Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Factory der Ausstellung Im erweiterten Raum

Factory der Ausstellung Im erweiterten Raum

IM ERWEITERTEN RAUM traditioneller Ausdrucksmittel der Kunst

Arbeit von Lucia Tallová

Arbeit von Lucia Tallová

Malerei und Zeichnung aus der Sammlung STRABAG ART ist südlich der Donau angekommen.

Sebastian Haselsteiner, Leiter des STRABAG Kunstforums, teilt mit zahlreichen Kunstsammlern das Anliegen, an den zusammengetragenen Schätzen die Öffentlichkeit teilhaben zu lassen. Deren Hort liegt jedoch in Transdanubien, in der Donau-City-Straße 9 in 1220 Wien, und wurde, wie Haselsteiner erstaunt feststellt, vom restlichen Wien nur sehr zögerlich wahrgenommen. Eine Kooperation mit der Künstlerhaus Vereinigung hat eine Reihe von erlesenen Objekte nun in das Zentrum, in die City, gebracht und ist dort bis 29. März 2026 zu bewundern. Der Titel ist damit auch Motto: „Im erweiterten Raum“, was jedoch mehr als den Ort der Ausstellung betrifft. Haselsteiner: „Sie soll Ausdruck eines Dialogs zwischen zeitgenössischer Kunst, gebauter Umwelt und gesellschaftlicher Verantwortung sein.“ Es handelt sich um sogenannte „Flachware“, also Malerei und Zeichnung, mit denen die Gebäude der STRABAG geschmückt werden können, ohne feuerpolizeiliche Vorschriften wie das Freihalten von Fluchtwegen zu verletzen.

Birke Gorm Ulterior motives (mother hen), 2021

Birke Gorm, Ulterior motives (mother hen), 2021

Sevda Chkoutova Ohne Titel_01, 2022 mit Raumansicht

Sevda Chkoutova, Ohne Titel_01, 2022 mit Raumansicht

Günther Oberhollenzer, künstlerischer Leiter Künstlerhaus, sieht in der gezielten Auswahl Experimentierfeld und Forschungsraum zugleich. Beide Medien, so Oberhollenzer, sind heute formal und inhaltlich so vielgestaltig wie wohl nie zuvor in ihrer Geschichte. Er lädt daher ein, diese Werke zu betrachten, sich ihnen im analogen Raum auszusetzen. Manche der Arbeiten sind eigens für die Schau entstanden, andere zählen zu den Highlights der Collection, alle verbindet aber, so wird von den Gestaltern versichert, inhaltliche Könnerschaft, was allein damit bewiesen wird, dass die zehn Auserwählten bereits mit dem STRABAG ART Award ausgezeichnet wurden.

Maria Legat, ”Alles ist das Gegenteil von Freiheit“ oder ”Und zur Lage der Welt XXVI“, 2018

Maria Legat, ”Alles ist das Gegenteil von Freiheit“ oder ”Und zur Lage der Welt XXVI“, 2018 mit Raumansicht

Begrüßt wird man von Werken des passionierten Fallschirmspringers Clemens Wolf, der die für seine Leidenschaft verwendeten Stoffe mittlerweile auch dreidimensional in Kunstwerke verwandelt. Über düstere Kollagen von Lucia Tallová geht es zu Robert Gabris und seinen feinen, aufwendig gestalteten Zeichnungen von Geistergeschichten. Maria Legat und Sevda Chkoutova arbeiten auf beachtlich raumgreifenden Formaten die Sinnlichkeit des weiblichen Körpers auf. Bei Gunter Damisch warten hingegen komplexe, organisch in freie Wildheit hinaus wuchernde Welten.

Birke Gorm fokussiert hingegen ihre Arbeit auf Materialität, ausgedrückt in figurativen Handstickereien und kleinen Figuren aus Terrakotta. Zum Erkunden von Form, Farbe und Pinselgestus lädt Stefan Peters ein, wenn er eine Landschaft aus der Serie Sliced mit zwei Blickwinkeln variiert. Auf transparentem Gewebe erscheinen die abstrakten Farbkompositionen von Natascha Schmitten wie eine Hommage an die harmonische Ästhetik zarter hingeworfener Stoffe. Andreas Werner liebt es dagegen, mit harschem Strich Landschaft und Mythologie, Architektur und Maschine zu hybriden, archaisch-futuristischen Konstruktionen zu verbinden. Ein ganzer Raum wurde zur Factory erklärt. 34 nationale und internationale Positionen vertiefen den Einblick in den STRABAG ART Award. Zusammengefasst sind sie in vier assoziativen Kapiteln: FIGURATION, ZWISCHEN FIGURATION UND ABSTRAKTION, ABSTRAKTION & ZEICHNUNG, die jedoch anderes als dieser etwas sperrige Hinweis in dichter Galeriehängung die Augen wohltuend bis kritisch durch die Gegenwart unserer Kunst schweifen lassen.

