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L´italiana in Algeri: Chor, Pasquale Greco, Jorge Alberto Martinez, Sonja Runje © Andreas Anker

L´ITALIANA IN ALGERI mischt ihre Männer stimmkräftig auf

L´italiana in Algeri Solisten und Chor © Andreas Anker

Italienische Verspieltheit macht sich lustig über maghrebinischen Ernst

Gioachino Rossini dürfte noch großen Respekt vor Frauen gehabt haben, als er mit gerade 21 Jahren in wenigen Wochen das „dramma giocosa per musica“ „L´italiana in Algeri“ komponiert hat. Das Libretto stammt vom Theaterdichter der Mailänder Scala Angelo Anelli, den man leider nicht mehr fragen kann, was ihm dabei eingefallen ist, wenn er den Bey von Algier die eigene Frau an einen Sklaven verkuppeln lässt, um an deren Stelle eine dralle Italienerin zu heiraten. Üblicherweise wird weiblicher Zuzug in diesen Kreisen einfach in den Harem gesteckt und von Eunuchen streng bewacht; woran sich bis heute nur wenig geändert hat. Man denke nur an Al Maktoum, den Scheich von Dubai, dessen entflohene Zweitfrau Haya sich ihres Lebens auch in London nicht wirklich sicher sein kann. Der auf erotische Novitäten erpichte Mustafà jedenfalls verstößt seine bildhübsche Gattin Elvira, wohl um ordentliche Verhältnisse bemüht, wenn ihm sein Korsaren-Hauptmann Haly von einem Raubzug die attraktive Italienerin Isabella heranschleppt. Das Ergebnis dieser Begehrlichkeit lässt sich sehen und hören.

Sonja Runje, Jorge Juan Morata © Andreas Anker

Es nimmt sich wie die frühe Form eines feministischen Manifests aus, wenn die Männer, abgesehen vielleicht von Lindoro, durchwegs unbeholfen gegen die Raffinesse der klugen Damen mehr als schlecht wegkommen. Eigentlich werden sie zu Trotteln gestempelt. Mustafà wird zum „Pappataci“ ernannt, der nichts als zu Fressen, Saufen und Schlafen braucht. Der Begleiter Isabellas, der povero (arme) Taddeo kommt mit dem Dasein eines Onkels noch recht glimpflich davon. Haly hat das Spiel zwar durchschaut, wenn er sich über die Gerissenheit der italienischen Frauen auslässt, wird von Isabella dennoch überrumpelt und muss dem Happy End trotz schwerer Bewaffnung tatenlos zuschauen.

Daniele Macciantelli, Chor © Andreas Anker

Der Maulpertsch-Saal von Schloss Kirchstetten, bekannt als das kleinste Opernhaus Österreichs, zumindest was das Festival betrifft, ist heuer Schau- und Hörplatz dieses frühen Meisterwerks von Rossini. Die Musik hat bereits alles von seinen späteren Opern, zeigt aber Tendenzen zu teils revolutionären Neuerungen, die sich im Finale des ersten Aktes mit einem Scat aus lautmalerischen Silben wie „din, din“, „bum, bum“ und „kra, kra“ zu einem Rausch an sinnentleerter Sangeslust auswachsen.

An Dialoge von Monty Python erinnert die eingehende Beschäftigung mit dem Wort „Pappataci“, das keiner so richtig versteht und sich dennoch immer wieder auf der Zunge zergehen lässt. Angenehm ist die von Richard Panzenböck auf alle drei Zuschauerseiten hin ausgerichtete Personenführung und Regie, die als besonderes Schmankerl mit Puppen von den Hauptdarstellern, geführt von den Choristen (Ensemble des Wiener Kammerchores), eine ganz neue Ebene des Verständnisses einbaut. Wie überhaupt, ist es ein unmittelbares Erlebnis, dicht neben sich einen Sänger stehen zu haben oder von diesem in das Spiel eingebunden zu werden.

Jorge Alberto Martinez mit Puppen © Andreas Anker

Das Orchester unter der vertrauten Leitung von Hooman Khalatbari ist diesmal geradezu üppig besetzt, mit Horn, das einige heikle, aber eminent wichtige Solostellen zu bewältigen hat. Es legt den prickelnden Klanggrund für die Solisten, die sich souverän über teils halsbrecherische Wortkaskaden hinweg singen. Der mächtige Charakterbass Daniele Macciantelli als Mustafà ist einer dieser Verbalakrobaten, dem die Zungenfertigkeit mit seiner Muttersprache gleichsam in die Wiege gelegt wurde.

Wenn er sich mit seinem Sklaven Lindoro (ein strahlender Tenor und fröhlicher Bursche: Jorge Juan Morata) im Schnellsingen matcht, dann geht wahrlich die Post ab. Pasquale Greco ist ein solider Haly mit weichem Bassbariton und Jorge Alberto Martinez ein zu seinem eigenen Leidwesen anständiger Taddeo, der doch so gern bei Isabella landen würde.

Wenn Sonja Runje jedoch, angetan mit Hosenanzug, auftritt, ist´s mit der Hetz für die Herren vorbei. Sie schafft es mit der Leichtigkeit ihres Soprans auch einem Macho wie den Bey von Algier die Flausen, unbedingt mit einer Italienerin schlafen zu wollen, wie auch die Aversion gegen die eigene Frau (Dora Garcidueñas als Elvira ein charmantes Sopranduo mit Sevana Salmasi als Zofe Zulma) aus dem Kopf zu treiben, um ungestört mit ihrem Lindoro zusammen sein zu können.

Sevana Salmasi, Dora Garcidueñas © Andreas Anker
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