Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Anna Sophie Krenn, Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anna Sophie Krnn, Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

GUT GEGEN NORDWIND für Insulaner in virtueller Realität

Anna Sophie Krenn, Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anna Sophie Krenn, Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Ein unterhaltsamer E-Mail-Flirt zweier liebenswürdiger Menschen

In einer Gegenwart, die unsere Geselligkeit längst in eine Welt jenseits greifbarer Wirklichkeit entführt hat, gehört es sozusagen zum guten Ton, neben den realen alltäglichen Partnern Kontakte zu, wie es bei Facebook so schön heißt, „Friends“ rund um den Erdball zu pflegen. Nicht selten wissen die Inhaber dieser Profile mehr über das jeweilige Innenleben als der eigene Ehegespons. Es wird fröhlich drauflos gepostet und geteilt und jedes Like erfreut das Herz mehr als das schönste, beim gemeinsamen Abendessen ausgesprochene Kompliment. Bei Social Media heißt´s allerdings aufpassen. Sie sind für alle einsehbar, auch für den Chef, über den man gerade hergezogen ist und der über diese verbalen Ausfälle seitens des nunmehr Ex-Arbeitsnehmers wenig erfreut ist. Praktischer sind da schon die Chats, die intime Räumlichkeiten anbieten, in denen man mit Frau oder Mann seiner persönlichen Vorstellung unbeobachtet von den anderen, nicht vom Chatadministrator, lustvoll schweinigeln kann. Nicht selten kommt es bei wachsender Geilheit zu einem Treffen in der Reality, das unter Umständen eine heiße Nacht beschert, für länger andauernde Beziehungen aber kaum geeignet ist.

Anna Sophie Krenn © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anna Sophie Krenn © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Der österreichische Schriftsteller Daniel Glattauer hat für sein Erfolgsstück „Gut gegen Nordwind“ einen dritten Weg elektronischen Gedankenaustausches gewählt: das E-Mail, das wohl verwahrt in einem durch Passwort gesicherten Ordner abgelegt werden kann und wie einst die Korrespondenz per Post eigentlich dem Briefgeheimnis unterliegt. So kommt es, dass ein von Emmi Rothner voller Unwillen gesendetes Mail an die Zeitschrift „Like“ irrtümlich in der Mailbox von Leo Leike landet – und prompt beantwortet wird. Es kommt zu einem über Monate dauernden Dialog, der umgesetzt auf die Bühne als ein einen langen Abend füllendes Zweipersonenstück den Nerv des Publikums trifft – ganz einfach, weil sowohl Jung wie Alt bereits in einer ähnlichen Situation in irgend einer Weise auf die sich zwangsläufig ansammelnden Emotionen reagieren mussten.

 

„Schreiben ist küssen mit dem Kopf“ ist einer der zentralen Sätze in den vielen Mails, die auf beiden Seiten sehnsüchtig erwartet werden. Treffen sich nun einmal die Lippen der beiden zu einem ganz analogen Kuss? In der Komödie am Kai wird diese brennende Frage sehenswert beantwortet. Sigbert Zivny hat dafür zwei sehr gemütliche Kuschelecken für das tägliche Schreiben auf die Bühne gestellt und Sissy Boran mit Andrea Eckstein in den beiderseitigen Bemühungen um ein Leben auf einer Trauminsel abseits der Wirklichkeit Regie geführt.

Anna Sophie Krenn © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anna Sophie Krenn © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Anatol Rieger © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Sowohl die verheiratete Emmi als auch der von einer On-Off-Beziehung gebeutelte Leo sind grundanständige und durchaus normale, vernünftige Zeitgenossen. Es liegt wohl auch an den Darstellern, dass einem die beiden E-Mailer so sympathisch sind. Anna Sophie Krenn und Anatol Rieger leben die Sehnsüchte ihrer Gestalten persönlich nachvollziehbar aus. Bleiben seine Mails einmal aus, guckt sie neugierig wie ein Kind auf den Labtop und gießt sich in ihrer Ungeduld einen Whisky nach dem anderen hinter die Binde, bis es endlich wieder Ping auf dem Server macht. Er gibt anfänglich den coolen Typ, den souveränen Sprachforscher, um nach und nach immer mehr von seinem komplizierten Seelenleben preiszugeben. Sie verlieben sich, womit das Problem beginnt. Ist eine Amour fou mit einem Menschen möglich, von dem man kaum etwas weiß, nicht einmal dessen Aussehen kennt? Fotos werden ganz bewusst nicht verschickt. Die beiden sind sich bewusst, was sie zu verlieren haben: mich, dich, uns! Werden Emmi und Leo es bei dieser aus Buchstaben gebauten Liebes-Utopie belassen? Bis 28. August gibt es noch die Chance, den beiden beim virtuellen Rotweintrinken und mehr zuzuschauen.

