzung im Programmheft. Also vorher kurz durchlesen, um den ergreifenden Sinn dieser Songs im Erlebnis dieser Aufführung entsprechend mitschwingen zu lassen.

Alexander Strömer, Robert Joseph Bartl, Matthias Franz Stein © Moritz Schell

Alexander Strömer, Robert Joseph Bartl, Matthias Franz Stein © Moritz Schell

Gott, Ensemble © Moritz Schell

Gott, Ensemble © Moritz Schell

GOTT oder wem sonst gehört das Leben?

Robert Meyer © Moritz Schell

Robert Meyer © Moritz Schell

Gedanken zum Suizid werden zur Diskussion gestellt.

Elisabeth Gärtner hat beschlossen, nicht mehr leben zu wollen. Sie ist zwar nicht mehr jung, aber kerngesund. Sie leidet weder unter Depressionen, noch sonstigen psychischen Problemen. Der einzige Grund für sie wurde ihr von ihrem Gatten auf dem Sterbebett mitgeteilt: „Mach´ es richtig!“ Nach seinem Tod ist sie in ein Sinnesloch gefallen, es gibt für sie keine Perspektiven, die ihr von der Natur zugestandenen Jahre nur annähernd so zu verbringen wie in den vielen Jahrzehnten an der Seite ihres Mannes. Das gängige Mittel zum sanften Suizid, Natrium-Pentobarbital, wurde nicht genehmigt. Ein Ethik-Rat tritt zusammen, um an diesem Fall die Mitwirkung von Medizinern am Suizid zu diskutieren. Titel dieses Denkstücks ist „GOTT“, verfasst von Ferdinand von Schirach, seines Zeichens Schriftsteller und Jurist. In der jeweiligen Argumentation wird auch penibel zwischen „aktiver Sterbehilfe“, „Indirekter Sterbehilfe“, „passiver Sterbehilfe“ und „Beihilfe zum Suizid“ unterschieden. Die Verfassungsgerichtshöfe von Deutschland und Österreich haben beinahe gleichlautend das „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ geregelt und dieser Causa ein zeitgemäßes Regelwerk zugrunde gelegt, ohne jedoch auf das jeweilige Individuum einzugehen und ernsthaft die tief liegenden Gründe zu erörtern, die hinter dem jeweiligen Todeswunsch stehen.

Michael König © Moritz Schell

Michael König © Moritz Schell

Paul Matić © Moritz Schell

Paul Matić © Moritz Schell

Die Expertenrunde in den Kammerspielen der Josefstadt besteht ausschließlich aus Männern, ausgewählt von Regisseur Julian Pölsler. Die einzige Frau ist Elisabeth Gärtner, und das nur aus dem einzigen Grund, dass sich der Darsteller von Richard Gärtner (Johannes Seilern) schwer verletzt hat. Lore Stefanek hat diese Rolle im letzten Moment übernommen und wird damit zum emotionalen weiblichen Zentrum in dieser zumeist kopflastigen Besprechung.

Der Augen- und gleichzeitig Hausarzt namens Brandt ist Martin Niedermair, der sich eher für ein geordnetes Ausscheiden aus dem Leben ausspricht. Als Rechtsanwalt steht ihr Raphael von Bargen zur Seite. Sein Biegler zelebriert an den honorigen Herren die schnoddrig freche Überlegenheit eines wortgewandten und hoch gebildeten Advokaten. Seine „Gegner“ sind der Arzt Sperling (Alexander Strömer), der auf den hippokratischen Eid pocht, der kühle Rechtssachverständige Litten (Paul Matić) und der katholische Bischof Thiel (Robert Meyer), der keine Stelle aus der Bibel zitieren kann, die den Selbstmord verdammt. Einen Widerpart, der ihm gewachsen ist, findet Biegler in Keller (André Pohl), der die Gefahr einer unüberlegten Öffnung ärztlicher Hilfe beim Suizid erkannt hat. Geleitet wird die Sitzung von Michael König. Er ersucht das Publikum, an einer Abstimmung teilzunehmen, die am 24. März 2023 klar für das Anliegen von Elisabeth Gärtner ausgegangen ist. Die entscheidende Frage: „Wem gehört das Leben?“ bleibt unbeantwortet im Raum stehen.