Andreas Werner, come a little bit closer, hear what I have to say I, 2024 © Andreas Werner

Andreas Werner, come a little bit closer, hear what I have to say I, 2024 © Andreas Werner/Bildrecht, Wien 2026 Foto: Courtesy Galerie Krinzinger / Tamara Rametsteiner

Margot Pilz, Göttin schuf Eva, 2001/2025

Margot Pilz, Göttin schuf Eva, 2001/2025

DU SOLLST DIR EIN BILD MACHEN Das neue Verhältnis von Kunst & Kirche

Deborah Sengl, Von Schafen und Wölfen, 2008, Courtesy of Georg Thaler

Deborah Sengl, Von Schafen und Wölfen, 2008

Ist kritische moderne Kunst mit religiösen Themen eine Provokation oder nicht doch eine alternative Gottsuche?

Der aus Südtirol stammende Günther Oberhollenzer ist nach eigener Aussage in einem katholisch geprägten Umfeld aufgewachsen und wurde bestimmt auch davon in gewisser Weise geprägt. Als künstlerischer Leiter im Künstlerhaus war es ihm ein tiefes Anliegen, das Spannungsfeld zwischen Kunst und Religion offenzulegen. Über die längste Zeit war vor allem die katholische Kirche einer der größten, wenn nicht der bedeutendste Mäzen für Maler, Bildhauer und Architekten. Die Kunst hat sich jedoch in den letzten hundert Jahren von ihrem Förderer emanzipiert. Themen, die bis dahin einem strengen katechistischen Kanon unterworfen waren, wurden mit eigenen Ideen und Empfindungen besetzt. Die daraus erwachsende Konfrontation bleibt jedoch nicht konfliktfrei. Ein Skandal wie der gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger 2008 im damals neuen Museum Kunst Meran schlug Wellen bis Rom und führte zur Entlassung des Direktors. Ergänzend zu derlei Irritationen kamen die von der Amtskirche vernachlässigten Frauen, die mit starken Statements auf sich aufmerksam machten. Selbstbewusst entzogen sie dem im Christentum verehrten höchsten Wesen die Männlichkeit., beispielsweise mit dem feministischen Empfang „GRÜSS GÖTTIN“ von Ursula Beiler.

Du sollst dir ein Bild machen, Ausstellungsansicht

o.: Du sollst dir ein Bild machen, Ausstellungsansicht

r.: Johannes Rass, These Viennese Saints, 2021/2025 © Johannes Rass/Bildrecht Wien 2025 Foto: Jolly Schwarz

Johannes Rass, These Viennese Saints, 2021/2025

Im Deuteronomium, dem fünften Buch Moses, findet sich, je nach Übersetzung, die biblische Vorschrift „Du sollst dir kein Bild machen...“; ein Satz, der folgenschwere Missverständnisse birgt. Von fanatischen Ikonklasten wurden im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder Kunstwerke brutal zerstört und Bilderverbote verhängt. Deshalb ist der Titel der Ausstellung im Künstlerhaus als Antwort darauf zu verstehen. Bis 8. Februar 2026 regen Werke zeitgenössischer Kunst unter dem Motto „Du sollst dir ein Bild machen“ zur Diskussion an, wie weit die Kreativität religiöse Gefühle verletzen darf oder ob vordergründig erscheinende Blasphemie eines aus Latex Noppen bestehenden „Zärtlichen Christus“ von Renate Bertlmann nicht doch Ausdruck alternativer Frömmigkeit ist.

Wie der bereits erwähnte Frosch beweist, kommt es ganz auf das gegenwärtige Empfinden an. Zwischen einem amüsierten Lächeln im Heute und dem empörten Aufschrei von seinerzeit liegen gerade 15 Jahre, eine extrem kurze Zeit im Verhältnis der 2.000 Jahre seit Christi Geburt. Das jeweilige Urteil müssen alle für sich selber fällen, wenn sie sich mit den im ersten Stock des Künstlerhauses die nach sieben Themenkreisen geordneten Werke auseinandersetzen. Es beginnt mit einer Neuinterpretation der Ikone, gefolgt von ironisch behandelter (Schein-)Heiligkeit, dem Kreuz als emotionalem Zeichen des Glaubens, der logisch daraus erwachsenen Auferstehung weiter zur Infragestellung des Geschlechts der Göttlichkeit (was nun: Mann, Frau, Neutrum?) und deren weiblichem Pendant, der Madonna, bis zum Letzten Abendmahl, bei dem statt Jesus und den Aposteln ausschließlich Frauen zu Tische sitzen. Als Wegbegleiter empfiehlt sich eine wunderbar praktische Gratis-Broschüre, die als Hilfe und Anregung neben den Werktiteln die Namen und eine Kurzbeschreibung der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler enthält.

vorne: Aron Demetz, Ohne Titel, 2020, hinten: Billi Thanner, Himmelsleiter 2024

vorne: Aron Demetz, Ohne Titel, 2020, hinten: Billi Thanner, Himmelsleiter 2024

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