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Privilegium maius Österreichisches Staatsarchiv © BKA Andy Wenzel

FALSCHE TATSACHEN Versuchter Betrug mit dem Privilegium Maius

Beispiel für die Montage der Urkunden während der strahlendiagnostischen Untersuchungen © KHM-M-Verb

Mit alternativen Fakten war man auch im Mittelalter keineswegs zimperlich

Kaiser Karl IV. (1316-1378) war zwar der Schwiegervater des Habsbugers Rudolf IV., hatte diesen aber geflissentlich übergangen, als er in der Goldenen Bulle von 1356 die Wahlmänner, in der damaligen Diktion die Kurfürsten für die künftigen Könige des Römischen Reiches bestimmte. Obgleich die Habsburger bereits Könige gestellt hatten, schienen sie mit dieser Entscheidung unter den Großen des Reiches zurückgesetzt worden zu sein. Der junge Herzog, der in Wien residierte und herrschte, war in seinem Ehrgeiz gekränkt und wollte diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Rudolf, ein rühriger Landesherr, der nicht zuletzt als der Stifter (Ausbau des Stephansdoms, die Universität Alma Mater Rudolphina) in die Geschichte eingehen sollte, fand einen Ausweg, den man einen typisch österreichischen nennen könnte. Er hoffte auf die Schlamperei anderer Kanzleien, die weniger genau darauf schauten, was ihnen an Urkunden vorgelegt wurde oder keine profunde Ahnung hatten, was seinerzeit über dem Siegel des jeweiligen Ausstellers tatsächlich geschrieben war.

Standbild Rudolfs IV. vom Singertor © KHM-Museumsverband

Kaiser Friedrich I. Barbarossa hatte 1156 im Privilegium minus die Markgrafschaft im Osten seines Reiches zum eigenständigen Herzogtum Österreich erhoben und damit die Babenberger zu Herzögen befördert. Nachdem diese 1246 durch den Tod von Friedrich dem Streitbaren ausgestorben waren, hatten in der Folge die Grafen von der Habichtsburg in der Person Rudolf I. mit dem Sieg über den böhmischen König Ottokar II. Přemysl deren Nachfolge übernommen. Darin stand nichts von Erzherzögen, also ließ Rudolf die Urkunde kurzerhand neu schreiben. Damit alles auch echt wirkte, wurde diese bis ins kleinste Detail der originalen Urkunde nachempfunden, sogar das Pergament wurde künstlich gealtert. Hätte nicht ein umsichtiger Hofschreiber schon Jahrzehnte vorher die ursprüngliche Urkunde abgeschrieben, wir wüssten heute nicht mehr, was wirklich darin zugestanden worden war. Damit der Kaiser auch richtig beeindruckt sein sollte, ließ Rudolf gleich weitere Urkunden fälschen, um damit seine Ansprüche zu dokumentieren. Er schoss aber über das Ziel, als in einem der gesiegelten Schreiben sogar Julius Caesar und Nero berufen werden, um die Privilegien zu bestätigen. Der Kaiser durchschaute den Betrug offenbar und verweigerte die Bestätigung. Die Dokumente wurden in eine Schublade gelebt und vom späteren Kaiser Friedrich III., einem Habsburger, hervorgeholt und 1453 offiziell gemacht.

Karkasse des österreichischen Erzherzogshutes 1764 © KHM-Museumsverband

Es war also schon im Mittelalter vermutet worden, dass dieses Konvolut von fünf Urkunden eine Fälschung war. Für die österreichische Geschichte hat es dennoch eminente Bedeutung. Aufbewahrt wird es bis heute im Haus-. Hof- und Staatsarchiv. Erstmals wurde nun im Rahmen eines Forschungsprojektes der kriminalistische Beweis für diesen Verdacht erbracht. Das Labor, in dem die Fälschung entlarvt werden sollte, wurde vom Kunsthistorischen Museum Wien zur Verfügung gestellt. Deswegen ist es auch der Ort für die derzeitige Ausstellung „Falsche Tatsachen, das Privilegium Maius und seine Geschichte“ (bis 20. Jänner 2019).

Man hat damit die seltene Möglichkeit, diesen Dokumenten nahe zu sein, bzw. sie überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Dazu kommt ein Exemplar der „Goldenen Bulle“ und als dreidimensionale Attraktion das Standbild von Rudolf IV., das sonst im Stephansdom über dem Singertor versteckt ist.

 

Mit Spannung lassen sich die Methoden verfolgen, mit denen die Experten an die Dokumente herangegangen sind. Es wurde die Schrift überprüft und mit Erstaunen entdeckt, dass man sogar an der Imitation feststellen kann, wer das echte Privilegium minus seinerzeit geschrieben hat. Die Alterung wurde durch schlichtes Zerknüllen des Pergaments und erneuten Ausspannens durchgeführt, was eine Untersuchung mittel Streiflichtaufnahmen ergeben hat. Dazu kam entsprechend Staub als Patina. Man weiß, dass es sich um Kalbspergament handelt und hat anhand von helleren Stellen sogar die Körperpartien der dafür verwendeten Häute verortet.

An einer Bildschirmstation kann man per Fingerklick die penible Arbeit der Wissenschaftler verfolgen und erhält dazu gute und vor allem verständliche Erklärungen. Vor allem aber gewinnt man die Überzeugung, dass auch im Mittelalter die Kunst der Fälschung bestens beherrscht wurde und schon damals alternative Fakten schamlos eingesetzt wurden, wenn es darum ging, die eigene Machtfülle gegenüber den Mitbewerbern im Konzert der Fürsten eines Römischen Reiches zu festigen.

Goldene Bulle Österreichisches Staatsarchiv © Österreichisches Staatsarchiv
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