Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Patricia Piccinini, The Young Family

PATRICIA PICCININI Herzliche Begegnungen mit dem Unheimlichen

Eines der Werke von Patricia Piccinini in der Kremser Ausstellung

„The Welcome Guest“ als neue Wahrheit hinter freundlichen Monstern und irritierenden Fantasiegestalten

Die in Australien lebende Patricia Piccinini hat ihre Wirklichkeit im Spannungsfeld zwischen Hyperrealismus und phantastischem Surrealismus gefunden. Die von ihr geschaffenen Kreaturen lassen den Betrachter auf den ersten Blick zurückprallen und ziehen ihn dennoch an. Denn bei näherer Betrachtung lässt sich der Abscheu, den die monsterähnlichen Hybridwesen zwischen Mensch, Tier und technischem Apparat ganz nach dem Willen der Künstlerin erzeugt haben, sehr bald überwinden. Eine Hilfe für den Zugang bieten die von ihr dazu gesellten Personen, meist Kinder oder Mädchen. Sie strahlen die furchterregenden Eindringlinge freundlich an, so als wollten sie sagen, „Schau her, dieser arme hässliche Gnom ist ja so lieb, der will gar nichts Böses von mir und von dir!“ Im Gegensatz zu den symbolbefrachteten Groteskgestalten eines Hieronymus Bosch lassen sich die Chiffren Piccininis relativ einfach auflösen. Sie sind eine deutliche Einladung, das Fremde, uns entgegentretende Unbekannte grundsätzlich offen anzunehmen. Den Grund dafür findet Piccinini in ihrer eigenen Vita.

Patricia Piccinini, Bootflower

Als Tochter einer englischen Mutter und eines italienischen Vaters kam sie mit sieben Jahren aus Freetown in Sierra Leone (Afrika) nach Australien. Sie fühlte sich längste Zeit selbst als Alien in einer Gesellschaft mit einer anderen Sprache und, abgesehen von ihren Eltern, keinerlei vertrauter Menschen. Es scheint dieses Trauma zu sein, das sie in späteren Jahren zu einer derartigen Thematik gelenkt hat. Sie selbst sagt in einem Interview mit der Feministin Rosi Braidotti: „Ich kann nicht anders, als mich mit jedem solidarisch zu fühlen, der nicht dazu gehört.“

 

Ihre Figuren versteht Patricia Piccinini also als Metaphern für die Entrechteten und Ausgeschlossenen. So heißt auch die Ausstellung in der Kunsthalle Krems „PATRICIA PICCININI. EMBRACING THE FUTURE“ (bis 3. Oktober 2021). Gerade jetzt weiß niemand, was auf uns zukommt, in den nächsten Jahren oder gar den kommenden Jahrzehnten. Die Botschaft dieser Schau verlangt also viel von uns: Die ungewisse Zukunft zu umarmen. Einfacher ist es, sich auf das Staunen zurückzuziehen. Als „The Young Family“ (2002) säugt ein Mischwesen aus Schwein und Frau ihre Babys und eine an einen Orang-Utan erinnernde Mutter blickt in „Kindred“ (2018) traurig vorwurfsvoll auf ein Gegenüber, das in diesem Fall zweifellos der Ausstellungsbesucher ist.

Ein Teenager schmust fürsorglich mit einem nackten Knäuel aus Haut, Gliedmaßen und menschlichem Gesicht (The Bond, 2016) und „Bootflower“ aus 2015 ist ein riesiger Penis, dessen Eichel sich zu einer Blüte öffnet, während er zwischen den Hoden Eier legt. Diese Skulptur ist Teil einer Installation in der zentralen Halle, die zu „The Field“ (2015-18) arrangiert wurde. Zwischen etlichen tausend sichtlich fruchtbaren „Halmen“ – jeder einzelne mit einer Ähre aus Phallussymbolen, die zugleich Assoziationen zum weiblichen Eierstock hervorrufen – tauchen aus dem Dunkel überraschend eigenständige Objekte auf. Ganz hinten bückt man sich in eine Hütte, um sich vorerst einmal diskret zurückzuziehen. „The Couple“ (2018) ruht sich darin von einem Liebesakt aus. Es sind Frankenstein und seine Freundin, die in ihrer seligen Innigkeit nicht gestört werden wollen. Man muss zweimal hinschauen, um festzustellen, dass es sich um Kunstwerke aus Silikon handelt, denen Wirklichkeit auf ganz eigene Weise immanent ist.

Patricia Piccinini, The Strength of One Arm, 2009
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