Kultur und Wein

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Nach zwei Wochen Spielzeit musste Ulli Fessl aufgrund eines Rückenleidens ihre Rolle als Perle Anna aufgeben. An ihrer Stelle ist mutig und spontan (binnen 24 Stunden) Eva Agai eingesprungen und begeistert seitdem das Publikum der Komödie am Kai. Wäre also ein guter Grund, sich dieses herrliche Lustspiel noch einmal anzuschauen.

Ralüh Saml, Irene Budischowsky © Komödie am Kai/Andrea Eckstein

DIE PERLE ANNA Anständiger Spaß mit klassischem Boulevard

Victor Kautsch, Lara Neversal, Eva Agai © Andrea Eckstein

Bei der Planung eines Seitensprungs sollte man nicht auf einen hilfreichen Geist vergessen

Ein Schweizer in Frankreich, was kann aus so einem Menschen werden? Zum Beispiel Künstler. Marc Camoletti ist in Genf geboren und lebte von Kind an in Paris. Zuerst war er Maler, dessen Gemälde gut gekauft wurden, bis es ihm offenbar zu dumm wurde, sich auf der Leinwand zu verwirklichen. Nach acht Jahren begann er mit dem Verfassen von Theaterstücken. Es wurden daraus unterhaltsame Komödien, von denen „Boeing Boeing“ und „La bonne Anna“ Kultcharakter erreichten. In beiden Stücken geht es – worum denn sonst? – um die Liebe und die damit verbundenen Verwicklungen, wenn mehr als ein Partner bewältigt werden muss. So ist eben das Leben! Und wer es nicht zumindest einmal durchgemacht hat, ist ein armer Tropf oder, um gerecht zu bleiben, eine bedauernswerte Tröpfin. Hallodris gibt´s auf beiden Seiten. Sie dürfen verheiratet sein oder ledig und der Promiskuität huldigen; eins ist sicher, solche Zeitgenossen erhalten sich die prickelnde Spannung, die an der Seite eines einzigen Bettgenossen bald zur ermüdenden Pflichtübung wird.

Irene Budischofsky, Eva Agai © Andrea Eckstein

Aber wer kann nun besser darüber lachen, wenn ihm auf der Bühne solche Situationen vorgespielt werden? Derjenige, der weiß, worum es geht und selbst mit diesbezüglichen Schurren aus einem abenteuerlichen Dasein glänzen kann, oder derjenige, dessen einziger Spaß in der Schadensfreude am letztendlichen Scheitern derartiger Versuche besteht? Camoletti hat für beide geschrieben. Den einen verrät er Tipps und Tricks, wie man aus der verfänglichsten Situation entkommt, den anderen stärkt er mit einem moralischen Happy End den Rücken, damit sie sich im rechtschaffenen Stolz an die Brust schlagen und behaupten können, dass sie aber schon überhaupt nicht so verdorben sind wie die ihnen vorgeführten Versager.

Ralph Saml, Eva Agai © Andrea Eckstein

„Die Perle Anna“ ist mittlerweile klassischer Boulevard, der verlässlich für gute Auslastung auch kleinerer Bühnen sorgt. Sissy Boran, die erfahrene Prinzipalin der Komödie am Kai, hat das Stück nach Wien verlegt. Schauplatz ist eine Villa in der Einsamkeit der Hietzinger Cottage, wo kein Nachbar bei den Fenstern herein schauen kann, um eventuell Anstoß zu nehmen, wenn Bernhard (Ralph Saml) eine für ihn viel zu junge Flamme (Lara Neversal als charmant schwyzernde Cathy) dorthin verschleppt.

Warum er nicht vorübergehend ein Hotelzimmer bucht, dürfte an der Heiratswilligkeit der jungen Dame liegen, der er blöderweise vorgeschwindelt hat unbeweibt zu sein. Jeder Connaisseur wird bestätigen, dass es nichts Grausameres gibt als einen Anruf, bei dem dieser Aufriss erklärt, bereits am Flughafen zu sein. Mit den wahrlich dümmsten Schmähs schafft er es, seine Angetraute zu einer spontanen Reise zu ihrer Mutter nach Bregenz zu überreden, während er selbst noch in der Nacht nach Kärnten zu einem Meeting mit einem Araberscheich reisen müsse. Warum sie darauf einsteigt, wird in dem Moment klar, als sie nach seinem Abgang zum Telefon greift und ihren Geliebten in spe für eben diese Gelegenheit einteilt. Irene Budischofsky zeigt in Reizwäsche, was sie drauf hätte, um jeden Mann narrisch zu machen, wären da nicht Gewissensbisse, die den wahrhaft bedauernswerten Robert (Victor Kautsch mit köstlichem Accent) an der Durchführung amouröser Rache am vermutlich untreuen Gatten hindern. Nachdem es sich alle irgendwann in der Wohnung hinter einer der sechs Türen gemütlich gemacht haben, hat Haushälterin Anna ihren großen Auftritt.

Sie allein versteht es, das Mixed Doppel so lange voneinander fernzuhalten, bis sie den Matchball ausspielen kann. Anna ist wahrhaftig eine Perle, die den vorgeblichen Franzosen mit Mon Chéri füttert, selbst den besten Likör austrinkt und bereit wäre, für die Schweizerin Cathy ein Bircher Müsli zum Frühstück zuzubereiten. Spiel, Satz und Sieg für Eva Agau, die ihre Aufgabe für die Aufrechterhaltung der Moral mit umwerfender Komik zum Gaudium des Publikums tapfer erfüllt.

Eva Agai, Ralph SAmel, Lara Neversal © Andrea Eckstein
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