Michael König, André Pohl © Moritz Schell

Michael König, André Pohl © Moritz Schell

Die Kleinbürgerhochzeit, Ensemble © Moritz Schell

Die Kleinbürgerhochzeit, Ensemble © Moritz Schell

DIE KLEINBÜRGERHOCHZEIT Brechts Pointe ist das Desaster

Die Kleinbürgerhochzeit, Ensemble © Moritz Schell

Die Kleinbürgerhochzeit, Ensemble © Moritz Schell

Die Ehe ist zerbrechlich wie eine selbstgebastelte Spanplattenwohnung

Zu feierlichen Anlässen in der Familie, sei es eine Taufe, ein Begräbnis oder eine Hochzeit, versammeln sich unweigerlich deren Mitglieder. Rücksicht auf Sympathien oder Abneigungen kann nicht genommen werden. So ist jede in diesem Sinne zusammengetretene Gesellschaft ein Pulverfass mit kurzer Lunte, das nur darauf wartet, in streitendem Getöse zu explodieren. Das Ganze ist zumeist mit einer ordentlichen Portion unfreiwilliger Lächerlichkeit garniert und ein verlässlicher Stoff für turbulente Komödien. Der sehr junge Bertolt Brecht, er war noch Student, hat sich als Schauplatz einer solchen Farce das Milieu des sogenannten Kleinen Mannes erwählt und bereits im Titel „Die Kleinbürgerhochzeit“ das Programm für ein zynisch humoriges Fest angedeutet.

 

Philip Tiedemann hat diese „Jugendsünde“ des Autors einer vom Sozialismus inspirierten Dreigroschenoper oder der menschlich tief gehenden Mutter Courage für die Kammerspiele der Josefstadt inszeniert und damit für knapp eineinhalb Stunden kurzweilige Unterhaltung mit vereinzelten Lachern geschaffen.

Katharina Klar, Jakob Eisenwenger © Moritz Schell

Katharina Klar, Jakob Eisenwenger © Moritz Schell

Bei der Besetzung der armseligen Kreaturen, die unbedingt der Meinung sind, die Vermählung von zweien aus ihrem Kreis festlich begehen zu müssen, konnte er ins Volle greifen. Bevor jedoch die grandiose Liste des Ensembles aufgezählt wird, noch ein Wort zur Bühne: Alexander Martynow war gefordert, aus Spannplatten eine Bruchbude zu bauen, diese mit zerbrechlichem Mobiliar auszustatten und bei Bedarf die Wände wackeln oder Teile von der Decke herabprasseln zu lassen. Im Stück ist es der Bräutigam (Alexander Absenger), der alles selbst gebastelt hat, allerdings mit schlechtem Leim, ungenügend Splinten und vor allem ohne die Sachkenntnis eines Handwerkers.

Susanna Wiegand, Roman Schmelzer, Therese Lohner © Moritz Schell

Susanna Wiegand, Roman Schmelzer, Therese Lohner © Moritz Schell

Seine Braut (Katharina Klar) ist bis zum Ende nicht wirklich überzeugt, dass dieser Stümper der Vater ihres bereits im Bauch befindlichen Kindes sein sollte. Als alles tanzt, lässt sie auch mit seinem Freund (Markus Kofler) ihrer Sinnlichkeit sehenswert freien Lauf. Auf der anderen Seite ist es ihre Freundin (Susanna Wiegand), deren Rundungen auf den durch vergipste Arme komisch beeinträchtigten jungen Mann (Jakob Eisenwenger) nicht ihre Wirkung verfehlen. Die beste Freundin der Braut (Michaela Klamminger) bricht auf der Chaiselongue ein und flirtet ungeniert mit dem Frischangetrauten. In die Schranken gewiesen wird sie erst durch den Grant ihres dicken, alten Mannes (Roman Schmelzer). Therese Lohner ist die Mutter des Bräutigams, die nahrhaft zwischen Küche und Tafel pendelt und nicht davor zurückschreckt, ihrem Sohn mit Spucke das Gesicht zu reinigen. Brautvater ist André Pohl, voll von schrägen Histörchen, mit denen er die anderen zu Tode langweilt. So besehen ist es kein Wunder, dass ein verwüstetes Heim am Beginn einer Ehe steht, die schließlich so lange währen soll, als bis der Tod die beiden scheidet.

