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Anna Reisenbichler Ausstellugnsansicht

ANNA REISENBICHLER Gestickte Parolen für feministische Kunst

Anna Reisenbichler, Text von EJ (Elfriede Jelinek), 2018 © Anna Reisenbichler

Carte blanche für eine Kunsthistorikerin und Künstlerin

An der Akademie der bildenden Künste waren Frauen erst ab dem Wintersemester 1920/21 als ordentliche Studierende zugelassen. Seit etwa 1950 finden sich auch lehrende Frauen, also in einem gewaltigen Abstand zur Gründung 1692 als Privatakademie des Hofkammermalers Peter Strudel, die 1705 in ein kaiserliches Institut umgewandelt wurde. Aus der Zeit dazwischen besitzt das Kupferstichkabinett nicht mehr als 20 Handzeichnungen von Frauen. Eigentlich erstaunlich, denn es bestand durchaus das Interesse des Herrscherhauses an einem Kunstschaffen auch seiner weiblichen Mitglieder. Die Beweise sind Arbeiten beispielsweise von Maria Karolina (Charlotte) oder Maria Anna, beide begleitet vom bescheidenen Titel Erzherzogin von Österreich. Diese Damen scheinen allerdings Ausreißer gewesen zu sein. Die anderen Töchter des Hauses Habsburg hielten es eher mit Maria Theresia, die ihr künstlerisches Potential auf das Sticken prächtiger Messgewänder beschränkte und dieses nach Kräften im Kreise ihrer Hofdamen förderte.

Elisabetta Sirani (Bologna 1638 – 1665 Bologna): Heilige Familie © Kupferstichkabinett der Akademie

Die Kunsthistorikerin und bildende Künstlerin Anna Reisenbichler nimmt in ihrer Carte blanche im Kupferstichkabinett darauf Bezug, wenn sie das Sticken, bei ihr ist es ein Seidenfaden, als wichtiges Medium der feministischen Kunst bezeichnet und von ihr ausgewählte zwölf Handzeichnungen von Frauen (u. a. zwei Frauenköpfe von Getrude Cornélie Marie de Pélichy aus 1770 oder eine Sibylle von Angelika Kauffmann aus 1785) mit eigenen gestickten Texten kombiniert. Die Texte, so erzählt Reisenbichler, sind das Ergebnis eines mehrjährigen Sammelvorganges.

Sie stammen größten Teils von zeitgenössischen, nicht selten feministisch agierenden Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, die für ihre eigene Arbeit wichtig waren. Das Motto dafür hat ihr Elfriede Jelinek geliefert, die der Überzeugung ist: „Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man alles machen.“ Reisenbichler hat den Spruch mit Seidenfaden in Papier gestickt und dabei so viel Platz gelassen, dass man als Betrachter das Gefühl hat, auf dem linierten Zettel auch eigene Gedanken hinzufügen zu können. Entfernt an ein Damenhöschen erinnert das Blatt, das mit einem Gedanken der Gruppe Guerilla Girls beschriftet ist: „whatever kind of art you make it will be labeled feminine (frei übersetzt: Welche Art von Kunst du jemals machst sie wird als weiblich etikettiert sein).“ Reisenbichler selbst hat sich im Titel der Ausstellung, die bis 10. Juni 2019 zu sehen ist und gemeinsam mit dem Kustoden des Kupferstichkabinetts Wolfgang Cortjaens gestaltet wurde, mit ihrer Arbeit und dem Format ihrer Technik nicht unkritisch auseinandergesetzt: „I work too much, work too little (Ich arbeite zu viel, arbeite zu klein).“

Anna Reisenbichler (geb. 1978) Text: YB (Yto Barrada), 2018 © Anna Reisenbichler
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