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Caravaggio & Bernini Ausstellungsansicht © © KHM-Museumsverband

CARAVACCIO & BERNINI als barockes Spektakel

Caravaggio & Bernini Ausstellungsansicht © © KHM-Museumsverband

Große Emotionen beginnen in Bildern zu leben

Einer der stärksten, wenn nicht der gewaltigste Ausdruck einer Flut von Gefühlen ist der Orgasmus. Dass dieser Moment auch bildlich dargestellt werden kann, hat den Herren in den römischen Werkstätten eine Frau eindrucksvoll vorgemalt. Unter dem religiös verbrämten Mäntelchen der Vision einer Mystikerin hat Artemisia Gentileschi (1593-1654) die Ekstase von Maria Magdalena ins Bild gebracht. Unendliche Zufriedenheit, Entspannung und seliges Glück zeichnen sich im Gesicht dieser nach hinten gelehnten Frau ab. Sie hat genossen! Freilich haben sich auch Meister wie Gian Lorenzo Bernini dieses Themas angenommen. Seine „Verzückung der hl. Theresia von Avila“ zählt zu einem der berühmtesten seiner Werke. Zu sehen ist derzeit ein Modell in Terrakotta, das die St. Petersburger Eremitage freundlicherweise dem Kunsthistorischen Museum Wien als Leihgabe überlassen hat. Es ist Teil des, wie man es von den Gestaltern her formuliert hat, visuellen Barockspektakels mit dem Titel „Caravaggio & Bernini. Entdeckung der Gefühle“ (bis 19. Jänner 2020).

Michelangelo Merisi da Caravaggio Rosenkranzmadonna © KHM-Museumsverband

Inszeniert wurde das gewaltige Augenspiel von Frits Scholten vom Rijksmuseum (Amsterdam), dem Direktor der Gemäldegalerie am KHM Stefan Weppelmann und der Kuratorin für Südeuropäische Barockmalerei Gudrun Swoboda. Sie gibt auch gerne eine Antwort auf die Frage, wie diese Bilder ursprünglich in den Besitz der Habsburger und von dort ins Kunsthistorische gelangt sind. Wenn man über Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich (1614-1662) einigermaßen Bescheid weiß, wundert man sich nicht über den gewaltigen Bestand holländischer Meister. Schließlich war der begeisterte Kunstkenner und Sammler Statthalter in den spanischen Niederlanden.

Jenseits des Kanals hatte der englische Hochadel zuvor in Italien groß aktuelle Kunst eingekauft, eben auch Werke von Michelangelo Merisi da Caravaggio und Gian Lorenzo Bernini. Aufgrund politischer Umbrüche und zweier Bürgerkriege, die im Endeffekt zur Hinrichtung von König Karl I. und dem Umsturz zu der von Oliver Cromwell geführten Republik führten, zog man es vor, sich vor der Volkswut mit den Schätzen nach Holland abzuetzen. Wie immer bei solchen unfreiwilligen Aufbrüchen musste Geld beschafft werden, das sich mit dem Verkauf der italienischen Meister lukrieren ließ. Haus Habsburg hatte Bedarf an hochwertigem Wandschmuck, so in der geplünderten Prager Residenz, und es wurde eine stattliche Anzahl dieser Meisterwerke erworben. Das Ergebnis: Im Kunsthistorischen Museum Wien kann man heutzutags stolz darauf hinweisen, den umfangreichsten und wertvollsten Bestand an Werken Caravaggios und seiner Nachfolger außerhalb Italiens zu besitzen.

Michelangelo Merisi da Caravaggio Hl. Johannes der Täufer © Pinacoteca Capitolina, Roma

Gemeinsam mit einigen sensationellen Leihgaben, die man nur in diesem Rahmen jemals in Wien zu sehen bekommt, kann eine umfangreiche Palette an Emotionen illustriert werden. Das Staunen beginnt mit „Meraviglia & Stupore“ (Wunder über Wunder) mit „Narziss“ von Caravaggio und der „Medusa“ von Bernini. „Orrore & Terribilità“ wollen Angst und Schrecken verbreiten, zum Beispiel mit David, der zuerst Goliath enthauptet und in der Folge den abgeschlagenen Kopf so naturalistisch wie möglich präsentiert. In „Amore“ lässt Caravaggio einen nackten Johannes der Täufer mit einem Widder posieren, während Giovanni Baglione den himmlischen Amor seinen irdischen Konkurrenten besiegen lässt. In „Visione“ sind es heilige Männer und Frauen, die auf verschiedenste Weise mit transzendentalen Partnern Verbindung aufnehmen, bis es in „Passione & Compassione“ um Leidenschaft und Mitgefühl geht. Wer von der Dornenkrönung Christi von der Hand Caravaggios nicht zu Tränen gerührt wird, dem ist auch mit einem wunderschön leidenden hl. Sebastian von Bernini nicht zu helfen. Bei „Moto & Azione“ (Bewegung und Aktion) hängen einander „Venus und Adonis“ von Annibale Carracci und „Kains Brudermord“ von Bartolomeo Manfredi schroff gegenüber, die auch durch Tierdarstellungen wie einem „Pferd im schnellen Trab“ (Francesco Mochi) oder dem dicken Elefanten von Bernini nicht logisch verbunden werden.

„Vivacità“ drückt sich in Gesichtern aus, die in ihrer Lebhaftigkeit zum Anreden deutlich Charakter und Persönlichkeit widerspiegeln. Dass Barockkünstler auch antike Mythen nicht verachteten, beweisen in „Antichità & La gran maniera greca“ Faune, Gesellschaften mit Silen und ein wilder „Satyr mit Panther“ von Bernini. Den Kehraus spielt ein „Scherzo“ mit auf Adlern reitenden Putti und Grimassen schneidenden Gesichtern, von denen die vier grotesken Männerköpfe von der persönlichen Kutsche Berninis einen letzten Höhepunkt liefern.

Artemisia Gentileschi Maria Magdalena in Ekstase © Foto: Dominique Provost
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