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Die Golden Girls mit Peter Kuderna als Heiratsschwindler © Komödie am Kai/Andrea Eckstein

GOLDEN GIRLS Ein Hymnus auf den witzigen Charme reifer Damen

Irene Budischowsky, Margdot Ganser-Skofic, Ulli Fessl, Editz Leyrer © Komödie am Kai/Andrea Eckstein

Thank you for being Friends erfolgreich vom TV auf die Bühne geholt

Alles kann angesprochen werden, jedes Thema, und sei es noch so heikel. Man braucht nur im rechten Moment zu zwinkern und schon ist jede Bösartigkeit gebannt und jeder Jammer im Grunde nur ein Lächeln wert. Meisterinnen in diesem Fach sind zweifellos die vier Damen, die das Schicksal zu einer Wohngemeinschaft zusammen gewürfelt hat. Jede von ihnen hat einen guten Teil des Lebens bereits hinter sich, hegt und pflegt die Erinnerungen an einen verstorbenen Partner und hat dennoch den Blick nach vorne gerichtet. Die Zukunft könnte ja doch noch einiges an Schönem und Elektrisierendem bringen, sogar für die betagte Sophia Petrillo, die nur deswegen zu ihrer Tochter Dorothy gezogen ist, weil ihr das Altersheim abgebrannt ist. Als gebürtige heißblütige Sizilianerin hat sie, was sinnliche Ansprüche betrifft, der Jüngeren nach wie vor einiges voraus, vor allem ist sie stets für ein Bonmot gut, das punktgenau ins Bullseye des jeweiligen Problems trifft. Einzig Blanche kann in dieser Beziehung einigermaßen mithalten, da sexlose Tage für sie einst ein Gräuel waren und wohl bis heute noch sind.

Ulli Fessl, Edith Leyrer © Komödie am Kai/Andrea Eckstein

Ein Spezialfall ist Rose aus dem sehr ländlichen St. Olaf, die allen gut sein will, deren Intelligenz im Kreise der schlagfertigen Damen jedoch nicht so recht mitspielen will. Sie sorgt in dieser doch ungewöhnlichen WG für unfreiwillige Unterhaltung, die ihr von den anderen aber mit inniger Zuneigung gedankt wird. Diese Frauen sind eben Freundinnen, die gemeinsam durch dick und dünn gehen, wenn´s drauf ankommt – und das dürfen sie in einer Reihe von nicht unkniffligen Fällen immer wieder auf die Probe stellen und am Ende mit Bravour bestehen.

Edith Leyrer, Irene Budischowsky, Christian Spatzek, Margot Ganser-Skofic © KaK, Andrea Eckstein

„Golden Girls“ hat als TV-Serie das Publikum bei der Stange gehalten und nicht nur reife Frauen, sondern alle Alterschichten begeistert. In der Komödie am Kai wurde am 20. Februar 2020 der Beweis erbracht, dass es möglich ist, die Geschichte der Girls aus Miami ohne Verlust ihres Witzes auch auf eine Bühne zu stellen. Christian Spatzek hat das dazu geschaffene Stück für dieses traditionsreiche Kellertheater eingerichtet und zu einem kurzweiligen und wahrhaftig lustigen Abend eingekocht.

Nachdem die vier Frauen mit zwei Männern ihr Auslangen finden müssen, hat er selbst die Nebenrollen Pfarrer, Beamter und Regisseur für Werbespots übernommen. Der andere Herr ist Peter Kuderna, der als handküssender Heiratsschwindler, als geschäftstüchtiger Bestatter und als heiratslustiger Big Daddy die Ladys überzeugt. Natascha Shalaby erscheint als böse Menschenfeindin Frida ebenso wie als Lesbe Jean, die sich glatt in Rose verknallt. Dass Ulli Fessl diese Avancen nicht entsprechend erwidern kann, ist klar. Dafür ist ihre Rose einfach zu hausbacken, wenngleich deren originelles Verhalten oft ein amüsiertes Kopfschütteln ihrer Freundinnen zeitigt.

Irene Budischofsky mit strengem Hosenanzug und grauer Perücke ist eine von Vernunft geplagte Dorothy, die ihre liebe Not mit Margot Ganser-Skofic als hinreißender Mama Sophia hat. Sie muss ihr Pornovideos abnehmen und wie der Teufel aufpassen, dass diese nicht mit dem nächstbesten Witwer abhaut. Ganz auf makelloses Äußeres ist Blanche bedacht, der Edith Leyrer Lebenslust vom Feinsten verleiht und damit dieses goldene Quartett aus vier charmant witzigen Frauen komplettiert.

Natascha Shalaby, Ulli Fessl © Komödie am Kai/Andrea Eckstein
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