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Der Meister von Heiligenkreuz Ausstellungsansicht

DER MEISTER VON HEILIGENKREUZ Außergewöhnliche Gotik

Mystische Vermählung der hl. Katharina und Verkündigung an Maria © KHM-Museumsverband

War der unbekannte Maler nun ein Franzose in Wien um 1400?

1926 erwarb das Kunsthistorische Museum von Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald ein Gemäldedyptichon eines unbekannten Meisters. Mit einem Blick darauf ist zumindest für den Experten festzustellen, dass es sich um eines der außergewöhnlichsten und schönsten Tafelbilder der Kunst um 1400 handelt. Die Figuren weisen eine reizvolle Exzentrik auf, vor allem spinnenartig lange Finger, extrem schlanke Gliedmaßen und vorwölbende Stirnen, die das Schönheitsideal dieser Tage ähnlich wie die heutigen Models sichtbar machten. Dem anonymen Künstler wurde ein „Notname“ verpasst, abgeleitet vom Herkunftsort dieses Diptychons (zwei zu einem Bild zusammengefasste Gemäldetafeln). Ähnliche Darstellungsweisen fanden sich auf anderen Tafelbildern. Auch sie könnten diesem Meister zugeordnet werden. Sie sind auf Sammlungen in Europa und den USA verteilt.

Tod der Maria © Washington, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection

Für die Ausstellung „Der Meister von Heiligenkreuz“ (23. Juni 2019) konnten sie sensationeller Weise wieder zusammengeführt werden, im Fall der beiden aus den USA stammenden Tafeln erstmals seit Jahrzehnten. Der Dank dafür gilt dem Cleveland Museum of Art, der National Galery of Art in Washington, dem Kunstmuseum Basel und der Österreichischen Galerie Belvedere.

Mystische Vermählung der hl. Katharina © Wien, Belvedere

Kurator Guido Messling, zuständig für Deutsche Malerei an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums präsentiert damit nicht nur die Werke selbst, sondern gibt auch Einblick in den aktuellen Stand der Forschung, der ihm zum Untertitel „Ein Franzose in Wien um 1400“ ein deutliches Fragezeichen setzen lässt. Zu viel ist noch offen. Wenngleich motivische und stilistische Bezüge zur französischen Buch- und Tafelmalerei festgestellt werden konnten, kann nur vermutet werden, dass der Meister in Frankreich tätig gewesen sein muss. Wenig später dürfte er in den Osten des deutschen Sprachraumes gelangt sein. In detektivischer Kleinarbeit unter anderem durch den Einsatz der Dendrologie (Lehre von den Bäumen und Gehölzen) konnte festgestellt werden, dass das Holz für die Tafeln aus Österreich und angrenzenden Gebieten stammt.

So konnte nachgewiesen werden, dass das Wiener Diptychon als mutmaßlich ältestes Werk dieses Malers, nicht wie ursprünglich angenommen, in Frankreich, sondern hier gemalt wurde. Es handelt sich zwar um Eiche, was wieder für Frankreich sprechen würde, aber Messungen der Jahresringdichten ergaben als Provenienz des Holzes den süddeutschen bzw. österreichischen Raum.

 

Unbekannt sind die ursprünglichen Bestimmungsorte, für die diese Tafelbilder hergestellt wurden. Man kann zwar aufgrund der dargstellten Heiligen auf ein Klarissenkloster schließen, hat aber keine Ahnung, für welches der damals von adeligen Frauen bevorzugten Ordenshäuser es geschaffen worden sein könnte. Wie und wann das Wiener Diptychon nach Heiligenkreuz gekommen ist, liegt ebenfalls im Dunkeln. Zur Zeit der Entstehung waren Kloster und Kirche des Stifts nach einem Überfall der Osmanen vollständig niedergebrannt. Da die beiden Heiligen Dorothea und Katharina besonders betont werden, ist nicht auszuschließen, dass es für die Wiener Kapelle St. Dorothea und Katharina geschaffen worden sein könnte. Der Bedarf wäre gegeben gewesen, da 1414 unter Herzog Albrecht V. an das kleine Gotteshaus ein Augustiner Chorherrenstift angeschlossen wurde. Einen weiteren Hinweis auf diese Annahme liefert ein Porträt. Das Bildnis der Beatrix von Zollern mit Zopforden, der Gemahlin Herzog Albrechts III., ist zwar verloren gegangen.

Es war aber im 16. Jahrhundert sehr getreu kopiert worden und könnte damit dem Meister von Heiligenkreuz zugeschrieben werden. Es gibt also doch erstaunlich viele Information zu diesem Geheimnis, die man im Katalog nachliest, der mit gut verständlichen Texten und vielen erläuternden Illustrationen auch der Frage nachgeht, wie die Engel in den Goldhintergrund oder arabische Schriftzeichen in den Saum eines Teppichs gelangt sein könnten und warum Petrus auf dem Gemälde „Tod der Maria“ bereits ganz päpstlich eine Tiara trägt.

Christus als Schmerzensmann und Maria mit dem Kind © Basel, Kunstmuseum
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