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Wann a klana Jud´ größer is´ als DER GROSSE DIKTATOR

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Mächtige Leute haben fürchterliche Angst vor dem Lachen

Charlie Chaplin war mit dem scheinbar schwachen Bürschchen, das am Ende die Stärksten aufs Kreuz legt, berühmt geworden. Zu seinen Filmen durfte von Herzen gelacht werden und die Zuschauer, die selten zu den Besitzenden und Mächtigen zählten, konnten sich mit ihm identifizieren. Ob sie die Botschaft, die er in seinem Film „The Great Dictator“ auf die Leinwand bringen wollte, wirklich verstanden haben, darf jedoch bezweifelt werden. 1940 waren die USA noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und einem Großteil der Amerikaner war es wohl ziemlich egal, warum da drüben in Good Old Europe die Völker einander bekriegten. Manch einem dürften die Flüchtlinge aufgefallen sein, vor allem die Juden, die sich vor den Nazis in Sicherheit gebracht hatten. In der Filmindustrie war man diesbezüglich aufmerksamer. So trug der aus einer jüdischen Familie stammende Produzent und Regisseur Alexander Korda an Chaplin die Idee heran, das berühmte Hitlerbärtchen für eine bittere Verwechslungskomödie zu nutzen. Ein Streifen mit Ewigkeitswert war damit geboren, der nach wie vor über Wahnsinn und Grausamkeit wegen der ihnen immanenten Dummheit schmunzeln lässt.

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann©

Der große Diktator, Ensemble © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Barbier), Tamim Fattal (Sturmtruppmann) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Barbier), Tamim Fattal (Sturmtruppmann) © Moritz Schell, Philine Hofmann

In Zeiten, in denen freie Länder von gierigen Autokraten überfallen werden und das Völkerrecht mit Füßen getreten wird, kann über derlei blutrünstige Bestien nicht genug gelacht werden. Freilich ist es nicht lustig, was da im Osten passiert, aber auch die Schwächsten haben die Möglichkeit, ihren Peiniger ob seiner hilflos anmutenden Verkrampftheit, stets nur Böses zu tun, einfach auszulachen. OK, wir tun uns in diesem Punkt leichter als beispielsweise jemand, dessen Haus zerbombt wurde. Aber irgendwo muss ein Anfang gemacht werden, und wenn es in den Kammerspielen passiert. Regisseur Dominic Oley hat Chaplins Film für die Bühne bearbeitet – und ist aufgrund eines Ausfalls einen Tag vor der Premiere für den erkrankten Darsteller des Kommandeurs Schultz eingesprungen. Bereits der Beginn ist ernsthaft witzig, mit einem Stummfilm als „Vorspann“, in dem Kostüme aus einem explosiven Koffer verteilt werden und sich ein Mann zum Ungarischen Tanz Nr. 4 rasieren lässt. Die Komik behält die Oberhand, auch als die ersten Schergen als Sturmtrupp im Ghetto auftauchen und einen kalten Schauer durch die Szenerie wehen lassen.

Sie werden von Alexander Pschill als Barbier mit dem markanten Oberlippenbart a la Charlie Chaplin sehenswert verarscht. Das hübsche Waisenmädchen Hannah (Daniela Golpashin) ist davon derart angetan, dass die den kleinen Helden spontan küsst. Die ruhigen Tage für Herrn Jaeckel (Siegfried Walther), Besitzer eines Weingutes in Osterlitsch, und seinem Mitbewohner (Ljubiša Lupo Grujčić) sind jedoch gezählt. Aus dem Radio krächzt die Stimme von Hynkel, der es sowohl auf die Juden als auch auf Osterlitsch abgesehen hat. Wieder ist es Alexander Pschill, der zwischen seinen Ratgebern Doktor Garbitsch (Martin Niedermair) und Feldmarschall Herring (Oliver Huether) den legendären Tanz mit der aufgeblasenen Weltkugel zelebriert. Unter adnerem als Maler und Schwiegersohn des stattlichen Benzino Napoloni hat Tamim Fattal Gelegenheit, Vielseitigkeit zu zeigen. Wie die Geschichte ausgeht, weiß man ja. Hynkel wird eingesperrt und der Barbier darf seine große Rede an die Menschen dieser Welt halten. Würden wir diese Worte irgendwann beherzigen, hätten wir alle noch viel mehr zu lachen.

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

Alexander Pschill (Hynkel) © Moritz Schell, Philine Hofmann

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