Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, Ausstellungsansicht

Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, Ausstellungsansicht

WELTEN JENSEITS VON WORTEN

Kunst als Ausdruck des Unsagbaren

„Mondbäume“ von Christian Kosmas Mayer, Ausstellungsansicht

„Mondbäume“ von Christian Kosmas Mayer, Ausstellungsansicht

Ein über die Stadt verteiltes Festival versucht die Menschen zum Mit- und Umdenken anzuregen.

Das Leitmotiv ist selbstverständlich englisch: Unspeakable Worlds. Zum zweiten Mal findet in Wien eine Klima Biennale statt. Einen Monat lang will sie auf die Komplexität gegenwärtiger Realitäten zu verweisen, die mit Sprache nicht erfassbar sind. Was eignet sich dafür besser als jede Form von Kunst, die Fragen aufwerfen darf, ohne sie beantworten zu müssen. Als Begegnungszone wurde neben der Zentrale im KUNSTHAUS WIEN der sogenannte öffentliche Raum den „(No) Funny Games“ gewidmet, in dem sich der Unterhaltungswert diverser Positionen insofern relativiert, als der Stadtraum zu einer „Projektionsfläche für das Unsagbare hinter der schönen Oberfläche“ erklärt wird. Dazu gibt es ein wahrhaft umfangreiches Programm wie „Immediate Matters“ (dringliche Angelegenheiten), „Solutions & Strategies“ (Lösungen & Strategien) und „Zukunftshorizonte“ als Bildungsprogramm bis zum Klimagipfel im Funkhaus Wien.

Kunst im Public Space © Joanna Pianka

Kunst im Public Space © Joanna Pianka

Maaaaash! von Folke Köbberling © Joanna Pianka

Maaaaash! von Folke Köbberling © Joanna Pianka

Als Ende der Biennale ist der 10. Mai 2026 vorgesehen, ein Termin, dem allein das Anliegen „die Stadt in ein lebendiges Zukunfstlabor zu verwandeln“ klar widerspricht. Es wäre wahrlich schade, die dadurch eröffneten Perspektiven auf „ökologische Herausforderungen und sozial gerechte Lebensweisen“ für die nächsten zwei Jahre zu begraben. Das heißt aber auch, sich in die zugegebenermaßen nicht immer einfach formulierten Aktionen einzuklinken und erforderlichenfalls ein Übersetzungsprogramm aus dem Englischen zu bemühen. Als Einstieg ist ein Besuch der Ausstellung im KUNSTHAUS WIEN mit dem Titel „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ (Samen. Wurzeln zurückgewinnen, Zukunft säen) zu empfehlen. Vierzehn Künstlerinnen und Künstler präsentieren dazu Ideen, die auf dem breiten Feld von Migration und Kolonalismus, indigenem Wissen und Biodiversität, aber auch Widerstand und Regeneration gewachsen sind; immer mit dem Blick auf Samenkörner als Symbol des Überlebens. Ein anschauliches Beispiel sind die „Mondbäume“ von Christian Kosmas Mayer, der einen ihrer Nachfahren in einer ästhetisch ansprechenden Kugel zum Wachsen gebracht hat. Anlass zum Grübeln gibt es im Projektraum Garage, wo sich das Kollektiv „The Insitute of Queer Ecology“ mit Beiträgen aus Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft unter „I Wish We Had More Time“ den vielfältigen Bedeutungen von Verlust widmet.

Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, Ausstellungsansicht

Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, Ausstellungsansicht

(W)Hole in One beim ehem. Nordwestbahnhof © Joanna Pianka

(W)Hole in One beim ehem. Nordwestbahnhof © Joanna Pianka

Den Weg hinaus in die Stadt zu den bedingt lustigen Spielen begleitet der geheimnisvolle Satz „Oder wie wir lernen fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben“. Der sogenannte „Public Space“ hält Überraschungen bereit. Man muss nur die Augen offen halten. In der Baumgasse im dritten Bezirk wurde eine ganze Hauswand dem Eisbären gewidmet, als „Souvenir“ von NEVERCREW, das damit ein dauerhaftes Statement zur Gefährdung dieser Tierart geschaffen hat. Vor dem Funkhaus Wien in der Argentinierstraße bietet ein neu konzipierter Wiener Würstelstand ungewöhnliche Mahlzeiten an und am Gelände des Nordwestbahnhofs darf bei (W)Hole in One der Golfschläger geschwungen werden. Haltestellen der Straßenbahnlinie O wurden als „Die Anhaltestelle“ gestaltet, um den überlicherweise schweigend auf die Bim Wartenden Grund für Kommunikation zu liefern. Auf dem Karlsplatz nächst der Kunsthalle Wien verrottet neben der Straße ein von der Künstlerin Folke Köbberling aus biobasiertem Verbundstoff gebauter Mercedes SUV der Luxusklasse. Das Wort „Maaaaash!“ deutet seine für die Umwelt nützliche Zukunft als Kompost an und protestiert gleichzeitig gegen die Vorherrschaft des Automobils und den Flächenfraß durch Statussymbole.

Nur ein paar Schritte davon entfernt geht vor der Karlskirche wahrhaftig die Post ab, bzw. eine Reise zu einem Badestrand wie in Bella Italia. Aufgeschüttet wurden Tonnen von Sand von Margot Pilz, die schon 1982 ebendort ihre Vorstellung von „Kaorle am Karlsplatz“ verwirklicht hatte und nun diese Installation mit selbstgenähtem Wal im anschließenden Teich als aufblasbare Schwimmhilfe, Liegestühlen und Sonnenschirmen wieder aufgebaut hat. Doch nix mit Relax! Es handelt sich um einen Hinweis auf schmelzende Polkappen, steigenden Meeresspiegel und Artensterben, der mit den Palmen von Pia Sirén ergänzt wird. Die exotischen Bäume wurden nicht gepflanzt, sondern mit Hebenbühnen der Wiener Stadtwerke hochgezogen, um die Ambivalenz zwischen Sehnsucht und Entfremdung deutlich sichtbar zu machen und auf keinen Fall zu viel ausgelassenen Spaß an derlei künstlerischen Spielen der zweiten Klima Biennale Wien aufkommen zu lassen.

Kaorle am Karlsplatz von Margit Pilz & Palmen von Pia Sirén

Kaorle am Karlsplatz von Margit Pilz & Palmen von Pia Sirén

Klima Biennale Wien 2026